Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 31 (18.8.1921)
- Date
- 1921-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31; Bene ipteß«;? Ostend-TlpotFicke H. Plochmann, Verwalter llanauerlandstr. 2 . Telephon: H. 2802 UrlnUnter^aclmngeii rasch und gewissenhaft " . Dentsch-vesterreich. Die Juden de» Vurgenlandes . Der jetzt von Westnngarn an Deutsch-Oesterreich abzn- 'retciide Teil) das svgeuaniite Burgenland, zählt etwa 100 000 Tu de». 'Ce&c ii b ii r g hat die größte jüdische Gemeinde, jüdische Gemeinde» gibt es ferner in dein altehrwürdigen :% i f c ii ff adt, in M a ttersdvr s mit seiner. berühini jit Jeschiwa, in Deutsch- K rentz, das gleichfalls eine ungesehene Jcschiwa beherbergt, in Güssing, in dem Kurort Tn» erb rn n n. Die Jude'» dieses Gebietes sind iin guter Menschenschlag, sic leben ii» allgrineiiien thoralcen -und haben sich nicht niagiiarisiert. Pole». Ein Riesenbrand i« Pinsk. Am 7. August sind in Pinsk mehr als 700 Häuser, darunter die fast eiir Jahrtausend alte snnagoge, niedergebrannt. Tschecho-Slovakei reichsten jungen Kräfte das Land verlassen. Wäre das nicht- - geschehen/ Um viele dieser vertriebenen jüdischen Gelehrten hätten schon heute eine Zierde der rumänischen llniverfitäten bilden können. Hütte Dr. Gaster nicht eine so außxrordentlich große Position in London, so würden wir ihm das Staatssekrcartiat snr die nationalen Minderheiten anvieren, nno er köimte die jüdischnationale Minderheit vertreten." Zionistische Nachrichten. Freie Zionistische Blätter. Das soeben erschienene dritte Heft der „Freien Zionistischen Blätter" ist der A r a b e r f r a g e in P a l ä st i n a gewidmet. In einem längeren Absatz: „Araber- oder - Judenfrage in Palästina" erörtert Jacob Klatzkin die moralischrechtliche Seite der Frage und weist den Zusammenhang nach, der zwischen der Regelung der Araberfrage durch das jüdische Palästina und der moralischen und rechtlichen Begründung der national-jüdischen Forderungen besteht. Sollte es sticht gelingen, die Araberfrage im Sinne einer wahrhaften Verständigung zu lösen, dann könnte sie sich in eine Jndenfrage in Palästina verwandeln, d. h. der Charakter Palästinas alS des jüdischen Heimes wäre im Frage gestellt. H a n s K o h n legt in einem Aufsatz „Realpolitik" die 'weltpolitische Grundlage der Fragedar und erörtert die Ursachen der tragischen Vorfälle in Jaffa in den ersten Maitagen. Er zeigt, daß ans den wichtigsten realpolitischen Gründe» die Einräumung eitler völlig gleichberechtigte!? Stellung an die Araber notwendig sei; Palästina werde nicht cinnationaler Staat, ein rein jüdischer Staat sein, sondern ein zweinationalcr, mit gleichberechtigter Stellung der. Juden und Araber. Elve Konferenz thoratreuer Juden. Am 17. September findet in Brünn eine Konferenz-der t'ioratreueii Inden von Böhme»,' Mähren und Schlesien statt mit dein Zwecke, eine „Zentralorganisativn der thvrarrencn Juden" zu begründen. ° Kurze politische Nachrichten. , Bueareft. .Anläßlich des Besuches des Öberrabbiners irr Londoner . sefardischen Gemeinde, Dr. G a st e r, in Äilaresl, schreibt die sonst antisemitisch angehauchte „Daria": , „Der große Gelehrte hat uns einen Besuch .abges nttet, worüber wir uns außerordentlich freuen. Dr. Gaster n nrde ini Jahre 1885 aus . Rumänien vertrieben. Seine einzige Sünde war, daß er als Jude ans eine Lehrkanzel! der Bukarester Universität-aspirierte. Wohl spät, aber dennoch müssen wir. heute unzweifelhaft feststellen, daß die Perüeibung der jüdischen intelligenten