Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 38 (22.10.1920)
- Date
- 1920-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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immiiiuuunumumuuuinmtmmimmiimuuuiiuimitiim: SkschilntMchLM'chamFreitag. Bezugspreis proDiertel« : j fahr- In FraWkk am Main bei der Neuen Iüdifihen presto j | auSwäris bet der Kost abonniert Mk.SLV,stek inS Haich 15 pfg.; | mehr./LeiZusenbungdurchStreffbandftlrOeuisthklndMk.2O.00, \ | für alle übn'geki LLitbet MßZo.OO/Shrttch, im Daraus zahlbar. : Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M, Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galt) GeiS j HnsertionspreiSfÜr die stch^eKaltenrNonp.ZeflecklWtz., M : : die Netiamezeile Mk.3.—. Bei Äieder^otimgea enttzrrechender : : Nabatt. / Platz, und Datum »Dorschrist ohne Verbmdli^eit. / : ' : Ätinomen-Annahme bei der Gped.ünd kn a.ÄkMonk«l-Älreck»ck. ■ i Konto bet dem Postscheckamt bl Frankfurt a.M. unter Jkr.4864. : - 18. Jahrgang. Freilag, de» 1V. Cheschwan 5681 (22 Oktober 1920) Nr. L8. Die Aktion für den Heren Hajeffod. Als die Entscheidung von San Remo die politische Basis für di«'Erfüllung der Palästinahoffnung brachteergriff eine tiefe Freude die gesamte jüdische Welt. In zahllose p Reden und Artikeln wurde die Bedeutung dieses EtÄijnifscs gefeiert, und seine Wirkung auch auf diejenigen Kreise, die bisher dem Palästinagedanken wenig oder gar keitl Interesse entgegengebracht Hütten, war unverkennbar Die politische Arbeit per Leitung der Zionistischen Organisation fand mit Recht die höchste Anerkennung. In rascher Folge gingen - dann die Dinge ihren Gang weiter Es folgte die Ernennung Sir Herbert Samuels zum Oberkoniinissac. Es folgte die Oeffnung der Einwanderung. Die Einwanderung setzte sogleich stürmisch ein, und da sah Man, welche außerordentliche» Wirtschaft» 1'iche n Schwierigkeiten einer raschen Bcvölkerungszuiiahme in Palästina noch entgegenstehen. Die politische Arbeit, die übrigens auch heute noch in stärkerem Maße fortdauert, als vielfach bekannt ist — man denke nur an die so überaus wichtige Frage der Grenzbestimmnng — hatte bisher alle Kräfte der Leitung absorbiert. Noch nHr es nicht länge her, daß die jüdische Zukunft Palästinas . ein überäiis heikles Problem war, und nun wurden plötzlich die Schleusen aufgezogen, ehe noch Zeit gefunden wyr .zu einer umfassenden Regulierung des Flußbettes. Dis beginnende Einwanderung brachte, wir wir wissen, eine wirtschaftliche Krisis. Es fehlten die notwendigen Brrwaltungsmaßnahmcii .zu einer Einwanderung, es fehlte mangels öffentlicher und privater Fonds die Möglichkeit, dis Einwanderer zu beschäftigen. Unter dem Zeichen dieser Eindrücke tagte die Londoner Jahreskonferrrtz. Was ist zu tun, um die Schwierigkeiten lies Augenblicks Fu überwinden? — Zwei Instanzen vor allem haben düi, Pflicht, für Abhilfe zu sorgen: Die Regierung des GeuieinWsens Palästina und die Zionistische Organisation. ..Die .palästinensische Regierung, vertreten durch Sir Herbert Samuel und seine Mitarbeiter, hat die Ausnahme einer verhältnismäßig bedeutenden Anleihe in bis Wege geleitet. Es ist mit Bestimmtheit zu erwarten,- daß sie zum Erfolg führt. Indessen, wir dürfen nicht erwarten, daß der Ertrag dieser Anleihe in erster Linie jüdischen Znccken zugeführt wird. Noch besteht die Bevölkerung Palästinas erst zu einer kleinen