Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1921-11-03 · Heft 41 (3.11.1921) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 41 (3.11.1921)
Date
1921-11-03
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2693227-2693268--11651-2707135
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Serk 4. Neue Jüdische Presse. Nr. 41 PAUL JORIGBS KÜNSTLERSPIELE 7 Uhr Sohäferga»«e 13/15. 7 Uhr. . Vornehmes Familien-Kabarett. „Nein, nein. Marcell ist kein guter Mensch! Zur Polizist!" „Nimm zwei Kopeken und lass' mich in Frieden!" „Zur Polizei!" „Bier Kopeken." „Zur Polizei, verdammtes Judenweib! Rasch." „§ier sind sechs Kopeken." „Gut. Aber die Münze bekommst Du nicht wieder, weil Du sie sonst Jemandem für echt geben könntest. Die Münze werfe ich in den Fluß." Leah schrie aus, wie von einem Dolche getroffen und heiße Tränen rannen ihr über die Wangen. „Was soll ich beginnen, was soll ich beginnen. Die Kinder, mein Mann! — O Gottx o Gott!" - Die Umstehenden nahmen an LeahS Mißgeschick tiefen Anteil, und Marrell entfernte sich mit seinem Begleiter und sagte: ,/Diesc Münze gefälscht! Ha, ha, ha! das dumme Weib.' Ich wollte, ich hätte eine» ganzen Scheffel solcher falscher Münzen." Kaum hatte sich der Wächter entfernt, als sich an der Biegung der Gasse der Viertelrichter zcigtö. Er schritt gemächlich aus den Ort zu, wo die F-ischweiber saßen. Marrell eilte schnell voraus und schrie aus voller Kehle: „Macht Euch schnell aus dem Staub, Weiber, der Viertelrichter kommt!" „Räuber, Mörder!" scholl cs ihm wütend entgegen, „soeben hast Du ja Geld genommen! Du hast ja geschworen, uns heute nicht mehr zu quälen! Geschworen hast Du ja!" ,Der Biertelrichter kommt! Fort von hier!" schäumte Marcell, ohne auf den Lärm der Weiber zu achten und breitete seine Arme aus, wie jemand, der Schafe oder Gänse vor sich herjagt. „So habe doch Erbarmen mit uns! Wir haben heute noch gar nichts gelöst!" „Ich kann Euch nicht helfe»! Schnell! Fort!" .„Wir rühren unspicht von der Stelle! Wir bleiben hier!" - „Ich weiche nicht, und wenn Du mich totschlägst!" rief Leah in dumpfer Verzweiflung. „Verdammte Judenbrut! Du wagst es, Dich zu widersetzen!" tobte der. Wächter ganz rot vor Zorn und,.ris; den einen von Leahs Körben zur Erde, so das; die kleinen L. Fassbenders ELonUturen ' wlader In Frankfurt in Frledenaqualltät. Kaisenstrasse 82. Fische nach allen Seiten hinflogen; die Bank, aus. der Leah saß, schleuderte er heftig gegen die Wand, das; sie in Stücke flog. „Weh mir! "Ein llnglück!" jammerte Leah; meine Fische! Mein Schweis; und-Blut! Meine Bank, der einzige Hausrat!" „Stefan! Kosma! Basil!" rief der Wächter und winkte den Hausmeistern der nahen Häuser; flugs waren die zur Stelle, umringten die Vertänserinnen, schlugen, stießen und zerrten sie, und trieben sie in die nächste Sackgasse, wo sic hart beieinander zu steh?» tamcn. Dieser Ort, wohin sich kein Mensch verirrte, war der von ihnen von Amtswegen zugewiesene Platz. Flüche, Klage», Geschrei und Schimpfwörter ertönten von allen Seite», das; die Gasse erdröhnte. „Mörder! Das Geld gib uns zurück!" „Sausbold! Das; Dich Gottes Fluch treffe!" „Daß Du zur Hölle fährst!" „Daß Dich kein Arzt heilen könne!" „So laß mich doch die Fische znsai»menlcsei>!" „Wir gehen ja, warum schlagt Ihr uns, Mörder!" „O, mein-Kops!" „Mein Gesicht blutet!" „Meine Hand!" „Meine Schulter ist ganz zerschlagen!" IV. . In diesem Augenblick kam der Biertelrichter zur Stelle. Der Wächter stellte sich in Positur und erhob die Rechte salutierend zur Mütze. „Was ist das für ein Lärm?" fragte jener. „Die Fischerinnen habe, ich verjagt!"' „L>o? Warum