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Neue jüdische Presse · 1919-10-08 · Heft 40 (8.10.1919) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 40 (8.10.1919)
Date
1919-10-08
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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*^35MS5S5355E5SaBE5 mssBi Sette 4.: ,!r* \ Hxue JüdiMe. P^csse. R; bSg: Arbadla’tt Knniiilerspiele /' . ^' nbd '' . ° Arbadia-Dlele ■' ->- .Eaiserstrasse 69. Telefon : Hansa 5516. Pie ersten KAestlerspiele aim Platze. ,*■- Zerfall der ähoratreuen Judeicheit verhütet und ihr neue "' Lebenskraft zugeführt weckeir, —darüber bedarf es keiner . Worte. Und Rosenheim bat sehr recht, wenn er ragt: „Uwfere Jugend sieht sich einer machtvoll entfalteten, in gttmcktiger Bewegung begriffenen Kultur gegenüber, die ollem Wldischen interesselos oder feindlich begegnet und die haar in sie hineingesprengten Gäste aus Asien besten . Falles ignoriert. Es ist ja der gefährlichste psycho- . logische Irrtum, zu glauben, daß die Erziehung..Sache des einzelnen Vaters sei, daß sie überhaupt durch den Einzelnen unter zweckbewußter Anwendung indivieller Mittel stattfinde — nicht wir erziehen unsere Kick«, sie checken erzogen von der Atmosphäre, in . der sie leben/ von der geistigen Lust, die sie atmen, und kein Vater und keine Mutter .vermag gegen diese Miterzieher aufzukommen, die auf tausend geheimen Wegen an der Seele unserer Kinder gestalterü> und formend . schaffen. Unsere Kinder nun stehen m der Atmosphäre, die sie umgibt, täglich vor der Gefahr, ihre jüdische Aufgabe als etwas künstlich Ersonnenes, Unnatürliches, als einen guten Einfall anzusehen, den einige Sonderlinge, der großen Welt zum Trotze, durchzusetzen sich vorgenommen haben. Wtt müssen chnen dicher den Zusammenhang wiedergebcn mit Kttrll Jisroel, nicht nur den geistigen Zusammenhang mit der Bergangeilheit, sondern auch den mtt der gegenwärtigen jüdischen Masse, müssen sie hineinstellen in eine Organisation, die auf dem Wurzelbvden der^Tauroh die ganze Fülle aller lebenden jüdischen «Seelen wie Geschwister nebeneinander und füreinander wachsen und gedeihen läßt/- - ' Die entscheidende Frage ist nun die, auf welcher Grund- ' läge sich der Zusammenschluß vollziehen soll. Hierüber-gißt - es, wie schon des öfteren ^in diesen Blättern ausgeführt, „zwei Meinungen. .Zunächst die Meinung Jacob Rosenheims, des Führers der Agubas Jisroel und seiner Anhänger, die als. Aufbau ' des Zusammenschlusses einen jüdischen Bolksorganrsmus fockern, dessen Glieder nichts weiter als 'Organe der Thora sind. SOiefe Bedingung als Grundlage und nicht als »Ziel errichtet eine Scheidung ' zwischen allen denen, die thoratreu find und denen, die es nicht mehr sind nick überläßt die.letzteren ihrem - '-Schicksale Es ist unerfindlich, wie ans diese Weise all' Gdmen gegenüber, die ihr Leben nicht mehr der Thara . unterstellen, die Berantwortlichkeitspslicht getätigt werden soll. Deshalb können wir nicht — so gern wir es möchten - — mtt Rosenheim übereinsfimmen, daß, „wenn nicht Agudas Jisroel als der einzige und ein« - heitliche Boden für alle wahrhaft jüdischen Bestrebungen anerkannt wird, die herr- - scheudv Zerissenheit nicht zu überwinden. ist".DLnnnichtdie Agudas Jisvock».sondern der Misrachi ist die Organisätton, * w elche — Hie Thoranation als zu erstrebendes Zick urck nicht als- Ausgangspunkt nehmend, da düse Voraussetzung.als reales Faktum heute nicht vvrbanden ist und erst geschaffen werden muß — dem bewußten Zusammenhang jnnt dem Klall, mit der jüdischen Gesamtheit, gerecht wird. Die WeltbScher. Eine jüdische Schiriftcnfolgc. Kerausgegeben vom Welt- Verlag, Berlin. Icker Band geheftet 6.