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Neue jüdische Presse · 1920-03-05 · Heft 9 (5.3.1920) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 9 (5.3.1920)
Date
1920-03-05
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr Ä Leite 3.?s Jrankfurt a. M., 7heaterp(atz 8 Gegründet 1828. Telephon: Hansa 9365 aesen 100.000 bm deutsoht französisoh, enalisch. Alle Neuerscheinungen Eintritt täglich. Prospekt umsonst und portofrei. Kurze politische Nachrichten. Budapest. Eme Versammlung der R abbin cr Siebenbürgens erklärte sich für kulturelle und nationale Autonomie der Juden: da diese ein Volk sind. Die rumänische Regierung hat die n a t i o n a l e De i - lnng der Volksschule» in Czcruowip oerfügt. Die Juden erhalten besondere Abteilungen an zwei Knabcu- und zwei Mädchenschulen und zwei gemischte Schulabteiluugcn. Im Zusaiumenhang damit sind sechs jüd. Lehrer zu Schulleiter» ernannt worden. ■ ,J. P. Z.) Warschau. Die Berufung de« bedeutenden Historikers Prof. S zl> in onNszkenaz y, L e m b er g an die hiesige llnivensität ist vom liniversitätsrat nicht bestätigt worden. — , Dies ü d. -.a in e r i k a'u. K o in m i s s i o n für d i d llfraiuc wurde von General P e t l s» r a in Audienz empfangen. — Schon, der Delegierte der jüd.-uiuerikan. Ko,»Mission - teilte nach seiner Rückkehr ans W o-l h » n i e » mit, daß dort die jüdische Bevölkerung d u r ch H u n g e r u n d d n r ch TyPhiiS zu Grunde gebt. — Meier Berlin- Rewnork, Rabb. E p st e i-n - Chicago vom Misrachi und Dr. A l f r c d R o s s i g - Berlin sind hier zu Bartrügen eiugctroffcn. Ans der MiSrachi-Bewegnug. . . Nürnberg-Fürth Die hiesige Gruppe nahm nach einem Referat Max Gorski'S folgende Resolution an, MM “ '' um EniligT Kaiserstrasse 69. Beginn 8 Uhr. Tel. H. 5516. Stets erstklassige Atiraktions - Programme. 'Die ersten Kflastlsrsplels ■■ Platz«. \i. ,C . * . Gtempeuj«. Roman von Schalem Alechem. AuS dem Jüdischen bearbeitet von Samuel MeisrlS. Barbemerkung de» UebersetzerS. Scholein Alechem (2. Rabbinowitz) wurde im Jahre 1859 i» Perejaslaw im Poltawer Gouvernement geboren. Wie. die meisten. Jargonschriftsteller ist auch er aus dem Rethhanlidrasch in die Literatur eingetreten. Cr genoß eine .streng jüdische Erziehung, und erst mit sünszehn Jahren begann er, sich „profanen" Studien zu widmen. Als Achtzehnjähriger versuchte er zunächst, in hebräischer Sprache zu schriststellern; er schrieb Artikel für die zwei größten ,'cbräischeu Tageszeitungen „Hameliz" und „Hazcfirab". Nachdem er einige Jahre das Amt eines Kronrabbiners in^einer Kleinstadt in Rußland bekleidet hat.e, trat er 1883 in die Reihe der .Jargonschriststeller. «chvn nach kurzer .Zeit erwarb er sich einen Namen und einen ansehnlichen Leserkreis. Er schrieb u. ä. „Die Weltreise", „Ein Roman ohne Liebe", „Natascha", „Süße Träume", „Das Unglück", ,>Das Panorama" und unzählige kleinere Humoresken, Geschichten, Skizzen und Monologe. Der vorliegende Roman „Stempenju" gehört zu den besten L-chöpfungen dieses reichbegabten Talents.. ' Die Stellung, die Schalem Alechem in der Jargonlireratur einiiimint, läßt sich ganz genau bestimmen: er ist der. zweitgrößte Jargonschriftsteller der Gegenwart. Er steht dicht hinter Mendele Mvcher S'fariin, dem. bis jetzt unübertroffenen Ghettoschilderer, den inan als den Zola der Jargaiiliteratür bezeichnen kann. Schalem Alechem, der sich offen als Jünger Mendeles bekennt und der auch ' in seinem künstlerischen «chaffeu uon^ihm stark beeinflußt lvürde, ist. dessenungeachtet nichts weniger als Epigone. Er wandelt vielmehr seine eigenen Wege. Er ist selbst 'ein Bahnbrecher, indem er die heitere,, humorvolle: Rate ' in die jargvnischc