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Neue jüdische Presse · 1921-10-07 · Heft 38 (7.10.1921) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 38 (7.10.1921)
Date
1921-10-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. Neue Jüdische Prksse. Nr. 38. G-ebt Arbeit statt Almosen! . Der Unterzeichnete Verein bittet alle Glaubensgenossen, vor aUem die auswärtigen Leser, Vakanzen, Lehrstellen sowie Arbeitsgelegenheit, wenn auch nur vorübergehend, mitzuteilen.' Berufsberatung u. Arbeitsnachweis f. Juden e. V., Frankfurt a. M., Börnestr. 54156. Telef. H. 7085. Kurt Zachari as forderte Mitarbeit am Aufbau der jüdischen Gemeinschaft, für die wir verantwortlich sind^ Einsetzen für die notleidenden Ostsiiden unser Pflicht. Opfer verlangt die Zeit, nicht Wohltaten. 3 ä nt y :1k o s e i, b c r g öetonte die Ziisaiiiiueugehörigleit von jüdischer Stadt- und Landjugend. Alfred Apfel verwies «uf die Vorkriegszeit, in der der Verband der jüdischen Ingendvercine Deutschlands den beachtenswerten Versuch machte, den inneren Kamps des Judentums zu überwinden, Vermittlung jüdischen Wissens zu gewähren und den Antisemitismus zu bekämpfen. Der Verband sei der erste praktische Nachweis gewesen, das; es möglich sei. Tausende von Juden zu einen. Die allgemeine Gährung der Nachkriegszeit erfasste mich die jüdische Jugend, die sich mit letzter Intensität die Frage vvrlcgt: Was bedeutet es, Jude zu -sein? Die jüdische Jugend prüfe sehr ernsthaft die Frage, ob die bisherige Methode der Bekämpfung des Antifemitismus bcibchaltcu werden könne. Der Prüfung dieser Frage werde der Jugendverband einen Hauptteil seiner diesjährigen Wintcrarbeit widmen müssen; der Vorstand sei gerne bereit, diese Prüfung gemeinsam mit anderen Organisationen vorzniichincii. In uachdriicklich)c!i Worten warnte der Vcrbaiidsvvrsitzende, die immer mehr um sich greifende tnhskischc Tchwärmerei der Jugend zu >fördern, obschon diese als erklärliche Reaktion der Nachkriegszeit zn verstehen sei. Aufgeregtheit sei aber kein Programm! Unter Hinweis auf Max Brod verlange er, Pas; das Jndeiitum sich mehr als bisher um die Dinge des Tages kümmere. Der Neiitralitätsgedanke bedeute keineswegs Blutleere. Der Jugendverband solle auch weiterhin ein gewichtiger Faktor im politischen Leben des deutschen Judeiitums bleiben. Für seine Stellniignahmc seien insbesondere inastgcbcnd das Treubekcnntnis zum Vaterland, das in der ersten Dclegiertcuversamnilung nach dem Kriege abgelegt worden sei und die Palästinaresolution der Casseler - Führcrtagung. Die Mitarbeit an dem Aufbgn Palästinas bleibe nach wie vor eine wesentliche Bcrbandsaufgabe. Der Karlsbader Zioiiisseukongrest habe' gezeigt, daß das Jndciitniii Führer größten Formats habe. Möchte doch auch dem deutschen Judentum wahre Führer entstehen! Paul Eppstein brachte eine Zusammenfassung des ganzen Abends und formulierte neuerdings die Forderungen der Jugend. Liebesgemcinschaft gestalte das Werk der jüdischen Jugendbewegung. Jeder," der in sich die gleiche Stimme hört, nehme Anteil an der Arbeit. Fritz Schwarzschild-Frankfurt a. M. schloß die Versammlung mit einem warmen Appell au die Eölncr jüdische Jugend. Der Versammlung wohnten zahlreiche christliche Teil- .nehiucr bei, darunter auch in den verschiedenen Jugendbewegungen führende Persönlichkeiten. - KurtNe u. Erez Israel. Pläue der BraudeiS-Gruppe. Dr. Bcnderl.i, der Leiter der American Paleftinc Ch., der nach Palästina abgereist, ist, erklärte einem Vertreter des