Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 13 (31.3.1920)
- Date
- 1920-03-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr IS. Reue FMsche Wesse. I ^lH- ' * J erfüllh' ALLE Ansprüche. FRANKFURTER PRIVAT-TELEF0N-GESElL5CHAFTmbH tobmhcfstii. ondnEet'e FRANKFURT A.M. 'fnnspr Hopsa C;S6/b1 BE Literarische Rundschau. Der Weg zum MtzthoS. In einem gedanklich und formal bedeutsamen Buche, benannt „D e r W e g z u m.M y t h o s" (bei Eugen Diederichs, Jena), sucht E r n st Michel, das zentrale, über Lebe» und Tod der europäischen Kultur für die Zukunft entscheidende Problem der Zeit zu deuten und die Formel für seine Lösung zu gewinnen. Das Problein heißt nach seiner Erkenntnis: Wie wird die tiefste Wurzel all^eS geistigen Lebens und Schasfens, der religiöse Mythos, der Kultur Europas, der Welt seiner gesamten geistig-seelischen Erscheinungen und Entwicklungen erhalten, diese Urquelle aller im großen Sin» kulturschöpferischen Kräfte vor der ihr heute drohenden Verschüttung durch Nationalismus und Skeptizismus und lltilitarismus bewahrt? ‘ Es ist der religiöse Mythos, das Zentrum alles geistigen, alles irgendwie höheren Lebens, von dessen Macht und dessen Gestaltung die Entwicklung der menschlichen Kultur in.der historischen Vergangenheit abgehangen hat und heute in gleich entscheidendem Maße abhängt. Mit der Herrschaft des Mythos' verbindet sich eine Auslösung der neuschöpserischen geistigen Energien, eine emporführende Entwicklung von Kultur und Kunst und Ethos, wie eine Epoche fortschreitender Zerstörung des Mythos, des GlaübensmysteriumS (welchen-WesenS auch immer), zugleich den Stempel unaufhaltsamen kulturellen Niedergangs und Abstiegs an sich trägt. Michel unternimint.es, die deutsche Kulturentwukluug im besonderen an dem Wesen und Werden ihres religiösen Mythos aufzuzeigen. Er deutet das geistige Bild repräsentativer deutscher Gestalten der Vergangenheit, so von Hölderlin und Goethe, als die Manifestation eines religiösen Mythos, der bei Hölderlin antik-griechischen Wesens ist Und bei Goethe aus einer Versöhnung von Wissen und Glauben, Realität im weitesten Sinn, und übersinnlicher wahrhafter Wirklichkeit, einer Versöhnung von Gott und Mensch geboren ist. Auch der Goethesche Persönlichkeits-Mythos kann der heutigen Welt nicht mehr als erfüllend und ihrer inneren. Einstellung konform erscheinen. Den neuen Mythos, gilt es, erst zu schaffen; er ringt sich heute aus dem bewegten Schoß der Zeit empor, um als einziger Retter'die leidende Menschheit, in der Richtung des neuen Landes der geistigen Verheißung zu führen. Einen ersten Künder ,hat dieser Conditorei und Cafd Wilhelm Wendel Alte Gasse a ■T 5en renoviert nnd. vergrößert. Feinste Torten und Desserts Kaffee, Tee,’ Schokolade in Tassen. Mythos, nach:.Michel in dem Dichter Mombert gefunden. ,' , . - - ' - Der neue Mvthos trägt das Gepräge einer großen Lebensbejahung; er ist Gotteserleben, Wille zum geadelten inneren Sein und Werden, Drang zum Ethos. Er ist orientalischen Wesens. Er ist — dürfen wir Michels Darlegung hinzufügen — in entscheidenden Merkmalen dem jüdischen Mythos gleich. Und er ist primär Gotteserleben. wirkt sich dann aber, seinen Schwerpuntt verrückend machtvoll in ein machtvolles Ethos aus, allerdings im Tiefsten aus Gott und religiöse Vollendung eingestellt. Es ist ein Mythos der Verwirklichung des Göttlichen auf Erden durch den bauenden, schaffenden Menschen, voll eines mächtigen Pathos der Tatfreudigkeit. Nur steigt die entscheidende Frage auf, ob der europäische Mensch der Gegenwart, der analytisch prüfende, innerlich vom Zweifel zerftessene Mensch, nochden Weg zu diesem rettenden Mythos zurückfinden kann, da doch Erkenntnis einer gefühlshaften religiösen Notwendigkeit und Wille