Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 38 (7.10.1921)
- Date
- 1921-10-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Erscheint wöchentlich am Donnerstag. BezugspreiSpro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 stet ins Haus. Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland Mk. 30.00, für Ausland 10 franz., 5 schweiz. Frcs„ 3 holl. Fl., 6 Shilling, 2 Dollar jährlich, im Voraus zahlbar. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis Inserttonspreis für die sechsgespalleneRonpareMe-Zelle ISO Pfg-, für die Reklamezeile Mk. 5.—. Platz» und Datum- Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. IS. Jahrgang. Freitag, den L. Tischri 5682 (7. Oktober 1921) Nr. 38. Die jüdische Emigrationskonferenz - in Prag. Mit 48 Delegierten tagte in Prag die jüdische Emigrationskonferenz. Als P r 3 s i d i u m wurden gewählt Dr. c o Mozkin, der Generalsekretär des Komitees der jüdischen Delegationen in Paris, Held, der Vertreter der Jüd.- .'liiicrikan. Hilfsgescllschaft („Hias") Dr. Klee-Berlin, Dr. Zochclin Ün »-London, Dr. K r ä in er - Czernowitz, 8rünb erg-Paris, K re in in und Czernowitz (Ukraine). Leo M o z k i» sprach über die Ziele der Konferenz, ic jüdische Oeffentlichkeit müsse sich endlich darüber klar »erden, daß Millionen von Juden in der Gefahr sind, ausgerottet zu. werden, und deshalb irgendwohin auslvandcrn müssen. Eine fürchterliche Kata - it r o p h e stehe bevor, — doch die Indenheit habe bisher licht in der richtigen Weise reagiert. Aus ncseul Grunde auch müßten,die Hilfsbestrcbnngcn vcrschic- )cner jüdischer Körperschaften Stückwerk bleiben. Die Konscrcnz müsse ans folgende drei Punkte ihr Augenmerk richten: 1. die Möglichkeit, den Bedrohten die Ausreise uis den Pogrom ländern zu. ermög lichen, 2. die Ausschaltung des Wettbewerbes im Z u s a m - u c n s ch l n ß aller H i l s s k ö r p e r s ch a f t e n, 3. die Erschließung von I m m i g r a t i o n s in ö g l i chc i le n. S ch c l w i n - Newyork referierte über die Tätigkeit der jiid.-Amerikan. Hilfsgesellschaft („Hias"). Die H ias mühe ich um die Milderung des Einwanderuiigsverbotes; — »ch im Hinblick auf ’bic nun einmal in den Vereinigten, taate» und in Kanada bestehenden Schwierigkeiten halte ie es sür ihre Pflicht, sich nach anderen Iliiterkunftsländern liiizuschen. Mexiko erwies sich,als ungeeignet, gegenwärtig >rüse sie die Verhältnisse Kubas. Maas ans Buenos 'Aires sprach über Argentinien. Sodann ergriff K r e i n i n zu dem Berichte über R u ß - and das Wort. Ein'großer Teil der Schuld an'der sürchnlichcn Lage der dortigen -Jndenheit treffe das jüdische mimunistische Sekretariat, das scheinbar jede seelische Bechung zum jüdischen Volke verloren habe. Aber auch ie Delegationen, ans Amerika und Kanada haben das ilsswcrk nicht richtig eingeleitet, .höchstens die Liste der gesamten Hilfsmittel sei an diejenigen gelangt, I>r die sie bestimmt'waren. Die jüdischen gesellschaftlichen lganisationeu sind aus" dem gesellschaftlichen Komitee, das c Sowjets sür die Hilfsarbeit eingesetzt haben, ansger c t e n, da sie für diese Art der Arbeit keine Verantwormg tragen können. Man,müsse jetzt Verhandlungen sühum eine gedeihliche Hilssarbeit einzuleiten. Latzki überbrachte die Erklärung eines maßgebenden trtreters der Sowjetrcgiernng, diese sei bereit, das gesellkaftliche -Komitee' auf eine weitere Basis zu stellen und |nter gewissen, Bedingungen über die Möglichkeiten der Migration sür gewisse Kategorien von Inden zu verhandeln. In der nächsten Sitzung 'berichtete T e m k i n - Paris er die Tätigkeit der Wclthilfszentrale für die ukrainifjcit Flüchtlinge in Bessarabien und H e l'd - Newyork über ie Verbindung der Emigranten mit ihren Verwandten, r konstatierte, daß die.