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Neue jüdische Presse · 1922-02-09 · Heft 6 (9.2.1922) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
20 (1922)
Issue
Heft 6 (9.2.1922)
Date
1922-02-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3 Jfc. t> Neue Jüdische Preise. Amerika. Die Not hinsichtlich jüdischer Erziehung Auf der jüngsten Sitzung der „Joint Central Education M'o-ciation" wurden folgende furchtbaren Zahlen ,nitgeteilt: Von den 275000 jüdischen Kindern Newyorks im Alter von 6—14 Jahren erhalten mindestens 209 MO überhaupt kerne jüdische Erziehung! Die Zahl der Kinder in den Talinud-Thoras und anderen jüdischer» Schulen beträgt höchstens 15 090! Die führenden jüdischen Kreise scheinen jetzt endlich eine Ahnung von dem Unhaltbaren derartiger Zustände bekommen zu haben. E» hat sich lauf Anregung von Dr. M a g - nes und anderer eine Organisation gebildet, die die Dinge bessern will. Sine Rede LoniS MarshallS. Auf einer unter dem Vorsitz Felix Marburgs stattgehabten, von dem Joint Distribution Comnrittce einbcrufenen Hilfskonferenz hielt u. a. Louis Marschall eine Rede, in der er die trostlose Lage der Juden im Osten Europas schilderte und dann fortsuhr: „Ich bin nicht gekommen, uin für die leidenden Brüder jenseits deS Ozeans zu appellieren, sondern für die Juden in Newyork, denn wenn diese nicht die richtige Antwort erteilen werden, dann werden sie unglücklicher sein, als die Unglücklichen jenseits des Meeres. Ich« vermisse hier einige Juden, die ich gerne gesehen hätte. Ich möchte hundert von ihnen mit mir in einem Zimmer haben, die Türe »erschlossen; und den Schlüssel in meiner Tasche habe». Dann würde eines von beiden geschehen, entweder sie würden ärmer aus dem Zimmer kommen, oder ich wäre tot; ich, möchte lieber tot sein mit den pogromierten Jude» in der Ukraine, als das Herz und die Millionen dieser Juden besitzen!" Tosender Beifall brach bei diesen Worten Marjha laus. Er besprach sodann die Lage der 300 000 Wachen. „Es sind Ihre und meine Waisen, und wir müssen ihnen Helsen." Nachdem er auch noch zur Jmmigrationsfrage Stellung nahm und ausrief, „so lange ich Kraft zum Leben habe und atmen kann, werde ich im Kongrest für offene Türen kämpfen," schloß Marshall seine Rede mit folgenden Worten: „Wehe denjenigen, die in diesem Momente sich abseits stellen. Das Blut ihrer Brüder komme über sie bis zu ihrem Todestag." Kurze -olttische Rachrichte«. Göttingen. Der Haüvtausirbutz der ,.D e »t i cb e n Studentenschaft" nahm die neue Verfassung cin- Mmmig an, nach der die „Deutsche Studentenschaft" alle Studierenden der reichsdeutschen Hochschulen nnd der Tech- Rainwoilnn«, warm« Morgenröcke Nachmittags- und Abendkleider Unterrficke Hans Nerger, Hochstr. 26 pt. Olienbacner Drncklmt-Anlage Offanbaoh «, M. Telefon 123. Unübertroffene Tepplchrfilntgmng mittelst Dracktaft nit in Danzig rcichsdeutscher uird österreichischer Staatsangehörigkeit und auf Antrag auch auslanddeutscher Herkunft umfaßt. Damit wurde für diese Hochschulen in der Judensragq der Rassenstandpunkt restlos aufgegeben. Da die österreichische deutscharische Studentenschaft hartnäckig auf dem Rassenstandpunkt beharrte, so ergab sich die Unmöglichkeit des Verbleibens der österreichischen Hochschulen in der „Deutschen Studentenschaft". (J-P-Z-) " Onoapett. Im Parlament wurde die Regierung wegen der fortgesetzten Ausräubung und Mißhandlung von jüdischen Fahrgästen auf der Bahnstrecke Kecskemet-Laios Mieze interpelliert, — doch die Regierung blieb die Antwort schuldig. Warrchon Farbstein sprach im Parlament über die Schädlichkeit der Zwangsonntagsruhe sür die jüdische Bevölkerung und verlangte sür die den Sabbat haltend.'» Juden