Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 18 (1920)
- Issue
- Heft 1 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 1> DIE 4P TELEFON rfüllh- ALLE Ansprüche. FRANKFURTER PRIVAT-TELEFON-GESELLSCHAFT^b« i.a>.r-r>.;f<T4-::ic.-r5or;»' FRANKFURT A.M. Ferrspr rtonso 625fr/*? itze Tagesarbeit — sei es als Arbeiter ober alS Handwerker — beendet haben. Alte Bekannte, aus dem gleichen Ort,. aus der gleichen Parteiorganisation stammend, tressrn sich wieder.. Man liest die aufliegen-en hebräischen, jiddischen <und' deutschen Zeitungen, auch wenn sie nicht mehr ganz. frisch sind. Die beiden Schachbretter - bleiben bald keinen Augenblick mehr unbenutzt. Bon 7 Uhr ab gibt eS Tee und Brote mit Hering oder Marmelade, die freiwillige Hilfskräfte zubereiten. . Erfreulicherweise hat sich eine vorerst ausreichende Anzahl Damen und Herren aus den Vereinen, die das Volks heim gegründet haben, zur Verfügung gestellt; hoffentlich tun sie auch weiter so pünktlich (ihren Dienst wie in den ersten Wochen. Die Preise für den Tee, die Tasse zu 25 Pfg., und die. Brote, zu 20 Pfennig erscheinen vielleicht etwas hoch, hoch ist der Verein finanziell noch nicht so gut gestellt, daß er die'Tageseinnahmen ganz entbehren könnte. Gegen 8 Uhv ist es schon unheimlich voll im Heim, an die 60 Leute drängen sich.' Der Verwalter schasst sich durch Klatschen Mhör und kündigt den Beginn eines Vortrags im anderen Zimmer an, wo ein Helser oder eine Helferin in ungezwungener Weise ein Thema von allgemeinem Interesse bespricht; daran schließt sich eine freie Aussprache bis gegen 10 Uhr. Im Teerqum hat sich unterdessen ein Kreis hebräisch Sprechender zusammengefunden, eine andere Grichpe stimmt jiddische Lieder ^an, einige Blau-Weiße tragen ihre Lieder vor. Ein dritter Schwarm junger Leute umdrängt die Leiterin der Abteilung Flüchtlingshilfe des Volksheims, die zwar eigentlich nur pon 4—6 Sprechstunde hat, aber auch am Abend gerne Rat erteilt über Anmeldung und Ausweisung, über Arbeitsbeschaffung und Arbeitstreue. Bon dem lebhaften Treiben unberührt steht ein junger Mann in der Ecke mit dem ganzen Körper wie ein.Beter schaukelnd -und liest halblaut sich selber vor: Bialiks Gedichte. Trotz der Enge des Raumes fühlt sich alles hier wohl, das zeigt die große Zahl Stammgäste, die es schon gibt; auch bahnen sich bereits einige herzlichere Beziehungen zwischen Ost und West an. Kleine Rotireo. Infolge der Straßenbahnsperre mußte der Vortrag Dr. L Sch am es „Zur phys. Geographie Palästinas" in der. Zionistischen Vereinigung auf nächsten^,Donners- (tag verschoben werden. Dem Bericht über die Chanukkahfeier im Tifcres Bachürim ist noch die Rezitationskünstlerin Frl. S e l m a Pappenheimer, die starken Beifall errang, hinzuzufügen. ' I Mitteldeutsche Creditbank Depositenkässe u. Wechselstube Hanauer|jBd*<paiie I;■ befasst sich mit allen bankmässigen Geschäften Trenderl von Leopold Kompert. (Fortsetzung.) - * Seit jener Zeit blieb der Knabe verschollen. Nur oas eine chatte man gehört, daß ec bei einem tüchtigen Meister in der Residenzstadt in die Lehre gekommen war. Die Berichte des. Wiener Handwerkervereins über den Knaben lauteten höchst befriedigend. Spätere Nachrichten ließen ihn auf.einer großen Wanderung durch Deutschland und Frankreich begriffen sein; in der Gasse hatte man sich gewöhnt, mit Hirsch Blaser zu sagen: Trenderl Schlosser wird sich bis ans Ende der Welt - fortkollern; es