Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1920-05-07 · Heft 17 (7.5.1920) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 17 (7.5.1920)
Date
1920-05-07
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2693178-2693195--11103-2706516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 17. Meüe AüÄsche M^se. Seüe r WThpsen Stets Eingang MT Neuheiten in Tapeten "M8 Teppiche Läufer Vorlagen 20 Nene Mainzerstrasse 20 Koke Weiesfranenatrasse. :: Telefon: Hansa 1784. Budapest. Der greise Oberrabbiner Dr. Immanuel Loew in Sz ege di n, ein namhafter Gelehrter, ist verhaftet worden, weil er nach Aussage des Ravoublattes „Nemzeti Uhsag" einem holländischen Journalisten gegenüber sich abfällig über die gegenwärtige innere Politik Ungarns geäußert habe. Diese Kneblung jeder freien A'eußeruug ist mich ein Zeichen des Horthy-Terrorismus. Bemerkenswert ist, daß gerade Oberrabbiner Loew von jeher einer der begeisterten Kämpfer für das Mägyarentum, war und die jüdische Assimilation vertrat. In der Nationalversammlung erklärte Unterrichtsminister Haller, die Judenfrage sei nicht eine Koniessions-, sondern eine Rassen- und Wirtschastsfrage. Die Judenfrage sei nur so zu lösen, daß sich die Juden der christlichen Ethik unterwerfen und auf kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete aus ein Ausmaß zu r ückged r ängt werden, wie es. ihrer Anzahl entspricht. Ans öieseni Grunde sei auch der numerus clausuS auf den Hochs et; ulen einzuführen. Budapest An ücr rlniversttät sind 4589 Studenten eingeschrieben, darunter provisorisch 10 Juden. " Es hat unter den jüdischen Gemeinden eine Aktion 'begonnen, den jüdischen Studenten, die gezwungen sind, ins Ausland zu gehen, materiell zu helfen. Budapest. Oberrabbiner Dr. 8 o e w - Szegedin bestreitet irgend eine politische Aeußerung getan zu haben. Sein Ankläger ist der Journalist A l e x a n d e r H o l l o s i. ein getaufter Jude, der als politischer Agent Provokateur bekanunt ist, Louöon. Bonar Law erklärte im Unterhaüse Namens der Regierung: „Der Oberste Rat hat das dem jüdischen Volke gegebene Wort, daß Großbritannien, Frankreich, Italien, Amerika und die übrigen' alliierten Mächte in Palästina die jüdische Natron wieder aufrrchten werden, sich zu eigen gemacht, und Großbritannien wird die Mandatarmacht des Völkerbundes werden. Bonar Law machte ferner die sehr erfreuliche Mitreitnng, daß in Kürze in Palästinadie Zivilverwaltnug an Stelle der bisherigen Militärverwaltung eingesührl werde Haiaer°trasae 69. n-ei«>> 8 TJhr. Tel H. 5516 Sieis erttiklasxiKe aurakluna - Programme. Die ersten KDn»tl«rsplel« »m Plstse, Srouistifche Nachrichten. Frankfurt a- M. Die erste öffentliche Versammlung der Frankfurter Zion. Bereinigung nach dem Ereignis von San Remo gestaltete sich zu einer eindrucksvollen, ganz im Banne dieses Ereignisses stehenden Feier. Uebervolle Säle hat die Frankfurter Zionistische Bereinigung schon öfters gesehen. Doch wohl noch! nie vereinigte sie in einer Veranstaltung drei so bedeutende jüdische Persönlichkeiten wie diesmal, da Professor Dr. Franz Oppenheimer, Professor Dr. Heinrich Loewe und Dr. Nach um Goldman« sprachen. Prof. Dr. Franz Oppenheimer, der Nationalükonom von Weltruf, gestattete in Worten, die wie ehern gemeiselr. mächtige Gedanken lapidar aneinanderreihten, Gedanken, herausgegrisfen aus der Schatzkammer der jüdischen Tradition und nachempfunden dem Ewigkeitsdrang der Propheten. Er sieht in der Errungenschaft von San Remo nichts als eine Aufgabe, an der wir erstarken und wachsen werden. Diese Ausgabe ist so