Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 45 (10.12.1920)
- Date
- 1920-12-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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%t.{45 y y ' Die Diskussion nahm zisnlich heftige Formen an, bis R- Israel Hildesheimer erklärte, Daß er nichts dagegen einzuwenden habe, wenn Maybaum in diese Kommission als Vertreten des Rabbinerverbandes gewählt werde. Das stellte die Ruhe und die Eintracht wieder her; nur Cahn- Fulda erklärte, daß er trotz der großen Verehrung, die er für seinen Lehrer empfinde, seine Meinung nicht ändern könne. Der Grund, warum unser unvergeßlicher greiser Lehrer jene Erklärung gab, war allen Einsichtigen klar, da gerade durch die ausdrückliche Bezeichnung Maybaums als Vertreter des Rabbinerverbandes es klar dokumentiert werden sollte, daß der Rabbinerverband in allen seinen Teilen dem entschiedenen Eintreten für die Erhaltung der Schechita zustimmte. Bemerkt wurde, daß Rabbiner Breuer- Franksurt nach der Erklärung Israel Hildesheimers die Konferenz verließ. Kurze Zeit darauf haben die maßlosen Angriffe gegen Talmud und Schulchan Acuch die Bekenner der verschiedenen Richtungen zusammengeführt, um für die Ehre des Judentums mannhaft einzutreten. — Bor dem Zusammentritt der für diesen Zweck angeregten Konferenz wurde ich beauftragt, den Entwurf zu einer Erklärung vorzubereiten. Zur Prüfung und endgültigen Fassung wurde dann eine Kommission getoählt, zu der Männer der verschiedenen Richtungen, wie Israel Hildesheimer, Oberrabbiner Hirsch- Hamburg, Maybaum, Guttmann und ich gehörten. Es war e»n feierlicher Moment, in dein diese Erklärung einstimmig von der Konferenz angenommen wurde. Die Erklärung wurde dann sämtlichen Rabbiner» in Deutschland zugeschickt und der Erfolg war, daß 220 deutsche Rabbiner dieselbe unterschrieben. Es war tief bedauerlich, daß Samson Raphael Hirsch nicht mehr lebte. Mit Sicherheit kann man natürlich nicht sagen, welche Ansicht er hier in diesem Falle gehabt hätte, aber die Rabbiner, die Mitglieder "der Freien Bereinigung waren, haben zum größten Teil ihre Unterschrift verweigert, zum Teil, weil ihnen die Faffung nicht gefiel, ziun Teil, weil sie keine Erklärung über das Judentum in Gemeinschaft mit anderen Richtungen innerhalb des Judentums unterschreiben wollten. Eine kleine Episode, die sich in dieser Angelegenheit abspielte, ist vielleicht für'die richtige Beurteilung auch der späteren Entwicklung von Wichtigkeit. Rabbiner Hildesheimer war zu einer Beratung über die Angelegenheit der Erklärung nach Fulda gekommen. .Dort wurde ihm von Rabbiner Dr. Breuer und anderen der Borwurf gemacht, daß er seine ganze Vergangenheit verleugne. Als der Rabbi darauf hinwies, wie sehr wir die Mitwirkung der anderen Richtungen auf verschiedenen Gebieten, wie z. Bder Schechita nötig haben, sprach Herr Rabb. Dr. Breuer sich dahin aus, daß wir eher auf den Genuß von Fleisch verzichten sollten, als daß wir uns mit Männern verbinden, die auf religiösem Gebiete unsre Gegner sind. Ms mir am folgenden Tage Herr Dr. Hirsch Hildesheimer über diese Diskussion berichtete, imponierte mir, das muß ich sagen, diese Aeußerung des Herrn Dr. Breuer darum, weil sie deutlich zeigte, daß auf den Nachfolger Samson Raphael Hirschs In günstigster Weise beeinflußt das Wohlbefinden Neüe Jübisch« Presse. augenscheinlich die ganze Entschiedenheit des großen Mannes übergegangcn ist. Weniger glücklich war die Auffassung der Opponenten^ in Bezug auf den Inhalt der Erklärung. In unsereiu Entwurf stand ein Passus, der inhaltlich den Gedanken aussprach, daß die heilige Schrift die Grundlage des Judentums und der Talmud die Quellenschrift für das jüdische Religionsgesetz sei. Das fanden die Herren, die in Fulda versanrmelt waren, nicht entschieden genug und schlugen die Fassung vor: die Quellen des jüdischen Religionsgesetzes seien Bibel und Talmud, um so die Annahme zu verhüten, als ob der Talmud weniger Bedeutung