Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 20 (1922)
- Issue
- Heft 5 (2.2.1922)
- Date
- 1922-02-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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. Seite 3. Nr. 5 Neue Jüdische Messe. Schopenhauers Eigenesdas finstere, .dein Leiden und den Widersprüchen des Daseins zugetnendete Auge, das auch dieses den Widerspruch innner wieder neu aufsuchende Denken in seinen Zaubcrkreis lockte. Und unter den Büchern der Bibel war es Kohelct, dessen „Worte sich widersprechen, eines dem andern", dem. er alljährlich am Schlussfeste eiire nlcrktvürdigc Predigt, ili mancher Beziehung die charakteristischste, lvidmcte. Die letzte icird mir unvergeßlich bleiben, ivürdc es auch, ivenn sie nicht die letzte dieser seiner Koheletpredigten gewesen lväre. Er sprach fast die ganze Predigt in einenl ruhigen Ton, wohl eine Stunde lang. Es war, als ob er mit jemandem redete. Aber dieser Jemand saß nicht unter uns. Plötzlich merkte ich: ,er sprach rrirklich nicht zu uns, er redete ja in jedem Satz Kohclet unmittelbar an, er sprach nicht über, er sprach mit Kvhelet. Und nun sah auch ich ihn, wie er ihn in jener Stunde gesehen haben muß: in schwerem Äönigspurpur hinter, über ilns i»l Irgendwo dasitzend, das ernste Auge über den wissenden Lippen ans den späten Enkel geheftet, mit jeneiil fast freundlichen Blicke, der zu fragen schien:.nun, was hast denn du mir zu sagen? Und dann tcmv auch hier der Augenblick, wo der Enkel das Wort fand, und es fand in den Worten des Ahlls selber, das alles Fragen für einen "Augenblick verstummen ließ. Jetzt ist er in der Welt, in der — alles "Antwort ist. Dürfen ivir selbst das sagen? Ist es nicht schon mehr/als uns zu sagen vergönnt ward? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, daß ivir zurückgeblieben sind in der Welt, die Frage und Antwort ist und neue Frage. Und daß die schwerste Frage in diesen Tagen auf unserem Munde nicht verstummen will, die Frage: Warum? Franz Roscuzwcig. Rabbiner Nobel als Führer der Jugend. Uebertönt .ivurde der Schrei der Propheten nach Wahrheit voll der lalteir Stimme machthungriger Priester:, vernichtet wurde Sehnsucht und Wir- '' lung volkliebender Lehrer von der brutalen Gewalt -fremder Nativneir und Staaten. Abgelöst wurde die ails der Eeiileinschast strömende Sehnsucht nnd Freude von priesterlichenc Mittlertum. Dunkler und dunkler lverdeir die Schatten, dichter der Schleier, der den gern verdeckt. Noch aber sind junge jüdische Mensche», die um das Vorhandensein des Kerns wessen. Sie selbst aber können ihn nicht mehr schauen, doch sehnen sie sich nach ihm mit her ganzen Glut ihrer Seele, die jener platten oder durch Verfeinerung verdeckten Aufilärerei übersatt ivard. Ihnen ist nur die historische Form gegeben — und an sie tragen sie ihr eigenes Sehnen heran —, aber selber die Brücke zu schlagen, bleibt ihnen versagt. Dies war Rabbiner Ncchemia Zwi "Nobel der Jugend: das; er um diese unsere Not wußte — um sie und um ihre Lösung. Er ivußte um den Sinn und den Kern, ivußte, daß er verkörpert ist in der historischen Form, ivußte auch um Verdunklung und Verschleierung und darum, das; mau den Schleier lüften kann. Er lies; uns die Seele des Judentums schauen und ihre Bcrlnüpsthcit mit der Form, dem historisch-national Gegebenen: er lies; Propheten und Tanaim por nnscrcm Auge erstehen und ließ uns unsere durch die Dauer der Geschlechter begründete "Verbundenheit mit ihnen fühlen. Er zeigte uns, das; ivir kein Teil haben können an der Welt der Wirklichkeit, die die Welt der Liebe, Fretlde und Schönheit ist und das; der . ' Sabbat uns das Tor zu ihr erschließt.