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Neue jüdische Presse · 1920-01-16 · Heft 2 (16.1.1920) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
18 (1920)
Issue
Heft 2 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2. Neue ZMsche Messe. Seite 3. Hsduwa Fischhaus Msei* Teplitzky, Frankfurt am Main 45 Hanaaerlandetiasse 45 Täglich frische Zufuhren von Fluss-u.Seefischen Lieferungen fre< Haus. Telefon: Römer 541. ::: ' »Die Wahle» ergaben die Wiederwahl der Herren: N. Eschwege, Nath. Hamburger, Gabr. Plaut und Ios. Sänger sowie die Neuwahl der Herren: Rechtsanwalt Dr. Lindenbaum, Max Bender und KstrfJeidel. — Als Jugenddelegierte treten in die Verwaltung ein: Fritz Stern und »Ern st Lehmann? . Der Verein zählt z. Zt. 600 Mitglieder und fann wohl als größter Lernvercin Deutschlands bezeichnet werden. Kleine Notizen. * Am Sonntag, 25. Januar, abends 8Vt Uhr, findet Langestraße 18 (Mekor Ehajim-Berein) einElteruaussprache-Abend derEsragruppe statt, zu "dem auch Freunde der Esrä-Bestrebungen eingeladen sind. Am-21. Tewes jährte sich zum fünften Male der Tag, an dem Martin Feist, der Schöpfer der Agudas Jisroel-Jugendorganisation, den Tod fürs Vaterland starb. AuS ^diesem Anlaß fand in der Agudas Jisroel- Ju.ge.n.dgruppe eine Gedenkfeier statt, bei der Rechtsanwalt .Ho r o vi tz die Rede hielt. Frankturter Beranstaltunge«. M,ontesiore, Freitag, 8 Uhr: Geselliger Abend, Samstag, 11 Uhr: Schiur (Dr. May); Sonntag, 6Vs Uhr, Lokalbahnhof: nach Heusenstamm; Montag, 8 Uhr: Heimabend; Mittwoch, 8 Uhr, Geistige Strömungen bei den Ostjuden lstud. Wahrmann). — Tiferes Bachurim, 8Vs Uhr, Langestr. 33: Moderne Kunst (Fritz SchameS). — Mekor Chajim, Freitag nach Abendgottesdienst: Mikro (Emil Gottlieb), Sonntag, 6 Uhr: Jecheskel (Dr. Jos. Breuer). — Talmud-Thora-Berein, Freitag, Schluß des Abendgottesdienstes: Vortrag (Dr. Braun), Samstag, Schluß des Morgengottesdienstes: Dinim (Dr. Friebmann), 3V< Uhr: Raschi (Lipinsky), Sonntag, Schluß des Morgengottesdienstes: Mischnah (Dr. Friedmann), - vorm.. 0 Uhr: Schulchan Aruch (Lipinsky), Schluß des Abendgottesdienstes: Josuah (Unna), Montag, 6Vt Uhr: Mikro (Unna), Dienstag, 6 Uhr abends: Chauwaus Halwowauth (Dr. Braun), Mittwoch, Schluß des Morgengottesdienstes: Mischnah (Dr. Friedmann), Donnerstag abends 6Vi Uhr, Hermesweg 27: Gemorö (Unna). TELEFONi erfüll! - ALLE Ansprüche^Vö FRANKFURTER PRIVAT-TELEFON-GESELLSCHAFT^-i *• jr -.r.-JvtinnenS&ii FRANKFURT VM. fnnjpr flonja 6256/57 Semfulera. A l f r e d Ks i:te,. der bekannte. Bexliner^Kritiker> veröffentliche in der „Neuen Rundschau^ ein Feuilleton über. „Jerusalem": Seine Zeilen zeigen, welch' überwältigenden Eindruck Palästina selbst auf Juden' .macht, die ganz abseits der: jüdischen Interessensphäre stehen, — und Kerr gehört zu diesen Juden. Aus diesem Grunde sei nachstehend ein Teil des Feuilletons wiedergegeben: Gelobtes Land. Selige Gelände zwischen Jaffa und Jerusalem, wenn man das'Meer verlassen hat. Palmen. Ein süßester, stärkster Duft von Orangenblüten; alles, alles blüht weiß in frischem Grün. Frische der Orangengärten; fruchtbar, hold. O Palmen und Orangenblüten im April. Kanaan ist lieblicher als Aegypten, das gelbliche Lehmreich. Ich sah die Ebene Saron. Dahinter Bergketten, blauende des alten Schicksalslandes. Ja es ist hold; ich