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Neue jüdische Presse · 1921-12-22 · Heft 48 (22.12.1921) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 48 (22.12.1921)
Date
1921-12-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 48 Seite 3. ^Kaffee Rufaland^S Kaiserstrasse 56 . Kaiserstrasse 56 Täglich erstklassige >M- Unterhaltungsmusik "MW Die Gesamtsumme, die von jüdischen Elter» für den Unterricht ihrer Kinder in den hebräischen Schulen Palästinas gezahlt -wurde, hat int Jahre 1921 den Betrag von; 20 000 ägyptischen Pfund überschritten. Deputation «ach Amerika. < Oberrabbiner K u k und der Wilnaer Rabbiner G r o d - zenski sind nach Amerika abgefahren, um die Mittel für das finanziell notleidende orthodoxe jüdische Schnltoerk in Palästina aufzubringen. Deutsches Reich. Ei« Verein jüdischer Schriftsteller. Am 14. Dezember fand in Berlin eine Versammlung jüdischer Schriftsteller statt zwecks Gründung eines professionellen Vereines der jüdischen und hebräischen S ch rif t ste l le r i n Berlin. Zum Vorsitzenden wurde Dr. Eliafchoff (Baal Machschamoth), zum Schriftführer Josef Lin gewählt. An den Debatten beteiligten sich B i a l i k, Nom b e r g, Einhorn, K l e i n m a n n, Lestschinsky, Singalowsky, Latzki, Bergelson, Dr. Elias cho ff, Lin, L i d o r, Norawskh u. a. ttitftt*«. Ungarische Justiz. Der wegen Ermordung des Wachtmann Soltra und wegen Folterung und Erpressung eines jüdischen Zuckerhändlers Pl (15 Jahren Zuchthaus verurteilte Oberleutnant Rum bald »wurde vom Reichsverweser Hort Hy begnadigt! Pole«. Das Znrückdrängen der Jude«. (JPZ) „Goniec Narodowy" (Ostrowo) bringt folgende für die Zustände in Polen charakteristische Meldung: „Mit Mnwt0tu*nrl(0 dicke> reinwollene, in vielen ill0lTt)6llVIIWA6) Farben und Formen - □ □ O □ D □ □ □ □ □ ö n Hansa 1787 □ 1 oreisvert ifatCVCOCkC bester Qualität, grosse Auswahl VfglffgM aus Wolle und Seide, nur Qualitäts- AttSltllfilr -wäre in vorteilhaftester Preislage. Hans Nerger □□□□□□□□□□□□□DD□□□□□□□□□□□□ □ □ □ □ □ □ □ □ O □ □ Hocbstr. 26, p. P □ Jedem das Seiuige. Roman von M. Pulvermann. . (Fortsetzung.) Für sie war das» mehr, als ein menschliches Empfinden. Was für andere Frauen eine Vermehrung der Glückseligkeit ansmachte, war für sie eine Lebensnotwendigkeit. So sehr sie sich auch mit ihrem Manne eins fühlte, so viel er -sie auch an seinen Arbeiten beteiligte und inj alle seine Pläne und Absichten eiugew'eiht hatte, es durfte doch kanin ausreichen, um alle ihre Empfindungen zu, beeinflussen, um alle ihre Gedanken, anszufüllen. Dafür gab es nur einen einzigen Faktor, Wenn ihr Leben einÄ und unteilbar werden sollte: eines Sprößling ihrer gemeinsamen Liebe. , Es war daher inehr Angst als Verwunderung, mit der sie sich die ernste Frage vorlegte, warum sie denn nicht früher daran dachte, daß noch andere Mittel nötig werden könnte», nm ihren Bund mit ihrem Gatten zn festigen? Folgerichtig knüpfte sie daran noch eine andere Frage: Was aber soll geschehen, tvenn das Mittel, das ihr alleingeeignet schien, doch Ausbleiben sollte? Bald aber drängte sich ihr wjeder ein anderer Gedanke auf, der sie erleichtert aufatmen ließ. Endlich schien sich in ihrer schwerfälligen Tiefe doch eine starke.Triebkraft offenbart zn haben, nm sie mit göttlichen und heiligen Gedanken zu beschäftigen. Hier war ja etwas, bas die Andacht weckt und zu Gott hinführt, um so beten zu können, wie einst die fromme Hanna im Heiligtume zik^Siloa. Aber ihre Verzückung verflüchtigte sich ebenso schnell, wie sic gekommen. Wenn sie die Sachlage eingehend prüfe, so fand.