habe als die Bibel. Als R. Israel Hildesheimer mich um meine Ansicht darüber fragte, schrieb ich ihm, daß der gesetzestrene Standpunkt entschieden an unserer Fassung festhalten müsse. Nur der Talmud kann als eine Quelle bezeichnet werden, weil man aus ihm die Halacha schöpft, während daS, was nicht Gesetzeskraft erhielt, für uns nicht bindend ist. Aus der heiligen Schrift aber schöpft man nicht etwas heraus, sondern man nimmt sie absolut ganz und schließt keinen einzigen Buchstaben von dem Gottescharakter der Bibel aus. Diese Auffassung teilte unser unvergeßlicher Lehrer, und die Erklärung wurde in ihrer von der Kommission entworfenen Fassung» beibehalten. Biele von den Anhängern des Gegenentwurfes gaben schließlich meiner Auffassung ihre Zustimmung, fügten jedoch hinzu, daß sie dennoch die allgemeine Erklärung nicht unterschreiben, weil sie es für unheilvoll halten, mit Neologen gemeinsam eine Erklärung über das Judentum abzugeben. So hatte sich der Streit von seiner "lokalen Seite aus ans eine allgemeine erweitert. Man sollte also nicht nur mit Andersgesinnten nicht in derselben Gemeinde bleiben, sondern sich auch int allgemeinen 'in jüdischen Angelegenheiten von Andersgesinntem sernhalten." (Schluß folgt.) In Sowiet-Rutzland. Schilderungen einer Schauspielerin. Die bekannte jüdische Schauspielerin Ester Rachel Kaminska ist nach zweijähriger Abwesenheit wieder aus Sowjet-Rußland nach Warschau zurückgekehrt. Ihre Schilderungen einen» Mitarbeiter des „Neier Haint" gegenüber entnehmen wir folgendes: Schauspieler sind in Rußland jetzt sehr angesehen; . sie sind „Proletarier der ersten Stufe" und haben das Recht, selbständig in der' Oeffentlichkeit aufzutreien. In der ersten Zeit hielt sich Kaminska in der Ukraine auf. Die Lage war damals bereits sehr schwer. Nack 9 Uhr abends verließ niemand mehr seine Wohnung. Ständiger Schreck hielt die jüdische Bevölkerung in Banden, und sie hatte keine Stimmung, Theater u. dergl. zu besuchen. Es ist charakteristisch, daß sogar die ukrainische Hooligans die jüdischen Künstler respektierten und es einem jüdischen Künstler, wie es sonst Juden häufig sich ereignete, nie passierte, auf der Reise aus dein fahrenden Zuge geworfen zu werden. Freilich fielen schon zur Zeit Denikins auch jüdische Schauspieler als Opier. So der Artist Baumwol, der Vorsitzende vom Schauspielerverband in Rußland und Gründer des „Artisten-Winkel" in Charkow. Ebenso wurde auf bestialische Weise der Schauspieler Epstein getötet, und Sepphoris und Rom. Ein historischer Roman aus dem vierten Jahrhundert. Bon Ludwig Philippsohn. (Fortsetzung.) .^Bergieb mir, ich sollte wohl eigentlich vor Dir schweigen, daß ich Deinen erhabenen Geist nicht herunterzöge in den nieder» Kreis weiblicher Angst und Besorgnis. Aber Du hast mir stets geboten. Dir alles zu sagen, was mir im Herzen lebt, und Dein Gebot ist mir heilig, daß ich Dir nichts verschweigen kann. Was mich so schwer bedrückt und mich in diesen fieberhaften Schrecken versetzt hat, das ist die Flammensäule, die in voriger Nacht den nördlichen Himmel so furchtbar durchglühte, daß ihr Widerschein bis in die Fenster dieses Turmes drang ... ich habe sie gesehen, stundenlang wuchs und wuchs sie an, bis sie riesenhaft in das Herz des Himmels zu dringen schien, immer weiter und weiter dehnte sie sich aus, als ob sie den ganzen Rand der Erde verzehren wolle. — Ich weiß es Nohl, eS war das brennende Safed, das mit Flammenschrift in die Wolken zeichnete: Safed, das hohe, große, weisheitsvolle Safed ist nicht mehr! — Und wie wird es Liberias ergangen sein? Hinter den Höhen verborgen, kann es uns seine Zeichen nicht sichtbar machen und mir nicht verkünden, ob die Stätte meiner Kindheit und Jugend, ob das Haus meiner Väter noch besteht —" Mirjam bedeckte mit chren Händen ihr kummerdurchzogenes Antlitz. Patrika seufzte tief auf. „Auch ich will Dir nichts verbergen, teures Weib. Ich würde Dich minder achten, wenn ich dies für notwendig halten müßte. Safed ist nicht mehr; gestern früh fiel es durch Verräterei von Samaritanern, welche die törichten Führer gegen meinen ausdrücklichen Willen in der Stadt zurückgelassen hatten. Aber auch Liberias ist nicht mehr unser. Der abtrünnige Joseph, der die Schwächen dieser Stadt nur zu genau kannte, führte die Feinde nächtlicher Weile auf hunderten von Barken an eine vernachlässigte Stelle des schwachbefestigten Ufers, und so drangen die Römer hinein, haben aber die Stadt selbst auf Befehl des Gallus verschont.