„Hias" bis heute rund-15 Millionen rllar aus Amerika an die Emigranten auszahlte. Nach einem Referate Latzki wurde die Gründung einer migrationsbank im Prinzip einstimmig beschossen, nrch diese Bank sollen die Auswanderer -vor unnötigen tcscn und Ilebervorteilung geschützt werden. Mozkin verlas ein Telegramm aus Bessarabien, nach Im die Ukrainischen Flüchtlinge ins Innere des Landes «filiert werden, was 7 Millionen Lei Kosten verursache, ie Welthilfszentrale habe sofort Vs Million angewiesen, anderen jüdischen Organisationen mögen auch sofort peit. v ' Prag, 28. Sept. In den letzten Sitzungen wurden u. a. folgende Reso- Pione» gefaßt: ' 1. Die jüdische Emigrationskonferenz hält es sür drin- Ind, daß die künftige .jüdische E in i g r a t i v n s z e n - TaIc alle Mittel tu Bewegung setzt, damit die Hin-, krnisse, ivelche der Auswanderung der I u - p aus dem OstenEuropa s, insbesondere ans den bgromgebieten, entgegenstehen, endgültig aus der Welt Ischafst werden sollen. , . Ir wichtigsten Aufgaben des jüdischen Volkes und aller I 2. Die jüdische Emigrationskonferenz hält es. sür eine Idischen Instanzen,., durch ein .geschlossenes, solidarisches Prgehen die Eröffnung einer Reihe von Ländern, die für die Einwanderung geeignet sind, zu ermögliche». Die künftige Zentrale soll für diese Aktionen an alle j ü d i f ch e n I n st i t u t i o n e n und alle politischen Organisationen überhaupt appellieren und zugleich durch die internationalen jüdische» Organisationen eine einheitliche Aktion vor dem Völkerbund veranlassen. 3. Da die Interessen der jüdischen Einigration eine v o l l st ä n d i g e,. e i n h e i t t i ch e Tätigkeit der auf diesem Gebiete wirkenden Gesellschaften erforderlich machen, beauftragt die jüdische Emigrationskonferenz das von ihr eingesetzte Zentralorgan, die diesbezüglichen Verhandlungen mit den in Betracht kommenden Organisationen aufzunehmen. Die Konferenz schloß gestern Nacht. Es wurde der Beschluß gefaßt, eine Einig rat io ns b an k zu schaffen und eine E m i g r a t i o n A z e n t r a l e in Paris mit Abteilungen in Berlin und London zu errichten. Ins Direktorium wurden gewählt: Mozkin, Teinkin, Efroi kim und Gurewitsch für Paris, Jochelmann, G o l d e n b e r g und P i n e s für London, Dr. Klee, Dr. M o s e s, Dr. B r u z k u s, K r e i n i n und Laz ki für Berlin. Die ^.Hias" hat ihren Anschlnß vollzogen. Der Zentralrat soll' von den einzelnen angeschlvssenc» Organisationen gewählt werden.1 ___ Vom Gemeindevervand itt Bayern. Von D r. Bamberg er, Nürnberg. Rat und ständiger Ausschuß des Gemeindeverbandes in Bayern tagten unter dem Vorsitze der Präsidenten O-L- G.-R. Neuineyer und O.-L.