-sie- .daß es doch nicht die rechte Seelenweihe Mar, nach der 'sie sich sehnte. Den Herrn anzubetenweil er ihr eine» selbstsüchtigen Wunsch gewährte, >var nicht die innere.Herzensstimme, die sich mit dem Ruf vereinigen konnte, der aus den Himinelshöheu drang: war nicht die Flucht des heiligen Geistes, der sich von dem sündigen Fleisch befreie» wollte. Was aber war es denn? Sie grübelte eine ganze Weile, bis sich ihr wieder ein anderer Gedanke ansdrängte. Es ist freilich wahr, baß der Gott Israels' sich ihr bished noch nicht wsfenbarte. Aber warum hatte sie denn solche Ungeduld, sich mit ihrem neuen Glauben eins zu fühlen? Ihre Zugehörigkeit war doch noch so neu; sie brauchte ja nur zu warten und ernstlich zu wollen, und-es würde ihr schon gelingen!- SIcuc Jüdische Presse. großer Freude haben wir die Rachricht erhalten, daß die Dampfmühle des Juden Krauskopf in polnische Hände übergegangen ist und zwar an die Polen Walczak und Wierszowiecki. So sehr sich die Allgemeinheit über diesen Wechsel'freute, so groß war ihr Entsetzen über die Gleichgültigkeit der neuen polnischen Besitzer, daß sie weiterhin deutsch-jüdische Buchhalter in ihrem Betriebe beschäftigen. Jüdische Gewerbekurse als staatsfeindlich aufgelöst. - In Siedler wurden die von der zionistischen Organisation geführte» elektrotechnischen Kurse für die Ausbildung von Palästina-Chaluzim aufgelöst. — Als Grund wurde staatsfeindliche Propapanda angegeben, der Grund ist aber nichts als Antisemitislnus. Rumänien. Sine Kritik der Agudas JiSroel Moses G l a s n e r, der greise Oberrabbiner der orthodoxen Gemeinde zu Cluj (Klmrsenburg), bekannt und geschätzt wegen seines Persönlichkeitswertes und seines bedeutenden jüdischen Wissens, hielt auf dent Parteitag der Zionisten Siebenbürgens eine Rede, in der er ü. a. sagte: „Die Agnda hat es zuwege gebracht, bei der englischen Regierung die Vertretung des Judentums für sich zu reklamieren mit der Begründung, daß sie als thoratreues Judentum die religiösen Fragen nicht einer angeblichen Alinorität zur Beantwortung, überlassen könne. Dieser Schritt, .wenn er auch erfolglos blieb, zeigt die ganzä Ungeheuerlichkeit der Politik der Aguda. Auch religiöse Fragen sind eine Angelegenheit des Volkes, doch die Aguda wagt es-- nicht, diese ausschließlich das Volk berührenden Lebensfragen dem Volke anzuvertrauen, weil sie zu dem Volke kein Vertrauen hat, in dem Volksinstinkt keine Garantie für eine Auffassung in ihrem Sinne erblickt. Sie zeigte sich bereit, mit dem englischen Volke gegen das eigene Volk ein Bündnis zn schließen. Begreifen Sie, welch' schmählicher Faustschlag dieser Schritt für den Stolz und das Selbstbewußtsein des jüdischen Volkes bedeutet? Bedenken Sie, was es heißt, daß wir unsere innersten Angelegenheiten nicht der Entscheidung des jüdischen Volkes anheimstellen?, ' Leider ist dies bei der Aguda zum System geworden. Die Agnda Ivählt in der Regel, wenn es sich um die heiligsten, innersten Angelegenheiten unseres Volkes handelt, niemals das jüdische Volk, sondern Fremde zu Richtern. Der Stuhlrichter und der Präfekt sind in Fragen des jüdische» Rechtes für sie maßgebender als das jüdische Volk ... Als Moses schwankend wurde und nicht wußte, wie er Macht -über das in der Sklaverei degenerierte jüdisch« Volk gewinnen könnte, rief ihm die göttliche Stimme zu: Gehe hin und sage dent jüdischen Volke, daß es sich endlich in Bewegung setze und aus Aegypten ausziehe! Nicht debattieren, nicht zuwarten, sonder» hingehen und arbeiten!