gewaltig, und so groß, daß alle Differenzen innerhalb der Judenheit vor ihr schwinden nlüssen. Um aber zu wissen, wie wir diese Aufgabe zu gestalten haben, müssen wir in unsere heilige Ueberlieserung schauen. Die gegenwärtige Welt ist bis in ihre Grundvesten erschüttert, weil der Kapitalismus, der in der Auslieferung des Bodens an einzelne seine Wurzel hat, und der Rationalitätenhaß in ihr herrschen. — doch das Judentum kündet: der Boden gehört der Gesamtheit und nicht dem einzelnen, und es gibt kein Fremdenrecht, denn der Fremde muß dir wie dein Bruder sein. Prof. Dr. Heinrich Loewe von der Berliner Universität, der künftige Direktor der Jüdischen Rationalbibtiothel in Jerusalem, entwarf ein erschütterndes Gemälde Conditorei und €afd Wilhelm Wendel Alte Gasse 6. Jfea renoviert und verigrössert- *MW, Feinste Torten und Desserts Kaffee, Tee, Schokolade in Tassen« üon der Lage des jüdischen Volkes und führte die Zuhörer aus all dem Wirrsal der Gegenwart in die Gefilde von Erez Israel, dem Jüdischen Neuland, in dem das jüdische Volk sich und der Menschheit zum Segen in ernster Arbeit eine Zukunft errringen kann. Der Kerngedanke der Ausführungen Dr. Rach um G o l d m a n n i war: Wir Juden feiern unsere Feste anders wie andere Völker. Unsere Feste sind nie lärmend^ sie haben stets einen ernsten Unterton. Durch den Spruch von San Remo fühlt sich das jüdische Volk in Feststimmung, doch eS darf nur die Feststimmnng des Raufch-hafchonoh fei», dem die AfereS jemei tefchuwoh folgen. Ernste Einkehr verlangt diese Zeit von einem jeden Juden, damit daS jüdische Volk seine große Aufgabe in Erez Jfraek meistere. Anklang und AuSklang de» Abend» gab in angemessenen Worten Jacob Wolfs, dec Vorsitzende der Frankfurter Zion. Bereinigung. Prag. Dcr hier abgehaltene Kongreß deS H ava el Hazair und der Zeire Zion, der die Bereinigung dieser beiden Organisationen brachte, zeichnete sich dadurch aus, daß die Verhandlungssprache fast ausschließlich hebräisch war, und daß sie als erste zionistische Organisation ihre Zentrale nach Erez Israel verlegte. Hebräische Sprache, eigene Arbeit und Pioniertum in Erez Israel ist die Losung der Organisation. ■ DIE. , TELEFON* erfullh; da ficfSi. /FRANKFURT tto*s<i.62$6>/57- '1 Stempeuj«. Roman von Schalem Alechem. - Aus dem Jüdischen bearbeitet von Samuel MeiselS. ( (Fortsetzung.) Und Frajdel flüsterte Stempenju etwas ins Ohr. Er erbebte an allen Gliedern, blieb stehen wie versteinert und war außerstande, einen Laut hervorzubringen. — Frajdel hatte Recht behalten. — Stempenju unternahm allerdings noch, einige Rettungsversuche; er zappelte wie ein Fisch im Netz und strengte alle Kräfte an, um loszukommen, aber es hals ihm soviel wie einem Toten Schröpfköpfe. — Frajdel und ihre Mutter folgten ihm überallhin wie sein eigener Schatten. - Besonders fürchtete Stempenju Frajdels Mutter; sie kam ihm vor wie eine wilde Katze, stets sprungbereic, ihm die Augen auszukratzen. — Und eines Morgens erwachte Stempenju und sah sich ins Ehejoch gespannt. — Da gab's kein Entrinnen mehr. Die erste Tat Frajdels nach der Vermählung mit Stempenjn war, daß sie ihren Mann dazu bewog, sich in Mazepewka dauernd niederzulassen. Wer würde denn, meinte. sie, ewig ein Wanderleben führen. - Schon genug gewandert und Weltreisender gewesen; jetzt sei es an der Zeit,, ein Haus zu begründen, ein Heim, einen Herd, wie andere anständige Menschen auch. — Da der Klügere, will sagen der Schwächere, nachgibt, so'blieb auch diesmal Stempenjü nichts anderes übrig, als sich dem Willen seiner Frajdel zu fügen. Er übersiedelte mit