Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1920-10-22 · Heft 38 (22.10.1920) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 38 (22.10.1920)
Date
1920-10-22
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2692297-2693178-2693216--11249-2706683
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Seite 2. Nr. 38. ' GW»»»»«»»»»«»»»» I PAUL JOBICH’S KtH§T liEBSPBE LE 1*1» ühr. (Eldorado) 7*/» Uhr. | ,.Vo'nahnes Fanilien-Kabarett“ s0mm»mrnmm mmm Bon diesem gentralbüro im Verein mit der Jcwish Colonization Assoziation und später der Jewish Territorial Organisation ist in den Auswanberungs-, Durchw inderungs- und Einwanderungslänbern ein großes Netz von Jnformatiouen und Schutzstellen für Emigranten geschaffen worden. Durck "das Zentralbüro sind' seit 1904 über 200,000 Personen befördert worden mll einem Kostenaufwande von 4 Millionen Mart. Auch während des Krieges hat seine Tätigkeit nicht ganz geruht. Die Arbeit des Zentralbüros wird, wenn auch die Verhältnisse durch den Ausgang des Krieges geändert sind, für Deutschland selbst und die angrendeu Gebiete von größter Bedeutung, bleiben. Daher wird di: im Frieden geschaffene umfassende Organisation d« Aüswandererfürsorgr jetzt wieder ins Lebe» treten. Die Büros 'in den Hafenstädten werben wieder eingerichtet werden» ebenso diejenigen an den wichtigen Grenzpunkten und den Haälptknotenpunkten der Eisenbahn. Die Jnformationstätigkeit für Emigranten wird wieder einsetzen, insbesondere wird das Korrespondenzblatt wieder von dem Zentralbüro herausgegeben werden. Dr. Paul Nathan widmete sodann dem Schulwerk des Hilssvercins Abschicdsworte und wandte sich dann zu den Juden im Osten. Die Zustände im Osten sind über alle Begriffe furchtbar. Niemals hat das Judentum so ungeheure Verluste erlitten. In Sowjetrußland sind die Jiäen zwar gesetzlich gleichberechtigt, doch bei der dort herrschenden relativen Anarchie sind auch sie schutzlos gegen antisemitische Hebelgriffe. Es sind im Sowietrußla-rd hauptsächlich nur die armen jüdischen Elemente zurückgeblieben. Sie haben unter den allgemeinen Verhältnissen dort, außerordentlich zu leiden, doch nicht so schwer wie die Juden in den Randstaaten. Die Juden in der Ukraine und in Polen werden in einer wahrhaft infernalischen Weise behandelt. Von den 8 Millionen Juden Rußlands und Galiziens leben wahrscheinlich 6—7 Millionen in Gebieten» die von Pogromen heimgesucht sind. Niemand weiß, wie weit die Ausrottung der Juden im Westen von Rußland in den ungezählten kleinen Ortschaften gegangen ist. In diesen Gebieten, Polen und der jetzt Polen angeschlossenen Ukraine helfend einzugreifen, ist sür Deutschland und die deutschen Juden aus politischen Gründen nicht möglich. Jeder Versuch einer Intervention würde die Lage der dortigen Juden noch weiter gefährden. Hilfe kan« nur von den Amerikanern ausgehen, die ein Hilfswerk für den Open vonein« Größe ausüben, wie es in der Geschichte nicht seinesgleichen hat. Doch wird der Hilfsverein, der geographischen Lage Deutschlands entsprechend, stets ein Träger und eine Verbindungsstelle für das Hilfswcrk im Osten bleiben und d«ch vor allem aus dem Grunde, weil die Hilfsleistung nicht improvisiert werden kann. Der Hilfsverein verfügt üher feste erprobte Organisationen, zum Beispiel bei der Auswaudererfürforge und über Erfahrungen von Jahrzehnten. Angewiesen bleibt der Hilfsverein somit auf dir ausgiebige finartzielle.Förderung seitens der deutsche« Juden als Grundlage seiner Tätigkeit. Zum Schlüsse beleuchtete Redner die große Bedeutung der Ostjudenfrage in Deutschland selbst. Es kann nicht verhindert werden, daß. aus allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Gründen die Grenzen, in Deutsch- . fimb gegen Osten gesperrt bleiben, aber für diejenigen Ostjuden/ die sich, in