zu ihrer Verwirklichung noch nicht wahrhafte Durchdringung des Wesens mit der Blutwärme der Gläubigkeit bedingt. Vielleicht ist dem .europäischen Menschen dieser Weg heute verrammelt, — vielleicht öffnet zukünftiges Geschehen ihn wieder. Wer wird vorher sagen können, wohin sich der Lauf der Zukunftsentwicklung weiterhin wenden wird? Uns Juden ist der Weg des Ethos offen und frei; es gilt, ihn entschlossen zu gehen. Es ist ein reiches, großzügiges Buch, in dem Michek seine tiefdringenden Erkenntnisse niedergelegt hat. Es ist ejn .Buch von durchaus originaler Ausfassung; man wird von ihm gefesselt und empsängt nianche gedankliche Anregung aus ihm bei öfterem Widerspruch und Vorbehalt. - K. Schalkowitz. Die Ruine des Lrients. (Von F. E. Endres.-1919. Geh. 10 Jt, geb. 13,75 ..H, München, Suliefet u. Humblot.) EndreS entrollt Bilder türkischer Städte in Asien und Europa. Es ist ihm hierbei nicht so sehr um faktische Gegebenheiten und objektive Wirklichkeiten zu tun, als um die besonderen, eindruckbestimmenden, inneren Eigenarten, die naturhafte und gefühlsmäßige Atmosphäre dieser verschieden gearteten, einander in ihrer typische» Erscheinung vielsack entgegengesetzten und wiederum in sich uneinheitlichen und zersplitterten Städte. Die Buntfarbigkeit, die widerspruchshaste Schönheitdie Poesie eines noch nicht zertrümmerten noch lebendigen Stück des Orients wird eingefangen in einer Darstellung, die subjektives Schauen und Werten mit dem Reiz der Frische und Unmittelbarkeit umgibt.. Endres, der. den Orient nicht nur;,kennt", sondern vor allem in seiner besonderen Wesensart versteht, ftihrt den Leser durch verschiedene, oft weit auseinanderliegende Gebiete der Türkei, durch die Zentren des Lebens in den einzelnen Teilen des Landes, die bedeutendsten Städte hindurch, entwirst Skizzen von historisch anziehenden und bedeutsamen Entwicklungen der Städte, berichtet über ihren allgemeinpolitischen wie kulturellen Rang, ihre Stellung in der Vergangenheit und ihre Bedeutung für die Zukunft. Jerusalem ist eine besondere Schilderung von lebendiger Plastik gewidmet, und der Zionistenfreund Endres findet hier wieder Gelegenheit, die Bestrebungen des Zionismus zu rühinen und in ihrer Bedeutung zu erhellen, ihre Tendenz der Erneuerung und Belebung aufzuzeigen, die dem blutleeren staatlichen Organismus der Türkei so bitter not tun. Es' gilt, eine Ruine, die Ruine des Orients vor dem endgültigen Niederbruch und Zerfall zu bewahren; mehr: es gilt ihr neues Leben einzuhauchen, tiefen Fundamenten. neu aufzubauen auf Seite 3. Aitail Ml Elia» Kaiaeratraaae 69. Bf ginn 8 Uhr. Tel. H. 6516. tfCets erstklassige AUraktions - Programme. , Oie ersten M««Hwpid« ««■ W«tn» Sin Brief ZaugwjllS. Der ungarische Schauspielerv erb and hatte vor einiger Zeit ein neuest Werk von Israel Zangwill: „Too much money" („Zu viel Geld") erworben und dem berühmten Dichter einen Vorschuß auf den festgesetzten . Kaufpreis angeboten. Hierauf schriebt Zangwill> ,^Jch hallte es als eine Ungerechtigkeit gegen mich selbst, daß Ans die englischen Pfunde für mein neues Stück mit Kronen nach dem heutigen Kurs oder selbst! nach dem Märzkurs vom Jahre 1921 bezahlen sollen? Als englischer Bürger, dessen Land die Schuld daran trägt», daß die Blockade so lange Zeit nach dem Wasfenstillstaröek aufrecht blieb, fühle Ich mich gleichfalls mitschuldig aitz der vielfachen Nyt, die durch die Blockade verursacht wurde und gleichzeitig mitschuldig an der Demolierung Ihren Valuta. Deshalb bin ich der Meinung» daß es ein vieh ehrenhafteres Llbkommen wäre, mir keinen Vorschuß zu, zahlen, sondern bloß prozentuelle Tanttemen in der Wäh» rung Ihres Landes, nicht aber nach dem Werte der englischen Valuta." Moritz HeimanoS „Prosaische Schrift«." (Drei,Bäude. 