Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 39 (14.10.1921)
- Date
- 1921-10-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 39 ~ Neue Jüdische Presse. PAUIi JORICHS KÜNSTLERSPIELE 7 Uhr' Sehäfergaase 13/15. 7 Uhr. Vornehmes Familien-Kabarett. Keren Hajessod propagiert wurde. Aus dein Kongreß vertrat Meier Berlin zusammen mit Farbstei» den Misrachi im Präsidium. Im übrigen berichtete der Redner über die Kongreßverhandlungen, die den Lesern dieser Zeitschrift bekannt sind, .speziell über -die Mssrachiverhandlungen. Erschloß mit der von Oberrabbiner Chajes vorgeschlageneu und von der zionistischen Leitung angenommenen Resolution und sprach die Hoffnung cuis, daß Herr Prof. Pick, der Vertreter des Misrachi in der palästinensischen Exekutive der -zionistischen Organisation, sür die Durchführung dieser Resolution Lwrge tragen werde. ,■ Dein Bericht des Herrn Dr. Michael fügte Herr Edwin Feist einige persönliche Betrachtungen hinzu. Er vermißt im großen Ganzen innerhalb der zionistische» Reihen das tiefere Verständnis für die religiöse Idee. Es fehlt eine freudige, bereitwillige Unterstützung des Misrachi seitens der zionistischen Organisation. Er empfindet die Zugeständnisse der zionistischen Leitung an beit Misrachi als gezwungen. Er fordert den Misrachi aus, immer und immer lyieder -»an seiner eigenen, religiösen, Stärkung zu arbeiten, seine jüdische Ausfassung innerhalb der zionistischen Organisation' mit Kraft und Mut zu vertreten und durch tüchtige, praktische Leistungen im Sinne der Thora sich die Anerkennung und das Verständnis seiner Chawerim zu erringen. So ist die Gründung orthodoxer Siedlungen eine dringende Ausgabe des Misrachi, wodurch man mehr Eindruck machen wird, als durch Resolutionen. Die Errichtung solcher Siedlungen ist bei gutem 'Willen und einiger Tatkraft durchaus ausführbar, denn tatsächlich hat das Aktionskomitee diesbezügliche Forderungen des Misrachi und das hierfür notwendige Budget bereits bewilligt. Erfreuliches zeigt die Schulfrage. Durch das Zusammenarbeiten von Charedim und allgemcineu Zionisten wird das Verständnis für orthodoxe Schulen wie sür die religiöse Idee überhaupt geweckt. So propagierte auf dem Kongreß Mossinsohu für die Errichtung religiöser Schule». Rabb. Schönfeld scheint auch die geeignete Person zur Förderung des religiösen Schulwerks zu sein. Ein Mitglied der zionistischen Exekutive (Ussischkin) sprach den Wunsch aus, alle Schulen Palästinas mögen nachdem. Beispiel von Schönfeld geführt werden. Zunächst aber ist die vornehmste Aufgabe jedes einzelnen Zionisten, sein Bestes zu tun, um die recht prekäre Geldsrage zu heben. Bisher L. Fassbenders KLonfltia.r©n wieder in Frankfurt in Frledeqsqualltät. Kaiserstrasse 33. . besteht der größte Teil deck Keren Hajessod-Gelder aus Spenden des Misrachi wie der religiösen Juden überhaupt. Der Misrachi soll sich weiter bemühen, den Keren Hajessod wie seinen eigenen Erez-Jsrael-Fonds nach besten Kräften zu unterstützen. Den Worten des Herrn Feist schloß sich Herr Rabb. Reines an und forderte den Misrachi »och einmal , auf, sein Bestes auf materiellem und geistigem Gebiet für de» Aufbau Erez Israels zu geben. Frankfurter Beranftaltuugen. Mit dem beginnenden Wintersemester richten auch die Religionsschulen Hermesweg und Unterlindau hebräische Sprachkurse für Schüler der oberen Klassen ein. Die Kurse werden nach derselbe» Methode wie die der Hebräischen Sprachschule geleitet werde»,- das heißt in „Jwrit-b-Jwrit". Anmeldungen bei Rabbiner Dr. Jakob Horovitz, lt. Anzeige im Inseratenteil. Jüdischer Turnverein, I. T. D. Heim und Büro: Unterlindau 21. Turnzeiten: Herrenabt.: Mtttrvvch, 8, Mauerweg 1; Zöglingsabt.: Montag, 8, Dentschhercnkai 17; Knabenabt.: Montag, 5 Uhr