Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 28 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr- 28 Seite 3. MH Mb und Diutlhit-Tepp^Binipg. Bergeratrasse 148. H. 4642. ■ ■r llott«n*«pnlohtuBB unter Garantie. den Vorsitz in der Versammlung führte, derChiefNabb i, N o r v a n, S o k o l o w, Rabbiner Silber und Weizmann. Das „Ereignis" in der Versammlung bildete das rednerische Austreten Balsours, des Urhebers jener denkwürdigen englischen Regierungsdeklaration vom 2. Novembet 1917, die eine neue Aera in der Geschichte deL Zwnisn:us einleitete. Balfour, der mit Wärme und mit kluger Sachlichkeit sprach, wurde von der Versammlung mit begeisterten, stürmischen Ovationen geehrt, «eine inhaltlich interessante wie politisch aufschlußreiche Rede geben wir tut folgenden ausführlich wieder. Ihr lassen wir die ebenso bemerkenswerten und für uns wichtigen Ausführungen Lord Robert Aecils folgen, des einflußreichen, pazifistisch-fortschrittlichen Politikers und entschiedenen Vorkämpfers der Bölkerbundsidee «1 England. # Balfour Hihrte in seiner Rede etwa folgendes ans: Wenn ich heute hier zu Ihnen spreche, so möge Ihnen das ein Zeichen dafür sein, daß ich, feit langem überzeugter Zionist bin. Aber in meinen optimistischsten Anwandlungen habe ich nie voraussehen können, daß das große Werk des Wiederaufbaus Palästinas sich so schnell oder auch nur noch zu meinen Lebzeiten ereignen würde Dies ist eines der großen und unerwarteten Ergebnisse des Weltkrieges. So unabsehbares Uebel dieser Weltkrieg auch gebracht hat. so ist er doch der Anlaß zur Wiedererrichtung der alten Heimat des indischen Volkes geworden, und so können wir ihm ein Ereignis gutfchrelben, das unter anderen Umständen niemals hätte so jrüh eintreten können. Wer hätte vor sechs Jahren daran oenken können, daß wir heute bereits Sir Herbert Samuel als Oberkommissar für P a l ä st i n a sehen lvürden? Vergessen wir jedoch nicht die Schwierigkeiten. d,e noch vor iins liegen. Ich weiß. Sie werden sw überwinden. Unter ihnen steht di, arabische tftaat an erster Stelle. Sie verlangt Takt, Gerechtigkeitsgefühl und vor allen Dinge» guten Willen, sowohl bei den Inden wie bei den Arabern. Ich hoffe, die Araber werden sich dessen erinnern, daß sie durch die Großmächte vom türkischen Joch, besreit worden sind, daß sie im Hedschas ein eigenes Reich und in Mesopotamien nationale Autonomie erhalten haben, und ich' denke, daß ihre Erkenntlichkeit nicht da Halt machen wird, wo man ihre Zustimmung dazu verlangt, daß das kleine Palästina einem Volke gegeben wird, dem es einst entrissen wiirde, und das heute wieder auf dem Boden seiner Väter siedeln möchte. Die zweite Schwierigkeit ist die Auslegung des ßelbstbestimmungsrechtes. Die Lage der Inde» bildet aber in allen Ländern eine Ausnahme. Dw tiesere, wirklich verständnisvolle Auslegung des SelbstbestimmungsrechtS verlangt den Zionismus. Nur solche, die mit religiösem oder Rassenfanatismus geschlagen sind, sehen das nicht ein. Wochenbett-AnsstattugeB Hugo Rsthsohild Langeatrasse 35, Telefon Hansa 9926. Reut Jüdische Kresse. ' Die dritte Schwierigkeit ist die, daß Palästina nur ein kleines Land ist und daß man fragt, ob daraus eine Heimstätte für das jüdische Volk gemacht werden kann'? Die Frage ist schwierig, aber nicht unlösbar. Notwendig sind: Geschicklichkeit, Kenntnisse und Unternehmungslust auf der einen Seite und auf der anderen Seite Kapital. Und bei den Juden ist alles dieses reichlich vorhanden. Das jüdische Volt weiß solcher Schwierigkeiten Herr zu werden. Ich zweifle nicht, daß auch die jüdischen Reichen ihre Pflicht tun werden. Ich denke aber besonders ait die armen Juden, von denen ich gehört habe, daß sie sich bereits rüsten, vo.n ihrem Wenigen noch, zu opfern. f Die vierte Schwierigkeit ist vielleicht die größte. Diese Bewegung kan» nicht ausschließlich von Idealisten getragen sein. Idealismus hat auch seine Gefahren. Die Zyniker unternehmen nichts, die Idealisten unternehmen alles, aber nicht immer in der richtigen Weise. 