-— Mk., gcb. 3 — Mk. Icker DoPpelband geheftet g.— Mk. geb. 4.50 Mk ' . 1. und 2. Moses Mendelssohn: Jerusalem oder Aber religiöse Macht und Judentum. 128 Seiten. 3. Manasse den Israel: Rettung der Juden. Aus dem Englischen übersetzt von Moses Mendelssohn (Berlin 1782). 64 Seiten. 4. unb 5. Samson Ra.ph ael Hirsch: Neunzehn Briefe über Judentum. 128 Seiten. 6. Fritz Mordechai Kaufmann: Vier Essais über ostjüdische Dichtung und Kultur. 64 .Seiten. Man kann von den Weltbüchern nur sagen, daß fix hervorragend schön Ln der Ausstattung (und mäßig im Preise sind. Reue Bücher. Wie fördern wir den relig. Sinn der jüd. Jugend? Ein (Morttag von Dr. Gustav Löffler. 32 Seiten. 30 Pfg. Vor dem Wandersturm. Von svr. Nathan Birnbaum. 32 Seiten. Frankfurt a. M., L. Sänger. Der Prager Golem. Nach einer alten Handschxift bearbeitet von Chajim Bloch. 152 Seiten. Gegen Einsendung von Kr. 13.50 von Dr. Blöchs Wochenschrift. Men ll, Pratcrstraße 8 zu beziehen. «leine Mitteilunge». Ucker „Den neuen Staat" läßt sick> Walther Rathenau in einer seiner letzten Schriften (bei S. Fischer, Berlin, erschienen) vernehmen. In klugen und klaren, überzeugten und eindrucksvollen Worten legt er 'seine Erkenntnisse dar über die Notwendigkeit eines grundlegend neuen Staatsaufbaues für das deutsche Volk, über das System und die Orgavisativnsform des neuen Staates, über die beschämend scksche Einstellung der vergangenen Epoche uck die notwendige, erstrebenswerte der.Zukunft zum Staat. Von der unnachsichtlichen ehrlich bekennerischen Krittk an deutschen Vorurteilen uud als Vorzüge gedeuteten Untugenden, von der Feststellung der inneren Schwächen und Fehler des alten Staates schreitet Rathenau zur Aufstellung der neuen, wuchtig erhobenen Forderungen, die er, hell sehend und unbestechlichen Sinnes urteilend, .als von der Gegenwart für den Weg zu einer wahrhaft neuen, empvrfiihrenden Zukunft bedingt erkennt. So ist' für ihn Oh«e Selbftbesteuervug. keine großzügige Kolonisation. Der Mnfikanl. Von Lorenz Schvrlag. (Schluß.) llnd jeden Tag fanden jetzt bei Herschko Spielübungen statt. Die neuesten Tänze wurden einstudiert. Und . Herschko war glücklich, endliche wicker seinem Kunstsinn reichlich .Genüge zu'tun. ... Es war fünf Tage vor der Hochzett. Ein trübes .kaltes Herbstwetter. Ein Gemenge, halb Regen, halb «Schnee, durchwirbckte die Luft, .und über dem Himmel waren, dunlle Wolken gebreitet, gleich schmutzigen grauen Tücher». Ester war in die Stadt gegangen, um für die . Srau Postmeisterin einen neuen Dienstboten zu beschaffen. AE sie spät abends heimkam, legte sie sich ohne viel Redens ins Bett und begann zu fiebern. Herschko erschrak und lief um einen Arzt. Dieser verschick mehrere Arzneien, erklärte' Herschko deren Anwendung und ging damr fort, ohne Bezahlung anzunchmen. Es sei wahrscheinlich eine Influenza, meinte der.Arzt, dock» ließe sich heute noch'keine bestimmte Diagnose stellen. Am andern Tage kam er wieder. Als er fortging, fragte ihn Herschko schüchtern nach dem Zustand der Kranlen. „Es ist eine böse Lungenentzündung" — sagte der Arzt, schüttelte sein Happt und ließ Herschko mit seiner Bezweiflung.allein. Die ersparten paar Kronen mußten nun für Arzneien . herhallen. Und Herschko sah vcrzweitzlt in die Zukunft. Er ging, einige Famllien im Städtchen Gesuchen, um sich zu erkundigen, ob nicht irgendwo ein .Dienstwechsel erftrckerlich wäre. Es. gab nichts. Aber die Frau des - Sageverwatters, die von der Erkrankung Esters gehört/ . hatte, drückte Herschko einige Kronen in die-Hand, als Vorschuß. sür spätere Vermittlungen. Sie war eine gute miüeidige Frau . . . Nachher eflte Herschh» in das Kasino, Mo cheUte die Musikanten Probe spielen solüen - Erst spät abends kam .er heim. Als er nun an bas . Bett seines Weibes trat, um' es zu begrüben, sah ihn -Ester starr an, dann .wendete sie -sich ab, ohne ein Wort . zu reden. Ihr Anttitz war gerötet, ihre Auge« funkelten und.Harrten in die Leere. Recha saß in ihrem Veit und weinte. Hersckiko fragte nichts, sondern fies, den Arzt Holen. Dieser schüttelte ^nieder bas Haupt und meinte, äs stunde eine Krisis bckor, die mtt sich ckenso eine , völlige ' .