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Neue jüdische Presse · 1921-06-23 · Heft 24 (23.6.1921) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
19 (1921)
Issue
Heft 24 (23.6.1921)
Date
1921-06-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. [Inder in Frankfurt in Frledenaqualltfit. Kaiserstrasse Töne, und seine Autoren ziehen jedes Register. Wie Straube — ja, ich tauf} hier dieses Orgelvirtuosen gedenken, der mich so oft entzückt, gerettet hat aus Melancholie und Verzweiflung. Ehe ich' ihn gehört hatte, konnte ich mir als Orgelklang nichts anderes als monotone Feierlichkeit, erstarrtes langweiliges Gleichmaß denken — er spielte, und die Orgel des Konzertsaales tönte unkirchlich, unendlich wie das Leben, Heiligkeit war sie immer noch, aber lebendige Heiligkeit, pulsierende, kluge, zarte und aufgewühlte, süße und bis ins Sonnengeflecht erschütternde Heiligkeit. So ist der Talmud. Er verschließt sich nicht. Im Vertrauen auf Gott öffnet er die Brust allem, was da heran will. Und so verlangt er auch keine Vorschußerbaulichkeit des Lestrs, sondern selbstbewußt sagt er über sich selbst: „Bor allem -lerne. Sei es um des Studiums selbst willen oder aus - irgendwelchem Beweggründe, — kerne. Denn gar bald wirst du das Studium, aus welcher Rücksicht immer begonnen, unt seiner selbst willen lieben." Unbegreiflich ist mir, wie man Nüchternheit und die berühmte .Haarspalterei" in einem Werk finden kann, das - so durchaus auf Begeisterung und Glaube gestellt ist. Hat -man den Glauben nicht, dann zieht ja vielleicht alles kahl und kalt vorbei, — wie jenen in ihrer Klugheit erstarrten ' Kritiker immer der Dichter, in! dessen Werk sie ihre eigene Klugheit und Klügelei intonzieren, „klug" erscheint; sie fangen sich am Detail und zur Auffassung der Totalität fichlt der tragende Wi'le, wühl n id) die tiefere Fähigkeit zu lieben . . . Wir aber, die Willigen, sind entbrannt, wenn wir ata Schluß des Traktates Brachoth jenes Gegenseitigkitsverhältnis zwischen Leser und Buch sinken, das wohl in der gainen Weltliteratur nicht seinesgleichen hat: .Einser Ruhm sei über dich, Traktat Brachoth, und dein Ruhm sä über uns! Unsere! Gedanken über dich, Traktat Brachoth, und deine Gedanken seien über uns! mögen wir nicht vergessen taerden von dir, Traktat Brachoth! und mögest du nicht vergessen von uns, weder in dieser Welt, noch in . jener, die kommt." —Einer >Zeile von ähnlich überströmender Dankbarkeit, die öfters wiederkehrt, wurde schon gedacht: ,FLären wir zur Welt gekommen, nur um dieses zu hören: es wäre genug gewesen." — Und nur von einer andern Talmudlegende (ich! habe sie irgendwo gelesen oder gehört) wird solche Innigkeit, solch Liebesverhältnis im Geistigen noch Lbertroffen: Da wird von einem einsamen Gelehrten erzählt, der mit besonderem Eifer den Traktat Chagiga studierte, einen Abschnitt, der sonst sehr wenig" gelesen wird. Dieser Traktat behandelt nämlich das unpraktisch gewordene Opferritual. Als nun der Gelehrte starb, von aller Welt verlassen, da erschien an seinem' Totenbett eine weiße leuchtende Frauengestalt und hielt die Nachtwache bei der Leiche. Die Gestalt war der Traktat Chagiga. Schon die literarische Form des Talmud nimmt für ihn ein. Sie ist äußerste Verdichtung, Denkeextrakt, oft nur ein Merkwort für einen langen Gedankengang, die Sprache gleichsam nur Mnemotechnik, nie um ihrer' selbst willen da, daher rücksichtslos, blockartig, stenographisch mit feststehenden Kürzungen, eine private Ueberänkunft der Debattierenden, ohne auf Schönheit, auf Sprachreinheit oder auch nur grammasische Reinheit zu achten. Dabei stets kräftig, wischaulich. .Die-bösen Geister umgeben uns wie der Schutt die Gartenbeete." Abschnitt für Abschnitt wird man von Bildern überrascht. Kein größerer Gegensatz zum langweilig oratorischen Stil der Kirchenväter ist denkbar. Und nicht Mittelmäßigkeiten überliefert der