Literatur .einführte. Jarganische- Sati-* riker hat's auch vor ihm gegeben, .Humoristen — fast Line.. Und Scholem Alechem besitzt einep goldenen Humor. Er steht über den Dingen und lächeltlacht herzhaft: 'daß-'jeder,- der ihnlachen hört, mitlachen muß. Wenn wir von Schalem Alechem dem Humoristen sprechen,, 'so, denke» wir in erster Reihe an die vielen, Herz und..Gemüt erheiternden kleinen Erzählungen, Novellen, Skizzen und Monologe, mit denen er die jar- : Panische Literatur beschenkt hat. Seine Humoresken haben ihm de» ehrenvollen Namen eines „jüdischen Märt Twain" eingetragen.' Wer Schalem Alechem. näher kennt, ivird diese Aüszeichiiuug . einigermaßen berechtigt finde». . . .' .-. Y I. ' S temp cujus S t a >n m b a u in. Sleiiipenju?. Was für ein Name ist Stempenju? — Das ist überhaupt teil, Name; das war nur unseres Neue Jüdische Preise. über die wegen ihrer Bedeutsamkeit satzweise abgestimmt wurde: - . - - Die Misrachi-Srtsgrupvc Nürnberg-Fürth hält es für religiöse Pflicht, die jüdische Volkseinheit zu fördern und zu stärken. Sie verurteilt deshalb jede Bcslrcbnng, die geeignet ist, diese zu stören und begrüßt jede Bestrebung, die die Volkseinheit herbeigeführt. Ein Mittel -zur Volkseinheit auch in religiöser und kultureller. Hinsicht ist die E i n h e i k s s ch u l e. Diese ist grundsätzlich, jif fordern und zwar ans religiöser Basis.*» Wien. Der Verein „Iischub Erez Israel" beschloß nach einem Referate seines Präsidenten Dr. S a - m n e l R a p a p o r t den A n s ch l u ß a n d e n M i s r a ch i. Es wurden in die Leitung n. a. gewählt: Rabb. S ch a p i ro aus Drahobycz (Präsident), Rabb. Friedman n aus .'Ladagora (2. Präsident) und in den Ausschuß: die Rabbiner T w e r s k i - Stanislau, H o r o v i tz - Krakau, Friedman»-Jtzkauh und F r icd m an n -Husiatyn. London. Rabbiner Dr.' Schünfeld begibt -sich bereits. im April als Leiter des misrachistischen Erziehungswesens nach P a l ä st i n a. Aus der „Agudas Jisroel"-Beweguug. Sine Million für eine laudwirlschaftliche Siedlung in 8rez JiSroel l Die Palästinazentrale der Agudas Jisroel für Deutschland teilt uns mit: Bei Beginn der soeben stattgefundenen Erez Jisrael- Woche hat ein Ungenannter der Palästinazentrale eine Million Mark zwecks Gründung einer landwirtschaftlichen Siedlung gemeinsam mit industriellen Unternehme» zur Berfügung gestellt. Ein Spezialprospekt wird in Bälde veröffentlicht werden und-dadurch Interessenten Gelegenheit zur Information geben. $erfo«tttes n. kleine Mitteiluuge«. Verli». Prosesiar Einstein'S Gattin ist an der Grippe verschieden. Bad Kreuznach. Der 249 Mitglieder zählende Jüd. I u g e n d v e r e i n „M o s e s M e n d e l s v h n" wählte in seiner Generalversammlung Dr. Vogel wieder zuin Vorsitzenden. Dhr Verein hält vierwöchentlich seine Vereins- ") Auch die Berliner Misrachi-Jugendgemeinschaft und die Frankfurter Misrachigruppe hatten in einer Resotutioiden Wunsch »ach der Einheitsschule ausgesprochen. All diesen Beschlüssen dürfte wohl die Anschauung zugrunde liegen, daß auch die unreligiösen Zionisten sich zu der aus der Bibel basierenden Tradition des jüdischen Volkes durchringen müssen, weimj sie sich elirlich von den Schlaf-, ken der Assimilation befreien und wirklich Juden werden wollen, und daß deshalb ei» de» Ansprüchen des Misrachi entsprechendes Programm für die Einheitsschule sich erz möglichen Kiffen müsse. ' D'. Redäkt. Helden Beiname, den er von' seinem Vater geerbt hatte. Sein Vater, Friede sei mit ihin, hieß Bert Baß, auch Bert Stempenir; er spielte den Baß und war nebenbei ein ausgezeichneter Badchen, Hochzeitsspaßmacher, ein geschickt ter Stegreifdichter, überhaupt ein Clown van