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Neue jüdische Presse · 1919-10-31 · Heft 42 (31.10.1919) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 42 (31.10.1919)
Date
1919-10-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Mr: M ' . . Neue JMsche K:esse. . > . Seite 8. Mitteldeutsche Kreditbank 1 Depositenkasse u. Wechselstube Hanauerlandstrasae I befasst sich mit allen bankmässigen Geschäften Bild: Ean sieht unzählig -viel Menschen, von denen man Häring nicht ahnte, daß -sie.-noch „zu -uns" gehören. Diesmal -unterließen von Diesen eine Anzahl ängstlicher Gemüter ihre Jahräsvisite beim lieben-Herrgott ans Furcht vor «ntlsemitische» Störungen. Die kleine Hx.rbstparade dagegen, die acht Tage Laubhütte und Palmenzweig zeigt, war nicht durch .solche Bedenken eingeschränkt, -.im Gegenteil: sie offenbarte eine erfreulicke Vermehrung jüdischen-Lebens in der alten Garde. Das bewies besonders der letzte dieser Tage, der die Thora.feiert. Ucbcrall, wo man sich in unserem Kranksnrt nvck freudig zu unserer Thora bekennt, war ein festliches Treiben. Zum ersteir Male entwickelte sich auchin der Börneplatz-Synagoge am Bornbend des Feste» der Prunk eines Thoraumziiges, wie er schon seit Jahren in der Synagoge der Religronsgescllschast üblich ist. Vorteilhaft fehlte aber -am Börneplatz die gemessene, vornehme Förmlichkeit der I-riedbergec Anlage, und jo trat auch die Jugend in Atrion. Alle Schnlknaben wurden in drei Etappen zur Thora gerufen, eine Episode der Perair-- staltiutg von tiefer Wirkung auf jeden Anwesenden. Hoffentlich sehen wir im nässten Jahre die Jugend auch als Beschluß des Thoraumziiges mit wehenden ülauweißen Fahnen. ' Doch in, Kreise der Religionsgesellschaft wie in dem der Börneplatz-Synagogc war die Thvrasreude eine echte und verdiente. Denn seit vielen Jahrzehnten ist in Franksuri nickt so viel Thorastiidiuiu getrieben worden. 'Und daran trägt nicht nur die Vermehrung der Ostjuden -ihren Teil es wird-auch unter den traditionstreuen Westjuden wieder „gelernt". Jüdische Theatervorstellungen. Eine jüdische Theatcrgruppe -aus Warschau gab hier mehrere Gastspiele. Wir wohnten der Abschiedsvorstellung in dem großen Saale des Volksbildungsheims, der dicht besetzt war, bei und lernten -ein Ensemble von starker, lünstleriscker Begabung sennen. Zu diesem Genuß gesellte lich noch der Einblick .in -das ostjüdische Leben, den die beiten von gutjüdischem Humor - getragene». Einakter und die jüdischen Volkslieder gewährten. Ans dem VereiuSlebeu. Das Stiftungsfest des Jüdischen Turnv e r-e i n s nahm ' einen glänzenden Verlauf und gestaltete fich zu einem gesellschaftlichen Ereignis. Der große SaalheS Vollsbilüungsheims bot ein farbenfrohes Bild, vollwertige künstlerische Kräfte brachten ein .an Abwechslungen reiches Programm zur Ausführung, und sodann wurde von der Jugend dem Tanz gehuldigt. Die Bereinigung j.üd. Schüler höherer L e b ra n st a l t e n hat nach mehrjähriger geistiger -Arbeit es unternommen, mit einem Bunten Abend größeren Jf ' Kaffee Bnhland S . KaiBerstrasae 56 KaiserstraBBe 56 Täglich erstklassige 'HT Duterhaltangsmoslk lStils :in Sie Desfentlichkeit zu treten. Das überaus reiche Programm, das -neben künstler. Kräften auch von solchen aus den Reihew der Mitglieder verschönert wurde, befriedigte Gäste wie Veranstalter. Ein humorvoller Einakter, Tombola und Tanz bild.ten einen würdigen Abschluß des Abends. W. F. , Die Agudas Iisr oel-Inge ndgr upPe versendet ihren Winter lehr plan, der neben den alten bewährten Schiurim. eine. Reihe von Neuerungen «ufweißt. Insbesondere will sich die Gruppe im kommenden Winter der Pflege -der Geselligkeit in ganz besonderem -Maße