1918. Berlin, S. Fischer, Verlag.) . ES kann nicht unsere Absicht sein, über Heimanns Prosaische Schriften, von denen -er bekannte Verlag S. Fischer eine hervorragend schöne Ausgabe, auf den Büchermarkt gebracht hat, eine Rezension zu schreiben. HeimannS Interessen tangieren nicht nach dem Judentum hin. Er ist wohl zu charaktervoll, um Assiunlant im gewöhnlichen. Sinne zu sein, steht aber doch der jüdischen Gedankenwelt fremd und ablehnend gegenüber. Durch seine charaktervolle Auffassung sagt Heimann in einem durch den Charakter bedingten Rahmen immerhin einiges Beachtenswertes. So in seinem durch die LandSbergersche Umfrage veranlaßten Aufsatz „Judeiktaufen", wenn er wie folgt airsführt: . ' . „Wenn mit uns wollen»taufen lassen, s» kommen wir um die Frage nicht herum, wohin wir uns taufen lassen. Daß die Taufe überhaupt nicht recht gelingt, wie der «ine oder andre Christ spöttisch zu bedenken gibt, braucht und freilich nicht zu bekümmern. O, sie gelingt recht gut; sie macht nicht bloß neue Christen, sondern mchht sogar Aristokraten. Die meisten unserer deutschen aristokratischen Gesichter sind phyiiognomisch mehr durch die Geringschätzung anderer Menschen geformt als durch das reine Selbstgefühl, als durch die Hochformung der eigne» Seele und big; Gesetzgebung über sich selbst; dies« Sorte von Aristokratie hat den andern nötig, den sie verachtet; und die lernt sich, bald. Nichts lernt sich leichter als Genießen^ nichts leicht»-, als Befehlen; nichts leichter als Verachten. .Aber wenn der Prozeß dieser Assimilierung zu. Ende geschehen ist, dam» hat er sogar sein bischen Sinn verloren. Hier ein Lebenslauf in aufsteigender, absteigender Linie: heute noch ein Jude mit einem Vater im Synagogenvorfland; morgen Kaffee Kaisergarten am Opernplatx _ üntUasslges FamOien-Ksffee- Täglich von 4 Uhr ab. Künstler - Konzert. . Slernpeuj«. Roman von Schalem Rieche«. «nS dem Jüdischen bearbeitet von Samuel MeiselS. -v Oortsetzckn,.) ... Rnchele erinnerte sich auch an die Geschichte von dem Fläschchen mit den wunderwirkenden „Tropfen", das Stempenjn besitze. AnS diesem Fläschchen, hieß es, träufele er bloß, einen Tropfen auf den Boden, und jedes Mädchen, das auf diesen Tropfen getreten hat, fühle sich zu ihm hmgezogen mit ihrem ganzen Herzen und. mit ihrer ganzen Seele. Das seien sogenannte „Liebestropfen", in deren Besitz nicht jeder gelangen könne ... „Liebe — Schmiede," dachte Rnchele, „ach was, Unsinn! — Da hast Du einen Groschen für die ganze Liebe.. . . . .Tut nichts, mein Mosche Mendel liebt mich ohne .Liebestropfen' ... Seh ilch's denn nicht, daß er verrückt wird nach mir? Gewiß liebt er mich? und ich ihn! . . . ich' — Mosche Mendel?" . .Rnchele wandte ihr Gesicht zur .Wand und begann über , diesen Punkt nachzudenken. Zum erstenmal tauchte ihr ein solcher Gedanke auf, zum erstenmal beschäftigte sie .eine solche Frage. .Was ist das wieder für ein Unsinn!— Ob-ich ihn liebe? — Nu, hassen tu ich ihn gewiß nicht ... Warum sollte ich. ihn auch hassen? Mosche Mendel ist. wahrlich nicht ein häßlicher Mensch, ein wenig von der. neuen Welt, versteht" eine Zeitung zu lesen, einen guten Witz zu machen, mit jungen Leuten sich zu untere halten . v. Zwar sitzt er zu viel im Bethhamidrasch odev drehl sich auf dem Marktplatz herum . . ..Und die Mädchen-, träume? Die Hoffnungen als Braut! — Freilich, es ist nichts daraus geworden! ... Die ganze Wochewie im Käfig: Rnchele iß,, trink und schlafe! — Udo Mosche Mendel kramt Witze aus ... Was schert'.ihn Weib? was kümmert ihn ein Heim?" ... Es klopfte an die Tür, die Schwiegermutter erhob sich und ging öffnen. . -; „Mosche Mendel?" . A ,Ha, was?", ■ „Du bist's. Mosche Mendel?" fragte Dwosche Malke. „Nu, a Tänzei, krepier» brrr!" antwortete Mosche -Mendel. „Was quasselst Du, Mosche Mendel?" sagte die Mutter. „Betrunken wie Lot! Zieh Dich aus und geh schlafen!" „Roch ein — Gläschen — kre — pier!" Mit diesen halben Worten stürzte Mosche Mendel auf das Bett, und schon nach kurzer Zeit sing er fürchterlich an zu schnarchen. Auch Dwosche Malke war eingeschlafen. Die Kinder schliefen schon seit lange. Aus allen Ecken nnd Enden hörte man pfeifen und schnarchen. 