Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 36 (12.9.1919)
- Date
- 1919-09-12
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36. Seite 3. TELEFONE erfüllK ALLE Ansprüche FRANKFURTER PRIVAT-TELEFON-GESELLSCHAFT.,.»,« g Schmb_rstj'. i'.r FRANKFURT A.M. fwnsor tinnMi 6?f.f>/S7 | ks erfolgen; ein Aufbau, der nicht Lurch die Hem--. mung von zufällig errichteten und unis nicht scheidenden Grenzpfähle geschwächt werden darf. An vorderster Stelle ist der Platz, des. jüdischen Studenten. Getragen von.dem hohen Ethos.'der jüdischen und damit auch nationalen Idee leistet der jüdische Student nationale Arbeit im weitesten Sinne. - Nur der nationale Student besitzt die hohe Kraft der Berussumschichtung in Erkenntnis der. Notwendigkeit landwirtschaftlicher' Arbeit für den Juden- und für Palästina. Der Wische Student hat Pflichten, und sein Volk erwartet von.ihm, daß er sie erfüllt. Kann es der. Einzelne? Nein, nur die Arbeft. der Gemeinschaft gleiche zielbewußter Menschen »kann zum Ziele führen. Wollen ist Können. Die Wese der gesetzestreue« Jrrdeuheit. % er Persönlich keitswert Dr. Nathan Birnbaums verlangt ein Auseinandersetzen mit seinen Worten, wenn man sie nicht rückhaltlos billigen kann. Dr. Nathan Birnbaum hat in der Frankfurter Agudah in markigen Strichen die?Wege der gesetzestxeuen Judenheit zu zeichnen' versucht, die ihr saus. einer verzweiflungsvollen Gegenwart heraus, eine Zukunft verbürgen, — und esist nun unsere- Ausgabc, seine Äusführungen kritisch zu prüfen. Das entsetzliche Situationsbild, das er entwarf, hat unsere Billigung. Es gilt heute, fest ins Auge zu fassen, daß ^er größte Teil des Bestandes der gesetzestreuen Judenheit Westeuropas nur von dem Zuzug aus dem großen Reservoire des Ostens herzuschreiben ist, und daß sich dieses große. Reservoire heute in einem Zustande schwerster Erschütterung befindet. Pogrome, Unterbindung des Lebenserwerbch UMerernährung und Hunger sind dort Erscheinungen des täglichen Lebens geworden. 'Um ihrer selber willen, dainit das Reservoire, das ihr Lebenssäfte zuführt, nicht verstopft wird, muß die gesetzestreue Judenheit des Westens sinnen, wie sie den Brüdern im Osten helfend zur Seite stehen kann. Um aber helfen zu können, muß sie sich vorher darüber klar werden, welchen Ursachen sie den eigenen Beifall verdankt. Man hat die Einheit des Judentums- Gedankens zerrissen und Kompromisse mit den Kulturanschauungen der Zeit geschlossen. In falscher Auslegung des Satzes: „Schön ist das Thorastudium vereint mit Derech-Erez", indem man „Derech-Erez" nicht mit „bürgerlicher Berufstätigkeit", sondern mit „profanem Wissen" übersetzte, hat man der jüdischen Gedankenwelt einträchtlich alle unjüdischen Gedankenwelten koordiniert. Das Judentum ist nicht mehr das ausschließliche Ideal des Lebens, .sondern nur ein Ideal neben anderen Idealen, die'den Kulturgütern der Umwelt entnommen sind und seinen Idealen häufig widersprechen. Solche Bereinigung ist wahrlich nicht „schön", sie ist ein Unding, sie ist häßlich. . t Gottes Wort, wie es das Judentum lehrt, muß wieder ausschließliches Leitmotiv unseres Denkens werden. In diesem Sinne ist die jüdische Schule zu reorganisieren. Aber lnoch eine zweite Konzession haben große Teile der igesetzestreuen Judenheit des Westens gewährt und datnit (her Assimilation ihrer eigenen Reihen den Weg geebnet. Der Begriff „Volk" .für das Verhältnis Zur jüdischen Gesamtheit und zur Außenwelt wurde verwässert und das Judentum zu einer Konfession gemacht. Dr. B i r n bau m übte bei diesen Ausführungen sichtbar scharfe Kritik an der 'Tätigkeit