Massen eine f e h r u n - g l ü ck l i ch e Politik von uns war. Wegen der Verfolgungen mußten die befähigtesten, fleißigsten und ivissens- Fttr kunstfertige Ausführung Prämiiert Düsseldorf 1902 rh»«twtW-> MQTUUK« [wmmaiwr tm| Hoderne Malerei feinen Anstrich u. Lackierung fahrt preiswert ans. — In. Referenzen. — W. BeoKer HochBtrasse 59. Tel. H. 8866. Atelier SchSfergasse 15. In einer Betrachtung „Politik ohne Reserven" nimmt Rach» in Goldmann die Ereignisse in Jaffa und. die durch sie hervorgernfene Bestürzung innerhalb des palästinensischen.und anßcrpalästinensischen Judentums zum Ausgangspunkt einer Kritik der Grundlagen der zionistischen Politik. Sie ist eine Politik ohne'Reserven, ohne tiefere Fundierung in den seelischen und geistigen Sphären des jüdischen Volkstums. Sie ist .Konjilnktnrpvlitik. Nur daher sei es zu erklären, daß die zionistische Organisation sich ganz ans die diplomatischen Erfolge eingestellt und den Blick für die beiden wesentlichsten Probleme der zionistischen Arbeit: die Verständigung mit den Arabern und die Erziehung des jüdischen Volkes zur Erfüllung der großen Aufgaben in Palästina verloren habe. Er fordert eine grundsätzliche Revision der zionistische» Politik und eine Ueberwindung ihrer gegenwärtigen diplomatischen Forin. In einem offene» Brief an den bekannten Orientalisten Professor .Musil, der die Zionisten wegen ' ihrer Araberfeindlichkcit angegriffen hat, widerlegt Engen Hoefltch die Vorwürfe des Gelehrten und bekennt sich fnt Rainen einer Gruppe junger Zionisten zu dem Gedankeii einer brüderlichen Gemeinschast mit bcu Arabern und der Solidarisierung mit ihnen in dem großen Befreiungskampf des Orients. Hugo Ber g.m a » n, Jerusalem,. vertritt in einem kurzen Beitrag: „Nicht Politik^— Kolonisation!" den Standpunkt, daß die gegenwärtigen Schwierigkeiten in der Araberfrage eine Folge der einseitigen Einstellung auf das Politische statt ans das Kolonisatorische sei. Er fordert eine Abkehr von der Politik und die Verlegung des Schwerpunktes aus die kolonisawrische Aufbauarbeit, die allein die Araber von der Nützlichkeit unseres 'Aufbauwerkes auch snr ihre Zukunft überzeugen werde. Sette 3 Offenbacher Druckluft-Anlage Offnbaoh », >. Telefon 123. Unübertroffene Teppichrelnigang mittelst Druckluft. Leon Simon, London, setzt sich mit den Gegnern' einer Verständigung mit den 'Arabern auseinander; auch die letzte» Unruhen in Jaffa seien kein Beweis für die Unmöglichkeit einer solcheir Verständigung. Julius Loewy geht von der Fragestellung: „Europa oder Asien" ans und fordert die Abkehr vom europäischen Jmperalismus und die Einreihung in den asiatischen Völkerkreis. Arnold Zweig endlich legt die Bedeutung der Juden für die Erneuerung des Orients dar und zeigte welche Aufgaben das neue Judentum iu Palästina dem Orient gegenüber zu erfüllen hat. Einige aktuelle Glossen beschließen das Heft, das auch als Buch unter denr Namen: „Sie 9t r aber frage in Palästina" erschienen ist. Perfomttle» *« (leine äRittcilttxge«* Betll». Rabbiner Dr. Hochfeld ist plötzlich v erschieden. München. Kürzlich ging die folgende Mitteilung unwidersprochen durch die Presse: Eine Münchener Familie hatte einen sechs Wochen alten Knaben aus Wien an Kindesstatt angenommen, Minister Poehner wollte das Kind — als gefährlichen und lästigen Ausländer aus Deutschland ausweisen. Das Kind war nämlich ein Jude, und ein hoher Polizeibeamter soll den salomonischen Ausspruch getan» haben: „Wenn wir das Kind hereiiclassen, wächst es herait,und kann in zwanzig Jahren ein — Kurt Eisner sein." Nur mit Mühe konnte die Aufhebung der Ausweisung durchgesetzc werden. Bon Tischo b'Aw zu Schabbos Nacharrm. 