seltener Vielseitigkeit. Auf Hochzeiten verstand er's, die Gäste durch allerhand Kunststücke zu ergötzen.. Bald erschien er als Bettler verkleidet, bald sah er aus wie ein „Kosak", eben verdrehte er die Augen wie ein Irrsinniger und gleich danach tanzte er Jute ei» Bär. Durch diese und ähnliche Meisterstückchen erheiterte Bert Baß eine Hochzeitsgesellschaft. Außerdem pflegte er ein Theaterstück anfznfnhren, das den ein wenig sonderbaren Titel „Stempeln" führte. Deshalb nannten sie ihn auch „Bert Stempenir". Diesen ehrlich erworbenen Ehrennamen erbte sein einziger Sohn Jankele, der ursprünglich schlechtlveg „der Stempenir" genannt wurde; später jedoch wurde dieser Name, der Beliebtheit seines Trägers wegen, in den weicher klingenden „Stempenju^ nnigewandelt. Und der Name Stempenju verblieb ihm auf „ewige" Zeiten. Also den Namen Stempenju erbte Jankele van seinem Vater Bert Baß oder Bert Stempenir, der ein Musikant gewesen war und auf'dem Baß gespielt hatte. Sein Vater, Schmnlek Trompeter, war ein Meister im Blasen der Trompete: sein Großvater, Feiwisch Zymbler, schlug das Zymbal mit großer Virtuosität, und sein Urgroßvater, Esraim Dajol : . . kurz, Stempenju entstammte einem Mnsikaiiteiigeschlecht, das ans zehn Generationen znrückblickcn konnte.'— und er schämte sich dessen nicht, wie ge-' wohnlich bei Juden, unter uns gesagt, sich jeder Handwerker seines Standes schämt. Und es ist auch - weiter kein Wunder: so ein Name, wie ihn stempenju in Maze-' pewka besaß, so ein Weltruf, wie er ihn sich erwarb, ist in der Tat keine Kleinigkeit . . ._ Ist leicht gesagt — Stempenju! / Hörte ein Jude Nissi Beizet aus Chmelnizk singen, .Godel Badchen aus Gontejarsk improvisieren oder Steinvcnjn aus Mazepewka spielen, so rechnete er sich dies . als ein besonderes Verdienst an. Die Stunden, in denen man diesen Meistern lauschen konnte, zählten in der Regel zu den schönsten des. Lebens. Daraus geht zur Genüge hervor, daß Stempenju kein gewöhnlicher Musikant war. Juden lieben Musik und haben Verständnis für melodischen Gesang, — das können selbst unsere Feinde nicht leugnen. Zwar, wenn man den Spieß nmdrehen will: Wann hört ein Jude Musik? Wann ist unter uns die Freude so groß, daß mir uns auch jür Musik und Tanz interessieren? Allein, ihr mögt sagen, was ihr wollt, wir sind doch sachverständige, scharfe Kenner auf dem Gebiete des Gesangs, der Musik. Kommt ein Kantor, ein Chason in eine jüdische Stadt, so lanfen sie alle. Musikanten ans einer - 'Hochzeit ist geradezu eine Pflicht,, ein Gebot, als ob's geschrieben stände ... Hört einmal das „Stückt" bei einem Hochzeitsmahl: Die Gesellschaft sitzt mit Anstand, und die Musikanten SP Kaffee Rnhlatad 3 Kaiserstrasse 56 Kaisersträase 56 Täglich erstklassige W Unterhaltungsmusik *398 abende ab, die stets gut besuchr sind und an denen jüdische Bortrüge und Diskussionen gehalten werden. 'Auch Festlichkeiten und Ausflüge werden veranstaltet. München- Wie in Berlin hat sich auch hier eine st u d e n t! s ch e Q r t s g r u p p e des C e n t r a l v e r e i ns Deutscher S t a a t s b ü r g e r j ü d' G l a u b e » s gebildet. Die I s r. K 11 11 lt s g emeinde, deren 275-1 Mitglieder im vergangenen Jahre 183 386 Mk. Beiträge zahlten, verausgabte 252 (KX) Mk. (1918: 2-13000 Mk.). Die Zahl der ihr nnterstehendcil Stiftungen und Fonds ist ans 222 gestiegen. Wie«. D,as jüdische Realgymnasium, das ^als seine besondere ^Aufgabe betrachtet, „die Jugend mit de»» Ewigkeitswerten der Bibel zu durchtränke» und sie zur Beherrschung der hebräischen Sprache zu bringen", beendete mit Erfolg das erste Semester. Die . im 38. Jahrgang erscheinende Sv. Bl 0 ch 's W o chenschrist stellt für