Rabbiners Dr. P i n ch a s K o h n, des Vertreters der Agudali in Polen, der für die jüdischen Interessen eine polnische Politik fiir vorteilhaft hielt. Thorajudentum und jüdisches Volk sind eine: unlösbare Einheit. Bis zu diesem Punkte konnten wir Dr. Birnbaum folgen. So denken alle im Misrachi ver-, einigten gesetzestreuen Juden, und gerade unsere Zeitung hat dieses Programm von jeher vertreten. Bei der Durchführung dieses Programms trennen sich aber unsere Wege von denen Dr. Birnbaums. Wir suchen diese Aufgabe innerhalb all' derer zu lösen, die sich als jüdisches Bolk fühlen, wir arbeiten daher Innerhalb der zionistischen Bewegung, — und Dr. Birnbaum verurteilt sie und nur, damit in Palästina sich dicht ein unjüdisches Leben breit mache, tritt er für die Pälästinaarbeit ein. Wenn die gesetzestreue Judenheit rechnen lmutz, sich' in Palästina ''mit andersgesinnten Volksgenossen auseinanderzusetzen, — warum soll sie dann diesen geistigen Kampf nicht bereits in der zionistischen Bewegung ,aufnehmen und so schon im Vorhinein manches Sichverstehen unbahne»? Und warum diese höhnischen Worte für das ideale Streben von Menschen, die einen W«s zurück zum Judentum suchen? Dr. Birnbaum erkennt ja selber an, daß die gesetzestreue Judenheit Irrwege gegangen ist, — wie soll da der iaußerhalb der - gesetzestreuen Judenheit Stehende den Weg zum Judentum finden? Statt brüderlichen Verstehens für die Nöte Wischer Seelen schmäht, man die Zionisten! Neue Jüdische Presse. Glaubt Dr. Birnbaum, daß diegesetzestreue Juderkheit das, Tischtuch, zwischen? sich und der, andersgesimrten Judenheitohne weiteres: zerschneide», und, auf ihre Hilfe verzichten kaum — ganz abgesehen «bon der Verantwortung, die sie auch für diese, Brüder trägt? Glaube Tr. Birnbaum, daß die gesetzestreue Judenheit allein mit einer „aufs äußerste gesteigerten Aktivität" ihrer titanenhaften Aufgaben Herr werden kann? Tr. Birnbaum spricht Uoii, den gewaltigen Emigrationsanfgaben der nächsten Zukunft, — so sehr die gesetzestreue Judenheit hierbei der Mitarbeit aller Juden — mögen sie denken, wie sie wollen — also auch der Zionisten bedarf; so wenig sann sie die innigste Zusammenarbeit mit den Zionisten aus oll' den Gebieten entbehren, auf denen Verständnis, für den jüdischen Bolksgedanken erforderlich ist. ■! „Terech-Erez" bedeutet auch „klarer Blick für die Wirklichkeit." Lange genug hat die gesetzestreue Judenheit den Fehlergement, sich in ein Wölkenkuckucksheim zu hüllen und der Wirklichkeit nicht fest ins Auge zu schauen. Der gesetzestreuen Judenheit fehlt's au Gottvertrauen und Mut: — mit Gottvertrauen und Mut im Herzen wird sie wie einst Moses den Weg zu den Brüdern, die in Aegyptens Lust ausgewachsen sind, finden! Aber auch nur mit einem wahren Brudergefühl wird sie im Osten etwas, leisten können! DieReligiousgesellschaften zu der neuen Reichsversaffuug. Während bisher das Gefamtgebiet der „Kirchengesetzgebung" den Bundesstaaten überlassen war, hat die Verfassung sArt. ID dem Reich nunmehr das Recht gegeben. .„Grundsätze aufzustellen, so die Rechte und Pflichten der Religionsgesellschaften". Als solche Grundsätze? proklamiert die Reichsverfassung: 1. Tie Glaubens-und Gewissensfreiheit und die ungestörte Religionsausübung für alle Reichsbewohner. 2. Die Unabhängigkeit der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte, sowie die Zulassung zu öffentlichen Aemtern vom. Religionsbekenntnis svergl. oben). 