Taünud, sondern das vom Durchschnitt Abweichende, Abnorme, ja das Verwegene. Deshalb ist der Talmud eia Buch, das den Juden leicht gefährlich wird, denn es ist Mißdeutungen ausgesetzt. Es fürchtet 'sich nicht, es redet in Leidenschaft, unbekümmert um die Folgen. Bon R. Simon bar Jochai wird der Ausspruch überliefert: „Noch den Besten der Heiden soll man erschlagen". -Soll man das nun wirklich tun? Ist das ernstlich als jüdisches Religwnsgebot zu nehmen? oder ist es der um seiner Schärfe willen anekdotisch aufbewahrtc, einmalige Berzweiflungsschrei eines Verfolgten, der, um von den tyrannischen Römern nicht getötet zu werden, dreizehn Jahre in einer Höhle zubringen mußte? (Schluß folgt.) Professor Einsteins „Judentum." Prof. Albert Einstein veröffentlicht in der „Wie-: ner Morgenztg." eine Schilderung seines jüdische» Werdeganges, von dem hier folgende Stellen wiedergegeben seien: »Ich glaube, daß das deutsche Judentum dem Antisemitismus seine» Fortbestand verdankt. Die religiösen Formen,-welche früher die Vermischung der Juden und ihre > Auflösung in ihre Umgebung verhindert haben, sind mit dem wachsenden Wohlstand und der wachsenden Bildung im Schwinden begriffen. So bleibt'nichts anderes als dieser Gegensatz, zur Umgebung übrig, den man als Antisemitismus bezeichnet, der eine Trennung im sozialen Lebenherbeiführt. Ohne diesen Gegensatz würde die Vermischung der Juden in _ Deutschland schnell und ungehindert vor sich gehen. Ich habe das an mir selbst beobachtet. Bis vor zwei Jahren lebte ich! in der Schweiz, und solange ich dort war, war ich, tair meines Judentums nicht bewckßt mid war nichts in meinem Leben vorhanden, das auf meine jüdische Enipfin-' düng gewirkt und sie belebt hätte. Das änderte sich, sobald ich meinen Wohnsitz nach Berlin verlegte. Dort sah-ich Lie Not vieler junger Juden. Ich sah, wie ihnen durch ihre antisemitische Umgebung unmöglich gemacht wurde, zu', einem . . - geordneten Studium zu gelangen und sich zu einer ge- Leue JüdWe fßceftp sicherten Existenz durchzuringen. Insbesondere gilt das von den Ostjuden, die unaufhörlich Schikanen ausgesetzt sind. Diese und ähnliche Erlebnisse haben, in mir das jüdische nationale Gefühl geweckt. Ich bin in diesem Sinne nationaler Jude, daß ich die Erhaltung der jüdischen oder irgendwelcher Nasionalität als Selbstzweck fordere. Ich betrachte die jüdische Nationalität als eine -Tatsache und bi» der Meinung, daß-jeder Jude aus dieser Tatsache die Konsequenzen' ziehen muß. Ich erachte die Hebung des jüdischen Selbstbewußtscins auch im Interesse eines natürlichen Zusammenlebens mit den Nichtjuden gelegen. Das war das Hauptmotiv meines Anschlusses an die zionistische Bewegung. Für mich ist der Zionisnius nicht etwa bloß eine aus Palässina gerichtete kolonisatorische Bewegung. Die jüdische Nation ist äne lebendige Tatsache in Palästina sowohl wie.in der Diaspora und der jüdische Nationalisnius muß in Palästina sowohl wie in allen gegenwärtigen Wohnländern zur Entfaltung gebracht werden. Seine Nationalität in der Diaspora zu verleugnen oder nicht zu betätigen, ist eine schlechte und halbe Sache. Wenn man auf dem Standpunkt steht, seinen Nationalismus nur auf Palästina zu beschränken, dann verneint man die Tatsache der Existenz des jüdischen Volkes und in diesem Falle sollte man den Mut haben, alle Konsequenzen aus.dieser Anschauung zu ziehen, und die schnellste und vollkommenste Vermischung anstreben und durchführen. . Wir leben in einer Zeit der llebertreibung des Nationalismus. Mein Zionismus schließt nicht kosmopolitische Anschauungen aus. Ich gehe von der Realität der jüdischen Nationalität aus und glaube, daß jeder Jude Pflichten gegenüber seinen Mitjuden hat. Die Bedeutung des Zionismus ist übrigens vielfacher Art. Er eröffnet heute vielen Inden, die in der ukrainischen Holle schmachten oder'in Polen ökonomisch verkommen, Aussichten auf eine menschenwürdigere