erst setzt? Warum Hast Du so lange getvartet?" „Ich — ich —" stotterte Marrell und blickte zur Erde, „ich habe sie schon früher 'davon gejagt, aber sie kamen wieder." „Lüge nicht!" wies ihn der Biertelrichter zurecht. „Du weißt, ich dulde keine Lüge. Bei mir kommst' Du mit der Wahrheit und der Gerechtigkeit am besten fort. Sie haben Dir gewiß etwas zngesteckt ..." Marcell schwieg. „Nun, ich will Dich ja nicht unglücklich mache». Ich habe Dich srül-er öster - gewarnt, Marcell; nimm Dich in acht! — Aber — mein Teil —" dabei blickte er ihn forschend an. „Ans Ehre," beteuerte Marcell, „Magdalena, der Teufel hole sie, hat mir alles abgcnommen." „Was klingt denn da in Deiner Tasche?" sragte der Viertelrichter und schüttelte die Rockschöße des Wächters. „Einige Kopeken haben sie nur jetzt gegeben, das ist alles," antwortete Marcell,beschämt, „hier habe» Sie es," und er gab ihnr dreißig Kopeken von seiner Beute. „Höre, Marcell," sagte der Biertelrichter, indem er das Geld in seine Tasche gleite» ließ, „ich gehe eben, um Mürels Handlung dort an der Ecke zu schließen, da ihre Konzession schon seit drei Tagen zu Ende ist. Geh' Du voran und laß cs sie wissen, damit sie diejenigen Waren fortschasfe, die sie zum Verlaus notig hat, bevor ich hinkomine. Verstanden? Du hast doch Ol im Kopse. Die dumme Jüdin weiß nicht, daß die Konzession schon seit einem Monate aus dem Amte liegt. Jeden 'Tag kommt fix gelaufen und macht mir den Kops voll: Das Papier, das Papier! Laß Oslsnä - Jlpotheke H. Plochiuann, Verwalter Hanauerlaudstr. 2. Telephon: H. 2802. la Himbeersaft, ersttarse8iBe. in r/i und * ljs Flaschen. sie lausen. Jnzwisckrr» wird sie nicht »»dankbar sein . . ." „Gut, Herr, ich gehe schon!" dabei wintte er Anton, ihm zu folgen. (Fortsetzung folgt.) Literarische Rundscha«.; Jüdisches Jahrbuch für die Schweiz. (6. Jahrgang: 208 Seiten und Illustrationen. Fr. 3.ö0. Basel, Verlag des Jüd. Jahrbuches.) Inhalt: Kalender — Rückblick — Jesaja (Hugo Zuckermann) — Grnndzüge des Chassidismus "(Rabb. Dr. A. Cohn). — Erez Israel (Dr. Max Rosenkranz) — Rabbi A. I- Kook (Dr. Marcus Cohn) — Israels Wiederbelebung (Obcrrabb. Kook) — Ruth (I. I. Trunk) — Die Religionder Bernunst ans den O.ncllcn des Judentums (Lndiv. Krauß) — Hebräische Lektion (Max Brod) — Messianische Endzeit (Dr. T-' Lewinstein) — Schlaslied für Mirjam (Richard Bcer-Hosmann) — Einiges über jüd. Erziehung (Dr. M. ' Ascher) — Mismor schir lejom haschabbos (Jchoasch) — Lewandowski's Bedeutung für den shnagogalen Gesang (Josef Mcssingcr) — CHofes d'Alsace (Honet Meirs) — Thvrakultur als Grundlage der nationalen Bewegung (Hilcl Zeitlin) — David (Dr. S. D. Steinberg) — Moderne jüd. Geschichtsschreibung (Mordechai Bogelinan») — Der Vogeldieb, Kindergeschichte (Max Jungman») — Die jüd. Turnbewcgung (Wrien Blum) — Die jüd. Gemeinde» in der Schweiz — Die schiveiz. jüd. Vereine. Die Durchsicht des obigen Inhaltsverzeichnisses macht weitere rmpsehlendc Worte überflüssig, denn sie erweist, daß das Jahrbuch eine wertvolle Erscheinung ans dem jüdischen Llteraturmnrkte ist. - Kinderheim vaumgarten. (Bericht über einen ernsthaften Versuch mit »euer Erziehung von Dr. Siegfried Bern sc Id. I2<> Seiten. 12 Mt. l!