Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 28 (5.8.1920)
- Date
- 1920-08-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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V V FrankfurterLfraekü'fchesKamilienblatt ruuini.iiimi.iiiiimimmim,iimmiiiiinmiiiiniiiimuiiiiiiuum. , I* Znseril'onspreis für die sechsgespalleneNanp.ZeilelOvpfg.» für : die Rellamezelle Mk.3.—. Äei Wiederholungen enssprechender : Rabatt. / Platz- und Datum-Vvrschrifi ohne Verbindlichkeit. / \ - Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Äureaus. \ Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4864. i j Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- : fahr : Fn Frankfurt am Main bet der Reuen Jüdischen Presse,! auswärts bei der Post abonniert Mk.3 .Sv, frei ins Haus -IS pfg. j mehr./BeiZusendung durchStreifbandfiirOeusschland Mk.20.00, : für alle übrigen Länder Mk.3v.oo jährlich, im Voraus zahlbar. Eiim inmimimmnmiiii inmiiniiiiiiui lUAlUli Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M.,Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis 18. Jahrgang. Donnerstag, de« 21. Aw 5680 (5. August 1920) Kr. 28. Die Londoner Konferenz. Die Jahreskonferenz der Z i o n i st i s ch e n O rganijation in London ist vor vierzehn Tagen zu Ende gegangen. Was hat die Konferenz in den zwei Wochen ihrer Arbeit geleistet und erreicht? ist die erste Frage, die sich nun erhebt. Es sind Ergebnisse von schwerwiegender Bedeutung für die zionistische Arbeit in der nächsten Zukunft, die die Konferenz in ihreni Verlauf gezeitigt hat. Sie eingehend zu erörtern und zu werten, wird die Aufgabe folgender Aufsätze sein. Heute beginnen wir mit der Darstellung einiger wichtiger und hervorstechender Grundzüge in dem Charakter und dem Verlauf der.Tagung. Die Konferenz ist nach San R e m o zu ihren Beratungen zusammengetreten. Für ihre Arbeit ist diese Tatsache von nicht geringer Wichtigkeit gewesen; sie hat den Lauf der Verhandlungen von vornherein mehr auf das Gebiet der praktischen Fragen des Palästinawerks gelenkt, als auf das Gebiet der politischen Probleme. Das erste Ziel, worum der Zionismus zwanzig Jahre lang ununterbrochen gerungen: die Gewinnung der p ol i t i s ch e'n Möglichkeit für seine Verwirklichung, die Erlangung eines Freibriefs der politischen Mächte für die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in Palästina, ist mit San Nemo erreicht worden. Nun kann dem zweiten Teil des zionistischen Progranlms, der praktisch-realen Arbeit in Palästina, nach Hiuwegräumen der außenpolitischen Hemmnisse, alle Kraft und Austnerksamkeit zugewandt werden. In diesem Bewußtsein, politisch ini großen und ganzen freie Bahn zu haben, praktisch-wirtschaftlich' aber vor schtveren, großen Aufgaben zu stehen, hat sich die Konferenz fast ganz daraus verlegt, die zahlreichen wichtigen Fragen der beginnenden Kolonisationsarbeit zu erörtern und nach Wegen zu ihrer Lösung zu suchen. Mit im Zentrum der gesamten Konferenzverhandlungen standen die Programmreden von» Julius Simon und M. Naiditsch, die den ganzen Fragenbuud vom' wirtschaftlichem Aufbau des Landes und ausrrllchender Finanzierung des Palästinawerkes ausein^. anderlegten und umfassende, ins Einzelne ausgearbeitete Arbeitspläne boten. Die erste Rede umschrieb alle die kolonisatorischeil und wirtschaftlich-sozialen Aufgaben, dies das jüdische Volk in Palästina zu bewältigen hat, die Darlegungen Naiditschs gaben ein Bild von den Wegen und Methoden zur Gewinnung der lebensnotwendigen