nachm., Mauerweg 1; Damenabt.: Donnerstag, 8 Uhr abends, Wittelsbacher Allee 10; Mädchenabt.: Donnerstag, 4 Uhr Nachm.. Wittelsbacher Allee 10. — Sonntag 7—12 vorm., Riederwaldwiese (Endstation 18s: Sport. Leah, die Fischverkiiuferw. Skizze aus dem russisch-jüdischen Leben von Ben-Avigdor. Aus de,n Hebräischen übersetzt. (Fortsetzung.) „Sie nur, Zippe," deutete eine Bohnenverkäuferin aus einen jungen Mann, der neben einem Sack mit Bohnen stand, „sieh, Schmerl wird von Tag zu Tag reicher." „Ja, er hat Glück," erwiderte die Angeredete seufzend, „und Ivir sündigen Frauen haben'» nicht." „Wirklich! — Schon zwanzig Jahre sitzen wir hier und sind blutarm,. — und er hat sich in einem Jahr schon so viel Geld erworben, daß er einen Sack Bohnen Herstellen kann." „Dafür ist er ein Man». Doch wir sind nur Frauen, verlassene Witwen. Wer kann es mit den Männern anfnchmcn!" „Frauen, erbarmt Euch eines Blinden!" „Frauen, eine arme Waise!" „Eine Gabe für eine kranke Frau!" „Gott gebe Dir für Deine Güte ein langes Leben!" „Gott gebe Dir das jenseitige Leben!" „Gott lohne Deine Gabe Hunderttausendmal!" „Frauen, Frauen!" rief eine Frau mit einem roten Tuch in der Hand, in dein Kupferstücke tönten, laut in die Menge hinein, „Frauen, gebt Eure Gaben sür die - Jefchiwa!" Eine jede brachte ihr Scherflei», keine verweigerte es- „Gott gebe Dir Glück!" dankte die Einsammlerin. „Ich wünsche Dir einen Verdienst von hundert Rubeln!" „Mir würden drei genügen!" antwortete die eine skeptisch. „Und mir einer!" warf eine andere ein. . „Ich gebe nichts!" rief eine Nüsseverkäuferin der Einsammlerin zu, „ich habe noch kaum einen halben Rubel verdient, ich kann nichts geben!" Offenbacher Dmklult-Anlage Offeabaoh a. Telefon 123. Unübertroffene Tepptabreinlgug mittelst Druckluft. „Wenn Du Almosen gibst, hilft Dir Gott. Du kannst heute noch viel Geld verdienen. Gort kann alles." „Für eine arme Braut habe ich heute gegeben, daniz für eine kranke Wöchnerin, heute mittag speist ein Jeschiwa- Bocher bei mir, — Gott weiß es, ich kann nicht mehr." „Vielleicht hast Du in diesem Sechrcs den halben Rubel verdient?" ließ die Einsammlerin nicht locker. „Laß sie!" sagte eine Nachbarin, „wenn sie sich weigert, dann kann sie gennß nicht." „Leah, Du fromme Seele!" wandte sich jetzt die Einsammlerin an eine Frau, die ihr soeben ihre Gabe gebracht harte. „Gott segne Dich, Du verweigerst nie eine Gabe." „Wenn ich nur könnte, ivie ich so gern möchte; vielleicht würde Gott sich meiner erbarmen und meineir Mann gesund machen," erwiderte Leah traurig, und Tränen rollten über ihre Wangen. „Weine nicht!" riesen zugleich, während sich ihnen selbst die Angen feuchteten mehrere Frauen. „Weine nicht! Gott ist groß und gut! Dein'Mann wird gesunden, Reb Salmnon ist ein wahrer Zaddik, er darf nicht krank sein!" ' „Mögen Deine Worte in Erfüllung gehen!" sagte Leah. „Wer kennt die Frömmigkeit und Gottesfurcht meines Mannes besser als ich? -Auf dem Krankenlager wird er nicht müde, Thora zu lernen, sobald shin etwas leichter wird. Er lernt auswendig, alle heiligen Bücher kann er auswendig. Und wie sanftmütig er ist! -Niemals beklagt er sich über seine Krankheit, nur weil er nicht gehörig in der Thora lernen und Gott dienen kann . . . Ach, und wie gut er ist! Er murrt nicht und ist niemals übellaunig» er klagt niemals über seine Schmerzen, obwohl er schrecklich leidet. Nur darüber grämt er sich, daß ich mich plage mit Frost und Wetter und draußen sitze» muß. Oftmals» bat er mich, ich möchte ihn ins Krankenhaus bringen, um es mir leichter zu machen . . . Aber ich kann's nicht über mich bringen ... Es schneidet mir ins Herz, zu sehen, welche Qualen er ausstehcn muß. Heute ist' ihm sehr schlimm, schlimmer als sonst, er ist ganz entkräftet. Ach, Ribbono schel Olam, wie "gern möchte ich für ihn krank sein! Er ist ein gerechter und gottessürchtiger Mann und ich nur ein sündiges Weib! ..." „-Nicht doch, Leah!" protestieren einstimmig die umstehenden Frauen. „Choliloh, Gott bewahre, wer wird soetwas sagen! Bleibe Dir gesund, und Deinen Mann wird Gott Herstellen!" Oslsnä - Jlpothehe H. Plochmann, Verwalter Hanauerlandstr. 