9luf den Kriegsschauplätzen ist es tausenden Menschen vorgekommeu. daß sie einen gmizen Tag ohne Nahrung lebtei^; — doch das war Zwang. Die Judenheit aber verzichtet zweimal jedes Jahr in freiwillig sittlicher Tat fünfundzwanzig Stunden ans Speise und Trank. Wäre es irgend einer wissenschaftlichen Erkenntnis inöglich, zu solchein Entschlüsse zu veranlassen;? Wir glauben: nein. Nur die Religion vermag es, diese sittliche Kraft zu geben. Frankfurt. 8ros8wei58vLkerei Legr.lM Langestrasse 18 (Hinterbau) 3. St. » Tel. Römer 5808 Anfertigung sämtlicher Wäsche (auch einzelne Stücke) mit oder ohne Stoffltefernng. " Knopflöcher innerhalb 24 Stunden. Spezialität: Beaut-flusstathmg., XerreuHberkemcke» naoh Mann. Jedem das Seiuige.. Roman von M. Pulvermann. (Fortsetzung.) Und so plapperte sie weiter in einem verhiminelnden Selbstgespräch, wie sie es immer tat, wenn sie ihr Steckcnr jrrd ritt und die Vorzüge des Sohnes sich selbst vorzählte. Er hatte für sie aufgehört, etwas Persönliches. Körperliches zu sein und wurde zu einer unbegrenzten Idee, zu einer Gnadcnsülle, die nach ihrer Ansicht die Freuden der Lpclt zum lleberfließen bringen mußte. Sie war auch von seiner tiefen, kindlichen Liebe fest überzeugt: nur sehlte ihr das logische Denken, um diese Tiefe dadurch zu erkennen, i >.ß er die Lobhudeleien und Beweihräucherungen seiner Kerson geduldig über sich ergehen ließ, einzig und allein, »eil er wußte, daß es ihr 'Freude bereite, daß es eigentlich :l.r Lebenselcnicnt geworden war. 7 Aber er konnte nicht in 9lbrede stellen, daß er auch i,ent‘ jhren Worten lauschte, nicht des Inhalts wegen, sondern um die vertrauten Klänge der Muttersprache zu vernehmen. Der. Jargon, obwohl das Stiefkind unter den Sprächen, besaß er für ihn doch einen eigenartigen Reiz. Er teilte nicht die Ansicht jener, die diese Sprachmischung sür; überlebt und abgestorben hielten, oder gar als Kulturheinmnis bezeichne». Schon durch ben Umstand, daß der4 Jargon für Millionen Menschen die einzige Vcrständigü-fgsmöglichkeit bietet, ist sein Fortbestand nicht nur ge- '-.'chtfcrtigt, sondern auch notwendig; denn obwohl zerfetzt ->,std-zerrissenohne feste Form und Disziplin, ist er doch l irifhiiiub schmiegsam genug, alle Tränen und alles Jauchzen -nin^AnSdruck zu bringen, in, der Trauer zu trösten, die . .rcude zu wechen und zu heiligen. : .-Sosah Älaßner und lauschte den Reden seiner Mutter, >.^jemand, der erstarrte Gedanken und Gefühle am Feuer Erninernng wieder neu erwärmen läßt. ,-So," sprach jetzt die alte Frau befriedigt; „hier hast Dn'-ein Glas ^xe, wie es der Kaiser nicht besser haben 'unu^-Komm in die- Stube." - . ' . : :-i „Bleiben wir doch lieber hier, 'Mütter!? „In der Küche willst Du beit Tee trinken! Wie ein Bettler?" rief sie mit einer Stimme, die au§ Zorn und Zärtlichleit zusammengesetzt war, — und um jeden Widerspruch unmöglich zic iicachen, ergriff sie das Geschirr und begab sich nach dem Wohnzimmer. Klaßner folgte lächelnd, ivobei er aber eine gewisse Unruhe nicht verbergen konnte. Es wurde ihm plötzlich klar, daß sich ihm -jetzt die Gelegenheit zu einer entscheidenden Lebensfrage ansdrängte, der er noch gern aus dem Wege gegangen wäre. Schließlich aber sagte er sich, daß cs heute ebenso geschehen könne, wie zu jeder anderen Zeit- Er betrachtete das alte runzelige Gesicht ihm gegenüber voller Trauer und Mitleid. Wie vertrauensvoll