Existenz. Durch die Zurückführung der Juden nach Palästina und ihre Rückkehr zu einem gesunden, normalen Wirtschaftsleben, bedeutet der Zionismus eine produktive Tätigkeit, welche die menschliche Gesellschaft bereichert. Aber die Hauptsache ist, daß der Zionismus die für die Existenz der Jude» in der Diaspora notwendige Würde und ihr Selbstgefühl stärkt. Ich habe die würdelose Anpassungssucht vieler meiner Standcsgenossen immer als sehr abstoßend empfunden. die in den letzten Jahren znsammengeBchrnmpft sind, können Sie jetzt bei uns mit verhältnismässig nicht zu grossen Ausgaben wieder aufirischen. Sie brauchen keine 1000 und mehr Ma.k ' für einen guten fertigen Anzag aaszngehen; wir liefern Ihnen für 400 nnd 600 Mk. Anzüge and Ueberzieher aas -wirklich guten, tragfähigen Stoffen, die modern and flott gearbeitet sind. 'Wir geben ihnen hierdurch die Möglichkeit, . Ihre Kleiderbestfinde ohne allzugrosse Ausgaben wieder würdig zu ergfinzen. neben der Hauptpost; T Durch die Gründung eines freien jüdische» Gemeinwesens in Palästina wird das jüdische Volk wieder in die Lage kommen, seine schöpferischen Fähigkeiten zu ungehinderter und voller Entfaltung zu bringen. Durch die Errichtung der hebräischen Universität und ähnlicher Institute wird das jüdische Volk nicht bloß seine eigene nationale Renaissance herbeiführen, sondern Moral, Kultur und Wissenschaft bereichern und lvie vor Jahrtausenden in neue, bessere Bahnen lenken." Znr Beurteilung der Ereignisse in PalMva. Die „Wien. Morgenztg." schreibt: „Die Duplizität der Fälle iw Aegypten und Palästina ist in der Tat auffällig, und auch die Haltung der englischen Behörden war in beiden Fällen die gleiche. Es macht den. Eindruck, als hätte sich die e n g li s che O r i e n tp o li t i k in der letzten Zeit die Maxime zurechtgelegt, ihre Autorität möglichst wenig zur Schau zu.tragen und der im vordere» Orient' von Zeit zu Zeit aufflammenden Nervosität mit möglichster Duldung zu begegnen. ' Auch der Polftik Herbert Samuels, des Oberkommissärs, in Palästina wird von jüdischer Seite der Vorwurf der Schwäche gemacht. Aber so sehr man bereit ist, ihm, der Englands verantwortlicher Beamter ist, alle Rücksichten auf Englands Interessen zuzubilligen, und so wenig man einer Scharsmacherpolitik gegen'die Araber das Wort reden möchte, so gehört vieles von dem, was geschehen ist, in ein anderes Kapitel. ♦ Die alte Militärverwaltung, deren antizionistische Haltung-seit, den vorjährigen Unruhen In -Jerusalem zur Genüge bekannt ist, .wurde! tat. Dienste belassen,; und es scheint, daß noch immer jene Kreise einen wesentlichen Teil Nr. 24.. der Macht haben, die seit Anfang gegen, den Geist d, Balfour-Deklaration intrigieren. Nur so wird die Passiv tät der militärischen Behörden verständlich, welche nicht dagegen taten, daß die Araber mit Waffen versehen wurde, daß eine systematische Pogromhetze betrieben wurde, u» das alles, obzwar es au rechtzeitigen' Warnungen nid gefehlt hat. So wird auch die Saumseligkeit des Militär begreiflich, das erst nach Stunden in Jaffa eingrisf, luät rend es ein Leichtes gewesen wäre, die Unruhen im Kei, zu ersticken. Den schärfsten Protest aber'muß die Art und Weise hn vorrufen, wie die Untersuchung über die Geschehnisj geführt wird. Es scheint, daß das System der Bertüschuuge hier so weit geht, daß tarnt die Wahrheit nicht sehen wil Bisher ist nicht einmal /das Selbstverständliche geschehet daß jene suspendiert worden wären, denen die Beraiit Wortung für die Passivität des Militärs und die Exzess der Polizei zufällt, und sie selbst, die unter Anklage ge tellt werden müßten, sind an der Führung der Untersuch,,» mitbeteiligt: der Untersuchungsrichter ist derselbe Man« der voriges Jahr das Urteil gegen Jabotinskh und Ge nossen fällte. Die Untersuchung selbst ist zur Komödie ge worden, die Araber werden mit Handschuhen angefaßt, u» es hat den Anschein, als wollte man die Schuld an de, Vorkommnissen in gleicher Weise Juden und Arabern ans erlegen. .