- Er lehrte uns die Sprache lieben, iveil sie in sich .Heiligkeit birgt, er wies uns zum Lande, weil es der Boden der Propheten und Psalmisten ist. Und er hieß uns auf sic hoffen, iveil nur um ihretivegen unserem Volk zu leben vergönitl und befohlen ist. Er führte uns in den Talmud hinein und lies; ihn uns sehen als Ausdruck der Seele unseres Voltes. Die im Meer des Talmud verborgen H fließenden Strönie unserer, Geschichte führte er ans Helle Licht der Liebe und des Verstehens, von denen . er wußte und uns lehrte, daß, beides eins ist. Wer nicht das war es, ivas uns zwang, daßer wußte, sondern dies: daß er lebte, was er sagte, und nur sagte,, -was er lebte. Er lehrte, daß das Wisseti um die Wirtlichkeit . des.. .Absoluten der Urgrund, jüdischen Volkstums ist, und man sah an ihm, daß er dieses Wissen lebte. Sein.Strahlen war Gewißheit. Er war ein Dichter — und deshalb konnte er uns verstehen lassen, daß die Wege der Thora Wege der Schönheit sind. Er lehrte die Liebe als das Band des Volkes, — und wir verstanden, — iveil er uns liebte. In Demut rief er nach Propheten, — ivir rufen in Trauer nach dein Führer! Achad ha talinidim. Die Beisetzung. Von Dienstag bis zuin Donnerstag weilten in ununterbrochener Folge Schüler und Freunde an der Bahre des Verewigten, niedergebeugl von tiefein Schmerz, jeder bemüht, ivenn auch nur noch ein kleines Zeichen der Verehrung und Liebe dem Meister durch Gebet oder durch Lernen zu bekunden. Am frühen Morgen des Donnersrags versamiuelten sich ans dem weiten Börneplatz Tausende und Abertausende Menschen,-um »och die letzte Ehre dem Führer der Gemeinde zu erweisen. Es lag wie eine Erstarrung trotz der Menscheniiiassen über diesem Platz, keilt lautes Wort ivurde gehört. In stiller Ergriffenheit wartete man, trotz der scharfen Kälte, bis um 9 llhr der heilige Schrein, von der Cheivra kadischa getragen, den letzten Weg amreten mußte. Eine ungeivöhulich große Anzahl Rabbiner der verschiedensten Richtungen folgte dem Trauerivagen. Man bcmerkie außer deit sämtlichen Rabbinern der hiesigeil israelitischen Gemeinde die Herren Rabbiner Dr. Unna, Mannheim, Dr. Levi, Mainz, Tr. Karlebach, Leipzig, Dr. Marx, Darmstadt, Tr. Eohn, Marbnrg- Dr. Dünner, Köln a. Rh., Dr. Hoffman», Breslau, Dr. Wolf, Köln, Dr. Nemvirth, Bingen, Dr. Bvudi, JNainz, Dr. Donath, Randegg, Tr- I. Nobel, «chneidemühl, Tr. Lazarus, Wiesbaden, .Se . minardozent Dr. Jsaae .Heinemann, Breslau, Dr. Dienemann, Tsfenbach und viele andere. In der Friedhofshalle stimmte -Herr Rabbi iier Dr. .Horovitz, Frankfurt a. M., das Hazur ha tomiiu an. Ein Altfschrei löste sich ans hunderten Seelen, eine Ergriffenheit, wie man sie wohl noch nie gelaunt, erfüllte die Trauerversammlüng. Wessen Auge tonnte aber auch trocken bleiben bei dem schmerz über den Verlust dieses seltenen Juden und Menschen, des Führers, der sich die Liebe und Verehrung so weiter Kreise erworben hatte, und von dein ans unendliche Liebe und Güte strömte. Der Vorsitzende der Jsraclitischeil Gemeinde, Herr Justizrat Dr. Blau, bestieg daun die Kanzel, um der Trauerversammlüng kund zu tun. daß es der Wille des Verewigten gewesen ist, daß an seiner Bahre nicht gesprochen werden dürfe. Sonnt habe der Verewigte selbst darüber entschieden, ob an dieser Bahre Worte gefunden iverden könnten, die stark genug sind, um dem ganzen 2 ch m e r z e Ausdruck zu verleihen, oder, ob das Schweigen nicht der beredteste Ausdruck sür die allgemeine Trailer sei. Daß Nehemia Nobel nie