Erleichterungen. Warschau Die Heereskommission des Parlaments nahm einen Beschluß an, nach dem Juden nicht Ossiziere werden können. iouni. Zum eriren Male bat der Staatspräsident auch einen Vertreter der Juden — Dr. Rachmielewicz — eingeladen, um die Ansicht ^der Judenheit über die Lösung der Ministerkrise zu hören. Kawno. Dr Soi»weitschik wird auch in dem neuen Kabinett Minister für jüd. Angelegenheiten bleiben. — Der j ü d. Abgeordnetenklub protestierte beim Präsidenten der Republik. Stulginski, gegen den Beschluß der Konstitutionskommission, daß nur Minderheiten von mindestens 10»/o die nationale Autonomie gewährt werden. Der Präsident versprach, sich für die Forderungen der jüdischen Bevölkerung, deren Verdienste um Litauen er anerkenne, einzusetzen. Ravviner Rubinstein, Dr. Wigodsky und Dr. Schebad, die Vorsteher der Wilnaer Judenheit, wurden wiederholt vom Regierungschef Mejsztowitsch empfangen, der besonders mit ihnen über di; Stellung der Juden zum Parlament verhandelte. Bratislava. Beim biesioen Ministerium für die Slowakei ist der Zionist Dr. Julius Diamant als Referent für jüdische Angelegenheiten in Aussicht genommen. Kümistische Rachrichte«. Frankfurt a. M. Der Vortrag Kurt Blumenfeld im großen Saale des Saalbaues erfreute sich eines guten Besuches. Der Redner verstand es, über die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten in Palästina das Sachgemäße zu sagen und zu zeigen, daß trotz alledem nur in Palästina die jüdische Zukunft aufgebaut werden; kann. Das Golus macht unsere Entschlüsse unfrei, es diktiert uns die Bedingungen, — nur irt Palästina können wir freie Herren über die Bedingungen des Lebens werden. Auf dem Wege dahin bedürfen unsere Pioniere in Palästina als Juden einer neuen Psychologie, einer neuen menschlichen Erziehung. Aus der Misrachi-Beweg«»«. (JPZ) Die Misrachi-KonferenzinPolen beschloß die Absendung eines Talegrammes an Sir Herbert Samuel, worin gegen die Einwanderungsbeschränkungen in Palästina energischer Protest erhoben wird. Der High-Commissioner wird ersucht, den Juden bei der Verwirklichung ihrer tausendjährigen Hoffnungen behilflich zu sein und die Einwanderungsbeschränkuirgen aufzuheben. Er, der die Ideale der orthodoxen Judenheit zu wahren verstehe, möchte das jüd. Volk von dem Untergang erretten und ihm mit allen Kräften zur Wiederkehr in sein Heimatland verhelfen. Gott habe ihn in diesem weltgeschichtliche» Momente an die Spitze unseres heiligen Landes gestellt, und auf ihm ruhe die Berantwortiurg für diese Epoche und das Los unseres leitenden Volkes'. Sein Name werde hoffentlich in der Geschichte znsaminen mit dem Namen derjenigen verzeichnet werden, die unser Volt in ihr Vaterland wieder zurückgeführt haben. (JPZ) Abg. Farbstein hat von der amerikanischen Misrächiorganisation di; Anfrage erhalten, ob die Warschauer Judenheit Mehl sür Maroth benötige. Die jüd. Gemeindeverwaltung erklärte, daß die Lage seit vorigem Jahre sich nicht geändert habe, und daß eine Mehlsendring aus Amerika die Mazzothversorgung in Warschau ungemein erleichtern würde. $etfatt«Kem «. Uettte MttteUmtze«. Merlin. In dem antisemitischen..Reichsboten" schreibt ein Studienrat Niedlich vom Berliner Fichtegymnasium, daß ein ehrlich deutsch empfindendes Herz gegen die alttestwmentlich-jüdifche Sittlichkeit den Kampf aufnehmen müsse und daß es darauf ankoinmt. die „deutsche Kirche von jüdischen Götzen zu reinigen". — Das nennt sich einen Fugenderzieher! Berlin. Sraarsiekretär Bredow erklärt in einer Zuschrift an das „58. T " (25. l.y über den Borfall auf dem Lehrter Bahnhofe: „Im Zusammenhang mit einigen unliebsamen Vorgängen in Seebädern fielen einige nicht judenfreundliche