Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 32 (25.8.1921)
- Date
- 1921-08-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 3 , ■eut g.ftbiMk «reife. Nr. 32 \ Conditorei und Cafd Wilhelm Wendel UltegaiM 6 Talalon Haaaa 1888. Frankfurter Breuteu n Betmäimchen. Aus der Debatte. Rabb. Dr. U n it a-M<m»hcim erklärte e-3 als ein Unglück für das Judentum und als eine Ironie für den Agiidismus, haß die Agiida den Misrachi, der anf de», gleichen jüdischen Boden steht und nur eine andere Taktik hat, als eine unjüdische Weltanschauung bekämpfe, und Propagator des Austrittgedaiikeiis sei. Leo Wreschncr, Rabb. Dr. Auerbach und Dr. I s a a c Breuer erwiderte», die Aguda wolle eine selbständige Orthodoxie. Enge» N e n b e r g e r verlangte Berbreitung der geographische» nnd geschichtlichen Erez Israel-Kenntnis durch Schule und durch die 'Orts- und. Jugeiidgruppen. Er teilte mit, daß für die Mitglieder ein Erez Israel-Kalender mit Zahlkarten für Erez Israel-Zwecke i», Druck sei. Joseph B a in b e r g e r wünschte ein Preisansschreiben für Propagandaschrifteil und Anfertigung von Telegraminblocks, deren Block 'Agiida-Jnfoiniatioii gebe. Lehrer Gut-Köln sprach besonders von der Bedentnng der Jugenderziehung. lieber Jngendsragen entspann sich eine lebhafie Debatte zwischen Leo Munk, Dr. Jsaac Br euer, Dr. Moses A « e r b a ch einerseits und Jacob R o s e n h e i m, Rabb. Dr. Braver- Ansbach, Rabb. Dr. Klei n - Nürnberg usw. andererseits. (Schluß folgt.) - Esra-Führertag. Im wundervollen Fnldaer Schloß und in dem altjüdischen Milien der Fnldaer Gemeinde tagie der ESra-Führertag. L. Levinger-Müncheii erstattete den Bericht. Es wurde danach großes Gewicht ans den guten' Ausbau der Jngendblätter gelegt und für die Sanierung der Kasse gesorgt. Eine kurze Gencraldisknssion brachte eine Reihe von Wünschen anfs Tapet, so die Mahnung, sich, die behördlichen Erleichterungen, die der Jugendpflege-Organisation von allen möglichen Regierungsstellen bewilligt werde», für den Esra dienstbar zu machen; sich an den in den meisten Orte» bestehenden Jngendringen zur Bekämpfung der Schmutz- und Schundliteratur zu beteiligen; ferner Semesterbcrichte heranszugebc», worin die Führer und Füheerinncn der einzelnen ESragruppe» ausgezeichnet stände», und wo insbesondere für jede Gruppe eine oder mehrere Adressen bekannt gegeben werden, an die durchreisende Esräer und Führer sich wegen Onartierbeschajsnng, wegen Zusammensein mit den dortigen Esräer» usw. wenden könnten. Harry Abt-Frankfurt sprach über den „organisatorischen Aufbau i» jüdischen Jugendt> ü »de u". Im Esra müßten die Bnndesleitungsmiiglieder Mittelpunkt und Autorität für alles Geschehen sein. Gruppen, die keine guten Führer haben, sollten ihre Arbeit zuerst lediglich auf. die Ausbildung guter Führer richten und die Arbeit in den Gruppen selbst vernachlässigen. Sind die Fühlerschaften aber erst einmal 'gut, da»» würde die Bnndesleitnng, als der geistige Mittelpunkt, von dem ans die Richtung für die Arbeit ansstrahlen soll, überflüssig. Der erste Teil der Rachmittagssitzung war getrennt. Die Mädchen sprachen über soziale Arbeit, während die Jungen sich mit der Frage der sexuelle/» Aufklärung beschästigten. Später kam Diskussion über das Rescrat von Harry Abt. Es wurden alle möglichen Vorschläge für die Organisation des Esra unterbreitet, von denen nur einer ansgezeigt werden soll, nämlich der, von Landau, Für.th. Er will für den Esra eine analoge Organisationsform zu der Organisation her Jugend-Organisation der Agnüas Jisroel, d. h., er will nur eine Leitung, einen Bundesvorstand, der an einem Ort Ijcincn Sitz hat, wo auch mehrere Mitglieder wohnen müssen. Die übrigen sitzen verteilt in Deutschlands Gruppen und stehen i» ständigem Kontakt mit der Leitung. Manchmal sollten auch gemeinsame Besprechungen stattfinden. ' Es tauchte auch das Problem eines geistigen Beirates ans Rabbinern ans. Ein 'Beschluß wurde nicht gefaßt. Dieser wurde vielmehr nach voransgegangener Kommissionsberatnng der Donnerstags-Sitzung Vorbehalten. 