- , Dieser Opportunismus, der es sich! mit den Araber, nicht verderben möchte, hat mit Politik nichts mehr zu tu» Wenn man Mördern und Mordanstiftcrn Nachsicht beweist geraubtes Gut ruhig verschleppen läßt und auf'alle Streng verzichtet, können die Wirkungen eines' solchen Verhalten! l ehr nachteilig und gefährlich werden und. dies nicht bloj ur die jüdische Sache allein. Die Zionistische Organisation hat durch ihn Schwäche vieles verschuldet — jetzt aber ist es ihre Pflicht gegen eine Politik energisch zu protestieren, welche diese,, Namen nicht verdient und durch chr stetes Zurückweiche,, nur sehr unangenehme Effekte erzielen kann . . ." Deutsches Reich. Berlin. HUfstätigkeit für oftjüd- Flüchtlinge. In einer gemeinsamen Sitzung aller großen deutsch jüdischen Organisationen sprach Dr. Paul Rat ha« . über den Stand der Hilfstätigkeit für die ostjüd. Fluch,' linge und über die 'stlufgaben des Arbeiterfürsorgeamtejüd. Organisationen Deutschlands. Anschließend berichtete, die Sekretäre Dr. Senator nnd Alfred Beraei über, die Tätigkeit des Amtes. Eine einstimmig angc nommene Resolution fordert, daß das Hilsswerk „nbeuingi fortgesetzt tverden muß«, ttnd daß mit Rücksicht auf di, Einschränkung der Joint-Subventionen an die jüd. Gemeinden die 'Aufforderung ergeht, das ^Hilsswerk zu organisieren und insbesondere für die Finauzterung de-t Arbeiterfürsorgeamtes Sorge zu tragen. Der Stargarder Fall. Die Regierung führt eingelsende Untersuchung. Di, Wachleute, denen Mißhandlung der Ostjuüen nachgewirsen wurde, sind entlasse» worden und werden bestrajt Es hat sich bei der Untersuchung tc. a. ergeben, daß ei, Wachmann die Ostjuden mit dem Gewehrkolben so geschloge, hat, daß das Gewehr entzweigesprungen ist. Die Unter suchung ist in vielett Punkten noch nicht - abgeschlossen es muß jedoch anerkannt werden, daß sie mit der nötige, Energie geführt werden, um ähnliche Geschehnisse in Z>, kunft zu verhüten, insbesondere sollen alle Wachleute eine, Revers unterschreiben, worin sie sich verpflichten. Miß Handlungen zu unterlassen. Pole». «tu tzoluisch.füdischer Klub. Nach der „Gazeta Warszawska" habe sich ein polnischjüdischer Klub gebildet, dem von der fortschrittlichen „Alti vistengruppe" angehören: Erzbischof Roop, Bischof Kulak,-Prof. Petrazycki, Prof, de Courtenah. Fr Skapski, Eugen Starczewski. Redakteur Gieb z y n s k i - L. D a r o w s k i und von "der „Bürgerpartei" Fürst Lubomierski, Abg. de Rossek, Minister a.D Patek, Abg. Barlicki (Soz.), Abg. Graf Bawo rowski nnd Federowicz (kons.) und L.Ärzywicki Die Namen der jüdischen Mitglieder werden nicht gc> nannt. Wahrscheinlich sind es Assimilanten, die für jüdisch, Probleme ohne Verständnis sind. Großbritannien. «rUarungctt Churchills im Unterhanse. (I. P. Z.) Churchill hat anläßlich der Einbringung eines Kreditbegehrens von 27 197 000 Pfund zur Deckung der. nnt der Verwaltung von Mesopotamien und Palästim notwendigen Ausgaben die so lange erwarteten Erklärungen über die. Orientfragen abgegeben. Laut dem vorliegenden Havastelegramm führte er u. a. aus-: Großbritannien hat die Wiederherstellung einer arabischen Nation und die Wieberaufrichtung der Heimat der Juden in Palästina versprochen. Es hat das Mandat über Palästina und Mesopotamien übernommen ttnd m„E sich nun seiner Verpflichtungen entledigen. Wesentlich hierfür ist die Herabsetzung der militärischen Bestände im nahen' Osten und die Einschränkung der Ausgaben aus vernünftige Grenzen. Nach den Mesopotamien betreffenden Ausführungen führte Churchill weiter auS: Zur Einlösung des den Zionisten gegebene» Veripw chens werden wir in- Palästina . 5000 Mann lulassen; möglicherweise .könnte es notwendig sein, dieser - Bestand etwas. erhöhen zu müssen. .5 Die Mehrheit der

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