'Nur Rnchele konnte nicht einschlafen. — Der Mond schien zum Fenster herein und zeichnete einen hellen Streik fen ans dem Bett, auf welchem Mosche Mendel dalag, mit dem Gesicht nach oben; er hielt den Mund weit offen, die Augen glotzten ins Unbestimmte, der Adamsapfel schien ganz bedeutend vergrößert . . Wie er so dalag, war er> , häßlich, so häßlich, daß es eine Sünde war, auf ihn eine» Blick zu werfen . . . ' VIII. 1 Das „S ch lei er" -Mah l*) Als tfm darauffolgenden Tage Chiane, die Schameste,**), Dwosche Malke mündlich die Einladung zum Schleiermahl überbrachte, war Ruchele bereits nach der „neuesten Mode" angezogen. Sie trug ein blauseidenes Kleid mit weißen Spitzen und breiten Aermeln, — wie es damals in Mazepewka Mode war. Auf dem Kopf trug sie ein Tuch, das die ganze Frisur durchblicken ließ. Außerdem hatte sie ihren ganzen Schmuck angelegt. In diesem ihrem feierlichen Staat saß Ruchele in ihrem Zimmer und wartete, bis Dwosche Malke Toilette gemacht hatte. Mosche Mendel lag noch immer auf dem Bett, hielt den Mund offen und' schnarchte. Ruchele ging auf ihn zu, rüttelte ihn ein wenig und rief ihn beim Namen. .Mosche Mendel öffnete seine grauen Augen und stierte sie an. Er erkannte sie offenbar nicht. *) Am ersten Tag nach der Hochzeit legt die Braut eine Perücke an oder, wie man im Ghetto sagt,' sie wird „ausgeschleiert". Das Mahl, das aus diesem Anlasse veranstaltet wird, wird „SchlöierMayl" genannt.. ° . . *») Schameste.. — Dienerin. - j -> „Mosche Mendel," sagte Ruchele und beugte sich über ihn, „erkennst Du mich nicht? Warum siehst Du mich so an? Ich gefalle Dir wahrscheinlich in diesem Schlei«?" „Aj — gib Ruh — will schlafen —" Mit diesen halben Worten drehte er sich auf die andere Seite und begann aufs neue zu schnarchen. Dwosche Malke war indes mit dem Ankleiden fertig und ging mit Ruchele zum Schleier-Mahl. Ruchele fand die Braut bereits „ausgeschleiert". Di» beiden Freundinnen küßten einander und waren sofort. in ein eiftiges Gespräch vertieft, wie es schon so unterjungen Frauen üblich ist. Allmählich füllte sich der Saal mit Gästen. Die Bedienten stellten auf die Tische allerlei Backwerk und Konfitüren, Mandeltörtchen und Fladen. Auch eine Anzahl von armen Leuten war da. CMjim Benzion Glock lief hin und her, das Samtkäppchen wackelte auf seinem Kopfe. Seine Frau kommandierte mft einer heiserigen Stimme: -„Ihr macht mich unglücklich, Ihr stellt Torten und Konfitüren dorthin, wo sie gar nicht hingehören. Wo ist der Branntwein, wo die Gläschen? — Hast Du so 'ne Hochzett! — Kostet so viel Geld und am Ende — Die Musikanten sind auch noch nicht da . . . Geh, mach was Du willst, 's hilft Dir doch nicht ..." ,Was lamentterst Du so?" schrie Chajim Benzion „Nur sie schreit! — Was schreist föu, was? Eine Seltenheit bei Dir, ein Kind verheiraten! 's ist doch nicht zinn erstenmal . . . Sieh sie einer an, kann kaum 'neu Laut Hervorbringen und schrett in^inemsortl" ,Wer schreit, Meschugener, wer schreit?" „Sag Dn's!" »Ich schrei nicht. Du schreist!" o »Ich schrei, — so! Vielleicht umgekehrt?" - ' ,LH, schreist Du doch, Chajim Benzion! Was ist Dir denn?" »Ich schrei? Ich sag bloß. Du.sollst still sein» sag ich." ,F)a schreist Du ja wieder, Meschugener!" „Also ich bitte Dich, Herzchen, sei still und mach keine« Lärm!" — — — . „ Fortsetzung, folgd) 776