-G-R. Prof. Dr. Silbers ch m i d t in M ü n ch, e n. Der 1. Punkt der Tagesordnung betraf die Ordnung und Regelung der Rabb inatsgehälter. Leider ist es bis jetzt wenig in die Oeffentlichkeit gedrungen, in welch traurigen Verhältnissen ein großer Teil der bayerischen Rabbiner lebt. Und es ist höchste Zeit gewesen, daß sich der Gemcindeverband dieser 'Angelegenheit bemächtigte, nachdem eine staatliche Hilfe nur als Ergänzung in Betracht kommt. Eine Angleichnng oder gar eine Gleichstellung der Rabbiner mit den christlichen Geistlichen durch den Landtag hat sich, als trügerische Hoffnung erwiesen, wie sich aus dem Berhandlungsbericht vom 9. August 1921 ergibt. Die 11 Rabbinern gewährten Zuschüsse verdienen kaum erwähnt zu werden. Alfred Braunschweiger, Würzburg und Dr. Brader, Ansbach, beide Mitglieder des Rates, erstatteten in dieser Frage eingehende Referate und legten entsprechsnde Vorschläge vor, die :sich im wesentlichen mif die Eingliederung in die Gruppen X und XI des Beamtenbesoldungsgesetzes vom 2. Juni <1920, die Anrechnung der Bezüge für den Religionsunterricht und die Kasualien beziehen. An der sehr lebhaften Diskussion beteiligten sich n. a. J.-R. Ho in inel, Schweinfurt, Dr. F r euch en t ha l, Nürnberg, Albert I o s e p p, Neustadt a. d. H„ Dr: B a m b e r g e r, Kissinge» und Dr. B a in b e r g e r, Nürnberg, die im großen und ganzen die Forderungen der Referenten unterstützten. Das Resultat war, daß zunächst 75 000 Mark als erste .Notstandsaktion verwendet werden, und daß im übrigen der Verband bereit ist, für eine generelle Regelung der ganzen Frage einzutreten. Der 2. Punkt der Tagesordnung betraf die Verbescheidung der bisher eingelansenen ll n t e r st ü tzungsg e s u ch e von notleidenden Gemeinden und einzugruppierenden Lehrern. Lehrer Dingfelder, .München, referierte a's Porsi'ender des Bewilligungsausschusses. Zwei Aktionen konimen in Betracht: 1. Zunächst die Bewilligung von 19000 Mark für Gemeinden seitens des Bewilligungsausschusses, 2. 50 000 Mark ü Kontozahlungen im Sinne eines sofortigen Vorschusses aus de» dem ständigen Ausschuß zur Verfügung stehenden 250 000 Mark für Eingruppierung der Religionslehrer. In der überaus ausgedehnten Diskussion betonte mit Recht Seminaroberlehrer I. Stoll, Würzburg, die Notwendigkeit, Distriktskonimissionen zu bilde» mit der Aufgabe, die Gemeinden über die Bedeutung des Verbandes' aufzuklären, daran fehle es noch sehr, und das allein werde noch fernstehende Gemeinden miziehen. .In später Abendstunde erläuterte -dann noch der aincrniüdliche Präsident Dr. N e u in e y e r das „Religionsgesellschaftliche S t e u e r g e se tz" als 3. Punkt der Tagesordnung. In Rede und -Gegenrede über die einzelnen Punkte erfolgte überaus instruktive Einführung in das Gesetz und Erläuterung. > - - .. Außerhalb der Tagesordnung regte K.-Rat S i g m u n d F r a e n k e l, München, an, beini Minister des Innern, Staatssekretär Dr. Schwcyer, Vorstellungen zu machen gegen den immer anmaßender auftretendeii, A n t i s e m i - t i s.m n s. Eine unter seiner Führung dorthin entsandte Deputation konnte der Tagung die Nachricht bringen, daß man seitens des Miuisteriums zugibt, daß es so nicht weitcrgchen dürfe. Man müsse dagegen einschreiten. Ferner konnte O.-L.-G.