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Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums · 1920-01-01 · 1 (1920) · p. Seite 3

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Journal
Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
Volume
1 (1920)
Date
1920-01-01
Page
Seite 3 (sequence 5)
Language
German
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IRI
…/2707513-2707514--006-2707568
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Hermann Cohen. 3 frieden, diesen Begriff als solchen zu formulieren, nicht eher Ruhe findet, als bis man ihn einem „System" der Philosophie eingegliedert und in diesem System aufgelöst hat. Unsere Zeit zum mindesten pflegt für diese Forderung des Systems kein Verständnis und keine Duldung zu besitzen: vielen gilt, mit Nietzsche, schon der bloße Wille zum System als Wille zur Unwahrheit. Bedenken dieser Art wurden freilich sofort zerstreut, wenn man der Persönlichkeit Hermann Cohens gegenübertrat. Daß in ihr kein Bruch und kein bloßes Kompromiß bestand, daß sie ganz und aus einem Gusse war, das mußte jeder, auch bei flüchtiger Berührung, empfinden. Hier waren nicht Teile, die nur nachträglich zu irgendeiner Zusammenfassung, zu einer Einheit strebten: sondern hier war ein lebendiges Ganze, das sich in all seinen verschiedenen Äußerungen doch als eines behauptete und als eines wußte. Diese unbedingte Einheit zwischen dem Denker und dem Menschen war dasjenige, was einem im persönlichen Verkehr mitCohen immer wieder und was einem fast jeden Tag, den man mit ihm verbrachte, von neuem ergriff. Insbesondere im höheren Alter war dieser Doppeltypus in ihm ausgeprägt. Mehr und mehr wurde der Denker zum religiösen Seher, zum Propheten: aber der Prophet suchte und sprach noch die Sprache des Denkers. Wie der Drang nach Klarheit in Cohen selbst als leidenschaftlicher Affekt wirkte, so forderte andererseits jeder Affekt in ihm einen intellektuellen Ausdruck und eine intellektuelle Bewußtheit. Aus dem Zusammenwirken dieser beiden Grundforderungen seiner geistigen Natur ist sein System der Philosophie entstanden, und ist die Stellung zu begreifen, die die Religion in diesem System einnimmt. Drei Grundmomente sind es, die man nicht entbehren kann, wenn man in noch so einfacher Form über Cohens Lehre zu sprechen versucht. Er selbst hat immer wieder auf sie: auf Piaton, auf Kant und auf den Prophetismus zurückverwiesen. Will man daher zum Mittelpunkt von Cohens Philosophie vordringen, so muß man sich vor allem die Frage stellen, ob diese drei Momente nur eine persönliche und insofern zufällige Einheit in Cohens Geist eingegangen sind oder ob zwischen ihnen ein innerer und notwendiger, ein rein sachlicher Zusammenhang aufweisbar ist. Beginnen wir hier zunächst mit Platon, so läßt sich seine geschichtliche Stellung und Bedeutung vielleicht in einen Satz, in eine einzige knappe Formel zusammenfassen. Die griechische Philosophie vor Piaton ist im wesentlichen Seinslehre, ist Wirklichkeitslehre: erst mit ihm wird sie zur Ideenlehre. Der philosophische Gedanke scheint zunächst kein anderes Ziel und keinen anderen Sinn zu haben, als die Wirklichkeit auszusprechen: die Abbildung des Wirklichen im reinen Begriff ist der Zweck, zu dem er hinstrebt. Daß diese Forderung in sich eine innere Schwierigkeit und einen inneren Widerspruch birgt, tritt freilich alsbald hervor: denn die Begriffe, in denen das griechische Denken das Sein zu umspannen und auszudrücken strebt, führen nicht sowohl zu einer Wiedergabe der unmittelbaren Wirklichkeit der Dinge, als vielmehr zu einer immer stärkeren Abwendung von ihr. Der Seinsbegriff der Eleaten, der Zahlbegriff der Pythagoreer, der Atombegriff jLeukipps und Demokrits: sie alle müssen, um die Wirklichkeit zu bezeichnen und zu verstehen, über den Kreis eben dieser Wirklichkeit hinausgreifen.

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