>2l. Berlin, Jüdischer Verlag.) Die neue Erziehung, von der in dieser Schrift die Rede ist, läßt sich von einem Standpunkt aus als sozialistische bezeichnen, von einem andern würde sie die wissenschaftliche heiße» müssen. Und zwar bezeichne» beide Worte nicht eine» erreichten Zustand, sondern eine Richtung. Der neue Erziel>er unterscheidet sich auch darin sehr wesentlich vom Konditorei und Cafö Ph* Iiauben&tein Hohenxollernstrasse 18. Telephon: Hansa 985. Spezialität: , Ananas-Törtchen und Pralines. geworden, jetzt aber kanr ihr ihre Lage zehnfach verstärkt wieder zum Bewußtsein. Nie vorher hatte cs sich ihr mit solcher schreckljchen Deutlichkeit aufgedrängt. Verzweifelt ries sie ihren Stolz zu Hilfe, der ihr doch vorhin bei Ellen solche gute Dienste geleistet hatte. Werjetzt war es ganz -unvorbereitet über 'sie gekommen. Klaßner schien alles bemerkt zu haben, was sie doch so ängstlich verberge» wollte, vor ihm mehr als vor jedem andern. Dennoch machte sie einen tapfer» Versuch dazu. „In meinem Heim werden Sie stets ein willkommener Gast sein." 1 „Darauf wollen wir uns die Hände reichen," sprach er, zum Fenster hintretend, um die Spannung des Augen,- btickes zu verringern. Er -hatte ihre feuchten Augen gesehen, und das Beben ihrer Stimme war ihm nicht entgangen. Er ergriff ihre Hände und ließ sie nicht kos. Ms sie wieder das Wohnzimmer betraten, drängte Burger zum Aufbruchs der auch bald erfolgte. XUI. Klaßner war fort, um sich mit den Vercinspslichten Vertraut zu machen, die er als Sekretär übernommen hatte. Tür er erst spät nach. Hause kommen wollte, konnte Ellen sich ungestört ihrer Arbeit widmen, die darin bestand, -das Manuskript seines Buches abzuschreibeu. Sie schlug den Fenstervorhang zurück, um das Tageslicht besser aus das weiße Papier fallen zu lassen, als ' Chase Rachel mit einer brennenden Lampe in der Hand im Zimmer erschien. „Ich danke Dir, Mutter," sprach Ellen freundlich. „Ich könnte mir in der Dämmerung vielleicht die Mlgen verderben." ,M«n, nicht Deiner Augen wegen," sprach die Alte unklug; ^sondern damit Dü keine Fehler schreibst." Die junge Frau lachte bitter. „Natürlich kommt das zuerst in Betracht, wenn auch meine Augen wirklich da- . runter leiden sollten! Wer Du brauchst keine Angst habe»!. Artur tveitz doch, daß -ich sehr gewissenhaft im Wjchreiben bin." „Weil nwin Sohn sehr klug ist." ,Klug? Er ist mehr als das, er ist ein Genie!" verbesserte Ellen lebhaft. Es war das erste Mal, dass die Alte eine Neigung zu erkennen gab, mit ihrer Schwiegertochter, . eine Unterhaüung anzuknüpsen. „Mein Sohn macht niemals Fehler," fuhr die Mte sinnend fort; „nur einmal hat er einen Fehler gemacht.", Die jnnge Frau war innerlich empört. Sie hätte wissen können, daß alles mir eine Einleitung war, »m ihr wieder einen Schlag zu versetzen. „Du meinst, als er niich zur Frau »ahm?" „Nein, als er midi zu seiner Mutter nahm." Ellen legte die Feder hin und sah die Alte über- .rascht an. „Ja, ja; ich habe schon recht, was ich sage. Ich habe nicht das Recht, seine Mutter zu sein," sprach sie «ruhig, dabei ihre Schwiegertochter fest anblickend. '„Ich bi» alt und dünn» und kann seine Klugheit nicht verstehen. Ich tann ihm auch nicht bei seiner Schreiberei, I-elfen." Elle» mußte sich Zwang aiitnn, >»» sich über den Gedankengang der Alten Klarheit zu vcrschasse». Sie verstund plötzlich d'ic Empfindung dieser Frau: die bei .dein Sohne jetzt nur erst in zweiter Reihe in Betracht kam. Es war das größte Opfer, das ein Mutterherz bringen mußte. „Ick; verstehe nicht seine Klugheit," führ Chase Rachel fort, als habe diese Phrase ihr besonderes Wohlgefallen erregt. Ellen trat einen Schritt zu ihr hin. „Mutter, darüber» brauchst Du Dich nicht zu grämen. Artur wird ja doch stets Dein treuer, guter Sohn bleiben." Die bisher verschleierten 'Augen der alten Frau sprühte» jetzt plötzlich Feuerslaimne». „Ha, Du willst mir das sagen! Was geht denn das Dich an? Da^ weiß ich ohne Dich. Denn hier, hier — — —!" Ihre «stimme steigerte sich zu einem Kreische», als sie nrit geballter Faust an ihre Brust schlug. „Hier sitzt er fest, und Du kannst ihn nimmer von mir raube»! 