widmen. Bei den Herren dienen hierzu die Freitagsabende, die von dem Mekor Chafim-Berein übernommen wurden, sowie Sie am Mittwoch Abend stattfindenden Heimabende. Bei den Damen finden an den Samstag Abenden Heimabende statt. Auch die allwöchentlich stattfindenden Ausspracheabende über aktuelle Fragen find eine neue Einrichtung. Größere Boyträge werden künftighin — mit Ausnahme des bereits angeinnoigten Vortrags Rabb. ,Dr. Cohn1 und Dw Carlebach — nicht mehi stattfinden. Dieses Arbeitsgebiet wurde restlos an die Ortsgruppe abgetreten. Theo «Tolia£ Konfitüren und Schokolade 'Steinweg 12 Steinweg 12 Kleine Notizen. In einer von der Deutschen Demokratischen Partei einberufen en Versammlung sprach der hessische Kultusminister Prof. Strecker gegen den Antisemitismus. Man könne ein Volkstum wie das jüdische nicht einfach mit Schlagworten abiun. Nur innerhalb der Lösung des gesamten Natiorralitätsproblems lasse sich auch die Judensrage lösen. Hinter der gegenwärtig in Deutschland so stark betriebenen antisemitischen Propaganda stehe die Reaktion, die ihre Verschuldung an Deutschlands Not auf die Juden abwälzen will. - Personalien. : Geh. Justizrat Dr. Berthold Geiger, Vorsitzender dcr Anwaltskammer, Ehrenvorsitzender des Anwaltsvereins und des Notarvereins, Schriftführer des Vereins der Fortschrittspartei,. langjähriger Stadtverordneter, Provinzial- und KorrrnrunallandtagsmitgliÄ», ist — 72 Jahre alt'— verschieden^ Das Radbrnat der Gemeindesynagoge Börneplatz verlieh an L eo Ha m bürg er die Chowarwürde. Frankfurter -BrranstaUnugen. Tiseres Bachurim, Langestr. 33, Sonntag, 8*/» Uhr: Aufgaben der gesetzestrenen Jugend sErich Fromm). -— Talmud - T h ora-Berein, Freitag, Schluß des Abendgottesdienst:' Vortrag jS. Posen); Samstag, Schluß des Morgengottesdienst: Dinirn (Dr. Fricdmann), 3Vi Uhr: Rascki (Lipinsky); Sonntag, Schluß .des Morgengottesdienst: Mischnah fDr. Friedmann), vorm. 9 Uhr: Schulchan Aruch jLipinsky); Schluß des Abendgottesdienst: Josuah (Unna); Dienstag, 6r/» Uhr abends: Ehauwaus Halwonauth (Dr. Braun); Mittwoch, Schluß des Morgengottesdienstes: Mischnah (Dr. Friedmann); .Donnerstag, abends 7y» Uhr, Hermeswcg 27: Gemoro -JUnna). — Mekor Chajim, Freitag, Schluß des Abendgottesdienst: Mikro (I. Sänger); Sonntag, 6 Uhr: Ans der jüd. 'Geschichte jSchachnowitz). 8cbi!dennalereiu.Weissbinderarbertea Philipp Trauner Textorstrasse «8. Telephon Römer 5778. ■f. Im Garte«. Junge Juden graben im Garten. Marcheschwan im Galuth Natur nimmt ihren Farbenkasten und pinselt Dinge in verwischte trübliche Kleckse: gelb, dunkelbraun, rostfarben. Tiesdunkle Tinten zerrinnen über Erde und spärlichen Wuchs. Sonntrunkene Tage verdunstet Zersetztes, zerknittertes Laub liebkost den Boden Wind , tanzt durch kahle Aeste und spittv seine Akkorde über aufgebrochenes Land GraS rollt seinen Festteppich zusammen und kriecht in Erde zurück. Ein übermütiger Sonnenstrahl, der verfolgenden, schiesergrauen Wolke entflohen, er spring über Hagebuttensträucher, küßt erregt — bleich: Tomaten und taucht unterm Gestrüpp behaglich träumenden Kürbis in spärliches Glimmern Aus umbrochener Erde steigt ein flirrendes Klingen, dar Welle auf Welle, wie Geigenton auf Geigenton. mählich tönend verfliegt. Tausend müde, sterbeiäe Wunderringrum.. Junge Juden graben im Garten Scholle kollert zu Scholle Schwatzen einander zu und zerstäuben in die Lust, was geheimnisvoll fie hü- , teten, und fie fiedeln dies Lied: Menschen kehren zürück, durch Jahrtausende fremd, kehren zurück; zu uns, zur Mutter, zur Erde, zur Kraft. Singen: jeder Spatenstisch ... eine Sehnsucht; jeder Spatemstich .... werdende Erfüllung. Singen: jede Schn- - sucht .... Werkheiligkeit und Freude; jede zeugende Erfüllung .... ein stammelndes, wortloses, endloses' Beten- — Grabet'. Grabet! Umbrechet das Land! Erdruhe! Bis Chamischa asar gebändigte Triebe neuzeugend quellend Hervorbrechen und in leuchtensten Farbenbüscheln voll reflektierender Reinheit ekstatitzhe Frohhest und Göttlichkeit in die West laut rufen. Dann: tausend blühende Wunder ringsum Grabet! Grabet Chamischa asar, eurem Boden undeurem Volke! Junge Juden graben im Gatten .... (Walther Sundheimer> 1 I Literarische Ruudschaa. Arnold Zweigs ..Die Sendung SrmaelS" Arnold Zweig hatte seinem Drama für die Bühne den . Titel „Der R;tua!mvrd in Ungarn" gegeben; die Wünsche-' der Thearcrdirekt rcn rnben ihn jedocy vcranlatzt. jetzt wieder zu dem ursprünglichen Tuet ,.Die. Sendung Semaels" -zu» rückzugreifen. In Wien fand am sI8 Oktober an der Neue» „ Wiener Bühne die erste Aufführung statt, und nun istdas' . Stück auch im Frankfurter schauspcelhause über die Bretter, gegangen. ■ Das Letzte. -Sine D orfgesch ich t e " (Fortsetzung.) Äeujamin versuchte es mit N>-benbcschäfiigunge» und arbeitete Tag und Nacht, um sich etwas abzusparen und so - seinen Wunsch in Erfüllung zu bringen. Aber was kann einer, der nicht hartherzig ist. Großes ersparen? Fährt ein heruntergekommener vornehmer Sprößling durch, so muß inan ihn beschenken; einen Stammesbruder, der nach dem Dorfe kommt, muß man gastlich aumehmen. Und überhaupt, geht einer in dieser Welt nicht auf Betrug ans, so /bringt er es nicht zu Reichtümern. Also blieb 'er weiter aul -dem Lande wohnen. Traf es -sich aber, daß Benjamin >n die -Stadi kam, womöglich »inen Sabbat dablieb, die Juden am Rüsttage aus dem Badehause eilen öder eine ganze Schar das Bettaus verlassen sah. Io stellte er sich imm« -von neuem die Frage: Wird mir denn nie vergönnt sein, rin Leben wie die andern zu führen? Werde ich wenigstens nicht sterben unter dem fremden Volke? And wiewohl Benjamin ein frommer Mann.war, regte sich i» ihm der, Neid, rmd er konnte aus- . rufen: Herr der Welt! Du läßt in der Stadt Talna vr«-- -Hundert Juden »wohnen, und für-jedermann ist hier Platz; warum mußte-« "gerade mein -Schicksal sein. in-einem Dorfe : -Mine Tage zuzUvringen, warum müßte ich, Benjamin, der '.seich der Hi« nicht bleiben durfte und in Verbannung ge-; 'schickt Mucke? ' Allmählich wurde das Dorf für Vcnjamm zu einem ' - Gefängnis. -Und nun wurdet« mit sachten fünfzig Jahre; alt und -weilte mach immer in der Fremde, 'sern von den j Seinen: . .-r Ein -Vierziger, der «wartet noch etwas von i d« Zukunft; er steigt .noch sozusagen den Berg hinan, er: hat eben den Gipfel erreicht; wird man aber sünszig Jghre- . -alt, so Mmmt man den -Berg langsam herunter. Da .begab es sich mit einem Male, daß die Frau Benjamins sich verkühlte und krank wurde. Still, wie sie war, -machte fie rnichtiviel ^FedttlesenS und fwrb!kurz, nachdem sie : .sich hingestgt hatte. Benjamin-blieb , gar -kewe Lest Lbrch.! 'daS all«' gehörig durchzudenken. Erst als er 'dir Selche i c noch der Stadt üb«ge!ührk. sie' begraben hatte und danach allein heinigekehrt war, sing er an, die Leere des Haus« zu empfinden, und begriff, waL er verloren hatte. Und die Gedanken wandten sich unmrrkkich der zu, die dahingegangen war So viele Jahre hatten fie zusammen gelebt und gearbeitet und die Sorge um das tägliche Brot getragen. "Sie war nicht wie er von dem Verlangen eriüllt gewesen, nach der Stadt zu über fiedeln, .und deshalb hatte er mit idr nie darüber gesprochen; sie hätte ihn ja auch nicht verstanden- Mann und Weib gehen bei Juden dreißig Jahre nebeneinander und wechseln nicht viel Worte miteinander. Man hat nicht viel Zeit und ist nie dazu