dachte niemand, mehr an seine Rückkunft. Da kam er eines Tages. Mitten in" der Gasse schlug er seine Werkstätte auf, schon am achten Tage hämmerte und pochte es dort, und" sprühende Funken führen zur Esse heraus. ,v $ Geivaltig Unrecht würde man der wackeren Frau Mindel antun, wenn man annehmen wollte, daß ihr sonst ,nildes Gemüt von irgend einem Hasse gegen den Schlosser erfüllt war. Nicht einmal/daß sie sein Hämmern und Pochen um. den Schlaf brachte, Matte sie wesentlich g^gen ihn gereizt. Sie hatte nur eines gegen ihn, und das brachte sie nicht. aus dem Kopfe. - Sie wußte nämlich, daß Trenderl in einigen Tagen auf der neugebauten Synagoge einen Blitzableiter zu befestigen habe, und das war es, was sie gegen ihn und die ganze Welt so bitter machte. Jeder Schlag, der drüben in der Werkstätte erscholl, ging ihr wie eine Todesahnung durch die Seele; denn sie konnte sich nicht des Gedankens erwehren, baß es um des Schlossers Leben.gehe, wenn er einmal hoch oben auf dem Dache säße. „06 man darum," sagte sie oft, „das Kind von ,jenem' -armen Manne aufgezogen, es wandern und plagen haben lassen, damit es jetzt seinen Tod finde? Nicht erhört sei es, seitdem ein Judenkind auf der Welt ist, daß man sich so an feinem »igenen Volk, gleichsam an seinem i _ Reue Füdfsche Kresse/ Sie wir hören, soll die Abheilung für .Wohlsahrtsangelegenheiten, die. die' Jf.aeü Gemeinde^ ernchlet, Dr. Gromvacher - Scraßvürg umerstellt werden - Vom 22.-28. Januar wird hier eine Palästi naiv o ch e veranstaltet. Der Derei n „Tiferes Back uriin" wählte in seiner Generalversammlung für den eine Wiederwahl ablehnenden Wilhelm Roßen Referendar Adler zum Vorsitzenden Frankkurter Veranstaltungen. Jüd. Frauenvereinigung und Ag. Jisr.- Mädchengruppe, Hörfaal FrieLd. Anlage, Sonntag, 5'/- Uhr: Prophetenwort und Gesetzeslehre (Dr. Jos. Breuers, Mittwoch, 8(4 Uhr, für Damen und Herren: Entstehung der Volkswirtschaft (cand. rer. vol. Alice Ochs). — Me kor Chajim, Freitag, Schluß des Abendgottesöienstes: Mikro (Jos. Rosenbaum), Spnntag, 3 Uhr: Generalversammlung, 6 Uhr: Aus jüd. Geschichte (Schachnowitz). — Tiferes Bachürim, Sonntag, 8(4 Uhr, Langestr. 33: Judentum und Sozialismus (Leo Feuchtwanger). — Zion. Bereinigung, Dienstag, 3 Uhr: Wirtschaftssragen Palästinas (Dr. Sternberg), Donnerstag, 8 Uhr: Zur phys. Geographie Palästinas (Dr. Schames). — >Montesiore, Freitag, 8(4 Uhr: Geselliger Abend (Ansprache: Rabb. Dr. Horovitz), Sonntag, 8(4 Uhr, Lokalbahnhos: Wanderung nach Heusenstamm, Montag, 8 Uhr: Heimabend, Mittwoch, 8 Uhr: Geistige Be- ' strebungen des Judentums im 19. Jahrhundert (Rabb. Dr Dienemannl. — T alm ud-Thora-Ber-ein, Freitag, Schluß des Abendgottesdienstes: Vortrag, Samstag, Schluß des Worgengottesdienstcs: Dinim Mr..Friedmann), 3(4 Uhr: Raschi (Lipinsky), Sonntag, Schluß des Morgeuzottesdienstes: Mischnah (Dr. Friedmann), vorm.. 9 Uhr: Schulchan Aruch. (Lipinsky), Schluß des Abendgotiesdienstes: Jchuah (Unna), Dienstag, 6 Uhr abends: Chckuwaus Hulwowauth. (Dr. Braun), Mittwoch, Schluß des Morgengottesdienstes: Mischnah (Dr. Friedmann). Donnerstag, abends 6(4 Uhr, Hermeswes 27: Gemoro (Unna). . > Die Nelbstbesleueruns für den Jüd Katienallonds int die ftSinkömm*mteuer de», jüdischen Volkes. Der Wanderer. Ein Märchen von Elfriede Kurz. Wer kommt so hastig den steilen Berg hinan? Wer steigt schweißtriefend — tiefe Falten auf der gewölbten Stirne — den hohen, geraden