— So sind es allerdings Gabara und Sepphoris allein, welche, hoch auf ihren Bergesspitzen, . dem Römer widerstehen und mit Gott für immer, widerstehen werden! ' . Nun, Mirjam, wir sirw 'unschuldig an■ dem Blute unseres ^Volles, das in Strömen den Boden unsrer Väter tränkt. Nicht ich, nicht diese und jene haben den Aufstand geniacht und die Erhebung unsres Volkes bewirkt. Dieses selbst hat ihn gemacht, unsre Feinde haben ihn mit tausend teuflischen Künsten ins Leben gerufen. Wir können mit ruhigem Bewußtsein in die Feuerflammen und auf das Mordfeld blicken. Und was tut's? Bleiben wir nur an diesem einen Fleck Erde bestehen, hält nur Sepphoris seine Bergkrone hoch in der Höhe: mit dem ersten Schritt aus seinen Toren wieder, gehört auch das Land wieder uns, und seine Städte und Flecken füllen sich wieder mit rüstigen und schaffenden Menschen, die den Einig-Einzigen rühmen, als den Gott des Sieges und des Friedens! . . ." 20. Wunder der Tapferkeit von beiden Seiten! Die Mauer der Stadt war an verschiedenen Stellen eingestürzt. Als aber die Römer nach einem furchtbaren Kampfe durch die Breschen eindrangen, sahen sie sich zu ihrer.» Entsetzen vor einer breiten Fläche, einem tiefen Graben und einer neuen höheren und stärkeren Mauer, die um so schwerer zugänglich war, als das Terrain der an dem Berge hinangebauten Stadt aufwärts stieg. Mutlosigkeit überfiel alle Feinde von Sepphoris; kaum daß sie sich überwanden, sich in den Breschen festzusetzen und aus der eroberten Mauer eine Verteidigungslinie zu machen. Ursicinus tobte und raste. Aber es kam für ihn ein noch härterer Schlag hinzu. Be» der Rückkehr vom Sturme fand er zwei Depeschen vor. Die eine meldete ihm den Tod seines eifrigsten Beschützers, des Casars Gallus. Der eitle, eifersüchtige und tückische Kaiser Constanttils hatte das große Ansehen, welches Gallus in allen östlichen Provinzen des Staates'sich erkämvste, mit Mißinut wahrgenommen und ließ ihn erniorden. Ursicinus war wie vom Donner gerührt. „Gallus tot, vom kaiserlichen Meuchelmörder gemordet!" rief er aus, „o Ursicinus, was wird dann Dein Schicksal sein?!" Er ösfnete mit zttternder Hand die andere Depesche. Sie war an ihn von Rom selbst datiert und befahl ihm bei der höchsten Ungnade, die Einnahme Sepphoris sofort zu bewerkstelligen. Es wurde ihm deutlich zu verstehen gegeben, daß die schlechten Erfolge des Feldzuges in Mesopotamien, der Verlust Amida's ebenso wie der Aufstand der Juden nur »hin und seinem Verfahren zugeschrieben wurden. Eine unsägliche Bitterkeit erfüllte die Seele des wilden, aber tatzfern und erfahrenen Feldherrn. Dies war also der Erfolg eines unter Kämpfen und Strapazen vollbrachten Lebens; dies der Lohn Roms für tausendfache geleistete Seite 3 der beliebte Schauspieler Liebert wurde »mr »mt großer Mühe von seiner schweren Berwundimg gerettet. Doch nun zu Rußland! In Rußland gibt es jetzt nur eine Triebkraft: Essen und noch einmal essen. Wenn eine Schauspielertruppe hört, daß es in einer anderen Stadt ein halbes Pfund- Brot den Tag mehr gibt, bricht sie sofort mit Sack und Pack nach dort auf. Geld und Kleider spielen in Rußland jetzt keine Rolle. Der Liebhaber eines Theaters, der sich sonst durch sorgfältigste Kleidung auszeichnet, , trägt in Rußland ^Hoseir a»»s Sackleinen »md eine Arbeitsjoppe. Würde ein Schauspieler wie früher gekleidet sein, dann hätte er als .Bourgeois" die größten Unannehmlichkeiten zu befürchten. Bei