Deutschland bereits befinden, rationell z« sorgen, ihnen die Möglichkeit zu geben, sich ohne BelaMng für Deutschland bei Uns aufzuhaltcn, bis eine Weiterwanderung möglich ist, bleibt eine Pflicht'der Menschlichkeit, und diese Aufgabe zu -lösen liegt zugleich im eigenen Interesse der deutschen Juden und im Interesse Deutschlands. Reform res ReligiouSrmlerrichts. Dr. Friedrich Rülf beschäftigt sich in der Breslauer »Hüd. Bolksztg." mit dem jüdischen Religionsunterricht. Das Wesentliche seiner Ausführungen ist wie folgt: „Wenn wir dem Heranwachsenden Gelchlecht jüdisches und religiöses Leben und Erleben verschaffen wollen, wenn ihm der Komplex all .jener Seelenvorgänge, die wir in dem. Worte „jüdisches Empfinden" zusammenfassen, wiedetgeschenkt werden soll, dann ist eine unabweisbare Notwendigkeit: " Unsere Kleinen müssen hebräisch lernen, nicht mehr zusammenhanglose, unverstandene Worte nachplapown, sondern systematisch die Sprache et« fassen. Eine großzügige Reformierung und Reorganisation unseres RÄigiorSschulwescns auf hebräischer Grundlage isr das Gebot der Stunde. Wie. ist «ne solche Reform bei de« gegenwärtigen SchulverhÄtnissen überhaupt möglich? Ein großer Teil unserer. Schuljugend besucht Gymnasien und Recckschulen. Hier wird in 2 Wochenstunden nach dem Muster des christlichen Religionsunterrichts „Religionsgeschichte" und „Religionslehre" verabreicht. Vom.Mbräifch ist so gut wd gar keine Rede; das Ganze ist unzulänglich und unjüdisch. . Das Streben nach Emanzipation und Gleichberechtigung hat «ns im Schulwesen zur Schaffung dieses halbe» Gebildes geführt. Svlangewirohnr staatlichen Schutz unser Religionsschulwesen allein organisieren und «halten mußten,' stand es besser um das Mische- Wissen.unserer Jugend. Neue Jüdische Presse. Der Anschluß Mt den Staat, hat hier wie überall mechanisiert und den Geist erstarren lassen. Um die Gleichberechtigung zu erringen, haben wir dringende Forderungen hintenangesetzt! Mit diesem vielleicht etwas scharf pointierten Urteil soll nicht etwa gegen den Religionsunterricht an "den höheren Schulen überhaupt zu Felde gezogen weden, sondern nur gegen die unzulängliche Art, in der die 2 Wochenstnnden angewandt werden. Statt die Schüler mit der Erlernung würzelosen GeschichtsmaterialS und nnzusammenhängender Bibelstcllen zu, quälen, sollte man zunächst ihr ganzes Interesse und ihre ganze. jugendfrische Energie auf ein einziges großes Ziel lenken: auf die Beherrschung unserer heiligen Sprache. In beiden Wochenflunden' sollte Hebräisch gelehrt werden, aber freilich H e - brätsch im Rahmen des Religiösen und unter ständiger Anwendung auf die rel-igiöje Praxis. Das, was so der Schüler nebenbei an geschichtlichen Daten, an jüdischen Sitten und Einrichtutlgen und an religionsphilosophischen Fragen zu Gehör bekommt, wird besser in seinein Gedächtnis haften und mehr Leben sür ihn gewinnen, als der bisherige Unterrichtsstoff,. der iurmcr wieder bis zunr Ueberdruß durchgekaut wurde, aber wegen sein« abstrakten, wesenlosen Darstellung kein Interesse hervorrief. Und die Bibelstellen, die in den höheren Klassen im .Zusammenhänge des Urtextes gelesen w«de», könncii für die Lebensanschauung der jungen Menschen fruchtbarer werden, als die nachgeplapperten deutsche« Sprüchlein. ’ Asso nicht nur in der eigentlichen Religionsschule, sondern auch im Religionsunterricht der höhere» Schulen gilt cs, den Schritt zur hebräischen Sprache zu wagen." Preis'«eite Winter-Mäntel in ganz erstaunlich grosser Auswahl. Alle Farben in hellen «. dunklen Yelour de laine-Stoffen Hellkarierte Stoffe in besonders geschmackvoll. Karos Einfache nnd elegante Plüsch-und Astrachan-Mäntel Pelz-Mäntel in Seal-Elektric von 4500.— Mk. an Wnnderv. pelzbesetzte 8 offmäntel in allen Farben Dunkelblaue Gabardine-Kostüme aus reiner Wolle . . . von 880.