wußte nicht, daß es Saron war, und fand es hold. Dickstämmig-alter Olivenwald! Eine Meile lang, eine Meile breit. Räumige Kakteen; Berberseigen. Ein Oelwald — und steht wie auf Ackererde. Weiße/ gelbe Blumen, Feigenbäume, von saftstrahlender Frühlingsfrische leuchtend. . Ein "reiches Land; ein Weideland. Frühland, Frühlingsland! Ernstes Land und Schönheitslanb! Mit 'mancher weiß^ebauten Ortschaft. Mit Kuppeln, Brunnen, Gräbern, zerfallenen Toten. Nah/das blaue Mittelmeer — und die Berge Judas. Düfte, Reichtum — und steinige Wucht. Ernstes Land und Schönheitsland! Frühland! Frühlingsland! Judenland! * Ich sah bei Bethar die Bergfeste, wo Barkochba, der Skernensohn. genannt, Aufruhr trug wider das .Raubtier Rom. Simson und Barkochba stehen mir am Eingang des Ahnenlandes: Aufrecht-Verwegene; Nackengewaltige. Gleichnisbilder für das wundersam ungebeugteste Volk. Verbrannt, gemartert, erschlagen, geknechtet — dennoch untötbar. Juden. / '. * Zweitausend Jahre danach (dürfen sie, lange von Bestien umsperrtendlich über die Mauer klettern. Sie springen, aber, die Herrlichen, die Stehaufmänner, nicht schüchtern senkrecht hinab — sondern fliegen gleich vom Rand in die vorderste Reihe ... . * Ich habe die Klagemauer mit meiner Hand berührt. Mit meiner Stirn berührt. Quadern, hohe zeitzerfressen-gewaltige sind es. , ~ Me- Bäuerinnen sehen die ebräischen Frauen davor aus. Absonderlicher Klang erschüttert das Herz; ein Frauenweinen; tiefes Schluchzen. Sie kamen von weit. Erzalte Mänüer, gütig-bärtiger Schlag, Augenbrauen wie eine weiße Bürste./Manche Greise haben das, Haupt umhüllt mit €onditoFei und €afd Wilhelm Wendel Alt© G-asse •S“ Neu renoviert und vee^räasert. Feinste Torten und Deasert» Kaffee, Tee, Schokolade in.Tassen» Tüchern. Mäntel von rotem Samt. Manche stehen in violettsamtenem Sabbatmantel. Knaben mit rundem schwarzen Judenhut. Mauer der wehesten, über diesen Stern Erde schwel- X lenden Sehnsucht. Ich habe sie mit meiner Stirn berührt. - Literarische Rundschau. (Sine Peter Hebel-Anekdote. In seinem Volkskalender von 1860 erzählt Set» thold Auerbach, wie Peter Hebel nach zweijährigen theologischen Studien in Erlangen auf der Heimwanderung von dem Zollwächter in Seegringen als Jlhe angehalten wurde und fährt dann fort: Unwillkürlich rief Hebel nach dem ersten Schrecken: „Ich bin kein Jude". „So," rief der Zöllner, »Du leugnest noch? Warte, ich will Dir . . ." Und jetzt kam er heraus und .geradenwegs auf Hebel zu und wollte ihn packen, und der Hund war bereit, Beistand zu leisten. Da sagte Hebel mit einer Miene» in der sich Wehmut und' Schalkheit miteinander stritten: „Ich kann schon astein gehen und gehe mit Euch." Plötzlich war er des Scherzhaften und Lustigen inne geworden, das in seiner jetzigen Lage war, und er wollte es ganz auskosten. , „Muß doch auch einmal sehen, wie man als Jude in der Welt lebt," dachte er und da er die hebräische Sprächt gut verstand, sagte er: „Soll ich vielleicht Judenzoll bezahlen, weil ich hebräisch gelernt habe? Es ist mir schmeichelhaft, daß Ihr mich für einenso guten Hebräer haltet, als ob ich ein geborener Jude wäre,"'und mit einer, pfiffigen Miene setzte er hinzu: „Uebrigens bezahle ich nicht. Führt mich zum Richter." Lächelnd ließ sich Hebel durch - die Stadt transportieren und alles spottete ihn aus und