I. CB., das Kapital der Gesellschaft betrage 5 Millionen Dollar, ihre Aufgabe sei, ihr Kapital in Palästina ans kaufniännischer Basis zu investieren. Deutsch-Oesterreich. zionistische Massenversammlung. In dem riesigen Sofiensaal Wiens fand eine machtvolle zionistische Massenversammlung statt. Obcrrabbincr Dr. Ch ajcs, Dr. 2 chalit und Jabo t i n s k y sprachen. I a b o t i ii s k h, der letzte der Redner, wurde mit einem minutenlangen Beifallssturm begrüßt, seinen Worten wurde bcchitäblich atemlos gelauscht, und als xr schloß, alle Schwicrigleikeii des Anfbans Erez Israels seien doch gering für ein Volt, das den Aufbau feines Landes schon einmal durch die Krafr seines Willens vollzogen hat, da brauste cs wie Jubel durcli den, Saal. Pole«. Die Baron-Hirsch-Schule». Lemberg. Die Baron Hirsch-Stiftung hat ihr ans österreichischen <Äidbahnakticn bestellendes Vermögen in polnische Staatsanleihe im Betrage von 150 Millionen polnische Mark umgetauscht. Sic will nunmehr 20 Scliulen wieder in Betrieb setzen. Leider sollen die Schulen in dem früheren assimilatorischen'-Geiste fortgeführt werden. Frankfurt in Frledenaqualltät. Kafoentrasse SS. Rumänien. Rabbinertagnug. ___ Die -Rabbiner der Kongreß- und Statusqno-Gemeiiidc Siebenbürgens und des Banats hielten in Cluh (Älauenburg) eine zweitägige Konferenz ab. Sie beschlossen u. a., daß das zu errichtende Rabbinersemiiiar auf -traditioneller Grundlage zu stehen habe, und daß die Rabbiner den Keren Hajcssod mit Energie fördern sollen. Kurze politische Nachrichten. Wie«. In O b e r p u l l e n d o r f wurde der jüdischen Bevölkerung von den m a g h a r i s ch e n Insurgenten eine Abgabe in der Höhe von 8l 000 Kronen aufcrlegt, die innerhalb eines Tages gezahlt werden mußte. Warschau. Pontkowski.der neue Ministerpräsident, erklärte dem Abgeordneten Dr. T hon, es werde sein Bestreben sein, oaß die Konstitiitioii nicht nur ins Leben, sondern auch ins Blut des Voltes übergehe. Deshalb betrachte er auch die Lösung der Judciisrage als sein Ziel. — Bei der Volkszählnng ist das Jüdische als Mutterspradie ancrlaiiiit worden. Personalien », kleine Ptttteilunge». Bad Homburg. Rabbiner Dr. Winter tritt Mitte Oktober sein neues Amt 'als Rabbiner der israelitischen Gemeinde Lübeck an. Kowno. Aus Veranlassung dom Minister Dr. Solo- >v c i t s ch i f, Baal M achaschowaus und I. Leisero witsch ist hier eine „Jü d. -H i st o r. -E t h n o g r. Gesellschaft in L i t a u e n" gegründet worden. Frankfurter Berichte. AgndaS Jisroel-Jugendgruppe. Am letzten Donnerstag fand eine Mitglicdervcrsau»»- lung der Ägiidas Jisroel - Jiigendgruppe statt, die sich mit dem -Wintcrprogramm befaßte. Die Diskussion, die sich bis gegen Mitternacht hinzog, befaßte sich vorzugsweise mit der Heranziehung der ciiizelnen Mitglieder zur intensivcrcn Arbeit sowie mit der geplanten Schließung der Vereinsräiimc während der Tagesstunden. (Die Jugendgruppc soll küiislighin an -Werktagen mir von v Uhr abends an geöffnet sein.) Arankfurter Veranstaltnugen. - Jüdischer Turnverein, I. T. V. Heim und Büro: Unterlmdan 21. Turnzeiten. Herrenabt.: Mittwoch, 8, Mauerweg 1; Zöglingsabt.: Ddoytag, 8, Dentschherrnkai 17; 5knabenabt.: Mvrckag, 5 Uhr nachm., Mauerweg 1; Damenabt.: Donnerstag, 8 Uhr abends, Wittelsbacher Mee 10;- Mädchenabt.: Donnerstag, 4 Uhr nachkn., Wiktelsbacher Mlee 10. — Sonntag 7—12 vorm., Riederwaldwiese (Endstation 18): Sport. Seal), die Fischverkiruferiu.