2 - Telephon: H. 2802 Artikel zur Krankenpflege Ia. Verb and-Watte, Binden, Kall. Jedem Das Seiuige. Roman von M- Pulvermann. (Fortsetzung.) „Um Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nehme ich a», daß der Gedanke nicht von Ihnen ausging. Mir aber ist das ganze Manöver in der Seele verhaßt, und meine Mutter hätte sich nicht all diese Mühe zu geben brauchen, um uns beide hier allein zu lassen. Falls Sie mir etwas sagen wollten,-hätte» Sie Mittel und Wege finden müssen, dies auf andere Weise zu tun. Immer wäre es inir doch nicht möglich gewesen. Ihnen auszuweichen." „Daß Julius' Sache keine Komödie, sondern ein Trauerspiel ist, werden Sie sich bald überzeugen. Aber aus Ihrer letzten Bemerkung habe ich herausgehört, daß Sie doch eine Aussprache nrit mir erwarten," sprach er lächelnd, wobei er sich vergeblich Mühe gab, den Triumph in seinen Augen zu verbergen. „Zunächst möchte ich eine Bitte aussprechen, daß Sie nicht immer »Fräulein Alice' zu mir sagen. Mir ist da, als spräche unser Hausmädchen zu ncir, wenn sie etwas von mir verlangt." Dann aber biß sie sich auf die Lippe» und Nncrde schamrot. Sie hätte sich doch mehr im Zügel halten sollen. Solche Redensarten hätte man eher von Stella erwarten können. - Burger sann einen Augenblick nach. „Auf mein Wort," sprach er mit einem schwachen Lächeln auf den Lippen, „mich soll das Mäuschen beißen, wenn ich weiß, was ich daraus machen soll! Entweder bedeutet dies, daß ich meinen Hut nehmen soll, um zu gehen . . ." Er machte eine kleine Pause und wartete aus ähre Verneinung, da aber keine kam, fuhr, er weiter fort: „Oder ich sollte . . . Aber ich denke dem »Oder' den Vorzug zu (geben und Sie einfach .Alice' nennen. Nun, Alece, wollen Sie es mit mir versuchen?" Diese Worte, obwohl mit heiserer Stimme gesprochen, hatten doch einen sanften, sogar einen herzlichen Klaicg. Alices Antwort aber bestand darin, daß sie den Fenstervqxhang nur fester faßte, so daß die Ringe oben an der Stange leise klirrten. * „Ich weiß es, daß ich in mancher Hinsicht Ihrer nicht würdig bin," fuhr Burger fort und die Stimme sank zu einem Flüstern herab. „Ich verarge es Ihnen auch nicht, daß Sie kein, großes Verlangen nach mir tragen, aber aus demselben Grunde dürfen Sie mich auch nicht tadeln, daß ich ein solches Wohlgefallen an Ihnen finde. Alice, soll ich. noch mehr sagen?" " Sie ritz sich gewaltsam aus ihrem. Nachdenken. „Noch mehr sage»? Ich . weiß es nicht. Ich gestehe Ihnen, daß ich nicht aufmerksam genug Ihne» zugehört habe." „Das hat nichts zu bedeuten. Ich wiederhole es ganz gern noch einmal, lvenn Sie nur jetzt zuhören wollen. Ich will Ihnen auch sagen, warum ich eigentlich wieder nach Afrika ging. Meine -Ausrede, daß ich dort Geschäfte zu erledigen habe, entsprach nicht den Tatsachen. Mein dortiges Geschäft ist so eingerichtet und so fest gegründet, daß ich nicht den 'geringsten Verlust erleiden würde, auch wenn ich dort nur einen einzigen Lehrbuben beschäftigen sollte. Meine Anwesenheit dort war unnötig. Aber ich unternahm die Reise, um Ihnen hier freie- Feld zu lassen, um Ihnen Gelegenheit zu geben, sich über Ihre Gesinnung klar zn werden. Das war natürlich nur sür Sie nötig. Ich war ja mit mir einig. Ich hielt es daher für ratsam, gänzlich vom Schauplatz zu verschwinden, auf daß Sie, unbeeinflußt durch meine Gegenwart, Ihre Gefühle einerunbefangenen