3. Die Religion, ist Privatsache. Die Behörden dürfen nach der Religionszugehörigkeit nur fragen, soweit 'Rechte und Pflichten davon abhängen sSteuerleistungen!) oder zu statistischen Zwecken. Es fällt damit also insbesondere bei gerichtlicher Zeugenvernehmung die Frage nach der Religion des Zeugen weg. 4. Die Freiheit der Bildung von Religionsgesellschaften und. des Zusammenschlusses, von solchen innerhalb des Reichsgeviets. Jede Religionsgesellschaft kann nach den Bestimmungen des bürgerlichen Rechtes (durch. Eintragung ins Vereinsregister, die nicht versagt werden darf) Rechtsfähigkeit erwarten. Soweit sie bisher öffentlich rechtlichen Charakter tragen, behalten sie diesen und erhält ihn auch ein Verband zu dem sie sich zusammenschließen. Rlligionsgesellschaften, die durch ihre Verfassung der Mitglieüerzahl die Gewähr der Dauer bieten, sind aus Antrag als Körperschaften öffentlichen Rechts anzuerkennen, auch, wenn sieunter dem früheren Recht diese Eigenschaft nicht 'besessen hatten. 5 Alle Religionsgesellschaften haben freie Selbstverwaltung. irnd insbesondere bei der Verleihung ihrer Aemter von Staat und Gemeinde unabhängig. Es gibt keine Staatskirche mehr. 6. Religionsgcsellschaften öffentlich rechtlichen Charakters sind berechtigt, ans Grund der bürgerlichen Steuerlisten nach Maßgabe der landesrechtlichen Bestimmung Steuern zu erheben. 7. Die Rechte der Religionsgesellschaften an ihren Kultus- Unterrichts- und Wohltätigkeitsstiftungen und Anstalten, ebenso an sonstigen Vermögen werden gewährleistet. 8. Den Angehörigen der Wehrmacht ist die nötige freie Zeit zur Erfüllung ihrer religiösen Pflichten zu gewähren. Recht der Rcligionsgesettschaften auf Leistung der Seelsorge und Avhaltung des Gottesdienstes in Heer und in öffentlichen Anstalten sArankenhäufern, Strafanstalten usw.j, soweit ein Bedürfnis besteht, unter Vermeidung jedes Zwanges. Schildermalereiu.Weissbinderarbeiten Philipp Trauner Textorstrasse 68. Telephon Römer 5778. Deutsches Reich. Gegen die antisemitische Verhetzung. AuS Berlin wird gemeldet, daß die Konferenz der Funktionäre, Betriebs-und Arbeiterräte der sozialistischen Parteien Deutschlands beschloß, die als Vorstoß der Gegenrevolution geschickt inszenierte antisemitische Bewegung mit allen »Mitteln zu bekämpfen. Infolge des Bertellens antisemitischer Flugblätter hat in, Hamburg der Leiter der Einwohnerwehr eine Verfügung erlassen, die anordnet, daß Mitglieder, die sich mit solcher Propaganda in den Kompagnieversammlungen usw. befassen, aus der Einwohnerwehr aus zu scheiden haben. . ' Litauen. Beschlüsse der Mantschen Jndenhett. Eine Beratung, jüdischer Politiker und Vertreter Wischer Gemeinden, faßte ein Memorandum» an die Regierung ab. In denk Schriftstück heißt es: „Das Vornehmes ]feriete-J(abareit Und Ballhaus. A$chäfergasse75-75. \fd\V Judentum Litauens, das mit dem litauischen Lande verwachsen ist, hat nicht aufgehört, sich, als Tell der einheitlichen historisch geschaffenen jüdischen Nation zu betrachten, hie eigene nationale. Interessen hat, und verlangt, daß ihm das Recht auf 'nationale Selbstbestimmung zugesichert wird*) Die Hauptorgane der nationalen Selbstbestimmung .sind die demokratisch gewählten Gemeinden, die als juristische Personen an^kannt werden müsse»: mit dem Rechte der Zwangsbesteuerung aller ihrer Mitglieder und der Vereinigung Kn einen Gemeindeverkand. Die Schafftuig des Postens eines Ministers für jüdische Angelegenheiten ist ein Beweis, daß die Regierung dieser Forderung der modernen Demokratie entgrgenkommt. s;! Mit Gefühl tiefer Empörung, heißt es zum Schlüsse im Memorandum, haben wir die Mitteflungen über die Exzesse vernommen, die in den verschiedenen Ortschaften Litauens vorgekommen sind und noch