'Es liegt eine gewisse Gefahr darin, daß die jüdische Rasse leicht geneigt ist, sich von der Kraft ihrer Leidenschaft und von der Tiefe ihrer Ueberzeugung allein vorwärts treiben zu lassen. Sie muß zu den von ihr selbst gewählten Führern jenes Vertrauen haben, das, wie Sie mir glauben mögen, unerläßlich ist. Sie sind heute Abend hierher gekommen aus der Mitte vieler Nationen mit verschiedener Meutalitäi. Das schadet nichts. Eine Gefahr würde daraus erst werden, wenn jeder hartnäckig auf seinem eigenen Kopf bestehen würde. Bor dieser Gefahr müssen Sie sich bewahren. W i r haben uns auf eine große Sache' eingelassen — ich sage ausdrücklich, w i r: Die Juden uyd die Mandatarmacht. W fr sind Genossen bei diesem Unternehmen. Keiner darf dem anderen mißtrauen. Ich bin überzeugt davon, daß weder Sie uns, noch wir Ihnen mißtrauen. Ich glaube, daß wir mit festem Blick in die Zukunft sehen könneir, in der Palästina im vollsten Ausmaße und im wahrsten Sinne des Wortes zu einer Heimstätte skr das jüdische Volt werden soll. Kaffee Kafsergarten am Opernplatz Emtklassigea familien-fiaffee Täglich von 4 Uhr ab: Künstler - Konzert« Lord Robert Cecil sprach von seinem ersten Zu« sammentresfen mit Weizmann. Es fand im Auswärtigen Amt statt. „Ich war Zionist aus Ueberlegung, bevor ich ihn kannte, aber dann wurde ich Zionist aus tiefer, leidenschaftlicher Ueberzeugung. Wenn später einmal die Geschichte des Krieges von einem objektiven Historiker geschrieben sein wird, so werden folgende zwei Ereignisse als seine Hauptresultate bezeichnet werden: Die Wiedererrichtung der jüdischen Heimstätte ich Palästina und die Errichtung des Völkerbundes. Diese beiden Ereignisse repräsentieren die Ideen, für die wir kämpfen, die Ideen des Nationalismus und des Internationalismus. Es kann keinen Bund freier Nationen geben, bevor die Völker nicht selbst frei geworden sind. Der Volksgedanke hat nie eine» größeren Triumph gefeiert, als in dem Augenblick, wo die jüdische Heimstätte anerkannt wurde." Lord Cecil schloß mit den Worten: Wir haben Euch Euer nationales Dasein wiedergegeben, in Euerer Hand liegt Euere Zukunft! 8k Kaffee Bahlawi Q Kafeeratraaw 56 Kaiaecairaas* 56 TSglleh erstklassige MF* Uataddimonaft MW Sie Mische «elqilfSkmftrem. Die Weltkonferenz der jüdischen Hilfsorganisationen aller Länder beginnt am 5. August rn Karlsbad. Es sind gegen 100 Teilnehmer ans mehr als 30 Ländern angemeldet. Der Misrachi hat drei Vertreter zur Tagung ent» sandt: die Herren Dr. Schönfeld (London), Dr. Radin (Frankfurt a. M.) und Rabbi Friedmann aus Sada« gora. Der Hilfsverein der deutschen Juden wird auf der Konferenz durch Dr. BernhardK ahn vertreten sein» das Arbeiterfürforgeamt durch Prof. M. Sobernheim und Generalsekretär F. M. Kaufmann ,und der Verband der Ostjnden durch F. L i n. «ne große Mio« im fen»e» Osten. - «hrm», »er «efalle«« in vbergatttta. - Ae ArSett in Sen östliche» Staaten. Die Shanghai Zionist Association hat auf Initiative ihres Vorsitzende». Edward I. Ezra, eine große Aktion sür den I. R. F. in allen jüdischen Gemeinden in Chrna, Japan und Strates Settlements ein«» geleitet. Insgesamt rechnet man auf eine Einnahme von 500,000 Fr., wovon 100,000 Fr. in den ersten Wochen bereits gesammelt wurden. Die Idee des „Josef Trumpekdor-Fonds" der dazu bestimmt sein soll, den in Galiläa im Kampfe um die jüdischen Siedlungen gefallenen Arbeitern ein dauerndes Denkmal auf N. F.