längere Zeit ihr Erscheinen ein, da Sv: Bloch für mxhrere Monate ins Ausland reist. Jerusalem. Hier ist — eine Seltenheit — nenn Zoll hoher Schnee gefallen. Frankfurter Berichte. Eine Garteubauschule für Mädchen. Die Zionistische Bereinigung Frankfurt a. M. hat im letzten Jahr mit einem Dutzend Teilnehmerinnen eine» Gartenbankursus eingerichtet, der der Vorbereitung für Palästina diente. Es wurden der 'Anbau und die Pflege von Gemüse und Sb st gelehrt. Die räumlichen Verhältnisse verhinderten jedoch, auch« Kleinviehzncht zu betreiben und auch' A. II. Thyssen Stets Eingang WM- Neuheiten in Tapeten -WM Teppiche Läufer Vorlagen 20 Nene Mainzerstrasse 20 Ecke Weisafrauenatraaae. : : Telefon: Hansa 1784. spielen; spielen ein ernstes Musikstück, es klingt herzbewegend, „moralisch", die Fiedel meint, der Bogen hüpft auf der dicken Saite, die andere» Instrumente begleiten, die Melodie wird immer ernster, immer trauriger . . . Einö> trübe Stimmung bemächtigt sich der Gesellschaft, jeder einzelne versinkt in Gedanken und läßt sorgenvoll den Kopf hängen . . . Jeder ist vertieft in seine eigenen Gedanken» in seine traurigen Gedanken, denn jedellkeinzelne hat sein eigenes Päckchen Leiden — Sorgen braucht der Jude nicht zu borgen —und die traurigen /Töne schmelzen mit den traurigen Gedanken in eins zusammen, und jedes Aechzen der Violine findet im Herzen der HochzeitSgäste seinen Widerhall. ... Das Herz überhaupt und das jüdische Herz im be- 'onderen ist ja selbst eine Art Fiedel: drück auf die Saiten, und verschiedene, zumeist traurige Töne brechen hervor. Es erfordert nur einen richtigen - Musikanten, der das Herz-Jnstrnment zn behandeln versteht, einen Meister von einem Musikanten,' einen Meister >vic Stempenju. Ja, Stemvcniu war ein Meister! Nahm er die Violine zur Hand und macht er den ersten Bogenstrich, eine». Strich bloß, so begann die.Violine zn reden, reden mit Worten, mit einer Zunge wie ein lebendiger Mensch . . . Mit einer rasche» Bewegung pflegte Stempenjn den Kops an die linke Seite zn lehnen, das lange, schwarze Haar floß aus seine breiten Schultern herab, die schwarze» leuchtenden Augen blickten nach oben, er wurde blaß, bleich, lodähnlich — man sieht leinen Musikanten mehr! — Man sieht bloß eine Hand hinauf und heruntertanzen, und verschiedene Klangtöne svrndeln Hervar, unmutige, traurige, die ans Herz greifen, in die Seele dringen und die Kräfte aus dem Innern sangen. Die Augen füllen sich mit Tränen, Juden seufzen. Juden ächzen, Inden weinen . . . Und Stempenju? Er weiß selbst nicht, wo er sich befindet. Er tut seines: „Tjoch-Tjoch-Tjoch!" und genug . . . Ist das Spiel beendet, ivirft er die Violine beiseite und greift sich ans Herz . . . Die Gesellschaft erwacht wie aus einem Schlaf, aus einein traurig süßen Tram». Es wird ein Wirrwarr von Stimmen, alles spricht durcheinander, man rnlnnt und bewundert, man kommt ans dem Staunen nicht heraus, man kann sich des Lobes nicht genug tun. " - Und die Weiber? Nun, die geraten gar vollends aus dem Häuschen. Es ist zweifelhaft, ob äin Vorabend des Versohniingstages, während fromme Franenhändr die fürs Seelenheil bestimmten ~ Wachskerzen verfertigen, so viele Tränen vergossen werden, wieviel Tränen bei Stemvenjus „SlÄckchen" Weiberaugen entströmen. Einen besonderen Zaubcr übte Stempenju mit seinein' Spiel aus die jungen Mädchen aus. Sie blieben wie angewurzelt stehen, unbeweglich >vie die Puppen in den Schaufenstern. Ihre Augen waren ans «stempenju und seine Zaubervioline gerichtet, und ihr Herzchen klopfte: Tik-Tik-Tik! und öfter dringt ein verborgener Sender hervor. (Fortsetzung folgt.) 45115

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