Minderheit aus Jude», und die Regierung Palästinas darf ihre Gelder nur so verwenden, wie es den Interessen aller Bewohner Palästinas entspricht. So muß das jüdische Dolk. selbst cingreifen, wenn es seine Palästinaanfgabe durchführen will. In. dieser Erwägung hat die Londoner Jahreskonferenz beschlossen, die Aktion für den Keren Hajesfod (Grundfonds) eknxuleite». -Wie sollen .die Gelder des Keren Hajessod verwandt werden? In erster Linie sollen durch sie die dringendsten Erfordernisse des Augenblicks gedeckt werden. Sofortige Schaffung ausreichender Einwandererfürsorge und sofortige Schaffung von Arbeitsgelegenheiten kommt vor allem in Frage. Ferner Unterstützung sozialer Einrichtungen der verschiedensten Art. Ausgaben, die ans die Dauer zum größten Teil auf bas reguläre Budget übernommenwerden müsse», die jedoch im Augenblick bei ihrer besonderen Dringlichkeit — außerordentliche Einnahmen erfordern. Darüber hinaus stellt der Grundfonds eine außerordentliche Speiche des jüdischen Volkes dar - für solche! Anlagen, die von allen Volks- und Staatsgemeinschaften für dauernde Zwecke vorgenommen werden, und deren Deckurig regelmäßig iin Wege der außerordentlichen Einnahmen, meist von Anleihen, beschafft hifrb. Es handelt sich dabet Um Anlagen der kulturellen Staatsverwaltung und um staatliche Anlagen materieller Natur. Beispiele der . ersten Art sind die Schulen und Krankenhäuser; Beispiele der zweiten Art Kredite jpnd Gelbhingabe zum Zwecke der Urbarmachung von Ländereien, der Ent- und Bewässerung, dev Anlage und Regulierung von Verkehrseinrichtungen, der Schaffung vvii Agrar- und 'Hypothekenbanken und sonstigen Kreditunternehmungen, der Unterstützung von Genossenschaften, der Förderung der Forstwirtschaft usw. Diese dauernden Anlagen pflegen im Laufe der. Zeit der Volks- oder Staatsgemeinschäft Erträge abzuwerfeü, namentlich diejenigen materieller Natur. So dürften auch dem Grundfonds mit der Zeit lauseridio Beträge zufließen, ttttb es ist nicht ausgeschlossen, daß das endgültige Statut des Grundfonds, dessen Bearbeitung sich seinem Abschluß nähert, aus solchen Einnahmen eine mäßige Verzinsung der für den Grundfonds hergegebenen Gelder vorsehen wird. Es war notwendig, in diesem Augenblick, wo die Aktion für den Grundfonds immer lebhafter wird, sich diese Dinge wieder vor Augen zu führen. Die Aktion dürfte dadurch an Klarheit und damit an Kraft gewinnen. Daß ihre Durchführung unendlich dringend ist, braucht nicht wiederholt zu werden. Dr. Erich Marx. Hilfsverein der deutsche« Inden. Am U. Oktober fand in Berlin die Sitzung des Zentralkomitees und die Generalversammlung des H i l f s - »ereins der Deutschen Juden statt. Das Zentralkomitee hieß den Geschäftsbericht einstimmig gut und kooptierte sich: Alex. Bendir» Düren, Sigismund Cohn-Luckenwalde, Oberrat Max G oid sch mid t-Mannheim,. Josef Jacobs-Trier, Rabbiner Dr. .S. Levi-Mainz, Bernhard Wolf- Mainz und Direktor der Deutschen Bank Joachimsahn- Berlin. An die Sitzung des Zentralkomitees schloß sich die Generalversammlung an. Nach de» üblichen Nachrufen, wobei er besonders des großen Philanthropen Jakob H. Schiff, des wärmsten Freundes und hochherzigsten Förderers des Hilfsvereins seit dessen Bestehens gedachte, führte Dr. James Simvu, der Vorsitzende aus: Die Fahre 1919/20 dürften wohl für das Judentum die traurigste «eit seit »er «erststr»», »«4 Te»pels