— Mk. an Hochgeachl. und halsfreie wollene Mantel-Kleider . Grosse Gesellschafts-Kleid« Crepe de chine-Blasen weise n. rosa mit plissierten Jabots und Filet-Einsätzen garniert. - Braunthal neben derHaiptpeet. Spezialhansfarbesond.g»8cbmackv.Damen.Konfekt'on. Erez Israel. 6itt hebräischer „Führer" durch Palästina. Die Zionistische Kommission hat einen Führer durch Palästina herausgegeben. Er hat 244 Seiten Text, Karten und Abbildungen. Einschneidende Bodengesetzgebnng. Die Regierung hat folgende einschneidende Bodengesetzgebung «lassen: Jeder Kauf, Verkauf oder Berschenkung sowie Verpachtung von Boden über mehr als 3 Jahre, ist an behördliche Genehmigung gebunden. Erwerbsberechtigt ist nur, wer palästinensisch« Bürger ist und .nachweislich den Bode« selbstbestellt od« bebaut. Ein einzelner Bürger darf nie mehr BoLenwert als '3000 engl. Pfund erwerben. Verkauf, Verpachtung, Verpfändung und Verschenken von Boden, d« für die Erhaltung einer Wirtschaft notwendig ist, ist verboten. Das Minimum wird von lokalen Behörden sestgestellt. Ein Grundstück darf nicht öfter als einmal im Jahre veräußert werden, abgesehen von ein« Veräußerung durch die Erben. Bobengesellschaften können mit besonderer Erlaubnis größ«e Flächen erwerben, falls sie sofort die Bearbeitung oder Bebauung selbst vornehmen. Pie Delegiertenversammluug. „Doar Hajom" wendet sich scharf gegen den Zusammentritt der Delegiertenversammlung. Die Zionistische Kommission (Waad Hazirim) sei ganz im Schlepptau der linken Parteien. Die Wahlen zur Delegiertenversammlung feien unt« dem Eindruck der Osterunruhen vor sich gegangen, heute würden die Wahlen ein anderes Resultat ergeben. Die Zeitung greift besonders Usjischkin an, d«, um un den Amerikanern Rache zu nehmen, sich d« extremen Link: verschrieben habe. Die Delegiertenversammlung wurde am 7. Oktob« unter Anwesenheit von 250 Delegierten «öffnet. Sir Herbert Samuel hatte ein Begrüßungsschreiben gesandt, b« Bürgermeister von Jerusalem, ein Mohamedaner, überbrachte persönlich feine Glückwünsche. Deutsches Reich. Münchener Hochschuljngend. „Das „Tagebuch" bringt folgende Mitteilung: Im Jahre 1920 erzählte ein Münchener Rechtslehr« im Kolleg, ganz objektiv - und sein« Aufgabe gemäß, im Mittelalter sei den Juden daS Recht der Notwehr entzog^ worden. Darauf stürmisches Beifallgetrampel all« teutschen Jünglinge, Fäuste ballett sich und wilde Blicke drohen. Der, nichts ahnend, erstaunte Professor auf dem Katheder mußte innehallen und die Jünglinge .austoben fassen. Werdende.Richter, werbende. Rechts- und.! Staatsanwälte und vielleicht auch der künftige Justizminister unter ihnen. Die Zustände im Danziger Answanderungslager. Der Berliner R.-Ko«espondent der „I. P. Z," berichtet: Nach den Schilderungen der durchreisende» Flüchtlinge sind die Verhältnisse im Auswanderungslager Danzig, das 'zeitweilig 10,000 Menschen, fast durchwegs Juden, umfaßt, außerordentlich bellagenswert. Die Danziger Regierung hat verfügt, daß. die Auswand«er sofort in das Lager „Troyl" gebracht werden müssen und dieses Lager nur auf Erlaubnis^ die sehr schwer «teilt wird, verlassen dürfen. Beim Eintritt ins Lager müssen sie sich nicht nur der Desinfektion und ärztlicher Untersuchung unterziehen, sondern es werden auch den Frauen die Haare abgeschnitte». Ein junges Mädchen wollte sich dies« Prozedur wibersetzen, und als man sie doch dazu zwang» ertränkte sie sich im Meer. Die Flüchtlinge werden überhaupt höchst brutal behandelt. Am schlimmsten ab« ist, daß sie dnrch das Verbot, das Lager zu verlassen, jeder Ausbeutung vreisgegeben sind. Es werden für ein Nachtlager ans einem Strohsack im Baracken-Massen-Qnartier M. 19 und in ejnem etwas besseren Bett M. 22 pro Nacht verlangt. Ebenso, hoch sind die Preise für