- Nicht auf Wunder warten, nicht die Seelen in der Sehnsucht nach den Schofartönen Hinhalten, sondern sich rühren, in Bewegung Hetzen und handeln. Wer das Gegenteil vo« dem verbindet, ist ein falscher Prophet. Und haben die Rabbiner ein Gewissen, sind sie sich ihrer Pflicht bewußt, dann ist es auch ihre Pflicht, unter das Volk zu gehen, wie es der größte Führer und Meister des jüdischen Volkes tat, der von dem Berge Herabstieg, um zum Volke zu gehen. Ist aber, wie die t Die Gemeinde unten erhob sich, und eine unruhige Belvegnng entstand durch das Scharren der Füße, durch das Aufschlagen der Gebetbücher. Doch gleich darauf herrschte feierliche Stille.' „Der Schofor! Der Schofor!" flüsterte ihr Chaje Rachel ins Ohr. t Bald hallten die Töne durch de» tveiten Raum. Zuerst der grade, kurze Ton, dann drei stoßweise hervorgebrachta Klänge, gefolgt von dem bebenden, zitternden Triller, was sich dreimal wiederholte. Geheimnisvoll und übernatürlich, wie aus uralten Zeiten, drang der Schall an Ellens Ohr. Solche Töne waren es sicherlich, die die göttliche Offenbarung am Sinai begleiteten; mit solchen Signalen hatte auch einst Moses während der vierzigjährigen Wanderung in der Wüste zum Ausschlagen oder Abbreckien. der Zelte aufgesordert, und solche «Töne waren es auch, durch die die Mauern der stolzen Feste Jerichos znsammenstürzten. „Tekio-Scheworim-Teruo!" rief-der greise, weißbärtige Rabbiner, und das Widderhorn folgte gehorsam dem Ruse. Und als das „Tekio-Gedaulo" verklungen war, dessen Ton der Bläser sehr lange anhielt, da konnte Elleni einen Seufzer der Erleichterung aus jeder Brust vernehmen, als hätte man -eine schwere Not überstanden. Mit strahlenden, von Befriedigung glänzende» Äugen beugte sich Chaje Rachel zu ihrer Schwiegertochter niid flüsterte ihr freudig zu: „Gott sei Dank, er hat vorzüglich geblasen; — wir werden ein.gutes Jahr haben!" Der Gottesdienst ging weiter, und bald begann er wieder, Ellens Aufmerksamkeit in Einspruch zn nehmen. Mit -voller Inbrunst gab sich die Genie.inde der Stunde hin: die Frauen vergossen Tränen, während aus dem Männerranm Seufzer emporstiegen. Der Vorbeter trug jetzt die Stelle vor, die die Natur des heiligen Tages als einen Tag des' Gerichtes für alle Geschöpfe kennzeichnet, an dem die ganze Welt vor Gott zu Gericht steht, der.Ankläger und Verteidiger, Richter und Zeuge ist einer Person ist. „Am Neujahrstage wird es niedergeschrieben, und am Tage der Versöhnung wird es besiegelt, wer leben und wer sterbe», wer sein Lebensziel erreichen und wer es nicht erreichen soll; wem Ruhe und Frieden und wem Streit und Aufregung, wem Wohlstand und Reichtum und lwem Not und Armut. beschieden wird!" So las Ellen in ihrem Gebetbuch, bis sie den Schlußsatz vernahm, den die ganze Gemeinde vertrauend und jauchzend, jubilierend und zuversichtlich rief: „Reue, Gebet und gute Taten vermögen das böse Verhängnis abznwenden!" Offenbacher Druckluft-Anlage . Qffenbaoh a. ■■ Telefon 123. Unübertroffene Teppichreinigang mittelst Druckluft Aguda glaubt, das Volk verderbt, dann - ist cS Hundertfache-Pflicht'des wahren Führers, sich dem Volke zu nähern und ihm -ein Beispiel der wahren, bewußt jüdischem Lebensführung tzu sein. Der Rabbiner, der seinen Beruf nicht verkennt, verläßt das Volk nicht, sondern sucht es! zu führen und geht, wenn er es nicht zu retten vermag, mit dem Volke gemeinsam ins Verderben. Sich um das Schicksal der Massen nicht kümmern, ist Egoismus, der eines Rabbiners unwürdig ist. Es gibt Rabbiner, die sich in die heilige Seide des religiösen Lebens einspinnen. Ihr verzückter Blick hängt unausgesetzt an dem Glanz der Herrlichkeiten des Jenseits. Sie arbeiten für das Himmelreich. Für das eigene Himmelreich. Um das Volk kümmern sie sich nicht Ich aber sage, wenn wem Volk in Verderbtheit geraten ist, wemr ich nicht die Kraft besitze, es zu mir emporzuheben, und wenn es dem Untergange geweiht ist, dann gehe ich mit ihm in die Hölle und in die Verderbnis, — denn ich gehöre zn meinem Volke! Das ist die Pflicht des wahren Seelsorgers. Denn ist das Volk verderbt, dann sind die Rabbiner schuld an dieser Verderbnis. Wären sie selbst gut und hätten sie selbst den Weg zur Besserung gezeigt, dann wären sie auch imstande, das Volk zn veredeln." Amerika. Streik. 