Weg hinauf, die starren Augen auf ein Ziel gerichtet, — den ragenden, schneegekrönten Gipfel? Er schreitet durch saftige Wiesen. , Tausend feine Blümchen neigen^ ihre süßen Köpfchen ihm entgegen und flehen mit innig-lispelnder Blumensprache: „Verweile, verweile! Sieh! wie reizend wir uns schmückten! Laß uns Dich betäuben mit unserem benebelnden Duft. Verweile! Verweile! Ruh aus in unserem weichen, grünen Bette. Wasch Deine Augen mit unserem-belebenden Tau! Ruh Dich aus! Verweile!" . Er kommt in de» dunklen, harzentströmenden Wald. Ein schwacher, kühler Wind fächelt ihm um die Stirn. Condttorel und €afd Wilhelm Wendel X© o. ‘ «Nett renoviert und Ter:rössert. *W> Feinste Toi*ten und Desserts Kaffee, Tee, Schokolade in Tassen* Ein. frisches, holdseliges Vögelein schwirrt trillernd herab, ihm folgend: ,^8leib hier! Bleib hier! Ich werbe Dich berauschen mit hinreißenden Liedern; mein federweiches Köpfchen an, Deine Wange schmiegen; süße Elfen und neckische Kobolde werde ich bitten. Dir zu tanzen und heimliche Melodien zu singen, Melodien von Glück, benebelnder Freude und Glückseligkeit. Fühlst Du nichts, wie die dunklen Tannen wie klagend ihre kraftvollen Arme ausstrecken. Dich liebevoll zu halten, auf daß Du an ihrer Brust einen gesunden Schlaf tun sollst, so gesund, so frisch! Bleibe in meinem HauS!" „Du lieber. Keiner Vogel, laß Deine Worte. Siehst Du dort ferne, wo der schneeige Gipfel in den Himmel ragt, ist das Ziel meines Strebens. Ich darf eS nicht aus den Augen verlieren. Eilen muß ich, eS zu' erreichen, um dann für immer Ruhe zu haben!" „Törichter Wanderer bleib hier!" jubilierte der. Vogel noch, als er den Wald verließ. Er erklimmt steile Felsen und Höhen. Der Horizont über ihm wird weiter, größer, gewölbter. Das kahle Gestein wäre ein harter Ruheplatz, von dem aus er ferne den schwermütigen Wald die liebliche Wiese erblicken könnte,. die er so achtlos verlassen hat. Doch weiter, weiter eil? er. Ein eisiger Wind umfächelt seine glühenden Wangen: .^Kehre um, hier ist es. kahl und unwirtlich; je höher Du steigst, ' desto kahler, desto unwirtlicher wird es." „Laß mich hin, ich muß hinan!" lind er erreichte schnell sein Ziel. Sein ermatteter Fuß watete durch den hohen Schnee des Gipfels. Seine müden Augen blickten mit schwachem Schimmer hinan zu dem Karen, nunmehr weit gewölbten Himmel, immer wieder und wieder. Der kalte Wind sauste um sein Haupt: „Nun,'wie gefällt es Dir hier?" höhnte er. Immer noch starrte der Wanderer hinan zum blauen Gewölbe. Dann schweifte sein Blick dorthin, wo der Himmel die Erde säumt, immer noch in weite Fernen wan- ■ dernd. Doch mit einem Male krampften sich seine Hände ineinander, und mit sehnsuchtsvollem Blick wendete er sein Antlitz zurück. Er sieht den Weg hinab, den er erklomm. Da steht er noch, der träumende Wald mit seinen Märchen, .. ~ ’ . . G' -• Kaffee KaBsenigariei« - am Openiplate Erstklassiges Eamilten-Kaflfee Täglich von 4 Uhr ab r Künstler - Konzert« G eigenen Blute versündige. Gott werde aber auch ein Wort darein zu reden haben, der werde, wenn der Schlosser im besten Tun sei, einen Schwindel als bösen Geist schicken; die Hand werde glauben,' sie fasse etwas an, aber leere Lust werde es sein, und Trenderl könnte sich mit den Kabronim (Totengräbern) schon jetzt besprechen."