Aeußerungen, an denen ich mich beteiligt habe. Allerdings ist die von Herrn PereleS berichtete Redewendung stark entstellt worden. Bon „Juden totschlagen" ist keine Rede gewesen." Bis auf das „Judentotschlagen" gibt also der Staatssekretär die übrigen ihm von Herrn Pereles zur Last gelegten antisemitischen Aeußerungen zu. Marbnru Dr. Adolf Fränket, ein Führer düs Mrsrachk in Deutschland, ist zum außerordentl. Professor ernannt worden. Gaffel. Frau Eugente Wertbeim stiftete anläßlich ihres 60. Geburtstages 100000 Mark für das-Ar- Altersheim. __• Kaffee Kaisergarten Künstler - Konzert» Jedem das Seinige. Roman von SR. Prrlvermann (Fortsetzung.) Abgespannt blickte sie nach der Tür, da er anscheinend noch stundenlang so fort plaudern konnte. Sie wartete daher auf einen geeigneten Augenblick, ihn zu nnterbre'chen und sich zu verabschieden. Bald aber erkannte sie, daß sie sich doch in ihm getäuscht hatte. Er hatte sich gar nicht verstellt: es sollit nur eine Art Einleitrrng für das Persönliche bilden, das er jetzt berührte. „Wissen Sie auch, Frau Klatzner, daß Sie mir mit Jhrenr Besuch eine Reise zu Ihnen ersparen?" „Wirklich, Herr Strömer?" „Ich hatte die Absicht, in den nächsten Tagen zu Ihnen zu kommen, um mich von Ihnen zu verabschieden." „Zu verabschieden? Wollen Sie denn verreisen?" ' „Ja, ich werde verreisen, und es mag sogar 'eine Reise für die Ewigkeit bedeuten. Man kann ja nie wijsen, ivaS passiert," sprach er leichthin. „Aber ich will Sie nicht länger im Unklaren lassen. Mein Arzt erklärte mir ohne Umschweife, Laß ich mich geistig und körperlich auf einem nicht unbedenklichen Abstieg befinde, daß er daher sür nichts einstehen könne, wenn ich nicht für längere Zeit ausspanne. Nicht etwa so einige Wochen auf dem Lande oder in einem Seebade, sondern gründliche Luftveränderung in fremden Weltteilen, mit einer ganz veränderten Lebensweise, sür ein ganzes Jahr, noch besser aber für zwei Jahre! Das mag vielleicht den Krankheitsstoff in mir töten, wenn es nicht «vorher mich selbst tötet. Ich bin entschlossen, seinen Rat zu befolgen und habe bereits alles mit einem Ko'legen verabredet, der mich während meiner langen Abwesercheit vertreten wird." „Herr Strömer, das tut mir aufrichtig, unendlich leid —" ' „Schön ist es wirklich nicht-" unterbrach er sie etwas unhöflich. Dann wurde seine Stimme heftiger und lauter, wobei er sein .Gegenüber erst jetzt forschend ausah. „Ich war.der Ansicht daß Sie bereits davon erfahren und deshalb heute gekommen sind." ' „Sicherlich wäre ich gekommen, hätte ich es gewußt." sagte sie freimütig. „Aber.woher sollte iches erfahren haben? Meine Verwandten sehe ich nur selten,, und soweit ich mich erinnere, - haben diese das letzte Mal kein Wort davon gesprochen." „Ganz natürlich, 'weit ich cs ihnen nicht sagte. Bis jetzt habe ich e-s nur dem Kircheuvorsteher ganz im Vertrauen gesagt. Es ist doch eine'Sache, die man nicht gern an die große Glocke hängt, bis die Notwendigkeit dazu vorhanden ist." „Warum aber »ahmen Sie an, daß ich es wissen mußte?" Ein bekümmerter Ausdruck überzog sein Gesicht. „Das ist eigentlich schwer zu erklären. Wenn Geist und Körper nicht normal funktionieren, bildet man sich oft ll»- möglicheS ein," sprach .er ausweichend. Er wartet: einige Sekunden und fuhr dann leidenschaftlich fort: „Frau Klaüner, das stiinmt nicht. Sie sollen die ganze Wahrheit hören: Ich glaubte, daß Sie es 'wissen, weil ich wünschte, daß Sie es wissen, und als ich Sie vor min isah, war ich nicht erstaunt. Sie hier zu sehen, sondern darüber, daß meine Wünsche sich so schnell verwirklichten. Schließlich aber," ec schien wieder zu sich selbst zu sprechen, „brauchte ich darüber gar nicht zu