It» Jerusalem gewesen sein. Ueber die Jude»Des Ostens brach ein Elend herein, dem gegenüber keine Möglichkeit durchgreifender Hilfe und Linderung gegeben ist. Der Hflfsverein hat bei. seinem Werke in der Herkchtspdriode wie in der ganzen Kriegszeit die nachhaltige Unterstützung der deutschen Jubenheit gefunden. Die Mitgltederbeiträge betragen 170,000 Mark, die einmaligen Beiträge 680,000 Mark, an Sonderbeiträgen sind während der Kriegsjahre 4 Millionen Mark eingegangeu. Die politische Umwandlung, der Verhältnisse im Orient hat dazu geführt, daß der Hflfsverein sein großes in einer Arbeit von lVr Jahrzehnten aufgebaukes Schulwerk im Orienr liquidieren muß. Das Schulwerk in Palästina wurde von den englischen Okkupationsbehöcdea bereits am 31. Mai 1918 unter die Verwaltung der Zionistischen Kommission gestellt, die für die Fortführung des Unterrichts sorgt. Der Besitzstand des Hilfsvereins an Gebäuden in Palästina wird realisiert werden zur Deckung von eingegangenen Verbindlichkeiten uud zur Erfüllung von Ehrenpflichten dem alten Lehrerpersonal gegenüber. In den Jahren 1918/19 wurden für Lehrer und sonstige Verpflichtungen.noch 600,000 Mark verausgabt, weitere hohe Aufwendungen sind noch 1920 erfolgt und stehest zur Ablösung der in den Vorjahren eingegangenen Verbindlichkeiten bevor. Bon der Verwaltung seines bedeutenden Schul- Werkes in Konstantinopel ist jetzt der Hilfsverein infolge der veränderten politischen Konstellation gleichfalls zurückgetreten. Erfreulicherweise ist'her Fortbestand der Schulen durch eigeüe Kraft wie durch amerikanische Unterstützung gesichert. 1919/20 hat der Hilssverein für das Schulwerk in Konstantinopel rund 350,000 Mark hergegeben. Das Schulwerk in Rumänien, Bulgarien, Griechenland (Saloniki) hatte der Hilfsverein bereit» während des Krieges aufgeben müssen. Das durch die Munifizenz russischer, amerikanisier (Jakob H Schiff) und deutscher Spender vom Hilfsvecrin ins Leben gerufene Technikum in Haifa — die Anregung zu seiner Gründung hatte Dr. Paul Nathan gegeben — mußte während -des Krieges liquidiert iverden. Es wurde, vom Hflfsverein erworben. Wie das gesamte Schulwerk, mußte er aber auch die Eröffnung- und Weitrrführung dich Technikums aufgeben, er überließ e» zu Beginn des Jahres 1920 der Zionistischen Kommission.gegen Erstattung der Auslagen in den letzten Jahren und Üeb'ernahme noch bestehender Verbindlichkeiten. Generalsekretär Dr. Bernhard Kahn berichtete alsdann über die Tätigkeit und die Auf gäben des Hilfsvereins. 1919/20 hat er IVe Millionen Mark auf verschiedenen Tätigkeitsgebieten ausgegebeu — für Schulwerk im Orient, Hilfsivert in Galizien, Litauen, Hilfsaktionen für verkümmernde österreichische Kinder, Anteil an der Fürsorge für ostjüdische Arbeiter in Deutschland u. a. nt. Bomt. Beginn des Krieges an hat er aus eigenen Mitteln 6Vs Mill, Mark aufgewendet. Weitere.65 Will. Mark, die er als Treuhände^ von großen jüdischen Institutionen der treu» tralen und - früher feindlichen Ländern für das Hilfswerk im Osten Und von Einzelpersonen dieser Staate» zur Weiterleitnng an ihre Verwandten in Osteuropa erhielt» hat er ihrer Bestimmung zugefiihrt. Die Zustände in Osteuropa haben natürlich auch auf Deutschland Rückwirkung ausgeübt. Deutschland als Mach» barlond von Polen und als Durchgangsland nach den Wejbstaateu und Amerika bildet sür die Flüchtlinge eines der