Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 19 (1921)
- Issue
- Heft 24 (23.6.1921)
- Date
- 1921-06-23
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterZsraelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis JnfertionspreiS für die sechsgespaltene Nonpareille-Zeile 100 Psg., für die Reklamezeile Mk. 3.— sowie 25% Teuerungs- Zuschlag. Platz» und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Expedition und in allen Annoncen-Bureaus. — Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugsprets pro Vierteljahr: In Frankfurt am Main bei der Neuen Jüdischen Presse, auswärts bei der Post abonniert Mk. 4.50 ftei ins HauS. Bei Zusendung durch Streifband für Deutsch, land Mk. 30.00. für alle übrigen Länder Mk. 40.00 jährlich, im Voraus zahlbar. 19. Jahrgang. Donnerstag, de« 17. Siwan 5681 23 Juni 1921) Rr. 24. Die Juden im Wirtschaftsleben Deutschlands. Dr. Fclix A. Theilhäber, Berlin-Wilmersdorf. . ' II. ' ' ' ' - (Fortsetzung.) Sogar die Bierbrauerein wurden von Juden umge- ,!,adelt. ' Durch die Kapitalisierung der allen Fabrikationsstätteu z. B. in Berlin die Patzenhofer, Bock, Schutheis, Hascnheide, Sozietätsbrauereien wurden die Brauereien von Juden vorivärts gebracht. Glagau hat zwar diese Ueberpihrung des Braugewerbes in. hochkapitalistische - Gewerbe in seine» vielverbreiteten Schriften gegeißelt und ihren Untcigang angekündigt. Aber nur diese linimodclung ermöglichte damals ihre Einstellung auf dein Weltmarkt, das Vordringen des Braugewerbes in ^Deutschland, wobei die persönliche Anschauung die Nützlichkeit des Mkohols, den wirtschaftlichen Nutzen der Brennereien und Brauericn allerdings bestreiten kann. Hier handelt es sich lediglich um die Feststellung eines Wirtschaftsprozesscs. Inwieweit die Weißbierbraukunst von Juden in Berlin heimisch gemacht wurde, ist noch nicht'geklärt. Jedenfalls gab es ganz gebildete Bierbrauer schon in den ersten Jahren ihrer Ansiedelung in Berlin unter ihnen, Aaron den Samuel lieft 1690 eine Hebräische Schrift Beth Ahcon erscheinen und widmete sie dein Großen Kurfiirst mit kiiiem langen Gedicht, n»s dessen Schluß einige Zeilen seine Beredsamkeit zeigen mögen. „Das Buch soll auch sehn von meinem Gnädigsten Churfürsten wohl ausgenommen, Soll auch in der Bibliothek zwischen andere cbreischc Bücher hereinkommeil. Es mag wohl Priester und Rabbiner lesen. Weil nicht dazu können gelangen, so lange ich in Polen gewesen, Denn solches ist aus 36 Bücher genommen. Als durch Gottes Gnade in diesem Lande hereingekomincn, Bon mir armen alten ebreischc» Wann, Der hier hak viel in Berlin an Weitzen Bier und Pollnischen Branntwein getan, Denn so lange Berlin hat gestanden vor alten Tagen' Hat keiner darin lvon Weitzen Bier und Pollnischen Branntwein wissen tzu sagen, Sie haben die Handtieruug nicht können führen. Da nicht gewußt, wie Sie sollen mit handtierc». Tie haben nicht gewußt, was daran Ist zu tun. So hat es von mir abgelernt Jedermann, Das wissen auch allzusämmcn hier. Daß i ch h a b e aufgebracht den polnischen B r a n n t w c i n und das W e ich e n B i e r. Auch müssen, meine Zeugen sehn die Herren auf der accise und die ganze Welt, Daß durch mich ist eingekommen in die accise Cassa viel Geld. Darum habe ich'zu bitten den durchlauchtigsten Chiirfürsteu, meinen