-R. Neuinepe r' Bericht geben über die Regelung der Koinpetcnzen des Rabbinerverbandes in Bayern und des Gemeindeverbandes und ihrer gegenseitigen Beziehungen. Die Tagung hat ein. großes Tiück Arbeit im Interesse der bayerischen Judcnheit bewältigt. Eine Kundgebung des Verbandes der jüdische» Jugeudvereiue Deutschlands. Der Vorstand des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands veranstaltete am 18. September in Cöln a. Rhein, inr Anschluß an seine Plenarsitzung eine große öffentliche Kundgebung. Es nahmen Dr. A l s-r e d 'Apfel- Berlin, Dr. C o r a Berliner- Berlin, Kurt Neu- Berlin, Paul Aufs c e s s e r - Cöln, Kurt Zacharias- Bremen, S ä m y> . R o s e n b e r g - Leer und Paul Eppstein-Ludwigs« Hafen zu Zeitfragen der jüdischen Jugendbeiveguug Stellnng. Dr. Cora Berliner erösfnete den Abend: Der Wille der jüdischen- Jugend sei nicht einheitlich. Er weise bedeutende Impulse auf. Die jüdische Jugend sei voraussetzungslos. Das Ideal vor und im Kriege sei die Machtentfaltung der Individualität gewesen; Streben nach höchster Macht der einzelnen Persönlichkeit. Dieses Ideal ist int Kriege zusainmengebrochen. Die jüdische Jugend arbeitet zusmnmen mit aller Jugend am Neuaufbau mit primitivstem Begriff vom Ich und von der Gemeinschaft. Wahrhaftigkeit des Erkennens hat den Verlust aller festen Anhaltspunkte zur Folge. Gleichzeitig aber wird Respekt verlangt auch sür diejenigen, die nicht mit den Dingen fertig werden. Neues Leben soll überall gestaltet werden und immer irgendwie jüdisch; es bedeutet Abkehr von jeglicher Gewalt und Bekenntnis zur ^Achtung und Liebe des neuen Menschen; Aufbau im Sozialen; ein Sozialismus ohne Parteisinn. Im brüderlichen Zusammenwirken aller Kräfte, darf der Mensch nicht Mittel sein-inr Leben der Völker. Kein Mensch hat das Recht, einen anderen Menschen opfern. Dies ist der ' Wille der Zeit, in der jüdischen Jugend möge er zum Segen werden. Paul A n f s e e s s e r erkennt aus dieser Beziehung von Mensch und Nebeinnensch das Göttliche und die Verwirklichung des Göttlichen. Es gelte, einen Tempel der Menschlichkeit zu bauen. Kurt 'Neu betonte, daß Politik in notwendigem Sinne Streben nach Gewalt zur Durchsetzung irgendeines Zieles sei. Schon aus der i'Absage an die Gewalt und aus dem .Bckenntnis der brüderlichen Zusanrnienarbeit der Menschen sind alle Jugendbewegungen nnpolitisch. Er verweist dabei auf Strömungen in verschiedenen Bewegungen, vor allen Dingen in der sozialistischen Jugend. Diese Ablehnung der Politik schließt vollste Betätigung des Einzelnen als Bürger in keiner Weise aus. Nur die Bewegung als solche ist nnpolitisch und wo sie Politik treibt, keine Jugendbewegung. Im Anschluß an Vorgitzige bei der deutsch-nationalen Jugend nahm Kurt Neu'sodann Stellung zum 'Antisemitismus. Er bezeichnet ihn in scharfer 'Absage an den Radauantiscmitisnins als einen allerdings schwächlichen und nntaugliche» Versuch eines Teiles des deutschen Volkes, zu den ursprünglichen deutschen Charaktereigenschaften zurückzufindcn. Er begrüße dennoch diesen Versuch einer deutschen Renaissance, wenn es sich um die Bereicherung der Welt handele, nicht aber um Durchsetzung irgendeiner Sittlichkeit auf Kosten der übrigen 'Anschauiuigen. Das deutsche Judentum und seine Jugend sei gewillt, mitzuarbeiten an jeder hierbei entspringenden 'Aufgabe, in Bekenntnis der deutfchen. Eigentümlichkeit und als ein Teil der deutschen Bevölkerung. Dienst am Nebenmcnschen sei aber nur möglich bei Wahrung der Würde der eigenen Persönlichkeit. Die Würd - eines Menschen ruhe in dem Bekenntnis zn seiner En ' Wicklung. Im Bekenntnis zu seinen jüdischen Eigenschaften : glaube das deutsche Jndentuin durch liebevolle Hingabe trotz allem seinen Weg im deutschen Volke schreiten zu können. >