'Nicht zehir wie Du! Nicht mit Deincnr glatten Gesicht, nicht mit Deinen weißen Händen und nicht mit Deiner seinen Sprache! Ich habe ihn doch mit seinem Herzblut genährt, wenn er gehungert, ich habe ihn gehen und sprechen gelehrt mit meinem Mund, mit meinen Füßen! Ach, früher war er ein geliebtes- Kind gewesen. Dir aber willst ihn von mir nehmen!" Traurig trat die junge Frau von ihr weg und ließ sich Mieder am Schreibtisch -nieder. Es war also wieder eine Falle der schlauen Alten. Aber bei all ihrer Unruhe empfand sie doch> das; sich bei ihrer Schwiegermutter ein Gefühls Wechsel für sie vollzog. Anstatt der bisherigen starren und tödlichen Gleichgültigkeit, hatte sie begonnen,' ihr jetzt, wen» auch grollend, Aufnrcrksamkeit zit schenken: Chase Rachel hatte ihr gestattet, einen Blick in ihr Innenleben zu werfen> der ihr deutlich' zeigte, daß sie hinter der rauhen Schale einen guten Kern verbarg, daß sie nun,» mehr keinen gehässigen Angriff von ihr mehr zu besürchteir brauche. Sie nah», daljer das Blatt wieder zur Hand, um da sortzufähren, wo sie vor der Unterbrechung aüf-> gehört, wobei sie, aber doch ans das Schließen der Tür achtete, um sich zu vergewissern, daß sie wieder allein sei. Als alles still blieb »»d sie aufblickte, stand die Alte noch immer hinter ihr. „Du willst gewiß die Lampe wieder mitnehme»," -sprach Ellen mit einem Schein der Unbefangenheit. „Hier, nimm sie nur ruhig mit, ich werde doch das Gas bald anzünden müssen." Sie hielt ihr die Lampe hi»,' aber Chase Rachel machte leine Bewegung. „Ich habe Dich wieder böse gemacht," sprach die Alte, „wie vor zwei oder drei Wochen. Ich bin eine schlechte Frau und ,vergies;e Dein Blut tute Wasser'. Du aber bist gut und fein und »lachst leinen Lärm und läufst nicht z» Deinem Mann, um über die Schwiegermutter zu schimpfen, wie andere junge Frauen. Du bist ein gutes, kluges Mädchen und — und — eine Dame!" Verstohlen und leise strich sie mit ihrer knochigen Hand Über Ellens Scheitel und verließ eilig das Zümner.; Ellen blieb eine Weile sitzen, als wäre sic von einem Zauber umfange»,. während ein tranmhastcs Lächeln ihre Lippe» »inspielte. Mit einem Herzen voll freudiger Dankbarkeit gab sic sich wieder der Arbeit hin. Die Feder lief .hastig wie aus eigener Kraft über das Papier, und weder Gpist »och MnS'kel schienen notwendig, um ihr die Richtung zu geben. Mit Erstalinen nahm sie ivahr, das; sie bereits zu Ende gekommen war. .Sorgfältig schichtete sie die beschriebenen Blätter zusammen und legte, sie in eine Mappe. Was aber jetzt? 'Es war erst acht Uhr, daher fast noch zivei Stunden, bis ihr Mann kam. Sie trat zum ossenen Fenster ilnd ließ mit Behagen d,ie frische Lust ihren Kopf kühlen. Sie ging auf die Straße, die ihr von früher» Spaziergängen mit Artur bekannt war, wo sie auf der andern Seite eine große Menschenansammlung bemerkte. Mechanisch ging sie hinüber und befand sich halb von einer Anzahl Männer und Frauen uMgeben, die in einem tiefen Schweigen verharrten. Jetzt erst bemerkte sie, daß die Mensche» Zugehörige der Heils!, ariuee waren. Alle hatten sie die Köpfe gesenkt und die Hchide -gefaltet und waren in tiefer Andacht versunken) Mach einer Weile richtete sich ein Mann, der in der Mitte stand und der Anführer zu sein schien, toieder auf nick rief mit lauter über sanfter Stimme: „Brüder und Schwee« stern! Lasset uns jetzt. das Lied singen, das der ganzen Christenheit bekannt ist!" (Fortsetzung folgt.)'

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.