samt seiner Truppe nach Mazepewka, dem Wohnsitz seiner Vorfahren, und übernahm da das Erbe seines Vaters, der ein Menschenalter hindurch der Leiter der „Mazepewkaer Musikantentruppe" gewesen war. — Frajdel, die Tochter armer Eltern, in deren Haus der Rubel ein seltener Gast war, wußte den Wert des Geldes zu -schätzen. Sparsamkeit gehörte sonst nicht zu den Tagenden der Musikanten. Der leicht verdiente Groschen wird leicht ausgegeben. Man lebt flott in den Tag hineip, trinkt ein Schnäpschen und läßt sich um die Zukunft keine, grauen Haare wachsen. Das gehörte zu den Traditionen der Musikanten, und so hatte es auch Schajke Fiedler. seit jeher gehalten. Schajke war. arm wie die Nacht, ein richtiger Bettler, aber bei alledem immer fidel. Hatte er nichts zu kauen, so machte er ein „Tänzchen" und ging schlafen; verdiente er den Rubel, so lebte er einen vergnügten. Tag, aß gut und trank noch besser. .Das Geld ist-nur des Magens wegen da," pflegte er zu sagen, „und lieber dem Bäcker als dem Arzt." — Also den Sparsamkeitssinn konnte Frajdel nicht von ihrem Vater geerbt haben. Eher schon von der Mutter. Diese hatte ihr am ersten Tag nach der Hochzeit eingeschärst, Stempenju sei ein Verdiener, ein Goldspinner, aber ein leichtsinniger Kerl, der den Rubel wie einen Bastard behandelt, sie müsse daher auf irgend eine Weise seinen Leichtsinn kurieren und sparen, spa«n, sparen. — Stempenju, der ganz unter Frajdels Pantoffel stand, mußte sich's gefallen lassen, daß sie ihm nach jeder Hochzeit, die Taschen leerte und seine Gelder verwaltete. — und sie verwaltete sie gut. — Sie liebte das Geld und liebte Stempenju des Geldes wegen, das er verdiente. .Mein Mann," pflegte sie vor ihren Nachbarinnen zu prahlen, „mein Mann, er macht einen Strich auf der Fiedel, und ein Rubelchen wird geboren." — Es ist nun einmal der Weltenlaus, daß, wer Geld hat, noch mehr haben will. So erging's auch Frajdel. Kaum hatte sie ein kleines Kapital beisammen, da suchte sie Mittel und Wege, es zu verdoppeln. Sie eröffnete in ihrer Wohnung eine Pfandleihe und belieh Kleidungsstücke, Silberwaren. Goldsachen, Juwelen, besonders aber einen Spezialartikel — Korallen. Da die Pfänder in den meisten Fällen nicht ansgelöst wurden, konnte sie im Laufe der Zeit einen regelrechten Korallenhandel betreiben. Das Geschäft blühte um so mehr, als damals in Mazepewka .Lorallenschnüre" ein Modeschmuck war. Die reichsten Leute der Stadt wußten, Schnüre Korallen, schön und billig, findet man nur bei Frajdel Stempenjus. Stempenju dagegen liebte nur zwei Dinge: sich und die Fiedel. Er war allzuviel mit sich selbst beschäftigt, seine Kleidung mußte stets tadellos sein, jedes Hosenfältchen in schönster Ordnung, das Künstlerhaar sorgfältig geordnet. Er verbrachte öfter stundenlang vor dem Spiegel. „Junggesellenmanie" nannte es Frajdel mit einem Anflug bon Bosheit. — Nahm er jedoch seine Violine zur Hand, so vergaß er sich und die ganze übrige Welt. Die Fiedel verscheuchte jede trübsinnige Stimmung, die sich seiner zu bemächtigen drohte. Die Fiedel klagte, weinte, jauchzte, jubilierte, die Uebergänge wechselten in rascher Aufeinanderfolge, bald waren es sanfte, schwelgende Töne, bald erbrauste die Violine wie in heiligem Zorne, und schließlich ging sie wieder in eine muntere, fröhliche, aufheiternde Melodie über. — Dieses „Phantasiespiel" wirkte beruhigend auf Stempenju; es ließ ihu all die Unbill, die er in seinem Heim zu erleiden hatte, vergessen. Seit seiner Verheiratung war das Harmonische, daS Einheitliche in Stempenjus Wesen in Brüche gegangen. Man konnte