gnädigsten Herrn, Tie lassen mich bleiben bei meinem Stückchen Brodt. in . meinem Alter zu suchen . . . l, ...Und bete auch täglich jür Eure churfürstl. Durchlauchtigkeit Gott lasse Ihr wohl gehn in. alle-Ewigkeit. Solchen wünschet - Euer Churfürstl. Durchlaucht unterthänigster Knecht A a r o n S a m u e l." Auch in Mecklenburg finden wir einen Branntivein-' brenner. -Als Malchin im 7-jähr. Krieg von den Preußen beschossen würde, war der Jude Markus Isaak einer der Unerschrockensten (siehe Donath S. 123). Als Lohn seiner, Tapferkeit wurde ihm die Anlegung einer Branntweinbrennerei gestattet. Schon ü» Jahre 1696 erhielt Juda. b. Mair Wahl,, der, chie. sem Name auch anzeigt aus dem Osten stammt, die flirstliche Genehmigung, die erste Branntweinbrennerei i» Dessau anlegen zu dürfen. (Freudenthal: Aus der Hei-, mat Mendelssohns S. 118). l Im 'Jahre 1719 erhalten die Juden Jacob II r i a s und M e h er I a c o b o iv i y in Königsberg die Konzession) >"m Methbrauen und Branntweinschank, aber nur wor. die) bey ihneneinkehrenden: Juden." ) In die. Kette der wirtschaftlichenfFornrrn: gehört ,nebeniwbrikation, Einkauf und > Verktmf^ deH^Transvori iderl Waren-, Rastlöse. Arbeit, Sächkemitnjs^Äückwrußsit^ Zielstrebigkeit, Sparsamkeit und Intelligenz ist zu allem nötig, was die Wirtschaft unserer Zeit vorwärts trieb, lind nicht zuletzt hat ei» Faktor das Emporkommen Deutschlands in der Weltwirtschaft gefördert, weil Deutschland die besten und billigsten Transportmittel besaß. lieber die Gründung der Eisenbahnen haben wir vordem gesprochen. Die Berkehrsniöglichkeiten der Großstädte, die Gesellschaften für Straßenbahnen und Omnibusse wurden frühzeitig insbesondere von Juden ins Leben gerufen. Den Philologen wird interessieren, daß die in Berlin allgemein übliche Bezeichnung Kremser ursprünglich von dem Juden Simon Krems er.herrührt, welcher erstmalig eine Art Omnibusverkehr ins Leben rief. Ebenso ist das Speditidionswesen durch Juden reorganisiert worden (B rasck> & R.o thenstei n n. «.) Was aber den Stolz Deutschlands bildete und den Neid aller Völker hervvrrief, bas ist das Lebenswerk Albert Ball ins gewesen. Ballins Energie, organisatorisches Genie und sein Weitblick erhoben die Hamburg-Amerika-Linie zu internationaler Bedeutung. Er übernahm die Rhederei mit 65 000 Tons und mit einigen Schiffen, die auf vier Linien fuhren, im Jahre 1888, und bereits 1910 besaß seine Hamburg-Amerika-Linis über 1023 315 Tons, deren Schiffe auf 66 Linien ftlhren. Die wirtschaftlichen Leistungen der Hapag erstreckten sich weitgehend. auf vorbildliche sozial-politische, hygienische und Philanthropische Maßnahmen. Ohne seine jüdische Abstammung hätte der königliche Kaufmann Wert Ballin sicker noch größere Ehrungen erfahren, während so gelegentliche Anerkennung den Chor der antisemitischen Schreier mobil machte. Das hindert nicht, die Tatsache zu unterstreichen» daß gerade der Stolz der alldeutschen Kreise, die deutsche Handelsflotte, ein Produkt jüdischer Erwerbstätigkeit gewesen ist. von Dewitz schildert ausführlich die Situation der Hapag in den Jahren, in denen Wert Ballin, der Paßagent einer Konknrrenzrhederei, zu.ihr als Direktor kam. Mit alleni Rückständigen und Veralteten wurde rücksichtslos aufgeräumt. „Tie alten Segler