-Boden in Palästina zu errichten, hat in Polen. Litauen, Weißrußland, Wolhynien und Ostgalizien großen Anklang gefunden. In Polen sind im Lause der ersten zwei Monate für diesen Fonds 400,000 Mk.» in dem von Polen besetzten Litauen ca. 150,000 Mk. und in Weißrußland ca. 60,000 Mk. gesammelt worden. Trotz der schweren Lage der Inden in Polen sind dort die Einnahmen für den I. R. F. in stetem Steigen begriffen. Sie betrugen allein für die Monate Jjar und Siwau über eine Million poln. Mark. In Finland würden in wenigen Wochen in den kleinen jüdischen Gemeinden des Landes 135,000 Mk. für den I. N. F. gesammelt. Neue Sammelstellen für den I. N. F. sind in den letzten Monaten in Bagdad für ganz Mesopota-! mien und in Rio de Janeiro für Brasilien! gegründet worden. A«S Srez Israel. JabotinStt freigelaffen- Auf Grund der von Sir Herbert Samuel der» kündete». Amnestie für die bei den April-Unruhen in Jerusalem verhafteten Juden und Araber ist nun endlich auch Jabotinski sreigelassen worden. Damit ist ein offenkundiges Unrecht an der jüdischen Bevölkerung in Palä- Theo Joha^ Konfitüren nnd Sehokolado Steinweg 12 Stauung 12 baut, mit den Umwohnern bevölkert und nach seinem Freunde und Gönner, dem Kaiser Tiberius, benannt. Er hatte sich einen großen und reich geschmückten Palast erbaut, der aber von der Wut des Volkes in einem Aufstande wegen der heidnischen Gebilde, die er daran angebracht hatte, zerstört wurde. Doch blieb die Stadt ün römischen Kriege verschont, weil sich ihre Einwohner dem heranrückenden Despasian ohne Schwertschlag unterwarfen' und dem Titus sogar Beistand leisteten, um die nah gelegene Veste Tarichäa zu erobern. Darum wurde.sie mit mancherlei Vorrechten von den römischen Kaisern beschenkt, als sie sich auch unter Hadrian von den heißen Kämpfen der wieder erstandenen Juden gegen die römische Zwingherrschast fern hielt; und so kam es, daß das Sanhtzdrin, als es Jamnia verlassen hatte, nach einem kurzen Aufenthalte in Sepphoris, in Liberias seine bleibende Stätte suchte. Noch hatte Patrika daS Tor nicht passiert, als eine ihm wohlbekannte Gestalt ihm entgegeneilte. Es war Amnon, der, durch einen vorausgesandten Boten von der Ankunst seines Freundes unterrichtet, ihn mit leuchtenden Augen und starkem Händedruck begrüßte. „Friede mit Dir, teurer Patrika!" klang es aus überströmendem Herzen.' „Mit Dir Friede, mein Amnon!" erwiderte Patrika, „wie geht es meinem ehrwürdigen Oheim und meiner guten Base?" Das Antlitz Amnon's wurde ernster und nach einigem Zögern antwortete er: „Deine Base ist die Anmut und Güte selbst und erwartet Dich mit großem Verlangen; Dein Oheim, der ehrwürdige Patriarch, ist so heilig nnd gütig wie immer, — aber er ist älter geworden und schwächer, und' Du mußt Dich darauf gefaßt machen, ihn nicht ganz so zu finden, wie Du ihn verlassen . ." ,Mann fänden wir das jemals und irgendwo... Am-, non!" sprach Patrika, und seine Stimme verriet die Be-: wegung seines Herzens. Bei diesen Worten waren wohl die. Gedanken Amnon's, der vorher nur von der Freude, seinen Freund und Ret-. ter wieder zu sehen, beherrscht war, auch nach Sepphoris . zurückgekehrt, und er stammelte: „Dü hast recht . » meine Mutier! meine Mutter! . . .".; f (Fortsetzung folgt.) ■ ° Religiöse Strömungen im Jnventnm Horodezky*) sucht, den allen Religionssystemen immanenten, inneren Gegensatz zwischen Mythos und Ethos, zwischen reiner yingegebener Gläubigkeit und sittlichem Tatwillen am Judentum nachzuweisen nnd in geistesgeschichtlicher Betrachtung scharf yerausznarbeiten nnd zu beleuchten. Nach ihm bestand nnd besteht im Judentum ein latenter Gegensatz zwischen der ursprünglichen religiösen Idee und dem starren sittlichen Gesetz, das sich dem Glanbens- . gesühl, der Sehnsucht nach dem unmittelbaren Erleben Gottes ^stets mit verhängnisvoller Wirkung entgegengestellt habe. So geht als notwendige Folge der Unvereinbarkeit beider