-Genesung, wie aüch das Gegenteil bringen könnte. Man ' uttWe Fben diese Zett gckuldig ahwarten. Am anderen Tag, früh morgens, eilte Herschko wicker zur Probe. Als er dann heimkam, setzte er sich saus Bett seiner Frau. Es war ähr etwas besser. Sie erkundigte sich nach einzelnen Dingen und freute sich, daß endlich einmal ein größerer Verdienst bevorstand. Dann schwieg sie. Es war eine Weile ganz füll im Rmun. nur das müde Ticken der Wanduhr pochte unheimlich in dieser Stille. Da ergriff Ester Herschkos Hand und bat ihn leise, ihr etwas vorznspielen. Er nahm die Geige und spielte. Es war dunkel io der Stube. Herschko spielte mit geschlossenen Augen, und die Töne der Geige durchzogen, sacht den Raum, halb wie ein Wiegenlick, halb wie ein Gebet. Am nächsten Morgen war das Fieber gestiegen. Ester sprach wirres Zeug und erkannte keinen der Anwesenden, selbst Herschko nicht. Er nahm' Kicker die Geige zur Hand und spielte, ganz leise. Sie lag anfangs regungslos dg. mm sah «sie die Geige an, ihre Augen weiteten sich; es schien, als bb sie ihre Gedanken anstrengte. Dann fiel ihr Blick auf.Herschb>. Er bebte am ganzen Körper und spielte jmmersort. Er spielte das Lied, das Ester stets so gerne hörte Ihr Blick war .noch immer -auf ihn gerichtet. Er meinte, ihre Besinnung käme nun zurück, und loartete aus ein Wort von ihr. Er neigte' sich jetzt ttefec über sie mit seiner schluchzecken Geige und sah ihr in die funkelnden Augen, als wollte er mtt seinem bangenden Blick sich in ihrem Gedächtnisse wachrufen. Aber sie schwieg, dann wendete ft; sicb ab und schloß müde die Augen. Und Herschko rannen die tränen Wer die Wangen . . . Er saß bis spät abends an Esters Bett. Sie schic» jetzt zu schlafen. Er drehte soen Docht der Lampe ein und sah in Das Dunkel, bas Aber de:: Raum gebreitet lag. Und langsam kam die Erinnerung, nahm ihn sacht umsangen und führte ihn jns Traumland hinüber . . Er sah Kicker die Tage seiner Jugend, jene schönen Tage, da er nock Eltern l-atte. Sein Vater war Kantor in einer ungarischen Stadt. Ein hübscher, hoher Mann, mtt langem, grauem Mart. Er lsatte eine so schöne, liebe Stimme, daß es Herschko stets recht wohl tat, wenn er seinen Vater singen hörte. Herschkos Mutter war eine lleine, liebe Frau, die in ihren traurig-lächclnden Augen die Güte Ihres guten Herzens tzur Schau ttug. Es ging seinen Eltern gut. Er war iljrr einziges Kind, und sie scheuten weder Mühe noch Kosten sür seine Erziehung. Da Herschko schon als Kind große Vorliebe zu Musik verriet, ließ matt, ihn Geige lernen; anßeckem sang er an. allen Festtagen im Tempel mit. Da er 20 Jahre m 31c. 40 Sr Kaffee RnAiland TS Eaiserstrasse 56 Täglich erstklassige Eaiserstrasse 56 Unterhaltugsmulk der zu schaffende Staat —in Entscheidendem verschicken von allen seitherigen Staatsformen und darum zu seinem' Aufbau mäck tipe schöpferische Energie erfordernd — nach einem „dynamischen" (statt nach dem früheren und heutigere „staatischen" Gesetzes! anfzurichten; so scheint ihm die westliche, „formale" Demokratte in Deutschland in eine organischere, lckenserfülltere, entfaltungsreichere „wirtschaftliche" Demokratie umgeformt werden zu müssen. Doch: es ist rmr die allgemeine Richtung uck .Tendenz, die Rathenau Zu besttmmen vermag: offen sichtbare Wege zur