Reisen verursachte das große Gepäck, das der Schauspieler nötig hat, leicht Tätlichkeiten der Mitreisenden Proletarier, und es war deshalb stets nötig, eine proletarische Ehrenwache bei dem Gepäck zu postieren.. Die Bolschewisten möchten gern die Theater für ihre Zwecke ausnützen, doch die Berufsschauspieler wehren sich dagegen, und so müssen bolschewistische Stücke von kourmunistischen Dilettanten aufgeführt werden. Wie in allem, herrschte in Rußland auch ein Zwang des Theaterbesuchs. An besttmmten Tagen im Monat muß jedesmal ein bestimmter Teil der Bevölkerung das Theater besuchen. Da ist es denn vorgekommen, daß in dem Augeublick, da von der Bühne bolschewistische Propaganda ertönte, das Publikum ma»enweise das Theater verließ. Jetzt lassen deshalb die Bolschewisten während der ganzen Vorstellung die Tore des Thea-ers schließen. ' Aile Theaterstücke gehen durch eine strenge Zensur. Gespielt wird jetzt Ibsen, Andrejew, Fulda, Hirschbein. Bo» Gorkin, der den größten Erfolg hat, sind viele Stücke verboten. In Moskau hat sich der Regisseur Stanislawski sehr inn die Errichtung des hebräischen Theaters .Habimoh" verdient genracht. Doch die Theaterzustände sind so unhaltbar — Requisiten fehlen, in den Logen sitzen Le»»te, die keine Ahnung von Theater haben —, daß die Schauspieler der „Habimoh" nur den einen Wimsch hegen, nach Jerusalem überzusiedeln.__ Sonderangebot fiir den D«tai iverkaiif. Velours de laine Gabardine Crepe de Chine zu bedeutend herabgesetzten Preisen. Engelbert Hriss Kaiserstrasse 3 Kaiserstrasse 3 und mit dem eigenen Blute vollbrachte Dienste! Hutter all' den, Kämpfen und Siegen, der wiederholten Rettung, des Reiches aus den drängendsten Gefahren drohte chur das Henkerschwert! .... Da erwachte in ihm aus der Tiefe des Unmuts leise die Frage, ob er nicht oft genug allzuviel getan? Ob er diesem Rom, diesem eitlen um> grausamen Kaiser nicht das Leben und Glück zahlloser Menschen geopfert habe? Die Schatten Tausend«! von Menschen, die sein Befehl weit über die Grenze der kriegerischen Notwendigkeit hinaus hingeschlachtet, das Feuermeer von hundert zerstörten Städten, die er seiner Soldateska übermütig preisgegeben, umringten sein nächtliches Lager und wiesen als gerechte Vergeltung auf seinen Sturz und Tod in naher Zeit hin. Doch mitten durch die Qualen seines Geistes hindurch mußte zu einem Entschlüsse gekommen werden. Er wollte einen Versuch ai»derer Art machen, »md er ließ Joseph den Abtrünnigen rufen. Am andern Marge»» trat ein Kricgstribnn als Parlamentair vor die neue Mauer der Stadt, mit einer weißen Standarte versehen. Patrika wurde zur Stelle gerufen und bewilligte eine Unterredung für Den, welchen Ursicinus senden werde. Zu dem Ende »sollte auch er eine weiße Wimpel auf der Mauer aufstellen lassen und behielt sich vor, zu jeder Zeit durch das. Herablassen der Wimpel die Unterredung abbrechen zu dürfen und dann noch eine Viertelstunde für die Entfernung der römischen Wgesandten vorübergehen zu lassen. Die weiße Winrpel erhob sich in die Lust, das neugierige Volk von Sepphoris versammelt» sich auf der Mauer, so weit diese Raum dazu bot. Plötzlich erschien auf dem Raume zwischen "der alten und neuen Mauer — Joseph der Abtrünnige in einem kostbaren Priestergewande und machte das Zeichen, sprechen zu wollen. Sowie das Volk ihn erblickte, schrie es: „Nieder mit der Wimpel! Wir wollen »hu nicht hören, den Verräter, den Mörder des Patriarchen!" Drohende Geberden zeigten sich überall, und leicht hätte es zu Tätlichkeiten kommen können. Aber Patrika gebot mit Donnerstimme Ruhe: sie sollten ihn anhören und antworten, damtt der Römer erkenne, daß die Verteidigung von Sepphoris die fteie Tat freier Männer sei, daß hinter den Mauern; drejer Stadt kein Zwang, keine Gewalt geübt werde. Man gehorchte ihm, und die wildbetvegte Woge des Volksgrimmes legte sich allmählich, es war Stille, daß jedes Wort auch in weiter Entfernung gehört werden konnte. (Fortsetzung folgt.)