geldlichen Mittel für das Werk. Die Bedeutung der Geldfrage wurde durch die beiden Reden in das rechte Licht gerückt und durch die bezüglichen Beschlüsse stark unterstrichen. Aus den Erklärungen der verschiedenen Redner zu dem Plan des Keren Hajessod (Wiederaufbauvnds) von 2.5 Millionen Pfund Sterling klang der Ton eines starken Vertrauens in die nationale Entschlossenheit und Opferwilligleit des jüdischen Volkes hervor, der Ueberzeugung, daß der Fonds in nicht langer Zeit von ihm werde aufgebracht werden. Wir hoffen: diese Erwartung wird nicht trügen.' An dieser ganzen Einstellung auf die Wirklichkeit, die praktischen Fragen, von der die Konferenz beherrscht war, an dieser nüchternen 'Sachlichkeit der Tagung lag es, wenn die feierlich-gehobene Stimmung, der Enthusiasmus und ,das rednerische. Pathos, die sonst das Kennzeichen jedes zionistischen Kongresses bildeten, diesmal nur wenig spürbar wurden. Denn es hat nun, nach San Remo, die Aera der sachlichen zionistische» Kongresse und Konferenzen begonnen, eine Aera, in der weniger Propaganda und große Gebärde» und Rhetorik notwendig sind, als der Ernst der Verwirklichung, die kühle Ueberlegenheit, die nüchtern erwägende Vernunft. Die Bewegung, kurz vor Beginn des eigentlichen Werks/ist mächtig angewachsen; sie hat heute schon den Großteil des Volkes, wenn auch nicht ganz organisatorisch, so doch tatsächlich, irgendwie innerlich erfaßt. Ihr Bedürfnis nach zahlenmäßiger Erstarkung ist befriedigt: sie kann nun ihrem Ziel geradeswegs zustreben. Diesen Sachverhalt hat die Londoner Tagung wieder bloßgelegt. Sie war auch, wie jeder größere Kongreß einer Bewegung, es ist, eine Heerschau — größer und stolzer, als je bei einem früheren Kongreß. Zugleich mit dem erstaunlich schnellen Wachstum der Bewegung in den letzten sechs Jahren hat sich aber ein Prozeß innerer Differenzierung und Umgruppierung vollzogen. - Die Richtungen innerhalb des Zionismus sind an Zahl und Bedeutung gewachsen. -Der M i s r a ch i ist. auf der Londoner Konferenz stärker, als auf den letzten Kongressen hervorgetreten. Der Jung so z ialismus, wie er in den nun vereinigten Parteien Hapael Hazair und Zeire Zion verkörpert ist, hat als neue Macht im Zionismus sein Programm und seine Forderungen angeineldet. Andere Gruppen, die russischen und die amerikanischen Zionisten, haben den Lauf der Verhandlungen, mithin ihre Ergebnisse, nachhaltig beeinflußt. Kurz und gut: es leben und wirken nun im Zionismus verschiedene Kräfte der politischen Richtungen und Gruppen, womit schon gesagt ist, daß Gegensätze, die schon vorhanden waren, fick) schärfer hecausgebildet haben. So sehr, daß zum Beispiel die P o a l e Zion sich zum — heute noch nicht offiziellen und förmlichen, aber mit geringen Ausnahmen tatsächlichen — Austritt aus der Partei gezwungen glaubten. Dieser Vorgang von nicht leicht zu nehmender Bedeutung gefährdet die Einheit des nationalen Judentums der Welt; und die getrennte Arbeit kann für das Werk des Aufbaus in Palästina von unheilvoller Wirkung werden. Das" Bestreben der „bürgerlichen Zionisten" nrüßte dahin zielen, durch Einräumung von Zugeständnissen sozialpolitischer Natuq die mit einein Fuß schon jenseits der Organisation stehenden Poale Zion in der Bewegung festzuhalten. Weshalb aber erweitert man die Kluft, indem man die Nationalisierung des Bodens nur mit Vorbehalten beschließt, statt sie restlos zu proklamieren, was doch eigentlich für jede fruchtbare soziale Politik in Palästina Voraussetzung