*) Skizze aus dem russisch-jüdischen Leben von Bcu-Avigdor. Aus dem Hebräischen übersetzt. Es war ein Frei'tagvorinittag in der Judeiigasse zu Wilna. Ein Getöse wie die Brandung eines Meeres jam einem schon entgegen, wenn man sich von der Deutschen Straße l/er der Judeiigasse näherte. Denn diese diente als Warenlager, Marktplatz-und Bersammlnugsort; in ihr hastete, drängte und schrie alles. - Au diesem Wiiileriage schwebte über dem Wald von flaltcriideii Tüchcrn und ragenden Männerhüten ein Ransthen, nngrcifbar, aber stark und ein Nebel, gelblich grau. Am Ende der Straße stand steif und kerzengerade der Hüter der Ordnung. Seine hiiiterlissigcn Katzenaugen in dem fleischigen Gesichte und zu Seiten der langen, kupferfarbene» Nase schauten hin und her. Die Hände staken in den Taschen, ,iinö nur wenn ein Vorgesetzter! vorbciging, zog er sie, um zu grüßen, hervor. Die Straße war schmal und krumm. Ans den kleinen, schiefen, geflickten.Fenstern der alten verwahrlosten Häuser sah die Armut heraus. Nur im Hintergrund der Straße siel ein hoher, einstöckiger Ban ans, dessen Erdgeschoß mit seinen Läden und Gewölbe» wohl den anderen Häusern glich, d-sse» hohe» Bogenseiistcr im oberen Stockwerk aber dem Ganzen ein besonderes Gepräge verlielsen. Hier war das alte Bcih-Hamidrasch' des berühmte» Wilnaer Gaons. Dahinter blickte ein einfacher, blangestrichener, mächtiger Ban hervor, uiiigcbcii von mchrcren kleinen Bauten, die sich aiischmicgtcii, als suchten sic Schutz: die große Synagoge und die Bcthäuscr der Vereine und Genossenschaften. Nahe dem Giebel des Hauptgebäudes zogen sich, die eine über der anderen, zwei mächtige Holzgalcricu hin, wohl eine Laune .des Baumeisters. Rechts gegenüber dehnte sich iw idie Länge und in die Breite ein Hvf> der unzählige kleine Höfe/ Gänge, Häuser und Gäßchen faßte, ans denen ein fortwährendes Gemurmel drang, als ob ein Biciiciischwarm summte oder als ob ein Strom rauschte. Das war die Jeschiwa. Die Läden zu beiden .Seiten der Straße hatten meist mit einer engen Mauernische, einem Spalt oder Winkel im Torwege ihr Genüge. Oder aber es war oben in der Wand ein Brett sestgenagplt, um das Warenlager ausziiuchmeil. ' ' - Empsehlciidc Schilder waren noch nnbekaiiiit. Die Waren aus - den Bänken oder ans dem Boden vor den Türen sprachen für sich , selber , oder ihre Verkäufer sprachen für sic. ' . / *) Im Andenken au Ben-Avigdor veröffentlichen wir noch einmal sein;,Leah, die Fischverkäuferin", welche Erzählung wir' vor 'Jahren .brachten'.' D. Redakt. FAUL JO RI CHS KÜNSTLERSPIELE 7 Uhr Schafergasse 13/15» 7 Uhr. Vornehmes Familien*; Kabarett. Alles war zu kaufen: Mehl und Kohle», Reis, Sauer kraut, Kartoffeln, Kalk, Butter, alte Kleider, Wachs, Nadel» Heringe, Zlvirn, Töpsc, Halstücher und was ein Menschcnhex sonst pur schönes oder Eßbares begehreif kann. Durch die eigentfidjc Straße, wo im Gedränge di, kreischenden Stiinnicn der Verkänscriniieii diircheinaiidci sich mischten, wogte cj»c ganze Reihe wandelnder Läden: eine Bank, ein Korb, eine Mulde, ein tragbares Gerüs, und darauf einige Acpfel, Bratkartoffeln, Bohnen oder andere Leckerbissen für den heiligen Sabbat. Die Vcrkäiiferiniieii braun und blau vor Frost und in ärmlichen Lumpen, wärmten die steifen Finger an den Fcuertöpse», schrieen den Preis ihrer Ware aus und verließen auch mal ihren „Stand", tun' einem Kunden ober Kundin am Aermel oder Rvckschoß aiizufasse» und. trotz allen Widerstrebcns wörtlichster Bedeutung herbeizuziehe«. . „Frau, gnädige Frau!" schrie eine der Verkäuferinnen einer Hausfrau