jetzt Vorkommen. Mit Schmerz konstatieren wir, daß sogar die direkten Schuldigen des Verbrechens bis jetzt noch, nicht bestraft tvorden sind und die Macht über die Ehre, Freiheit, das Leben und Vermögen der Bürger nicht aus, ihren verbrecherischen Händen genommen nmrde. Roch jetzt befinden sich auf ihren verantwortungsvollen Posten die Schuldigen der kriminellen. Verbreche»», die in Ponewesh, Willkomir. Anikst und Utjan vorgekommen sind. Das Memorandum verlangt die Einsetzung eines öffentlichen Gerichtes Und die sofortige Entlassung aller Schuldigen. Die Konferenz befaßte sich auch mit den politisihen, wirtschaftlichen und kulturellen Aufgaben der jüdischen Autonomie. U. a. beschloß sie, einen „wirtschaftlichen Rat" Um Büro des Ministers für jüdische Angelegenheiten einzusetzen. Palästina. Handelskammer. Im Mai beschlossen die Okkupationsbehörderr, eine Handelskaminer >'zu eröffnen. In das Direktorium dieser Kammer wurden vier Juden, 2 Muhamedaner, 2 Christen und? Vrce-Direktoren berufen. Vorsitzender der Kammer ist der militärische Befehlshaber. Bon den Juden sinb ernannt »oorden: Jzchak Elischar, Salman Levin. Barasch und Blum, zu Bice-Direktoreu wurden der Direktor der Anglo EgYPtian Bank, der Direktor der Crädit-Ltionnais und Dr. Jzchak Levi ernannt. Lebeusmtttelpreife. Reis pro Kllo Frs. Eier <10 Stck.) 1.35, Rindfle.jch pro Kilo 4.15, Käse 4.15, Fische 5.20, Heringe 3.—. Oliven 1.15v Milch pro Liter 1.15, Butter tjüdische) pro Allo 13.05, Butter (arabische) 4.25, Buttermilch pro Liter 0.60. Tomaten pro Kilo 0.10, Kartoffel 0.85, Zwiebel 0.40. Salz 0.45, Zucker 2.50, Linsen 1.05, Mehl 0.80 — 1.10. Oliven-Qel 3.75,.Sesamöl 4.50, Thee 7.—, Trauben 0.60. Kurze politische Rachrichte«. Lemberg. Der Universität erließ eine Verordnung, dergemäß nur jene Studenten inskribiert werden können» die ihrer Dienstpflicht in der polnischen Armee nachgekommen sind. Diese Verordimng ist ausschließlich gegen die Juden gerichtet, denn bekanntlich wurden die Juden Ostgaliziens, die sich zur jüdischen Rationalität bekennen, nicht in die polnische Armee ausgenommen. Paris. Das „Komitee der Jüd. Delega» tionen bei der Friedenskonferenz" hat «ine Sammelschrist „Die nationalen Rechte der Juden in Osteuropa"-.herausgegeben. Die Schrift enthält Beiträge von M. Ussischkin. Präsident der Jüd. Nationalversammlung der Ukraine, L- Motzkin, Generalsekretär des Komitees, Richter Julian W. Mack, Präsident des Komitees, Dr- Osias Thon, Nahm« Slvnicb.J. Tschernoff.Bernard G- Richards, Dr. 'Leon Reich, Dr- Hugo Bergmann ufto- $enf. Eine Anzahl französischer Gelehrter »md Schriftsteller, darunter Anatole France und Ernest La- Titte, erlassen einen Aufruf an alle Parlamente der Welt zu einem Protest gegen die Judenverfolgungen in Osteuropa, die alles überträfcn, was zur Zeit des Zarentums in Rußland verüot worden ist. .. , _ London. In der Leitung der valästrnensrschen Okkuvationsbehörde ist folgende Aenderung «ngetreten: General Watson, Chef der Behörde (bisher General Money) und Oberst Meinertzhagen erster politischer Beamter (bisher General Clayton). — Sir Stuart Samuel ist als Kommissar der englischen Regierung zur Uirtersuchung der Pogrome nachs Polen abgereist. >° Zionistische Nachrichte«. London. Die Zionistische Palästina»«»«» Mission verpstichtete den hervorragende» Gelehrten Prost Patr ia Geddes als Sachverständigen für Baufragen in Palästina. ' Rew-Bork. Jakob Schiff hat der Zion Organisation 25000 Dollar für Erziehirngswesen und 10000 *) Siehe Artikel: „Eine Erllärung der litauischen Regierung" in der cheutigeu Runrmer. - D Redaft,