ist? Hier, auf dem Gebiet der sozialen Fragen, einem von der Konferenz nur kurz gestreiften Gebiet, stehen in jedein Fall noch heftige Kämpfe bevor. Sie können friedliche, heilsame Auseinandersetzungen werden, wenn auf beiden Seiten maßvolle Vernunft, nationales Denken - und soziales Verständnis maßgebend find. Denrokratie — das war der Grundsatz, zu Dem die Zionistische Organisation sich, von Anfang an bekannte; auf dem sie bis heute beruht. Gleichberechtigung innerhalb der Organisation, mittelbar tätige Anteilnahme an der politischen Leitung der Belegung ist Satzung und gültiges Recht- Der .Krieg griff in diese Demokratie und Freiheit innerhalb der Zionistischen Organisation ein und machte den organisierten Zionisten die Arrsübung ihres Selbstregierunasrechts sechs Jahre lang unmöglich. So ist die Tribüne des K o »g r e s s e s schon über sechs Jahre lang verschlossen. Die Jahreskonferenz sollte für den Kongreß einen Ersatz bieten; sie konnte es nicht in vollem Umsange tun. Heute stehen der Einberufung des Kongresses nur technische Schwierigkeiten entgegen. So erscheint der Beschluß der Jahreskonferenz, den Kongreß im August 1921 einzuberufen, nicht hinreichend begründet und der ganzen Lage der Dinge im Zionismus selbst wenig angepaßt. Der Kongreßtermin könnte leicht ein halbes Jahr früher gelegt werden. Der Kongreß hätte dann die Arbeitspläne für Palästina und das Galut endgültig zu forniulieren und sestzustellen, nachdem der Prozeß innerer Klärung in ihm eine beträchtliches Stück weiter vorgeschritten wäre. Vor allem aber wäre dem demokratischen Fühlen des Volkes, seinem Willen zur Selbstbestimmung und Selbstentfcheidung über seine Zukunft Genüge getan, was für das Gelingen des Werkes in Palästina von größter Bedeutung ist. . Praktische Arbeit — innere Auseinandersetzung — Demokratie sind die Zeichen, unter denen die Verwirklichung des Zionismus stehen wird, in Zukunft mehr als jemals. Die Jahreskonferenz hat bereits durchaus unter diesen Zeichen getagt. Sie bildet einen ermutigenden Auftakt für die weitere zionistische Arbeit im Dienste des Volkes und seines nationalen Uieals. * Zionistische Jahreskonfereuz. (Fortsetzung aus voriger Nummer.) Zweiter Tag. Die Vormittagssitzung. vom Donnchrstag, 8. Juli, wurde zum größten Teil ausgefüllt von einem Rechenschaftsbericht Weizmanns über die Arbeit der Zionistische» Kommission' in Palästina. Die Zionistische Kommission wurde, wie Weizmann ausführte, im März 1918 nach Palästina entsandt. Sie hatte zwei Aufgaben zu erfüllen, zunächst die Zionistische Organisation bei der Verwaltung Palästinas zu vertreten, dann aber auch die Verbindung zwischen , den Juden Und den Arabern im Lande herzustellen., In der ersten Periode ihrer Tätigkeit — vomMäch 1918 bis zum Abschluß des Waffenstillstands, ' *V ■ ■ ■ I d. h. November 1918 — war die Kommission angesichts - der Unmöglichkeit großzügiger Arbeit nur bestrebt, daS bereits Errungene und Geschaffene im Lande festzuhalten und vor der Zerstörung zu bewahren. Aufbauende Arbeit ) in größerem Umfang konnte sie bei Fehlen eines Kräfte- ' Zuwachses und bei der ablehnenden Haltung der englischen . Militärbehörde nicht leisten. Die politische Entwicklung im; Lande und in Europa überhaupt führte schließlich dahin, daß die Zionistische Kommission eine Erweiterung ihres Aufgabenkreises erfuhr und schließlich in eine Art von- Regierung sich verwandelte, indem sie von der jüdischen Bevölkerung um Unterstützung und Hilfe bei der Arbeit