- Als der Doktor am folgenden Tage nach jener Nacht in das Haus des reichen Schalem Brandeis kam, wo seine besten-Freunde in der Gasse wohnten, fand er das ganze Wesen der guten Frau in einem beunruhigend aufgeregten Zustande. Ihre Augen glänzten von einem übernächtigen Feuer, auch ihre Wangen waren fieberhaft gerötet. Auf die mit Besorgnis ausgesprochene Frage, ob sie sich nicht ganz gesund fühle, antwortete sie gereizt: „Ich Hab' eine ganze Schlosserei, im Kopf, und da soll ich mich gesund fühlen?" Emanuel kannte die Abneigung der reichen Frau gegen die Handwerker: lächelnd sagte er: „Wollen Sie -denn die armen Leute gar nichts verdienen lassen, Frau Windel?' Und wenn es etwas lärmender zugeht? Er hat davon sein Brot." „Ein anderer dürfte mir das nicht sagen," entgegnete sie böse. „Ich soll armen Leuten ihr Brot beneiden? Die Welt weiß vielleicht nicht, daß Schalem und Windel Brandeis in einem Tage mehr Almosen austeilen, als mancher andere in vier Wochen verdient?" ' „Auch wenn man sich über die Art beklagt, in der der Arme sein Brot verdient, kränkt mau ihn," sagte Emanuel ernst. ' Ergriffen von diesem Tone erwiderte die Frau: ..Mit einer solchen Rede richten Sie bei Mindel Brandeis nichts aus. Die Welt weiß; was sie von ihr zu halten hat, und Sie, Herr Doktor, auch. Mindel Brandeis ist kein bös' Weib, eher zu gut, denn wenn sie das nicht gewesen wäre, in seinem Leben wäre aus Trenderl kein Schlosser geworden." „Sondern ein armer Dorfgeher." fügte Emanuel mit einer gewissen Bitterkeit hinzu, „den hört man freilich nicht ySniuiernk" r: " ' „Aber einen Menschen zwingen, daß er auf ein hohes Dach hinaufsteigt, einen Menschen dazu .auslernen', daß er Gott versucht, einen Blitzableiter ihm in die Hand zu geben und sagen: Da . steig hinauf und probier's, ob dich Gott nicht tot hinunterwirft, — dazu muß man ein bös' Weib sein, wenn man es für eine Versündigung hält. Der Schwindel stürzt ihn hinunter, kaum daß er oben auf dem Dache ist!" „Und wenn er wieder mit gesunden Gliedern zurückkommt?" fiel ihr Emanuel ins Wort. „Er darf gar nicht hinauf," sagte sie kurz. „Wie Sie das anfangen werden," meinte Emanuel spöttisch, „einen Handwerker von der Ausübung seines Handwerkes abzuhalten? Er muß ja." ' „Er muß, er muß!" rief sie in heftiger Aufwallung, die dem Doktor gar wohl gefiel, „er muß Gott versuchen? Wo steht das geschrieben? Denken Sie nur au Ihre Mutter." „Ich stand einst auch auf einer solchen Höhe," sagte Emanuel erblassend . . . „und bin zurückgekommen, als mich meine Mutter rief," setzte er still, fast unvernehmbar hinzu. „Hab' ich also nicht recht?" rief Mindel, die den leisen Ausruf des Doktors, den sie zu jeder anderen Zeit verstanden hätte, überhörte, „und das sollt' Mindel Brandeis. der man nicht nachsagen kann, daß sie gerade von den schlechtesten eine ist, nicht zn' verhindern trachten? Wozu hätt' mir Gott meinen Reichtum gegeben, als Sünden zu verhüten und abzühalten, wo man sich versündigen kann? Er darf» gar nicht hinauf, und wenn es mich Hundertevon Gulden kosten sollt'." „Lachen Sie mich nur aus, Herr Doktor," fuhr Mindel dann mit zuversichtlichem Töne fort, „von Ihnen laß ich mich gerne auslachen, mehr als wenn andere mich rühmen und loben. Aber mit Gottes Hilfe. woKen wir Trenderl Schlosser schon bezwingen, kost' es was es wolle." „Sie wollten also wirklich?" rief Emanuel erstaunt. ,F2b ich will?" rief sie leidenschaftlich, „ob Mindel Brandeis will, daß ein Mensch nicht vom Dach herunterfällt? DaS sggsn Sie «ft. wemi ss - mir gelungen fein l