Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 28 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2693178-2693206--11175-2706599- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 28. . Weue Jüdische MHe. Seite 2. Eldorado-Palast ] Jorich’s Künstlerspiele ^TeLAintHan8al569^Anfang7}4 Uhr. Mn dritte« Tag. Wurde die Generaldebatte fortgesetzt. Springzak (Hapoel Hazair, Palästina) erkennt die politischen und diplomatischen Leistungen der zionistischen Führer an, betont aber, daß auf diesem Wege allein die Verwirklichung des Zionismus nicht möglich sei, sondern vor allem auf dem Wege der realen Arbeit. Hier aber habe die Leitung in den letzten Jahren das meiste versäumt und eine große Untätigkeit gezeigt. London habe nicht die Notwendigkeit raschesten Beginns der praktischen Aufbauarbeit in Palästina erkannt. In der kritischen Zeit hat Erez Israel den Zionismus durch seine heroische Haltung gerettet. Heute müsse endlich unverzüglich mit einer großzügigen Mbeit begonnen, müsse vor allem eine große Einwanderung nach Erez Israel möglich gemacht werden. Meir Großmann (Ukraine), der nicht im Namen der ukrainischen Landschaft, sondern nur für sich selbst sprächtunterzieht die Politik der Leitung einer scharfen Kritik. Er wirft der Leitung vor, daß sie es nicht verstanden habe, Losungen auszugeben und Menschen heranzüziehen. Sie-'habe die Begeisterung des Volkes nach San Räno nicht auszunutzen und zu erhalten verstanden. Redner tritt für das Programm des Aktivismus ein, der Optimismus und nationalen Stolz bedeutet. Der Jugend müsse die Freiheit und die Möglichkeit zur Tat gegeben weiden. Mereminski (Zeire Zion, Polen) vermißt einen Bericht über den Stand der Bewegung und der Organisation. Die Leitung habe die Verbindung mit d e in Oste n verloren. Das Volk muß über die Möglichkeit für seine Arbeit unterrichtet und aufgeklärt werden. Der sozialistische Flügel der Bewegung hat bei der Leitung nicht die genügende Beachtung gefunden. Jacobus Kann (Holland) legt die Notwendigkeit einer allgemeinen füdischen Organisation für die Palästinaarbeit dar. Leon Reich (Galizien) richtet an die Regierung die Fmge, wann und wie die Einwanderung nach Palästina beginnen soll. Bisher seien darauf nur verschiedene Antworten von der Leitung gegeben worden. Lichtheim (Deutschland) spricht der Leitung im Namen der deutschen Zionisten für die Erfolge ihrer Arbeit uneingeschränkten Dank aus. Er hofft, daß nun an die Lösung der schwierigen Fragen mit Entschlossenheit und Tatkraft herangegangen werden könne. Der gleiche Mut, mit tan die politische Arbeit seither geführt worden ist, müsse uns bei der Durchführung der finanziellen, organisatorischen und kolonisatorischen Aufgaben des Palästinawerks beseelen. Es. sprechen noch Rev. G o l d b l o o m, der im Namen der englischen Zionisten den Führern Anerkennung Frey a - Büro - Einrichtungen WeraePf Moll & Cie. Branfcfnrt a. M., Theaterplatz 14. DW Hau eröffnet. *Mi für ihre Erfolge und volles Vertrauen ausspricht, und B r odest kv, der weniger Gewicht auf die Kritik, als auf praktische Vorschläge und Ratschläge für die Zukunft legt. In der Nachmittagssitzung führt Justice Brandeis den Vorsitz. David Hell in (Palästina) führt aus: Wir dürfen niemals vergessen, daß die zwei Deklarationen, dieDekla-- ration Balsours und die-von San Remo, nur der Schlüssel zur jüdischen Heimstätte sind. Wir palästinensischen Juden fordern 'das eine mit aller Entschiedenheit: daß über unser Geschick nicht von anderen bestimmt wird, als nur von denen, die im Lande selbst wohnen. Den Gegensatz zu den Arabern können nur die palästinensischen Juden selbst überbrücken: die Zionistische Kommission hat das nicht vermocht. Wer in Palästina arbeiten will, muß das Land, seine Eigenart, seine Menschen und seine Bedürfnisse kennen. Ussifchkivs und Weizmauns Entgegnungen- Ussischkin antwortet auf die Kritik der