60 000 jüdische Damenschneider in Newyork sind in den Streik getreten. Zur Erinnerung an Jakob Schiff. Felix Marburg sttftete einen Lehrstuh l für Bürgerknnde am Lehrerseminar der Columbia-Universität zum Andenken Jakob Schiffs. Die ungarische jüdische Deputation. Hofrat S z e k e l y, Präsident der Budapester neologen isr. Gemeinde, der hier als Führer einer Deputation' weilt, die Geld höleu will,'hatte die Charatterlosigkeit, einem Vertreter des „Morning Journal" zu versichern, die Lage Zrsukkurt.Lro5SWA55vSkereiSegr.lSA Langestrasse 18 (Hinterbau) 3. St. :: Tel. HSmer 5308 Anfertigung sämtlicher Wäsche (auch einzelne Stäche) mit oder ohne Stofflieferung. KnopflSoher Innerhalb 24 Stunden. Spezialität: ßrsui-AusslsNuug.. Xerreu-vberkemM naoh Hass. Dann las Ellen weiter den Lobgesang znm Preise des .Allvaters und die Vertrauensseligkeit auf seine Gnade und Barmherzigkeit, „der nicht begehrt den Tod des Sünders, sondern daß er seinen bösen Wandel aufgebe und wieder» lebe .... denn was ist der Mensch! Eins welkende Blume, ein vorüberziehender Schatten, ein schwindender Hauch, ein verfliegendes Stäubchen, ein zerbrochener Scherben!" Mit einer gewissen Spannung nah»: Ellen eine leise Regung in ihrem Innern wahr, aber sie wollte nicht . grübeln, sie wollte warten, bis der Sieg sich von selbst Bahn brechen würde. Sie unterließ sogar die Frage, obi der Schauer, der in diesem Augenblick Herz und Seele in Aufruhr versetzte, schon der Vorbote der Andachtserhebung sei, den sie so sehnsüchtig, erwartete, oder ob es nicht etwa blos die Folge des Ungewohnten, seltsame» und dramatischen Anblickes sei. In derselben Ungewißheit blieb sie auch bis zum Ende des Gottesdienstes. Wie in einem Traum folgte sie Chaje Rachel durch das Gedränge der freudig bewegten, sich beglückwünschenden Menschen zum Ansgang, wo Klaßner sie erwartete. Auch -er begrüßte sie heiter und fröhlich und erkundigte sich nach ihrem Befinden. Ellen antwortete wie ihr dia Worte in den Mund kamen, uubekünimert, ob sie bei diesem Anlaß auch angebracht waren, was aber der Fall zu sein schien, da sie keinerlei Erwiderung hervorriefen. Ohne Aufenthalt traten sie den Rückweg an. und Elle» sah mit .großer Verwunderung, daß es bald zwei Uhr war; sie fühlte sich dadurch wieder befriedigt. War sie! denn wirklich alle «diese Stunden im Gotteshause gewest», ohne das Hinschwinden der Zeit zu bemerken? Wenn dies dev Fall war, idann hatte sie sicherlich, wenn auch unbewußt Eindrücke in sich ausgenommen, die — vielleicht beim morgigen Gottesdienst schon — doch zum gewünschten Ziele führen würden. Aber am nächsten Morgen ging sie nicht nach dein Gotteshause. Chaje Rachel war iu der Küche hingestürzt und hatte sich dabei den Fuß verrenkt. Es war keine schlimme Verletzung, nur mußte der Fuß einige Tage geschont werden. Chaje Rachel natürlich wütete und lärmte und fragte den erstaunten Arzt, ob er närrisch! sei, ob er es vor seinem Gewissen verantworten könnte, ihr an einem solchen heilige» Tage den Bestich der Synagoge zu verbieten! Und als dieser bei seinem Ausspruch verblieb, erklärte sie kurz, und bündig: Fuß oder nicht Fuß, Arzt ober nicht Arzt, sie werde nach dein Tempel gehen. (Fortsetzung folgt. )

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