Hauptübertrittsgebiete. Die Einwanderung derOstj u d e n, von denen z. Zt. etwa 90°/« aus Polen und Galizien kommen, hat trotzdem ein hohes Ausmaß nicht erreicht (seit der Revolution 30—40,000 Köpfe). Dazu kommen die vor dem Kriege eingewanderten Ofijuden Und die während des Krieges von der deutschen Heeres oetwaktung aus dem Osten in Munitionsfabriken usw. Nach Deutschland abgefchobenen Juden: alle zusammen etwa 60—70,000 Seelen. Don den großen jüdischen Organisationen Deutschlands wurde unter Beteiligung der ostjüdischen Arbeiterorganisationen das Arbeiterfürsorgeamt der jübkfchck» Organisationen in Derlin gegründet, für Las der Hflfsverein ^nächst 50,000 Mark beisteuerte. Ein großzügige-? Wirken wurde auch auf diesem Gebiete durch mäkvrielle Beihilfe des amerikanischen Joint Distribution! Eommittec ermöglicht. Das Arbeiterfürsorgeamt sorgt für flke Vertretung der Interessen der osteuropäischen Arbeitet Bett Behörden gegenüber und für eine Ausgleichung der deutschen Interessen und der Interessen der Eingewanderten; es sorgt für Unterbringung, Ernährung, Weiterreise zu den Arbeitsstätten und ins Ausland.. Es ist sein Ziel, die Ostjnden nach.Möglichkeit produktiver Arbeit zuzusühren. Zweigstellen des Arbeiterfürsorgeamts sittd bereits in Mkenstein. Königsberg' i. Pr., Kattowitz, Myslowitz, BeutHen, Dresden, Frankfurt a. M-, Köln, Hamburg. Bochum. Duisburg geschassen. In Berlin ist mit Hilfe des ArLÄiÄ» fürsorgeamtes das Asyl in der Wiesenstraße zur Aüftiahme von Flüchtlingen übernommen worden. Die Fürsorge für die Ostjuden ist nicht nur eine Pflicht der SoliKtrikät diesen selbst gegenüber, es liegt im Interesse der Gesamtjuöeuheit und im eigenen Interesse der deutschen Juden» heit. * Alsdann gab Redner einen kurzen Neberülick Über die Entwicklung der jüdischen Auswandererbewegung, die seit 1881 einsetzte, und beleuchtete die große Bedeutung dieses Problem für die Gegenwart. Der Auswand-erungsfürsorge wird die Tätigkeit des Hilfsvereins. wie bereits im Frieden in erster Linie gewidmet sein. Es gilt einer unter Umständen mit außerordentlicher Stärkt wieder einsetzenden Auswanderung gegenüber gerüstet zu sein. Bon 1881 bis zum Jahre 1918 sind allein nach bet» Bereinigten Staaten von Amerika 2,560,146 Inden ausgewandert. Die Gesamtauswanderung, die alle Länder berücksichtigt, ist nach zuverlässigen statistischen Berechnungen für 'diesen Zeitraum auf 3,200; 195 zu schätzen. Statt 600,000 Personen, die wahrscheinlich aus dem Osten auswandern wollten, sind während des Krieges nur 78,000 -ausgewandert, so daß eine Stauung von 525,000 Auswanderern besteht. Dazu kommt eine jährliche Dürchsihnittsauswonderungszahl von 120—125,000. Es würde also bei gleichbleibeirden Zahlen wie in Frieben^eiten mit 650,000 Personen zu rechnen sein, die zur Auswanderung bereit ständen. Wenn diese Zahl befördert würde, käme man erst wieder zuin Maßstab der Friedenszeit zurück. Infolge der technischen Unmöglichkeiten der Beförderung und der gesetzlichen Erschwerungen in den Emwandernngsländern wird die Zahl der Auswanderer z. Zt.. nock» niedergeyultcn. Andererseits bilden die Pogromschrecken einen sich katastrophal gestaltenden Antrieb zur Flucht. Auf Grund einer Konferenz der jüdischen Organisationen in Frankfurt a. M. ist bereits 1904 das Zentralbüirv für jüdische Änswanderunzsangvleaenheiten dem Hilfsverein angegliedert worden.