nunmehr zwei verschieden geartete Stempenjus unterscheiden: Stempenju zu Hause und Stempenju in der Fremde. Stempenju zu Hause war der Untergebene Frajdels, das gehorsame Kind, das 'alles mit sich machen läßt. Stempenje in der Fremde war der alte muntere Geselle, der lustige Abenteurer von ehemals. Dort, in der Fremde, hatte Stempenju eine besondere Well, sein eigenes „Wettchen", zu welchem Frajdel keinen Zutritt hatte. In diesem .Mellchen" hatte nun die schöne Ruchele seinen Weg gekreuzt. Die Begegnung mit Ruchele war das größte Ereignis in Stempenjus Leben. Stempenju hatte im Leben viel geliebt, aber immer war seine Gedächtnisschwäche stärker als seine Liebe. Diesmal jedoch war es ganz anders. Schon bei der ersten Begegnung überkam ihn ein Gefühl, wie er 'es noch nie empfunden hatte. Die blauen Augen Rucheles entfachten in seinem Herzen jene» Feuer, das. nicht so leicht verloschen, wettren kann. schriftlichem Wege. Er schrieb — ans Notenpapier — den ersten Liebesbrief. Im Schweiße seines Angesichts schrieb er ihn; das Schreiben war für ihn eine Holzhauerarbeit. Wir wollen ihm dies keineswegs als Mangel anrechnen. Ist denn ein Künstler verpflichte^ auch schreiben zu können^ zumal wenn er das Schreiben nicht gelernt hat? (Stentpenju erlernte erst in späteren Jahren dieses Handwerk'!). Was Wunder, daß seine Feder ein wenig stumpf war. Einige Tage trug Stempenju den Brief in seiner Tasche, ohne zu wissen, aus -welche Weise er ihn der schönen Ruchele übermitteln könnte. Der langersehnte Sabbatnachmittag war gekommen. Stempenju spazierte auf der Berditschewer Gass', in der Hoffnung, dort Ruchele zw begegnen. Mele junge Frauen waren da, Mädchen ginge» auf und ab, warfen Stempenju Blicke zu, lächelten, erröteten — ganz Mazepewka war auf der Berditschewer Gassi, nur eine fehlte — Ruchele! Das Brieschen in der Tasche ließ ihm keine Ruhe. Fast unbewußt - schritt er in die Gassex wo Eisik Naftali wohnte. Ein Fenster stand offen. Adr diesem saß, in Gedanken versunken, Ruchele und summte ein trauriges Liedchen vor sich -hin. Er näherte sich dem- Fenster mit dem üblichen Gruß „Gut SchabbeS!", den er zweimal wiederholte, und überreichte ihr jenes Stück Rotenpapier. daS sein LiebesgeständniS enthielt. Xll. Die stilte, helle Nacht. * Ruchele hielt lange den Brief in der Hand und wußte nicht, was damit anzufangen. Sie wollte ihn zum Fenster hinauswerfen, überlegte sichs aber, faltete ihn wieder zusammen und steckte ihn in die Tasche. Ein Gefühl der Empörung und des Zornes regte sich in ihrem Innern. War das nicht eine Frechhett von einem Musikanten, an sie, Eisik Naftalis Schwiegertochter, eine» Liebesbrief zu richten? Diese Anmaßung muß gesühnt werden. Sie müsse ihn aussuchen und unter vier Auge» ihn fragen, wie er dazn> komme, an sie zu schreiben'?' Wer hätte ihm das Recht oder die Veranlassung dazu. gegeben? Wer ist er und wer ist sie? — Sie begann ‘. ernstlich darüber nachzusinnen, auf welche Weise sie mit ihm allein, zusammenkommen könnte, um chm alles dies zu sagen. Ein Gedanke blitzte plötzlich in ihr auf. . .Hört Ihr, Schwiegermutter," sagte sie eines Tage» zu Dwosche Malle, „Wenns nicht teuer kosten sollte, hätte, ich Lust, mir einige Schnüre Korallen zu kaufen, gute, schwere Korallen." „Run, ich Hab Dir doch schon einigemal gesagt geh. zu Frajdel Stempenjus und wähl Dir dort au», wa» Dein Herz gelüstet; wenn Du willst, geh ich mit Dir jetzt hin; mir zulieb wird sie Dir nicht teuer rechne»." Sie gingen zu Frajdel Stempenjus. fFortsetzuog fokgL)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.