angegangen wurde und dem zu entsprechen sich bestrebte. Aus verschiedenen inneren und äußeren Gründen gestaltete sich jedoch auch die weitere Tätigkeit der Kommission wenig fruchtbar. Zum Teil, weil die ganze Stellung der Kommission gegenüber der Militärbehörde unhaltbar war, zum Teil, weil die geeigneten Menschen für ihre Aufi! gaben fehlten, führten ihre Bemühungen zu geringem Er- , . j! folg. Konflikte zwischen der Verwaltung und der jüdischeu Bevölkerung entstanden immer wieder und das End- - \ ergebnis war eine im großen und ganzen antizionistische ' Haltung und Gcsamtpolitik der englischen Verwaltung. Gegenüber den Arabern war-die Kommission erfolgreicher: die vielen Auseinandersetzungen mit den arabrj scheu Führern führten im ganzen zu günstigen Ergebnissen. | Im allgemeinen war die Politik und Taktik der Kommist sion gewiß nicht frei von Fehlern, bei der Beurteilung ihrer gesamten Tätigkeit aber dürfen nicht die schweren Bedingungen, unter denen die Arbeit sich vollzog, übersehen und unterschätzt werden. Die vielen Angriffe aus die Zionistische Kommission sind zum großen Teil ungerecht, weil sie nur auf den Mißgriffen und Fehlfchlügen ihrer Politik fußen und die ganze Ungunst der Verhältnisse außer Acht lassen. Den Ausführungen Weizmanns folgte eine Geschästsordnungdebattc, worauf die Sitzung schloß. In der N a ch m i t t a g s s i tz u n g schlug zunächst Dr. Motzkin im Namen des Seniorenkonvents die Einsetzung folgender Kommissionen vor: 1. Politische Kommission, Kommissionen für 2. Palästina» arbeit, 3. Palästinafinanzen, 4. Kultur und Erziehung». 5. Organisation, 6. Finanzen der Organisation, 7. Nationale Arbeit in der Diaspora (mit Einschluß der Frage eines jüdischen Kongresses). Die Vorschläge des Seniorenkonvents wurden angenommen und hierauf d-e Federationen beauftragt, ihre Vertreter für die einzelnen Kommissionen zu bestimmen, zahlenmäßig ihrer Stärke entsprechend. Hierauf setzte die Generaldebatte. ein. Als erster Redner spricht Rabbiner Fischmann, Vertreter des palästinensischen Misrachi. Fischmann wirst der Zionistischen Kommission unentschuldbare Passivität bei der Auswanderung aus Palästina vor und wies auf die geringe Eignung mancher Mitglieder der Kommission für die ihr gestellten Aufgaben hin. Er beklagt sich darüber, daß die Leitung die Resolution der Londoner Konferenz wegen Einsetzung zweier. Waade Hachinuch iMgangen)- habe. Er fordert von Seiten der Nichtorthodoxen Rücksichtnahme auf die Gefühle der Orthodoxie. O s i a s Thon (Polen) spricht der Leitung sein Vertrauen aus. Er verlangt die Freilassung Jabotinskis aus dem Gefängnis. Für ihn ist der Zionismus nicht bloß eine nationale, sondern auch eine ethische Frage. Zum Schluß betont Thon die Notwendigkeit einer ganzen Universität in Jerusalem, nicht bloß einzelner Kurse ind> Fakultäten. ‘ Ben Gorion (Hapoel Hazair, Palästina) erklärt, daß der Zionismus nicht mit den Interessen irgendeiner Regierung verbunden ist, sondern eine rein jüdrschnationale Bewegung darstellt. Er bezeichnet die Astbeit der Zionistischen Kommission als schädlich und ihre Politik als unfähig. Sie habe eine Verständigung zwischen der Judenheit Palästinas und der englischen Verwaltungsbehörde unmöglich gemacht, indem sie sich zwischen beide stellte und beiden ein Mißtrauen gegeneinander einflößte. Durch ihre politischen Aktionen habe sie auch die Araber zu Gegnern der Juden gemacht. Die Bedeutung der Legionen sei von der Kommission nicht genügend er» kannt worden. HS3