prattischen Verwirklichung der in der Idee bereis erkannten und pro» llamierten Notwendigkeiten hat er noch üicht gefunden und uns ausgezeigt. Wir hoffen, daß er dieses Versäumnis in späteren Werken, doch nicht in allzu spät« Zeit nachk/oken und llare gerade Bahnen zur Tat entdecken wird. -Der Wert der obigen Schrift liegt vor allem darin, baß sie den Wunsch zu erkennen And neuzuschaffende .nicht wenig anrcgt. ° —z. Talmudische Weisheit. Won Samuel Kristeller. Wohnt das Glück in deinem Hause, Kommen Freunde gern zum Schmause. — Ist das Unglück eingezogen. Sind die Freunde schnell verflogen. Traktat Sabbat 32. Hat Einer je schon Sündentat begangen, . Um durch die Tat zu Armut zu gelangen? — So ist's ein Vorzug, der die Armut ziert, Daß nicht, wie Reichtum, sie das Herz verführt. Talmüdisch. Geringe Kost, und schmaler Bissen Und -reines Herz im sttllen Haus Ist besser all -ein bös' Gewissen Im Prunkgemach bei leck'rem Schmaus. Traktat Pessachim 80. O «hieb und sorge nicht, daß klein die Gabe sei — Die Gab' ist doppelt groß, legst du nur Liebe bei. Traktat Berachot 5. Wie die Wolke ... Wie die Wolke war Euere Seele Ihr Väter. Sie wehte hin im Winde, wenn der Herr sie wehte Wenn der Herr sie hauchte Wtzy» der Herr befahl. Doch wenn der Herr befahl Ballte sich Wolle Und schlug Blitze Wie Erz und wie Stein. zählte, trat er einer dorttgen Musikkapelle .bei. Und bald darauf nahm' er die 15jährige .Ester zum Weibe. Es war keine Liebesheirat; er heiratete sie, weil es seine .Ellern so wünschten; aber die Liebe kam' bald zu ihnen- Er wohnte init Ester bei seinen Eltern, und sie führten ein glückliches, patriarchalisches Zusammenlebens Doch eines Tages, als sie beim Mittagessen saßen, schrie Herschkos Vater uns, griff mit den Händen nach seinem Herzen und fiel in den Sessel zurück; sein Herz hatte plötzlich zu schlagen aufgehört. Nun kamen Tage der Trauer und Entbehrung. Der Vater hatte wohl etwas Vermögen hinterlassen, doch es ward bald aufgezehrt, jba Herschkos Verdienst viel zu gering war, um für drei zu genügen. Und als er nach mehreren Jahren auck> seine Mutt« verlor, hielt es ihn nicht länger im Heimatorte. Er . zog mit Ester fort. Und so war er hieher gekommen ... Sein ganzes Mühen und Streben Mlt nun Ester; sie war ihm alles undgab seinem Leben so Zweck.wie Ziel . . . Und nun war sie krank. Da lag-sie vor ihm mit irrem Mick And fiebernden Wangen . . . und. nwrgen sollte er Lei der Hochzeit spielen . . . derweil zu'Hause sein Weib krarck . . . und vielleicht im Sterben lag. Sollte er da spielen? . . . Wozu und für wen? . . . Doch er will heute daran '-nicht denken. . . Wenn nur Ester gesund würde! - - - Es war am Hochzeitstage. Der Urzt war soeben svrtgegangen, ohne Kerschs» tröstende Worte spenden zu können- Es stand schlecht um Est«. H«schDo saß, in trauriges Sinnen versunken, pm Bette Esters, als' sich die Tüiw leise öffnete und zwei Mitglick« der Truppe — darunter b« alte Menasse mit dem weißen Bart — in die Stube traten, um Herschko zu erinn«n, daß er abends, gegen 6 Uhr, im Kasino sein müsse; der Herr Direktor hätte es so befohlen. H«sck>ko hörte sie schweigend an Junb sprach dann nach einer WÄe: . i „Ich spiele nicht." Die beiden Männer sahen sich verwirrt an und baten ihn, es sich genau zu überlegen. Es ginge doch um das Wohl aller Musikanten, die den heuttgen Abend so innig herbeigesehnt hatten. Alle kämpften bereits hart mit der Not. Und da nun endlich für sie Veckienst kam, wollte er ihn abweisen. „Ich werde meine Frau h«schicken," sprach Menasse, „damit sie abwechselnd mit Recha bei Ester die Nacht verbringt und sie pflegt. Du müßt heute unbedingt spielen.

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