zu, „was kaufen Sie? Hier gibt es Weißbrot hell wie das Licht der Sonne!" „Zn mir. Gnädigste! Ihr Brot ist schimmelig, doch meines kiinpersig wie Eierkuchen!" kreischte eine Nachbarin. „Sie lügt! Solches Brot finden Sie in der ganze« Stadt nicht wieder!" wehrte sich die erste. „Achten Sie nicht auf das .Gerede! Ihr Brot ist ohne Salz!" — uitb mit diesen Worten trat sie ans der Tür und suchte die lAiigcriifcne in ihren Laden zu zerre». „Laßt mich nur gehen! Ich will gar kein Brot." „Franc», Frauen, daß Euch Gott segne, kommt her! — WaS kauft Ihr? Graupen, Reis, Hirse, Nudeln für Schabbcs?" „Kartoffeln, groß wie Melonen!" „Bratkartoffeln, köstliche Bratlartosfel», drei für eine Kopeke! Jeschiwa-Bochcrim, hierher, hierher!" „Du Junge von der Jeschiwa, schuldest Du mir nicht noch zwei Kopeken für Kartoffeln, — und iinii kausst Du anderwärts?" „Die Dciiiigcn sind ja vcrsault?" „Meine Kartosfeln verfault, hört Jhr's? Alle Wc» weiß, daß ich die besten Kartoffeln habe, — und der sagt: „Verfault". Daß Dir die Gedärme verfaulen. Du Nascher! Sofort meine zwei Kopeke» her!" „Ein anderes Mal. Heute geht cs nicht-" „Ein anderes Mal? Wer sagt mir, daß Du Taugenichts bis zum anderen Mal lebst? Ich werde mich bei Red Jokcl, dem Aussetzer, beklagen." „Bitte, Geiiandel, tu 's nicht. Ich kansc ja schon wieder bei Dir." „Dann bist Du mein lieber Sohn. Für wieviel willst Du, mein Herz?" „Bohnen,- Bohnen! Trockene Bohnen, weiche Bohne», heiße Bohnen!" „Klöße, Frauen, warme Klöße!" „Hierher, hierher, Frauen! Klöße! Drei für zwei Kopeken!" „Was kaiiscii Sie, mein Herr? Wichse, Kerzen, Lainpendochte, Zylinder, Kleiderbürsten?" . , „Vorsicht! Hü, hat!" brüllte von einem in rasche», Trab fahrenden, mit Mchlsäcken beladenen Wagen ein Bauer. „Oh, Oh!" klagte mit Tränen ein aktes Mütterchen, „er hat mir einen Tops voll Bohne» umgestürzt." Bor ihr lag in Scherben der Topf, und einige Gassenjungen suchten der Bohnen habhaft zu werden. „Diebe, wollt Ihr mir meine Bohnen nicht stehlen! Oh, mcin Schweiß und Blut, der Verdienst eines Tages!" „Meine .Milch!" jammerte ein Mädchen, „einen Korb voll Eier hat er.mir zerbrochen!" ein anderes. (Fortsetzung folgt.) Wie im zaristische« RÜtzlaud die Pogrome inszeniert wurden. (Schluß.) Fast alle Frauen wurden vergewaltigt. Es gibt zehnjährige geschändete Mädchen. Bei einer vergewaltigte« schwangeren.Frau begannen infolge des Schreckens die Gclmrtsmcheu. Als sie sich sin Qualen wand, begannen diese Tiere sie zn schlage» und brachen ihr vier Rippen. Bei vielen Leichen sind Ohren, Nasen abgeschnitle». die Zungen lier'äuSgerisseii, die Augen aiiSgcstochen. Alles dieses habe ich selbst gesehen. ' - - Die städtischen Krankcuhäuscr sind mit Verwundete» /überfüllt, cs-sind ihrer gegen dreihundert, im ganzen aber beläuft sich ihre Zahl auf nicht weniger als siebenhundert: da cs in den Hospitälern keinen Platz gibt, liegen die übrige» zu Hause. Es'werden jmehr denn hundert Tote.gezählt, und Eigentum ist für mehr als vier Millionen Rubel vernichtet worden. Eine charakteristische Tatsache: Kurz, vor dem Pogrom erschien die Polizei bei dxn reichen Juden und bot ganz offen ihre Dienste zum 'Schutze der betreffenden Leute a», und zwar für hohe Summen, zehn-, zwanzigtansend'Rubel, einem Millionär sollen sogar hunderttausend Rubel abgc- Frankfurter Kimstierspiele KaiaerstrasBe 60. Beginn 8 Uhr« Tel.Hansa, 5516. ■ ■■ t Täglich 4 Uhr-Tee , unter Mitwirkung erster Kunstkrätte.

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