Prüfung unterziehen konnten. Sehen Sie, Alice," seine Gesichtszüge erhellteit sich ein wenig, „ich >veiß ja, daß ich außer meinem Gelde nichts besitze, das für mich sprechen könnte, aber etwas ist doch vorhanden, daß Sic zu meinen Gunsten auslegen müssen . . . Alice, hören Sie denn, was ich zu Ihne» spreche?" „Jawohl,, ich höre," war ihre 'klare, nüchterne Antwort. „Eines -Abends kaut es über mich, plötzlich, das mich bis zum nächsten Morgen peinigte, obwohl Sie — nehmen Sie es mir nicht übel, daß ich so offen zu Ihnen spreche — nicht nach jedermanns Geschmack sind, und obwohl ich es mir nie vorher habe träumen lassen, 'daß ein Mädchen wie Sie mich so fesseln und alle meine Grundsätze über den Haufen werfen könnte. Ich fürchtete immer, eines Tages wahrscheinlich bei einem der vorlauten, aufgeputzien Mädchen hängen zu bleibeir, bis ich Sie, Alice, sah! Da hatte ich kein Auge und kein Ohr mehr für die andern. Daraus aber können L>ie entnehmen, daß ich doch kein solcher Narr bin, um mich von einer jener Lorke einfangen zu lassen. Spricht dies nicht ei» wenig für mich, Alice?" Sie wußte nicht, sollte sie über ihn lächelic, oder ihm etwa gar zürnen. Hier war ein Mensch, ein Sieger in dem Lebenskämpfe, dem Hunderttausende unterliegen, und derselbe Mensch bemühte sich, seinen Scharfsinn dadurch zu erkennen zu geben, daß er sich in ein einfaches, simples Mädchen über die Ohren verliebte. Sie sah ihn scharf an und sprach: „Herr Burger, ich bin entschlossen. Sie zu heiraten, denn . . ." Ein Freudenruf von seinen Lippen unterbrach sie. Doch sic winkte abwehrend mit der Hand und fuhr fort: „Wenn Sie »och die Lust dazu verspüren sollten, nachdem ich Ihnen auch meine Gründe sür meine Einwilligung mitgeteilt habe. Ich glaube, es ist besser, wenn wir uns über diesen Punkt vorher klar werden." Er nickte ihr verständnisvoll zu. Sie sprach weiter und berührte ungeniert den Kern der Sache. „Da ist zunächst meine Schwester Stella, die sich einbildet, daß ich ihr im Wege siehe- Ihretwegen bin ich in großer Unruhe. Sie ist noch so jung und so lebhaft. Ich fürchte, daß ihre Drohung uns eines Tages zu verlassen, keine leeren Worte sind. Ich möchte eine solche Torheit nicht aus mciiieni Gewissen haben." „Das stimnit," murmelte er leise. „Die nächste Ursache ist natürlich mein Bruder Julius. Als ihr Schwager wäre er vielleicht zu dem Anspruch berechtigt, sich bei Ihren Geschäften und Unternehmungen zu beteiligen. Bei seiner eigenen Unselbständigkeit kann er den Weg des Lebens nie allein gehen. Die letzte Katastrophe hat ja dies bestätigt, obwohl ich vorhin anderer -Ansicht war. Ich hielt es sür eine kleine Komödie uni» bitte Sie deshalb um Entschuldigung. Was ihm jetzt Pas-- siert, kann sich bei ihm noch öfter wiederholen. Ich erwarte nicht viel von ihm, und er selbst erwartet noch viel weniger von sich. Armer Junge! Ich möchte daher seine Zukunft sicher», was Ihnen nicht schwer fallen dürste. Das, Herr Burger, sind meine Gründe. Sie sehen, daß ich ganz osscn mit Ihnen spreche, und ich erwarte von Ihnen noch weitere gleiche Offenheit." __ „Die sollen Sie haben," sagte er mit einem Lenfzer, „indem ich Ihnen erkläre, daß Bettler nicht wählerisch sei» dürfen." Sie atmete tief und preßte die Hand auf die Brust. Sie hatte jetzt alle iPferle verschossen und mußte sich "nunmehr ergeben. I» Gottes Namen! sie reichte ihm die Hand, die er mit einem Freudenjauchzen ergriff» ohne aber, - als Merkmal seines Eigentums, seinen Mund ans ihre Lippen zu drücken. Sie biß die Zähne zusammen und bot ihm ihre Wange dar, die er leise, mit knabenhafter Schüchternheit berührte. Bald aber entzog sie sich ihm und sprach hastig: „Ich habe noch etwas vergessen." Aengstlich schlug er seine Augen zu ihr auf. . i