Grnndanschauungen durch die ganze innere Geschichte des Judentums ein — zuweilen in sich, rufjenbec nnd begrenzter, niemals aber ganz ausgesochtener und entschiedener Kmnpf zwischen den Trägern der religiösen Idee in ihrer reinen Form und den Schöpfern nnd Fortbildnern des rationalistischen Religionsgesetzes. Hier als Verfechter der strenge» Tradition die Rabbinen, Rationalisten und Ethiker, abseits von der ihistn innerlich fast fremden Masse der Ungelehrten; dort die große Mehrheit des Volkes, Verlangen tragend nach, religiösem Aufschwung, glaubenswillig und begeisterungsfroh. Gegen das übennächtig gewordene sittliche Gesetz in all seinen tausend Formen hat der Volks Wille in entscheidenden Momenten immer wieder sein Veto eingelegt. Im Essäertum, in der kabbalistischen Mystik und zuletzt — am großartigsten — im Chassidismus hat der Religiositätsdrang des Volkes den Sieg über das talmudische Gefetzesjudentinn davongetragen. Hier hat sich der Vokksgeist rein entfaltet und. in bedeutsamen Schöpfungen ossenbart — in bewußtem Gegensatz zum Geist des RabbinentumS voller Formenzwang und Formenstrenge. Diese Grundauffassung vom inneren Wesen des Judentums und der Haupttendenz seiner inneren Entwicklung, von Horodezky mit allem Nachdruck verfochten und mit Beharrlichkeit wiederholt, tut den Dingen Gewalt an. Darin hat Horodezky. wohl recht, daß das Judentum an sich gegen- *) Dr.. S. A> Horodezky: „Religiöse Strömungen im Judentum". Ernst Bircher-Perlag, Bern, 1920. sätzliche Elemente reiner Religiosität und rationaler Ethik in sich vereinigt. Nicht aber trifft die Behauptung zu, hast der Kern der Lehren des Judentums aus religiös-mystischen Anschauungen bestehe. Denn der Schwerpunkt des jüdischen Religionssystems lag immer im Ethos und den hieraus folgenden Grundgesetzen der sittlichen, gottgewollten Tat. Ganz unzulässig und unhaltbar ist aber die These von dem Gegensatz in der religiösen Einstellung zwischen der Masse des Volkes aus der einen und seinen rabknnischen Führern aus der anderen Seite. Wie diese feil« Lehrer» war das Volk großenteils von dem gleichen Wkken znr sittlichen Erhebung nnd Hinaufläuterung ergriffen und darum zur vollen Verwirklichung des Gesetzes innerlich entschlossen. Unwiderlegbare Beweise liefert die geschichtliche Entwicklung dafür. Wer, wie Horodezky, anderes behauptet, muß mit einer Hypothese arbeiten und der Geschichte einen von den Tatsachen nur schwach gestützten Sinn gebe». Wissenschaftlich ist dieser Weg nur bedingt zu nennen; objektiv zu überzeugen vermag er nicht. Es nimmt wunder, wie einseitig-parteiisch Horodezky über das tabnudische Judentum urteilt; ihm scheint ein tiejeres Verständnis für die Größe dieses Judentums» für seine heroische Grundeinstellung zu den Dinge«, für die Bedeutung und Dimension seiner Leistung abzugehen: Es schadet diese Befangenheit des Urteils seinem Werk nicht wenig; die ausgesprochene Parteinahme für die mhstischreligiöse Richtung im Judentum kann das Vertrauen in den Schreiber nicht stärken. Die Grundidee des Horodezkyschen Werkes glauben wir als verfehlt und der geschichtlichen Wahrheit zuwiberlanfend ablehnen zu müssen. Das kann uns aber nicht hindern» den sachlichen Wert des Buches anzuerkennen: die ungemein aufschlußreiche Darstellung des Chassidismus, seiner Grundlagen und seines ganzen Jdeensystems, seines Werdens und seiner Fortentwicklung, eine Darstellung von eindringlicher Klarheit, reich an sicheren Forschungsergebnissen, mit enrer Füfle von Einzelheiten» die das Bild der chassidischen Bewegung sehr lebendig und fesselnd gestalten. Dieser Haupiteil des Buches macht seinen eigentlichen Wert aus; zur Kenntnis des Chasiidismus, weniger zu seiner richtigen geipesgeschichtlichen Deutung kann es darum manches beitragen. _ . K- Schalkowitz.