'Abends fand eine öffentliche Bersammlnng statt, zu' der die ganze Gemeinde Fulda eingelade» war, und i» der Dr. Jos. Breuer- Franksurt und Dr. Herz -Fulda Referate hielten. Die Redner wandten sich insbesondere a» die anwesenden Führer und Führerinnen, erinnerte!« sie an ihre große, wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe und sprachen die Hoffnung ans, daß sie für die Erstarkung des gesetzestreneil Judentums in Deutschland viel Gutes beitragen würden. Am folgenden Morgen (Mittwoch) wurde die Diskussion über das Referat Abt fortgesetzt. Lange war hierzu jedoch keine Zeit vorhanden,, da das Referat von Moses B a m b e rg er-Würzbnrg gehalten werden mußte. Er sprach.über das Thema: „Lernen im Esra". Er verlangt insbesondere einen Esra bereits für vorschnlpflichtige Kinder. Seines Erachtens könne man nicht früh genug mit "der jüdischen Gemeinschaftserziehung beginnen, da doch nur ein ganz intensives Thanrostndinm von srühestem Jugendbeginn in der Lage sei, die Heranwachsenden Kinder zu thainowissenden Männern heranznbilden. Redner erwähnte den Konflikt zwischen prosaner und jüdischer Ausbildung. Er hält ein Vorziehen her jüdischen Ausbildung für das Richtige. Ihm scheint eine Vernachlässigung der profanen Erziehung bedeutungslos und unter den heutigen degenerierten jüdischen Verhältnissen in Deutschland nötig. Dagegen wandte sich mit aller Energie D a v i d C a r lebach-Äöln. Er ist unter Berücksichtigung unserer Verhältnisse in Deutschland gegen die ostjüdische Lern- und Lehrmethode. Er verlangt auch für das jüdische Lernen ein rationelles Vorgehen vom Allgemeinen ins Einzelne. lSchlnß folgt.) Berhaudlmrge« zwischen dem Arbetterfürsorgeamt und Minister Dominicns über die Ostjndenfrage. Bereits in den letzten Tagen der Tagung des preußischen Landtages haben zwischen dem Arbeiterfürsorgeamt und dem- Minister des Innern Verhandlungen über die weitere Behandlung der Ostindenfrage stattgefnndeii. Diese Verhandlungen wurden geführt im Anschluß an die Besprechung der Vorgänge im Lager Stargard im Plenum des Landtages insbesondere durch den Abgeordneten Dr. Oskar Cohn. Sic sind nunmehr zu einem gewissen Abschlnß gekommen. Anmeldungen schriftlich: JQd. Turnwar «in, Untarllndau 81. Offenbacher Drncklnit-Anlage Qffaabaoh a. ■■ Telefon 123. Unübertroffene Teppichreinigung mittelst Druckluft. In einer Besprechung, die dgr Minister Vertreter» des Arbeiterfiirsorgeaintes gewährte'— vom Präsidium desselben war das Vorstandsmitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens Dr. Berthold H aase, vom Generalsekretariat Dr. Werner Senator zugegen — hat der Minister sich anf den Standpunkt gestellt, daß die Ostjndenfrage in Deutschland unter allen Umständen unter Vermeidung von Härten geregelt werden muß. Einerseits wird das 31. F. A. seine von dem Minister in jeder Weise unterstützten Bestrebungen anf Entlastung des heimischen Wirtschaftslebens durch Dezentralisierung und weitgehende Ermöglichung der Rück- und Auswanderung wie bisher sortsetzen, während andererseits das Ministerium alle Maßnahmen tressen wird, um die Durchführung dieser Bestrebungen zu erleichtern und Härten zu verhindern. Insbesondere soll die neue Regelung der Ostjudenpolitik der preußischen Regierung die alte Ostjudensiedlung möglichst weitgehend ansschalteu. Denn der Minister erklärte ausdrücklich, daß die bereits vor dem Kriege in Deutschland ansässigen Personen unter allen Umständen unangetastet zu lassen seien, soweit nicht in ihrer Person ganz besondere Monrente vorhanden sind, welche eine Gefährdung der Staatssicherheit bedeuten. Auch die Regelung der Verhältnisse der nach dem Kriege nach