Arbeiten der Zionistischen Kommission. Er bestreitet, daß die Kommission nichts getan habe, um die Auswanderung aus Palästina zu hemmen. Zur Frage des Waad Hachinuch übergehend, erklärte Usfischkin gegenüber den Vorwürfen Fischmanns, daß die Zionistische Kommission nicht dem Beschluß der Londoner zuwidergehandelt habe; denn dort werde nur von zwei verschiedenen Aufsichtsräten gesprochen, nichts aber gegen einen obersten Waad Hachinuch gesagt. „Gerade weil ich den Anschauungen des,Misrachi nahe stehe," fuhr Ussischkin fort, „wünsche ich^kkin doppeltes Schulwerk, weil dadurch der Misrachi allen Einfluß auf die anderen Schulen verliert." (Erscheint die Entgegnung Ussischkins auf die Coudttorei oud CaI4 Wilhelm Wendel Altegasse 6 TelefonH. 1288. 1 Während der Sommermonate bis 10 Uhr abends geöfinet. Kritik Fischmanns in ihrem ersten Teil wenig überzeugend, so bringt der weitere Gedankengang eine gewichtige und wohl zu beachtende Auffassung der Schulfrage und ihrer Lösung zum Ausdruck. Vergleiche hierzu die' diesbezügliche Nachricht in der vorigen Nummer. D. Red.) Zn den Darlegungen Sprinzaks.bemerkt Ussischkin, daß man nicht nur immer mit Forderungen und Wünschen kommen müsse, ohne die Tatsachen mit in Rechnung zu stellen. Daß die Legionen im Lande keine größere Rolle gespielt hätten, habe an der ganzen Lage der innerpolitischen Dinge in Palästina gelegen. Sein, Ussischkins, Vorschlag, im ersten Jahre 30,000 Menschen nach Palästina hinübrrzubringen, sei besser als der Plan, gleich eine Million hinüberzuschafsen, weil er undurchführbar fei. Die Uneinigkeit innerhalb der palästinensischen Judeuheit sei in entscheidenden Momenten immer von dem Solidaritätsgefühl überwunden und in eüie Einheit aller Juden verwandelt worden; so -sei es bei der Ankunft der amerikanischen Kommission zur Prüfung der Mandatsfrage, bei den Pessach-Ereignissen und in der Geulah- Woche gewesen. Die jetzige Zionistische Kommission nehme eine Stellung ü b e r den Parteien ein; Beweis dafür ist, daß sie von allen Parteien, von Rechts und Links und vom. Zentrum kritisiert wird. Für die nahe Zukunft muß eine Zusammenfassung der gesamten Arbeit im Lande gefordert, muß die E i n h e i t l i ch- ■ Lea Manti Künstlerspiele KaiBerstrasse 69. Beginn 8 Uhr. Tel. Hansa 5516. Mantis-Weinrestaurant den ganz. Tag geBffinet ah 10 Uhr morgens. QQ* Warme ’Kflche. ^PP keit der Verwaltung erstrebt und - verwirklicht tverden. Die Erreichung dieser Ziele ist ohne die notwendjgen Mittel unmöglich. / Nach einer kürzen persönlichen Bemerkung Nordaus in der Frage der jüdischen Legion erhält Dr. Weizmann das Wort zu einer längeren Erwiderung auf die gegen die Leitung erfolgten Angriffe. Er vermißt in den Ausführungen der meisten Redner das positive Moment. Die Zionistische Kommission nimmt er gegen die übertriebenen Vorwürfe in Schutz. Die Kommission habe mit einer ihr ungünstig gesinnten Verwaltung Zusammenarbeiten müssen, wo ihr die Möglichkeit zur Arbeit oft genommsn wurde. Was durchgesetzt werden konnte, wurde zum großen Teil auch verwirklicht. Für den Jischub habe er, Weizmann, schon früher als einziges Heilmittel die reale Arbeit bezeichnet. Diese gelte es jetzt zur Grundlage des ganzen Aufbauwerks zu machen. Auf die Frage der Legion übergehend, meint Weizmann, es seien nicht alle Mitglieder der Legion für das Land nützlich gewesen. So konnte nicht die ganze Legion im Lande' gehalten werden. Außerdem seien auch die geldlichen Mittel für die Unterhaltung der Legion nicht aufgebracht worden. In der Araberfrage begegnen wir großen Schwierigkeiten, die vor allem durch das Zahlenverhältnis zwischen Juden und Arabern im Lande bedingt sind. Die Verwaltung könne solange nicht von uns, wenn auch nur teilweise, übernommen werden, als, wie seither, die hierfiir Geeigneten fehlen. Hier müsse eine große Lücke ausgefüllt werden. Die Entscheidung von San Remo, ruft Weizmann