Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie für die Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 1 (1920)
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Hermann Cohen. hat: davon liefert uns jetzt das letzte große Werk, das er geschaffen hat und das nun endlich nach langem Aufschub im Druck vollendet vorliegt, ein ergreifendes Bild. Die „Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" — so hat Cohen dieses Werk genannt; und er hat damit, wie in einem letzten abschließenden Ausdruck, die große Synthese bezeichnet, nach der er beständig als Geschichtsphilosoph, als Kulturphilosoph und als Religionsphilosoph gerungen hat. Wie in einem geistigen Brennpunkte drängen sich hier alle seine intellektuellen und sittlichen Bestrebungen zusammen. Ich darf nicht daran denken, hier in der knapp bemessenen Zeit, die mir zur Verfügung steht, ein Gesamtbild der Cohenschen Philosophie vor Ihnen zu entwerfen — einer Philosophie, die nicht mit Unrecht als eines der schwierigsten systematischen Lehrgebäude unserer Zeit gilt. Nur das eine will ich versuchen, das persönliche und geistige Zentrum zu bezeichnen, aus dem, wie ich glaube, die philosophischen, die ethischen und die religiösen Überzeugungen Cohens hervorgingen und auf das sie immer wieder als auf ihr letztes Erklärungsprinzip zurückweisen. Wie wenige andere ist Hermann Cohen ein streng systematischer Denker gewesen. Er forderte für das Ganze nicht nur der logischen, sondern auch der ethischen, der ästhetischen, der religionsphilosophischen Wahrheit die Einheit einer strengen wissenschaftlichen Begründung. Philosophie war ihm nichts anderes als eben dieser durchgängige Begründungszusammenhang, als die vollkommene und durchgreifende Rechenschaftsablegung des Bewußtseins vor sich selbst. In diesem Sinne begriff er sie als kritische Vernunftwissenschaft — und im System der Vernunft hatte für ihn nun auch die Religion ihre Stelle. So war und blieb Cohen als religiöser Denker, was er als Philosoph war: der große Rationalist; der Mann, der durchdrungen war von dem Glauben an die Allmacht der wissenschaftlichen Vernunft und der wissenschaftlichen Methode. Manchem freilich wird schon diese Vereinigung als paradox erscheinen. Denn — so kann man fragen — was hat die methodische, die begriffliche Strenge des Logikers, was hat die rational beweisbare Wahrheit der Wissenschaft, insbesondere die Wahrheit der mathematischen Naturwissenschaft, auf die Cohen sich immer wieder beruft und die er als Vorbild für seine gesamte Lehre aufstellte — was hat sie mit den Fragen zu tun, die den religiösen Menschen innerlich bewegen? Sollen sich etwa auch diese Fragen auf ein dürres logisches Schema, auf ein Schema des wissenschaftlichen Beweises bringen lassen? Oc* r wäre nicht mit dem Versuch einer derartigen Begründung des Religiösen se ^e wesentliche Eigenart vernichtet und seine stärkste Kraft gebrochen? Selbst Vv inn man für die Religion auf die Zusammenhänge mit der Tradition, auf geschichtliche Überlieferung und auf übernatürliche Offenbarung verzichtet: — liegt nicht ihre eigentliche und tiefste geistige Quelle in einem Urgrund des Gefühls, bis zu dem der Verstand, bis zu dem die Zergliederung der systematisch-wissenschaftlichen Begriffe niemals herabreicht? Heißt es nicht diese lebendige Quelle verstopfen und unergiebig machen, wenn man, statt das eigentümliche Leben der Religion in jedem Momente in sich aufzunehmen und nachzuleben, immer wieder ihrem bloßen Begriff nachgrübelt, und nicht zu-