recht aufgelegt, mit einer Frauensperson ein Gespräch anzufangc.n. Stirbt aber einer, so melkt eist der andere, daß ihm ein Stück Leben abhanden gekommen ist. Benjam':-. war nrcht einer von denen, die sogleich nach den drerßl» vorgeschriebtncn Trauerrägen an eiue neue Ehe denken. Ihm war es. als hätte man seinen Leib in zwei Stücke zersägt; was auf dem Frredhof zu Talna lag, war der eme Teil. Und nun entbehrte er doppelt schwer den Unigang mit sein«gleichen. Das Lebey im Dorfe wurde noch drückender, noch unerträglicher. Er konnte es sich nicht mehr vornellen. wie er «s jetzt hier allein ans'haiten würde. Sollte er aber in die Stadl ziehen? Dazu sehlle « an dem nöngen Geide. Wie Benjamin so sann und überlegte, siel sein Blick aus die Kleidertcuhe seiner Frau. Ja, er muß sehen, was die Verstorbene hint«laffen hat.- Er öffnete den Kasten und förderte Bettziechen, Hemden, Hauben, Kovsiücher zu Tage- Was liegt nicht all für Kram in der Truhe einer Frau, waS sammelt sich nicht in einer jahrelangen Wirtschaft? Und da stieß Benjamin mir den Fingern auf ein Bündel, und wie et es heben wollte, meiste er, daß es schwer war. Der Gel anke durchblitzte ihn: Das muß em Sparstrumpf sein! Er öffnete den Beutel und schüttete den Inhalt auf den Tisch. Und « fielen h«aus Gold- und Silberstücke, und ein Haufen Geld lag vor dem «staunten Manne. Er sah es sich näher an, bettachtete einzelne Münzen; « war - wirklich« -Geid, was -er, vor fich hatte, und das. hatte seine Frau all die Jahre gesfiart und gesammest und -Groschen zu Groschen getan.^ Wie hat sie das all«' zusammengebraHr? Eine Weile vcrd-oß « ihn sogar, daß fie so versahren -war, ohne ihm je davon «was verraten zu haben. Aber balle sagte « sich, daß das Geld zu etwas nütze sein könne. Füst dies« Geld konnte er doch nach der Stadt überfiedeln und - all seinem Leiden ein Ende machen. Wer weiß, ob'Gott nicht deswegen allein d« Frau den Gedanken emgegebenhat zu svaren? Und Benjamin scharrte die Goldstücke zusammen^ tat sie zurück in das Säckchen und band es fest zu. Erliest^ es noch eine Weile auf dem Tische liegen. Dies« Beutet, barg seine Erlösung. - v \s - Ein Stein wälzte sich vom Herzen Benjarwns? Ec- - zieht sofort in die Sladt. morgen mir Tagesanbruch verläßt,.: er das Dorf. Er sah sich schon rrüh das Tauchbad nehmen . und mit der ersten Gläudigenschar das Gebet verrichten.: Danach ging er in die fromme Klause und versuchte Wiedenein Buch der Lehre auszuschlagen. Und da saß in ein«; Ecke ein alter Mann und sprach von Zucht und Sitte.'Hi«,, im Dörse, schien immer nur ein und daslrlb.e Geschlecht zw , leben, es gab gar kerne Veränderung. Da aber .härter- «' den einen von Wunderrabbis, den andern von gottesgelahrtnr. ' Männern erzählen. Er durchlebte wird« vergangene Zellen^ : machte Verfolgungen und Befreiungen durch. Die Gesamtheit Israel hüllte ihn von allen Seiten ein; « sühste. fich. sowohl, so geborgen! - .; In einem andern Dorfe, das von dem Orte, in &emÖ§i Benjamin wohnte, nicht weit entfernt war, lebre rin and««^- H Jude, der fich Jechiet benannte. Das war ein Mann, deffnr' Wesen das gerade Gegenteil von dem Benjamins ausmachte, Jechiet war ein Landmann mir allen Amern seiner- Seel«./rM Er liebte das Dorf, liebte den Teich ^liebte die Feld«. unW^<-ß liebte seine Tiere. Er halte einen Garten und vebaute ihi&fs§l selbst. Jede Woche ging er an den Teich und fing Fisch«' ° Seine Frau gab sich mit dem Bieh ab, molk die Kühe unb bereitete Butter und Käse, was zusammen mit den Fischen, den Gurken und Kattoffeln aus dem eigenen Garte» jeden Donn«stag nach der Sradt gebracht wurde. - (SMußf folgt.) '- .

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