Deutschland gekommenen Ostjuden soll im Einvernehmen mit dem Arbeitersürsorgeamt erfolgen. Der Minister konnte sich zwar nicht entschließen, die Internierung bezw. Answeisung völlig von den zu trefseudeu Maßnahmen anszuschließeu, jedoch sollen in jedem einzelnen Falle die Voraussetzungen hierfür ganz besonders geprüft werden; außerdem wird das Arbeiterfürsorgeamt in solchen Fällen stets Gelegenheit zur Stellungnahme hahen. Der Minister sagte gemäß dem im Plenum des Landtages angenommene» Zeutrumsaiitrages zu, in eine neuerliche Prüfung eiiczutreten, ob und wieweit es in Zukunft möglich sein wird, die Internierung nur anf kriminelle Elemente zu beschränken. Das Internierungslager Stargard wird mit dem 1. September aufgehobensoweit nach diesem Termin noch Jnternnieruugen Vorkommen sollten, werden die Internierten in das Lager Cottbus gebracht werden, das einer strengen Kontrolle untersteht. Zur Frage der Legitimierung der Ostjuden in Deutsch-- land, die durch unklare Bestimmungen früherer Ministerialerlasse akut geworden war, sagte der Minister die generelle Verlängerung der Legitimatioiispapiere zu. Ebenso wurde die seit Monaten erhobene Forderung des Arbeiterfürsorgeamtes, sür tatsächlich staatenlose Personen Legitimationspapiere mit der Bezeichnung „staatenlos" ansstellen zu dür-, fen, sür die alte Qstjndensiedelung bedingungslos, für die später nach Deutschland gekommenen Leute mit gewissen Einschränkungen als berechtigt anerkannt. Der Minister wird nach Zustimmung des Reichsministerinms des Innern das hierin erforderliche veranlassen. Erez Israel. Der palästinensische ZivUsekretär über die jüdische» Kolonie«. D e e b c?, der Zivilsekretär der palästinensischen Verwaltung, hat bei einem Besuche der Kolonie R i s ch oute - Z i o n eine Rede gehalten, in der er sagte: Jedem das Seinige. Roman von M. Pnlvermann. (Fortsetzung.) Klaßner lauschte ihren Schritten, als sie sich nach dem höher gelegenen Schlafgemach begab. Er fühlte sich wie zerschlagen und matt an Leib und Seele. Dennoch nahm er sich vor, »och heute das ansznführen, zn dem er entschlossen ivar. Er begab sich zum Schreibtisch und schrieb mit bebender Hand solgende Zeile»: „Liebe Eilen! Sie sagten mir heute, daß meine Glanbensbrüder die einzigen Menschen wären, die Gott in seiner Einsamleit und Verlassenheit Gesellschaft leisten. Sie sagten ferner, daß ich eine große Zukunft vor mir habe. . ■, Wären Sie nun geneigt, Gottes Einsamkeit weniger einsam und meine Zukunft noch größer zu gestalten? Israel wird Sie bereitwillig als Tochter aufnehmen, wenn Sie die ernsten Pflichten und die strengen Grundsätze unserer Religion, dje ich Ihnen schon oft erläuterte und erklärte, auf sich zu nehmen und gewissenhaft durchznsühren gewillt sind. Ich will meine Sache nicht persönlich bei Ihne» verteidige», um nicht durch meine Anwesenheit Ihren Entschluß zu beeiuflusseu. Freiwillig und überlegt soll Ihre Entscheidung sein. Hosfentlich lassen Sie nicht lange aus Antwort warten Ihre» sehr ergebenen Artur Klaßner." . Er trug ben Brief 511111 Kasten und begab sich ebenfalls leise nach seinem Schlaszimmer. Vor der Stubentür der Akutter blieb er einen Augenblick stehen. 'Aber er brauchte sein. Gehör nicht anzustrengeu und das Ohr nicht erst ans Schlüsselloch zn legen, denn klar und deutlich hörte er ihr Gebet: „Aus der Tiefe ruje ich zu Dir, mein Gott und Herr! O, vernimm mein heißes Flehen in Deinen Hiniinelshöheii, und mein Notruf möge in Dein Ohr driugdn, daß ich nicht ^unterliege!" „Sie hat also den Kampf ausgenommen mit vollem Ernst," mniinelte er. „Werden die eisernen Hinimelspforten der gebrochenen Stinnne eineralten Frau standhalten?" Leise wie ein Dieb schlich er ans dem Hanse. VI. , Der nächste Nachmittag fand Frau Mahlow in einem bequemen Lehnsessel vor dem offenen Herd sitzend. Sie war heute besonders guter