zum Schluß aus, hat uns alle unvorbereitet getrosfen. Wir haben gejnbelt und Feste gefeiert, aber nicht die Kräfte zur Arbeit und zur Tat aufgebracht. „Sie alle haben ja Versammlungen gemacht, und nun kommen Sie und sagen, man Habe nicht genug getan. Jüdisches Volk, was hast Dn getan?" (Starker Beifall.) Balfour und Lord Cectl über den Zionismus. Die Massenversammlung in London. Wie schon kurz berichtet, fand am'12. Juli anläßlich der Jahreskonferenz eine große zionistischeMassenversammlung in der Londoner Albert Hall statt. Die Beteiligung war außergewöhnlich stark: über 12,000 Menschen wohnten ihr bei, während weiteren 25,000 nur wegen Platzmangels kein Einlaß mehr gewährt werden konnte. Bei der Versammlung waren hervorragende Persönlichkeiten des politischen Lebens in England zugegen. Andere bedeutende Männer, wie Lord Mersch, die Bischöfe von Gloucester und Manchester und andere sandten der Versammlung Glückwunschtelegramme. Reden selbst hielten,von den englischen Staatsmännern und Politikern Mr. B a l f o u r, Lord Robert Cecil, Major O r m s b y Gore, Oberst Wedgwood (im Namen der Arbeiterpartei), von jüdischen Vertretern Lord Rothschild, der Conditorei und Cafe Rothschild Bad Hamburg. Louisenstr. 16, Tel. 297 and Ellsabethenstr. 27, Tel. 261. Sepphorts uud Rom. Ein historischer Roman aus bem vierten Jahrhundert. Bon Ludwig Philtppsohn. (Fortsetzung.) Sofort schrieb er an den alten Amnon,' daß er unter irgend einem.Vorwände seine schleunige Rückkehr nach der Heimat verlangen solle und beschwor ihn, hiermit keinen Augenblick zu zögern. Fiel es ihm doch schon schwer genug, bis dahin in Rom ausharren zu müssen. Aber, er sah ein, daß es nicht möglich war, das Geheimnis seines Vaters zu bewahren, wenn er einen Bruch herbeiführte. So mutzte er zu einer Verstellung greifen, die seinem Charakter so fern lag, und in welcher ihn nur die Festigkeit und Besonnenheit unterstützten, die der eigentümliche Gang seines Lebens in ihm groß gMgen. Einem so viel beschäftigten Manne gegenüber, wie Meschullam es war, konnte ihm dies nicht schwer werden. Aber dem scharfen Auge und zarten Gefühle Jddo's konnte freilich die Veränderwrg ihres FMMdcs .nicht lange entgehen, und 'sie versuchte mehrere Male die Wünschelrute ihrer Reize und ihrer Zuneigung. Doch, Patrika war zu sehr von dem einen Gedanken und «neu Gefühle beherrscht, als daß es ihm möglich werden konnte, den verschütteten Quell seiner Liebe wieder auszudecken. Als sie dies gewahrte, Fühlte sich ihr Stolz verwundet, und sie kehrte dem Jüngling, auf welchen nicht einmal die Eifersucht einige Wirkung tat, den Rücken zu. Der Brief Amnon's kam an und stellte so gebieterische Gründe aüß daß Patrika alle Gegengründe seines Oheims zurückweisen konnte. ' Nachd«n er in der Heimat wieder angelangt war, deutete er in einem Schreiben an Meschullam den wahren Grund seiner Abreise, wenigstens für diesen verständlich, an. Sein Oheim sollte wissen, wie er mit chm stehe, wenn es ihm bis dahin entgangen wäre, daß das Schreiben seines verstorbenen Bruders nicht mehr in seinem Besitze sei. . Aber auch in Sepphoris fand Patrika keinen freudigen Empfang. Eine pestartige Krankheit war durchs das Land gegangen und hatte den alten Amnon, den treuen Wächter feines Hauses, dahingerafft, und auch die Gattin seines Oheims Hillel war Ihr erlegen.. Patrrka mußte alle seine Kräfte Mammen nehmen, um -sich in die Lage seines Geschäftes einzuweiheu und dieses fortan selbst zu führen. Daher kam cs, daß er sich keinen Augenblick vom Hause entfernen durfte, denn niemand war jetzt da, der ihn'auch nur unterstützen konnte. Bald auch forderten seine Mitbürger seine Hilfe für die Angelegenheiten der Stadt und zogen ihn in daS Sanhedrin. Er betrachtete dies als eine um so heiligere Pflicht, als sein Vater in seiner letzten Lebenszeit sich diesem entzogen hatte. Drei Jahre verflossen abermals, Jahre der Arbeit der ernstesten Art, und nun sah er sich, plötzlich aus dem Wege dahin, wo seine Gedanken so oft geweilt. 