die Kinder schrien hinter chm drein: „Hephep!" als ob sie's nach Noten in der Schule gelernt hätten. Hebel aber lächelte und lächelte immer, selbst noch da, als er vor dem unsäglich einfältigen Richter stand, der ihn sofort mit einer' Prügelsuppe bewirten und dann frei beherbergen wollte. Nun sing der Spaß doch an. über den Spaß hinaus zu gehen. Hebel legte seine Universitätszeugnisse und seinen Reisepaß vor. Der Richter stutzte, aber besiegt war er nicht; er wollte den Studenten bestrafen/ weil er sich, für einen ausgegeben, der er nicht war. Hebel wußte ihm indes den Meister zu zeigen, denn natürlich mußte der Zöllner vernommen werden; er selber hatte sich für nichts anderes ausgegeben, als er war. Der Richter aber ^wollte dem Zöllner nichts tun, eine Krähe hackt der andern kein Auge aus, und hier wäre es noch besonders schlimm gewesen, denn der Zöllner hatte nur ein Auge. Mitteldeutsche Credttbank Depositenkasse u. Wechselstube Haaauerlaadatraaaa I befasst sich mit allen, bankmässigen Geschäften t f;1 gewöhnlich tat, vor die Türe der Werkstätte auf die Gasse,, .-wobei seine Blicke vielleicht nur in zufälliger Gedankenlosigkeit, an den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses haften blieben! - Ein zweites Merkmal seiner rätselhaften Stimmung?iah sich darin kund, daß er heute mehr als gewöhnlich äng lund.oft in so rascher Aufeinanderfolge, daß die zwei Gesellen, die sich mit ihren Stimmen dem Meister an- - schlossen, diesen Wechsel in Melodie und Text gar nicht ertrugen und ihn oft mitten im Liede allein ließen. . Auf das tiesinnere, traurigschöne: - ,JD Straßburg, o Straßburg Du wunderschöne Stadt" .kam das lustig philosophische Handwerkslied: 'sist, mir alles eins, 'sist mir alles eins; Ob 5ch Geld Hab'vder keins. Ober er säng.'chas herrliche, aus voller Menschenbrust geschöpfte: _ . Gibt's henn goar kan Weg Gibt's denn goar kan Steg; Der mich stußi führtaus dieser Welt? N Und gleich darauf folgte das" schelmische Spitzbubenlied: „Ich und mein altes Weib Können schön tanzen! Sie nimmt den Bettelsack, » Ich nimm den, Ranzen." — Hätte der Doktor an diesem. Tage mehrmals seinen Fuß in die Werkstätte des Schlossers gesetzt — seine Verwunderung über den so reich hervorströmenden Gesangs des Meisters hätte kein Ziel gehabt. Und. doch staunte vorhin Emanuel, daß Trenderl überhaupt nur fang. , . Hätte aber des Doktors gesamte Wissenschaftin' den ■ Grund dieses singenden Gemütes blicken können, ohne etwas von dem Auge überallblinckender Allmacht zu besitzen? Hätte sie erraten können, waS des Schwssers Seele so stürmisch auf und nieder , wogen ließ, daß sie bald himmelan jauchzte,. bald wieder in Traurigkeit) unterging? In dem gegenüberliegenden Hause, nach dessen Fenstern sich die Augen Trenderls im Laufe des Tages nur zu oft richteten, dürfen wir uns gar nicht umsehen. Wir müßten erzählen, wie dort jeder gesungene Ton, der aus der Werkstätte herausdrang, tausend andere in einem Herzen nachts, dessen Geschichte eigentlich^ nur nebenher mit der unseres Schlossermeisters läuft. Die sorgsame Windel hielt übrigens' noch an demselben Tage, an dem sie jenes bedeutsame Gespräch mit dem Doktor gehabt hatte, ihr Versprechen; sie-spannte die ersten Fäden des Netzes aus, das zu..nichts Geringerem bestimmt war,-als eine ganze Werkstätte.mit allem, was sie . in sich birgt, voran aber denjenigen, »der sie in Bewegung setzt, einzufangen. Die. Leute in der Gasse wüßten nicht, warum Hirsch Blaser „das gescheit' Jüdel" wie er allgemein hieß, so eilig zu Minhel Brandeis gerufen ward. Galtes der Tochter? fragte mansich. Keine lebende-Seele - ahnte den -rechten Grund, selbst Emanuel wielleichtnicht, dem doch die Motive dieser eiligen Berufung klar sein.