und Dampfec der Linie verfielen dem Hammer, und wurden durch moderne, allen Anforderungen entsprechende Dampfer ersetzt. Zwei neue Schnelldampfer, die im Gegensatz zu der scharf konkurrierenden Loydflotte mit Doppelschrauben ausgestattet.waren, die „Äugusta Victoria" und die „Columbia" wurden 1889 in, Dienst gestellt- Mit einem. Schlage hatte der unermüdliche Wagemut und die klare Erkenntnis Ballins für alle Frage,, der Gegenwart die Hapag an? einem fast ' bankrotten Unternehmen mit an die Spitze aller. SchifffahrtsgesellschaftÄ, gestellt-' (Dir Gesellschaft batte vordem ihr Kapital durch Verluste um ei» Drittel auf 15 Millionen reduziert und trotzdem weitere Verluste erlitten. Ten Eintritt Ballins in die Gesellschaft leitet Dewitz mit folgenden Worten ein: „Tie Packetfabrt hatte nur ein unvorhergesehener, äußerer Umstand vor dem Ruin retten können." (Mammonarchen 2. Teil, S. 901. Und von seinem weiteren Wirken spricht Tevitz: „Ballins hervorragendes -Organisationstalent und jein zielbewußtes Borwärtsdrängen schoben überall die Gesellschaft auf den ersten Platz, Als Pionier der gesamten Schiffahrt gewann die Amerikalinie einen Namen. Cs gab leine Neuerung aus dem Gebiet der SchiffSbantechnik, - keine neuen Gesichtspunkte und. Ideen im Weltverkehr und Welthandel, die Albert ' Ballin nicht praktisch erprobte."*) Tie neue deutsche Hansa ist also ton Juden gemanagert, während im Ausland die Lnsitania und Manritia z. B. auf Staatskosten gebaut wurden, andere Schiffe Bauznschüsie erhielten, Kilometergelder bezahlt wurden, gab es für die deutschen Schiffe nur eine knappe' Vergütung' für die Versorgung der Post, die für olle Schiffart-linien: etwa 8 Millionen Mark betrug. Ballin war übrigens nicht der einzige jüdische Rheder. In. einer Zusammen', ellung von Granewald sBerlin 1902, Poppelancr) ist auf andere Rheder und Seelahrer vcrw kesen Die Recessen und andere 'Mten der Hansetage 1256. bis 1130 verwiesen schon auf die Inden,, die zwischen Köln- *) S. "H a ck weist jn der Schrift „Hamburg-Amerika-) Linie" (in Handel, Industrie und Verkehr, Berlin' 19061' auf das 'Verdienst Ballins' hi», der . durch sein über-) rägeiches Werkletzten' Endesauch dazu beilrrtg, daß, Ham-^ L bnrg^ die bedeutendste HandeEstadft die größte 'Hafenstadt! .'.des.-: epropäischew .Kontinents-wurde.- ,r und England die Seeverbindnng Pflegten. Don den portugiesischen Juden beißt es bereits beim Acksgang des 30 jährigen Krieges (16481, daß sie ansehnliche Hantierung im Kaufmannsgewerbe in dieser Stadt grführet und n>ch üben, insonderheit aber die höchst nötige Schiffahrt größtenteils erhalten und befördern. Bereits 1628 baute der Spagnole Paulo Melao in Glllckstadt. wo wie in Emden die Juden sich als Rheder frei betätigen durften, ein Schiff. Älls er es in Hamburg von einem ftemden Meister vollenden läßt, ruft er damit einen Konflikt zwischen der Schisfsbauznnst und der Behörde hervor, den erst das Reichskammergericht entscheidet. In Dänemark treffen wir im 18. Jahrhundert verschiedene jüdische Rheder. Einer der ersten modernen jüdischen Schisfsherrn war Phil- Hartwig R e e aus Aarhus. später in Hamburg, dem Onkel des Reichstagsabgeordneten Tr. Anton Ree, dessen Flotte cnls 5 Schiffen bestand. In Preußen hatte zwar Friedrich IIeinem Amsterdamer