ans dem Gedächtnis der ltzcmeinde schivindcn könne, sei sicher. Dann erklang ihm, aus dem Munde des von ihm jo sehr verehrten Tberkantvrö Ogutsch gesungen, ein Gebet znm letzten Liede, und wir trugen ihn ins Grab. Ihm zur Seite ruht eine Thorarolle, die ivir chm ins Grab mitgabeu, als den Ausdruck dafür, daß dieses dahingegangene Leben geireiht und gelvidmet ivar dem eivig unverbrüchlichen, sich der ganzen Menschheit innner wieder erneuernden Gottesgejetze. Wie chn die Jugend liebte, das kmn .ergreifend in diesen letzten Augenblicleu zum "Ausdruck! Wie sollte man einen solchen Moment nicht sür alle Zeiten fcsthalten, da man davon überzeugt sein kann, daß, wenn seine Jünger auch zurzeit verwaist, sie seine Lehre, die er ihnen gab,, durch das ganze Leven ireircrhin als Leitstern auflcuchten sehen iverden. Seine reine Seele, die er rein empfangen, konnte er rein in die Hände des Ewigen znrückgeben. Wohl dem, von dem das gesagt werden kann! .1. W. * Große Männer lassen sich in ihren Anlagen und Eigenschaftcn niemals völlig zur Deutung bringen. Aber manchmal erlebt man es, daß große Männer unler der Fülle ihrer Eigenschaften und Anlagen bestimmte Komplexe gemeinsam haben. Es wird dadurch die Möglichkeit gegeben, sie miteinander zu vergleichen, und durch Vergleich und Gegenüberstellung schärfere Bilder der beiden-"hervorzuncsen. Eine solche Aehnlichkeir besteht fraglos zwischen Ehachain Jsaac Bernays und Rabbiner Nobel. Eine kurze Skizze desverstorbenen Hamburger Oberrabbiners Fsaac Bernays dürftv dalier an dieser Stelle von Interesse sein. Jsaae Bernaus wurde 17i>l in Mainz geboren, bildete sich in Würzburg talmudisch aus und studierte in Wnrzburg, später in München Philosophie, um sich dann in seiner Vaterstadt als Privatmann weiter denselben Studien zu widmen. Aus diesem Privatleben heraus wurde er inr Jahre 1S21 einmütig zum Oberrabbiner der Gemeinde Hamburg gewählt. F» 2* jähriger Tätigkeit verstand er die gänzlich zerfahrenen Geineindeverhältnisse zu ordnen, Liberale nnd Orthodoxe in gleicher Weise zu beeinflussen, nnd wurde im Lebensjahre durch einen vlöhliche» Tod hinweggerafst.' Die Trauer der ganzen Gemeinde war grenzenlos nnd Bernays ivurde von allen christlichen Kreisen, in denen er ungewöhnliches Ansehen genoß, ebenfalls auf« Lebhafteste berranert. Bernays Yak Schriften nicht hinterlasse». Erhalten von ihm sind lediglich einige rabbinische Gutachten, ferner durch seinen Schüler Samson Raphael Hirsch einige homiletische Erklärungen. Seine weilreichcnde Wirkung lag vielmehr ganz i» dem Wesen seiner Persönlichkeit begrüiwer, das er am stärksten als Manzelredner zum Ausdruck brachte. Mau - darf ihn mit Recht als den ersten auf dem Boden der Religion stehenden jüdischen Kanzelreduer bezeichnen. Zu dieser Kanzelpredigl befähigte ihn neben seinem ungewöhnlich reichem philosophischen und jüdischen Wissen eine rege homiletische Phantasie. In seinen Predigten machte er gerne Gebrauch von Fabeln nnd Gleichnissen aus der klassischen Literatur und gab ihnen einen systematischen philosophischen Aufbau. Seine religions-philosophische Stellung ist nach den wenigen vorliandeneii Bruchstücken nicht systematisch zu beurteilen. Es ist jedoch anzimchmeii, daß Samson Raphael Hirsch, der von seinem Lehrer sterS mit größter Ebr- . furcht und Bewunderung sprach, in seiner religions-philosophischen Stellungnahme am stärksten durch Bernays eigentliche Stellung ziehe» kann. Neben seiner Wirkung aus seine Gemeinde im Allgemeinen ging eine starke Einwirkung von - Bernays auf seine Schüler aus, von denen