Laune. Der gestrige Gesellschastsabend war glänzend ausgefallen. Freilich die Sache mit Klaßners Vorlesung war nicht besonders hervorragend und imponierend, desto besser aber hatte allen der Wein geschmeckt. Auch die Sache mit Alice und Burger nahm einen guten Fortgang. Frau Mahlow war über die günstige Antwort, die die widerspenstige und spröde Alice ihrem Bewerbe^ erteilt, nicht wenig überrascht. Sie ivar auf eine glatte 'Ablehnung oder mindestens auf allerlei Ausflüchte gefaßt gewesen, statt dessen hatte Burger eine säst bindende Zusage erhalten. Sie hatte ja die lknterrednng der beiden scharf beobachtet, fortwährend jürchtend, daß Burger im nächsten 'Augenblick seinen Hut nehmen und anf Nimmerwiedersehen verschwinden werde. Aber das Gegenteil geschah. Mit Staunen nahm sie wahr, daß beide sich freundschaftlich die Hände reichten, . während ans Burgers Vollmondgesicht ein breiies, behagliches Lächxln znm Vorschein kam. Dadurch war sie auch der Sorge für Jutins Zukunft enthoben. Wegen Stella braucht sie sich nicht zu ängstigen; mit ihrer Verstelliingskniist und mit ihrem dreiste» Wesen wird es ihr nicht schwer fallen, sich einen Gatten zu erobern. Ihr Glücksempfinden wurde zwar ei» wenig getrübt durch eine heftige Auseinandersetzung mit ihrer älteren Schwester, Frau Kramer, die ihr die bittersten Vorwürfe machte, daß sie die gestrige Gesellschaft gerade am Todestage der Mutter veranstaltet hatte. „Gestern die Jahreszeit unserer Mutter?" Frau Mahlow mutzte sich anstrengen, ein erkünsteltes Staunen hervorzubringen. „Ich war der Meinung, daß dieser Tag auf nächste Woche trifft." „Entschuldige meine liebe Schwester, das hast Du nicht gedacht! Du. kannst Dich ja, sonst sehr gut verstellen, aber mich täuschst Du nicht. Wenn es bei Dir noch so christlich zugeht, so hast Du doch noch eine jüdische Ader in Dir, um den ersten Channka-Abend nicht zir vergessen. Und an dem Tage, der >nnr der Eriniiermig geweiht sein sollt, scheust Du Dich nicht eine große Gesellschaft zu geben?" „Es waren doch mir einige Freunde hier." „Jawohl, nur viernndzwanzig Paare," spottete _ die andere. „Und dazu mußt Mntters Todestag auserseheu werden!" „Du bist wirtlich abgeschmackt," wehrte sich Frau Mahlow. „Weil Du wußtest, was die andere Tochter Deiner Mutter wie jede andere sittliche und gottessürchtige Frau au einem solchen Tage still und ernst im Hanse verweilt, so daß Du ihr plötzliches Erscheinen nicht zu befürchten brauchest. — Und Deine Pietätlosigkeit gegen die Mutter findet ein Seiteu.stück in der Pietätlosigkeit gegen Deinen Gatten, dem Du ja bald einen Nachfolger geben wirst. — Ist es wenigstens bald soweit? Ich nehme au, daß Deine verrückte Liebelei wenigstens zu diesem Resultat führen wird. Oder willst Du anf das Standesamt ver-zichten? Warum aber machst Du nicht ein Ende, damit das Tuscheln und Flüstern über Dich aufhört? — Aber ich kenne auch diesen Grund: weit Du ein Feigling bist und Deine eigene Tochter fürchtest!" fürchte keinen Menschen und brauche mich nicht zu verstecken." wehrte Lich die andere nur schwache „Nein Du fürchtest keinen Menschen und auch nicht Gott! — 'Ach, Schwester, es ist weit mit Dir gekommen! Ist Dir denn gar keine Erinnerung an unsere frommen Eltern geblieben? Hast Du die segnende Hand des sterbenden Vaters vergessen, den zärtlichen Blick der scheidenden Mutter, die Dir noch mit dem letzten Atemzuge die Lehren unserer heiligen Religion so warm ans Herz legte? J^chwill mit Dir nicht rechten; Du bist alt genug, um selbst den Weg za wählen, den Du wandeln sollst. Aber eins Schwester vergiß nicht: Gott ist barmherzig und gnadenvoll: aber er ahndet die Schuld der Väter an Kinder» und Kindeskindern! Denke an Deine Kinder und an deren' Zukunft und spare Dir Gewissensbisse für später!" Damit erhob sich Frau Kramer und verließ eilig das Hans. (Fortsetzung folgt.)