Juden (Metrino) in Emden nach Ausweis des dortigen Staatsarchivs die Rhederei gestattet, dagegen zwei Königsberger Juden das Monopol verweigert, (s. Grunewald a. O.). Erst im Jahre 1801 wurde der Jude Lion von Emden als deutscher Rheder offiziell anerkannt und erhielt die offiziellen Papiere. Unter den weiteren Rhedern war in seiner Vaterstadt Hamburg M. W- H i n r i ch s e n gleichermaßen uls Unternehmer und Politiker geachtet. Er erreichte aber nicht die Bedeutung eines Ballin, ebensowenig wie Karls - berg, der die Cnnard-Line in Deutschland vertrat und das Answanderergeschäst für die.e Gesellschaft organisierte, die großzügige Methode seines Vorbildes fand. Ballin vereinigte in sich gewissermaßen die Rellamefähigkekt Karlsbergs und die geschäftliche Vornehniheit Hinrichsens in den glücklichsten Synthesen. (Fortsetzung folgt.) Der Talmud.*) Von Max vrod. Das ist das vornehmste Merknial, der schönste Vorzug des Talmud: Leben, unendliche- Lebendigkeit in Gott und im Geiste. Auf zauberhafte Art führen Geist und Tugend ein natürliches, geradezu wollüstig natürliches Dasein unter, diesen Menschen. Hier regierte (und regierte einige Generationen lang) eine Diesseitswunderstimmung, um nichts geringer als die im „Lied der Lieder". Sie in sich einzufaug'en — das ist der eigentliche Sinn und Gewinn des Talmudstudiums. Trieb und Pflicht scheinen in eins verschmolzen, das Erhabenste geschieht in rührender Kindesnaivität, Märtyrertum ist dem Witz benachbart, und der . Genius eines unzerstörbaren Bolkswillcns umschwebt wie mit unzerstörbarer Heiterkeit die rauchende Trümmerstätte. Gewiß, an. herzzerreißender Klage mangelt es keinesfalls. Aber das Hauptkennzeichen bleibt dennoch: Kraft, Anspannung, Hoffnung, Wunderhosfnung aus allen guten Tiefen der Seele hervor. '; Deshalb ist der Talmild auch nichts für Schwächlinge. Löwenseelen will er erziehen, aber Löwen an Güte und Geisteskraft. Aller Impetus, der sonst nur dem Tierischen im Menschen zukommt,- fließt hier auf geheimnisvolle Weise seinen höheren Funktionen, - seinem Denken und Mitgefühl zu. Und dabei wird das Tierische nicht-etwamuckerisch übergangen,- vielmehr zeigt es sicht in Offenhett und Prnderielosigkeit ohnegleichen. Auf Grabplatten des alten Prager Judenfriedhofes sieht man oft schwellende Weintrauben eingenieißelt, als Symbol für große Gelehrsamkeit des Toten. Was anderen Symbol animalischen Rausches, Betäubtsein bedeuten würde: hier Symbol geistigen UeberfiusseS. So auch im Talmud! Ein Ueberfluß, der aus sich selbst großherzig und ftöhlich macht, — weit, weit entfernt von jener kleinlichen Enge, die mir einmal auffiel, als ich zufällig in einem Münchner „evangelischen" Hotel übernachtete. Da lag die Bibel ans dem Nachttisch, und darüber besagte ein Emailtäfelchen:, „Es wird ersucht, in der Bibel nicht 'zur Unterhaltung zu lesen." Bon dieser ängstlichen Gesalbtheit findet sich im Talmud keine Spur. Ganz inr Gegenteil, er hat alle menschlichen *) 'Aus dein demnächst im Verlag Kurt Wolfs erscheinenden zweibändigen Bekenntnisbuch Max Brods: .„Heidentum, Christentum, Judentum". Es ist wunderbar, wie sehr sich Brod, der doch von dev Assimilation gekommen: ist, in die jüdische Ideenwelt eingelebt hat. Agch> eine Wirkung des - Zionismus.. -♦ -■ i;; ' D. Redakt.