Samson Raphael Hirsch als sein geistiger Erbe bezeichnet werden darf. Hat Bernays eS verstanden auf seine Gemeinde cinzuioirken und sowohl das vernachlässigte Tborastudinin in neue Bahnen zu lenken, und zugleich die Knlturfeindlichkeit der damaligen Orthodoxie zu überwinden,, so strahlte von ihm eine ganz besonders Wirkung auf die Fugend aus. Für seine Stellung zur Jugendj seien folgende Sähe zitiert (Dukes,Jahrbuch der Fndisch-Litcrarischen Gesellschaft 1007t eine Antwort^ auf eine Huldigungsadresse zu seinem 25 jährigen Amtsjubiläuni, vie am besten sein ganzes Wesen charakkirisiert: ..Wenn gerade der Buchstabe der Schrift in dieser von Religionskämpsen so vielfach bewegten Zeit zu manchen schiefen Deutungen Anlas; gegeben hat, so ist es wohl keine leichte; Ausgabe, diesen Mampfe» immer zu begegne», da es auch einem friedlich Gesinnten nicht immer gelingt, alle Konflikte zu vermeiden. Wenn aber von der Seite, wo man eS am tvcnigsten erwarten dürfte, wo die Leidenschaften noch ungezähmr nnd nngeschwächt aufbrausen, ich meine von der Jugend, wenn man da Hilie erhält, so erregt dieS ein Gefühl, für das ich vergebens Worte fttche. Ich kann Ihnen; nur den Wunsch anssprechen, daß Gott S ie in Ihren Grundsätzen kräftigen und stärken möge, das; Sie stets iu dev wahren Bedeutung des Gesetzes zu handeln fortfabrcu. um mit Recht genannt zu werden von Gott gesegnete Männer;'Jes. (i">, 2:5)". Das Andenken Jsaae Bernays ist allster durch die mündliche Ueberlicsernng, durch seine Schüler wach erhallen worden. Rabbiner Nobel ist noch jünger an Jahren als Bernays, zu dem er selbst als einem großen Vorbild aitfiah, von der Stätte seines Wirkens abberufen worden, und mit der ganzen Gemeinde fühlen sich insbesondere seine Schüler verwaist. Hosfru wir, daß aus ihrem Kreise ein Fortseher seines Werkes hcrvorgehen möge. Dr. M. M. Pressestimmen zum Hinscheideu des Rabbiners Dr. Nobel. Die Berliner „Jüd. Pr.", die daran erinnert, daß Rabbiner Dr. Nobel nach dem Erscheinen des Herzl'scheu Judenstaates neben Justizrat Boden hei mev und dem unvergessenen David Wolfsohn das erste zionistische Zcntralkornitee in Deutschland bildete und Mitarbeiter der Baseler Kongresse war, schreibt: „Wieder hat das gesetzestreue Judentum eine seiner markantesten Gestalten verloren, einen Mann, der sich nicht cinfügen läßt in eine Schablone, eine in sich geschlossene Persönlichkeit allercigenstcr Art. To stark war sein Wesen, daß es auch de>t Andersdenkenden unmöglich wurde, sich dein überragenden Einfluß zu entziehen, den Nobel ausübte, ein inneres Leuchten überstrahlte seine Umgebung. Jin Hanse seines Vaters f. A. des Rabbiners der Halberstädter Klaus, mit allen Zweigen jüdischen Wissens vertraut geinachr, hat er sich in daS' philosophische Studium tief versenkt. Aus seinen Reden rlnd Schriften spricht der Philosophos, der Freund 'der Weisheit, in seinem- Studierzimmer gaben die edelsten Bücher aller Literaturen sich ein Stelldichein, ein Kreis erlesener Schüler sammelte sich um ihn. und sah in ihm den geistigen Führer,' 'Nicht nur w a S er sagte, acht;. u> i c er es sagte, als Meisteö deS Wortes, gab den Mann feinster Kultur zu erkennen." Im „Jsr. Wocheubl. d. Schweiz" schreibt A. I Rj.e „Unvergeßlich werden mir die Stunden bleiben, die ich im Kreise dieses MisrachiführerS in Karlsbad auf den, Zionistenkongreß verbrachte. Mit welcher Begeisterung trat er für den Einheitsgedänken iin jüdischen Volk, für Sen . Wiederaufbau'von Erez Israel ein! Und waS hätte dieser' Mann für unser schwer geprüftes Volk noch leinen können!"