sie das Haupt beugte, das bald einem tötlichen Schlag empfangen sollte! Den» 'in ihrer Ahnungslosigkeit begann sie gerade von dem zu sprechen, was den Stoß, den er gegen sie sichren mußte, nur noch schmerzlicher gestaltete. Sie hatte das Haupt ans beide Hände gestützt, während sie ihn freund- * sich anblickte und sprach: „Sag mal, Böhnchen, ist es Dir noch nie in den Sinn gekominen, daß ich einmal krank und untätig werden könnte?" „Gott behüte, Mutter! Daran wollen wir nicht denken." „Awromele, mir müssen daran denken. Ich bin doch auch nur uienschlich, wenn Du auch mein Sohn bist. Ich habe heute fortwährend daran gedacht und bi» zu der Ueberzeugnng gekominen, daß Du heiraken mutzt." Er schlug die.'Augen nieder und ließ sie auf Antwort warten. „Du lehnst also nicht ab," sprach, sie mit einem Seufzer. „Soll ich Dir ungehorsam sein?" „Nein, nein, mein goldenes Kind!" rief sie wieder versöhnt, da sic sich über seine 9lnhänglichkeit freute. „Es ist ja ein großes Opfer für mich, die 'Hälfte Deiner Lieb« einer Fremden überlassen zu müssen. Ich nehme doch an, , das; Du deine Frau ein wenig lieb haben wirst Ist es nicht so?" Ein tiefer Ernst begleitete diese Frage. „Es ist wenigstens allgemein so üblich," erwiderte er lächelnd. . 1 . „Wenn es also sein muß, dann kann es doch auch bald geschehen/' fuhr sie fort-7 sich snr ihren Plan mehr und mehr erwärnrend. „Ich werde dann mehr Zeit haben, ihr zu zeigen, wie sie zu Deinem Wohlbehagen beitragen kann. Nur eins mußt Du' mir versprechen, Awromele: den Haushalt und die ganze Wirtschaft muß sie rituell einrichten und von unseren heiligen Geboten nicht um Haaresbreite aüweichen. Willst Du nrir das versprechen?" „Man kann doch aber nicht einen alten Kopf auf junge Schultern setzen wollen," sprach er leije. Deshalb sage ich Dir, daß Du sehr vorsichtig bei der Wahl sein mußt. Die Beachtung der göttlichen Gebote ist die Krone des Lebens, alles andere aber eitel und nichtig. Laß Dich nicht etwa, von einer einfangen, die ein bischen auf dem Klavier klimpert oder ein paar französische Brocken plappert, auch wenn sie ein glattes Lärvchen hat. 9lch, Awromele, wenn Du Dir doch meine Worte zu Herzen nehmen möchtest! Ich könnte Dir schon zu einem Mädchen raten, das ein wahres Juwel ist. Es ist Chawe,' von dem Bäcker Semmelmann die Tochter; sie ist sanft wie ein Täubchen, schön wie ein Paradiesapfel, ein frommes, gottesfürchtiges Mädchen und eine gehorsame Tochter. Ich. sehe sie jeden Samstag in Schul, und ich bin überzeugt, daß sie mir zuliebe auch eine Perücke tragen wird. — 9lwromele, soll ich ihr morgen ein Wörtchen ins Ohr flüstern?" „Ich habe das Mädchen doch noch nie gesehen!" erwiderte er. Sie schüttelte mißbilligend den Kopf. „Ist es nicht genug, wenn ich Dir sage, daß sie für Dich paßt? Du hast sie noch nie gesehen! Weißt Du, daß dies gerade die Ursache ist, daß ich.mich fast jede» Tag ärgern uni» soviel Borwürfe über mich 'ergehen lasse» muß? Alle Landsleute halten es mir vor, daß Du Dich so stolz iljneitgegenüber zeigst! Neulich erst hörte ich, wie einer sagte: Wer ist er denn eigentlich, daß er gar so vornehm tut? Maische Mendels und Chase Raschels Sohn! Eine große Wichtigkeit! Awromele, Du kannst Dir denken, wie ich ihm heimgeleicchtet! Er ist gelaufen, daß er beinah! die Socken verlor. Vor diesem habe ich Ruhe, aber die anderen denken auch so, wenn sie es auch nicht aussprechen. — Soll ich mit Chawe reden?" , Klaßner atmete schwer, bevor er sprach. »Mutter; ich habe bereits einx Wähl! getroffen." '