-mußten. Hirsch-'-Blaser kam nach einer Stunde wieder aus dem Hause, aber auf seinem Antlitze lag ein solch geheimnisvoller 'Ernst, daß er die Leute auf hundert Schritte äbmahnte,sich - ihm -zu nähern. Manches bedeutungsvolle Muken, wollte zwar den Grund dieser langen Unterredung erraten 'häben>. aber nur baä „gescheit' Jüdel" selbst wußte von den geheimen Instruktionen, die ihm auf die Seele gebunden worden, und keine andere wissen durfte. Warum' hieß er-auch-sonst das „gescheit' Jüdel"? Das G.esicht voll verschlagener Verschmitztheit läßt sich gar nicht schildern; mit dem Hirsch Blaser spät am Abend» , als die „Gasse" noch nicht menschenleer geworden war,- um die Werkstätte des Schlossers herumstrich. Erst -länge nachher, äß er bemerken konnte» daß.kein-.verräterisches Auge mehr sich an seine Schritte-heftete; gewann es das; gescheit' Jüdel übe» sich, allmählicht näher undnäh»»-^ukommen, bis er urplötzlich auf der Schwelle der Werkstätte stand. - Trenderl befand sich allein darick; die Gesellenhatten-, bereits Feierabend gemacht. Er, der Fleißige, hatte nockst*x immer tzu schaffen und sich abzumühen, besonders heutst,M^--^ dachte heute gar nicht daran, die Werkstätte zu verlassen» - sie war ihm mit einem Male so lieb geworden, er hätte. - nicht 7 den ganzen Tag über» die ganze Nacht, ja das gaiye Leben hindurch hätte er gerne darin geweilt. Trenderl fachte eben das Kohlenfeuer in der Esse an, als ihn der- - heisere Abendgruß Hirsch Blasers aus seinen, wahrscheinlich etwas wirren Gedanken anfweckte. Der Schlosser lud : das gescheit' Jüdel ein, näher zu kommen. Hirsch Blasee' ließ sich das nicht zweimal sagen. ' - „Was heißt?" ries er mit einem gewissen schlauen Lächeln, „was heißt, jetzt noch arbeiten? Am Atzend soll der Mensch ruhen und das Meh» und soll keines sich mehr abplagen und abreißen. Leider Gott's der Jüd kennt gar kein Maß; da drauf kann man sich verlassenmuß immer mehr tun aß jeder andere. Der Schlüssel» den Ihr da macht, oder das Schloß, die haben vielleicht nicht Zeit, die können nicht warten?" Der Meister fuhr ruhig in der Arbeit fort. »''- .*. »Der Schlüssel," sagte er lachend hierauf, »wder. dgs Schloß, die haben oft weniger Zeit und können zuweilen ' weniger warten, aß der Mensch selbst. Sich selbst braucht , der Mensch oft gar nicht, aber so einen Schlüssel braucht ' er; es sind Diebe in der Welt, und die habest lauge Finger. Das muß der Handwerker am besten wissen." . „Ganz falsch ist das nicht, was Du da sagst," meinte. Hirsch Blaser, „es ist sogar ein klein Körnchen Wahrheit. drin. - Frag, aber anders: Wer hat. denn den Juden .dazu bestellt» daß er die Schlüssel und die Schlösser macht?.--. Ist er Gottes Polizei und muß die. Diebe mit ihren langen Fingern abhalten?" „Soll ich leben! ein gut und gescheit Wort," lachte Trenderl auf. ' G-qchuug kdigh) , E? - - ____ .

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