staunen." Die junge Frau atmete schwer, und es war ihr, als müsse sie jetzt ihre Worte aus der tiefsten Tiefe ihrer Seele hervorholen. „Nicht überraschend sagten Sie, Herr Bikar! Ich aber sage Ihnen, wenn nur ein wenig Barmherzigkeit iin Himmel vorhanden ist," rief sie, und ihre Stimme bebte durch unterdrückten Zorn, „dann werden selbst die Engel im Himmel Tränen vergießen, daß ich jetzt bei Ihnen bin! Und Sie wollen nicht einmal darüber erstaunt sein?" .Das klingt bitter und herb, Frau Klaßner." sprach er ruhig, fast mit der früheren Gleichgültigkeit. \ Ellen befeuchtete ihre Lippen, die ganz trocken waren. „Herr Strömer, wird eS Sie auch nicht überraschen, wenn Sie erfahren, daß ich meinen Mann verlassen will?" Er lächelte ruhig und hob abwehrend die Hand. „Frau Klaßner, ich glaube Sie und Ihr Gatte sind noch nicht aus dem Schmollen der Flitterwochen herausgekormnen." Ihr Zorn flammte wieder auf. „Wenn eS nur dieses wäre, glauben Sie, daß ich,damit gerade zu Ihnen gekommen wäre?" Dann machte sie eine gewaltige Anstrengung, um ruhiger.fortfahren zu können» wobei sie einen Seuszer.hören ließ, der sich gewaltsam aus ihrer Brust hervordrängte. „Die furchtbare Wahrheit ist es. daß Umstände eingetrcten sind weder durch seine, noch durch meine Schuld, die mich zwingen, den Bund mit meine!» Gatten zu lösen." „Umstände-Bund lösen! —“ murmelte er. „Sie verlangen eine ausführlich« Erklärung»" sprach sie schnell und fieberhaft: „Sie sollen sie mit kurzen Worten haben: Ich habe mir vergeblich Mühe gegeben, mich mit der Relrgion meines Gatten abzufinden und zu versöhnen. Lange wollte ich es mir nicht eingestehe» und habe gegen dieses Bewußtsein mit der garyen Kraft .meiner Seele gesträubt. Da es mir aber nicht gelungen ist» erachte ich es als sündhaft, mit einem Manne unter demselben Dache zu leben, der mich als seine Frau betrachtet, von der er anninrmt. daß sie eins mit ihin sei in jeder Hinsicht, die aber während der ganzen Zeit überzeugt war, daß eine geistige rrnd seelische Gemeinschaft zwischen ihnen vollständig ausgeschlossen ist. Selbst die geheiligten Eheschwürv bieten mir keine Bürgschaft, um mit ihm noch länger zusammenbleiben zu können. Wie könnte es auch eine göttliche oder legitime Verbindung sein, da' wir das. was' göttlich in uns ist, nicht harmonisch zusammenfügen können. — ütber es sind auch noch, andere Gründe dafür vorhanden, Herr Strömer." sprach sie. über uns über errötend, als sie die bebende Hand aufs Herz legte, wo das. neue Leben sanft aber anhaltend pocht«, um sie. wir sie fest überzeugt war, in ihrem Eirtschluß zu bestärken; „eS find auch noch andere Gründe für unsere Trennung vorhanden, aber schon der eine mutz genügen, um mich und auch Sie zu überzeugen. Herr Bikar, werden Sie jetzt zugeben, daß die Engel im Himmel alle Ursache haben, blutige Tränea zu weinen?" Er starrte sie an mit trüben Augen, und die hcrabhäugenden. Lippen verliehen seinem Gesichte ein spitzes Aussehen. „Und warum erzählen Sie mir all dieses, und webbrn Zweck verfolgen Sie damit?'' »Ich glaubte, daß cs Sie interessieren wird," ries sie wieder mit.wilder Leidenschaft. ,^or ^einiger Zeit erwiese« Sie mir die Ehre, mich Ihres Vertrauens zu würdige». Sie sagten mir, daß meine Heirat Ihr Selbstvtzrtrauea -untergraben, alle Ihre Fähigkeilen verkrüppelt hat» daher glaubte ich, nur richtig zu handeln, wenn ich Ihnen sage; daß Ihre damalige Schwarzseherei sich als unbegründet erweist. DaS sollten Sie wissen; mir kann es nicht schaden und Ihnen vielleicht nützen." Sein Blick war noch immer auf sie geachtet. - keine Gesichtszüge aber nahmen jetzt einen befrMdliche» Ausdruck an.

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