6. Patrika ritt jetzt durch ein enges Tal, welches von einem lebhaften Winterbache durchströmt ward. Eine Zeitlang verfolgte der Weg den Lauf des Baches, bis das Tal immer enger wurde. Mühsam ging cs bergauf, von Höhe zu Höhe, bis zum Rand des Bergzuges.' Ein großartiger und überraschender Anblick bot sich plötzlich. Unten lag, in ein tiefes Becken gebettet, der See von Chinnereth, und bot dem Beschauer seiner ganzen Ausdehnung nach den blauen, glatten Wasserspiegel, dessen leichtes Wellenspiel von der Höhe nicht gewahrt wurde, und der nur um so lebhafter den Silberglanz der Sonnenstrahlen schimmernd zurnckwarf. Von beiden Seiten war der See von hohen Bergmauern umgeben. Der Frühling hatte die Höhen mit dem saftigen Grün der Gräser und Sträucher überzogen, und ßvpige Saaten, der Ernte zugereist, dichte Oleandergebüsche, von hohen Palmen hier und da überragt, Wein- und Melonengärten zogen einen prächtige» Gürtel um den See. Und wo irgend die Berge nur ein wenig' vom -Ufer des Sees zurückgewichen waren, lagen Städtchen und Dörfer ausgebreitet und erhoben ihre weißgetünchten Häuser und ihre graubraunen Mauern aus dem reichen Grün hervor. Von Norden her gewahrte man aus einer sich weithin dehnenden Ebene den Jordan in den See fallen und nicht minder seinen Ausfluß im Süden, den er sich durch starre Felsen erzwingen mußte, so daß er seinen Lauf bald zu. einer großen Krümmung gen Abend zu nehmen genötigt war. Aus dem See selbst aber flogen zahllose Barken und Boote von einem Ufer zum andern nach allen Richtungen hin und glichen, mit ihren weißen Segeln einer Schaar verscheuchter Tauben, die mit ihren schimmernden Flügeln ihre Zufluchtsstätten aufsuchten. Nicht lange, und das Auge unseres Reisenden hastete am westlichen Ufer des Sees an den Häusern und Mauern von Liberias. Da lag sie, ausgebreitet vor seinem Blicke, die Stätte seiner schönsten und aufstrebendsten Jugendjahre, die er vor sieben Jahren mit so reichen Hoffnungen verlassen hatte, und zu welcher sein Geist so oft zurückgekehrt war. Am nördlichen Ende einer kleinen, hügeligen Ebene, dicht am Rande des Sees, lag die Stadt, von drei Seiten durch eine hohe und breite Mauer, in regelmäßigen Zwischenräumen mit starken Türmen versehen, umschlossen, nach dem See zu offen. Mitten aus ihrem Häusermeer ezhob sich die stattliche Proseuche, der Sitz des San-' hedrin,' sowie Bet- und Bersammlüngshaus der Bewohner der Stadt, welche, wie viele Städte Galiläas, damaE noch allein der jüdischen Nation angehörte. Nach und von der Stadt fand der größte Verkehr" auf dem See statt, und die Fahrzeuge kreuzten sich unaufhörlich vor' deren Landungsplätzen. Sinnend schaute Patrika lange Zeit nach diesem den Juden nächst Jerusalem damals ~ geheiligtesten Orte, wo seit einem Jahrhundert das große SanhÄrin, der Mittelpunkt aller durch die Welt zerstreuten Juden, seinen Sitz hatte. Dann nach Süden streifend, gewahrte er die weiße Dunstwolke, welche sich von den warmen Quellen zum Himmel erhob, die, wenige Schritte vom See.entfernt, eine halbe Stunde von der Stadt, so vielen Leidenden Genesung oder doch Erleichterung ihres Wehes bereiteten. Es war noch alles so, wie er es ehedem. gesehen, nur sich selbst stihlte er verändert, und darum stritten die Gefühle der Wehmut und inniger Sehnsucht.in seiner'Seele um den Vorrang. Endlich lenkte er sein Tier den steilen Pfad, der von der Höhe zu Tale, führte, hinab, und nach kurzem Ritte gelangte er auf die breite Heerstraße, die von-Damaskus an Liberias vorüber nach dem Süden führte. Er setzte sein Maultier in schnellere Bewegung und kam bald, an den Dreschtennen der-Einwohner von Tiberias vorbei, zu dessen Tor. V ■'■i;-' Tiberias war keine alte Stadt; nur einige Jahrzehnte vor dem Falle Jerusalems hätte Herodes Antipas sie er-