ein gewöhnliches Essen, das hoppelt soviel kostet, als in einem Restaurant in der Stadt und viel schlecht« ist. Sehr viel zu wünschen lassen die sanitären Einrichtungen des Lagers. Dü jüd.. Organisationen, insbesondere die .Mas", werden von den Auswanderern beschuldigt, daß sie die Uebermittlung von Briefen usw. aus Amerika nicht mit der nötigen Sorgfalt und Pünktlichkeit erledigen. Dnrch die Schikanen im Lag« werden die Flüchtlinge oft so lange aufgehalten, daß sie in der Zwischenzeit ihr Reisegeld verbrauchen und von ihren Verwandten in Amerika neue Geldsendungen verlangen müssen, was wieder eine beträchtliche Zeit in Anspruch nimmt, wodurch neuerlich Geld für das Leben im Lager verbraucht wird. Die Zustände in Danzig beweisen, daß die jüdischen Organisationen noch immer nicht die nötigen Organe besitzen, um den stets von neuem eintretenden Katastrophen des jüd. Lebens mit erfolgreicher Abwehr entgegentreten zu können. . - Frankreich. Antisemitismus. Jean Longuet, der bekannte Sozialist, wendet stch im „Le Populaire" .gegen. den Antisemitismus der reaktionären Kreise. Er greift auch die Staatsmänner Frankreichs an, die die Pogromregierung eines Horthy in Ungarn unterstützen. In Frankreich unternahm es .die „Aetion Fran^aise", eine ungeheure antisemitische Preß- Hetze zu entfalten, ähnlich der der London« „Morning Post". Diese Propaganda habe Mich schon ihre Früchte getragen, und zwar vorige Woche in Tunis, wotrun^ne Soldaten mehrere Inden übersielen und getötet haben und jüdisch« junge Mädchen .entkleideten nnd mit der Reitpeitsche prügelten. „Dafür — schreibt Longuet —. daß er als verantwortliche Urheber dieser Schandtaten die Offiziere dieser Soldaten, die fleißige Leser royalistischer Zeitungen sind, angezeigt hat, wird unser Gtznosse Robert Louzan in einigen. Wochen wegen „Beleidigung der Armee" vor dem Kriegsgericht in Tunis erscheinen müssen." Utigent. Das christliche Regime. Der Wiener „Jüd. Preßbericht" bringt wieder einige „Fälle", die charakteristisch für' das christliche Regime Ungarns sind. An den athletischen Sportspielen in Budapest beteiligte sich auch der Magyar Athletikai-Klub (3R. Ä. C.), dem Offiziere des berüchttgten Pronay-Detachement angehören. Es galt nun, die besten Kräfte der .konkurrierenden B«eine auszuscheidÄi, — und die allmächtigen Offiziere verhafteten diese als des — Bolschewismus verdächtig. Den 19jährigen Ladislaus Harmat, einen bekannten Läuferchampion, machte man jedoch, da er Jude war, auf andere Weise unschädlich. Zivei Offiziere erschienen bei ihm und ersuchten ihn, ihnen zu einer Zeugenaussage zu folgen; er ging mit in die Kaserne! und kam nicht wieder heraus. Einige Zeit später warf die Donau seinen Leichnam h«ans; ein Bein und die Nase waren abgeschnitte», die Augen ansgestochen, d« Schädel zertrümmert. Sehr richtig bemerken die „I. Preßber": Harmat mußte st«ben, well er es gewußt hatte, als Jude siegreicher Athlet zn sein; er mußte sterben, um als Laufchampion einem Christen Platz zu machen, — ' und Horthy ist ein ehrenwerter Mann, und in Ungarn gibt es keinen weißen Terror.. . .- Ein anderer Fall: In Upfeherto war seit 47 Jahren der Jude Hartmann Gemeindenotar und bei d« gesamten Bevölk«ung' wegen sein« Redlichkeit verehrt. In einem christlichen Staate kann man jedoch einen Juden in solchem Ainte nicht dulden. Hartmarur kommt Samstags ans der Synagoge nach HMse und findet einen Gendarm vor, der ihn ausfordert, sofort mit seinem Wagen nach det Kreisstadt zum Gericht zu fahren. Hartmann will am Samstag nicht fahren, doch d« Gendarm läßt nicht nach, da « den Befehl habe. 4^ Am nächsten Morgen.ist der Greis mit zerschmettertem Schädel und ansgestochenen Augen tot vor dem Gefängnisgebäude aufgefunden worben. /

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.