Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 35 (5.9.1919)
- Date
- 1919-09-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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€oit 2: Neue Jüdische Kresse. Ia Zutaten. Hochfeine . Keine Ersatzstoffe. _ nach Maass .400 Mark and höher, gediegene Ware; schöne Farben. "Wenden - Umarbelten - Instandsetzen - Anfbfigeln. Ich garantiere für fehlerfreie erstklassige Ausführung. Lieferzeit nach "Wunsch. Allerheiligen- Ä Telefon strasse 44. firclZi Hansa4942. „falsch informiert"? — Und soll der „Zentralverein de-rtscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" während seiner langjährigen mühevollen Tätigkeit'nicht genug aufklärend gewirkt haben? Ist etwa der Kurs der Herren Antisemiten seit seinem Bestehen gesunken? Gr mag wohl hie und da einige giftige Geschosse des Antisemitismus erfolgreich abgewehrt haben, doch die tosende Brandung desselben niederzuhalten, vermochte und vermag er nicht. Wer den Judenhaß durch Wort und Schrift auszumerzen glaubt, baut auf Sand. Hamans Erben und Mitläufer sind „überaufgeklärt" und wollen von keiner Aufllärung wissen. EineinzigesMi^ttel, das uns aus Len Krallen des Antisemitismus befielen kann, steht uns zur Verfügung, es heißt: Te cbuwa Rückkehr zum E" izen urd zu seiner Lehre". Mögen manche unserer Brüder dieses „sonderbare Wehrmittel" ,als „kindisch naiv", oder gar als „Ausfluß eines frommen Fanatismus" belächeln, — so war, ist und bleibt dieses Mittel, das in unserer ganzen Vergangenheit und Zukunft so fest verankert ist, doch d'e beste, ja einzige Masse gegen alle Anstürme des Antisemitismus, gegen alle drohenden Gefahren der Antisemiten. Selbst unsere weitestgehenden, optimistisch gesinnten sogenannten liberalen •— und Fortschrittsrabbiner, die noch kurz vor Ausbruch des Weltkrieges Itichtiinien ad libitum aufstellten und das Rezept der herrlichen messianischen Zeit, der Erlösung des jüdischen Volkes, in ihren Händen zu haben" glaubten, weroen angesichts der Evolution der letzten 5 Jahre die Beoeutung jener Jeremiasworte hoffentlich besser zu würdigen und verstehen gelernt haben: „Und sie heilen oen Bruch der Tochter meines Volkes leichtfertig, sprechen Heil« Heil! und es ist kein Heil!" Ferner: „Wir hofften auf Frieden und nicht Gutes ist da, auf die Zeit der Heilung, und siehe da, Schrecken!" (Jeremia, Kapitel 8, Vers 11, 15.) Es fängt auch bei ihnen an die Erkenntnis zu dämmern, wie wenig wir Juden von der inzwischen insolvent gewordene Kultur und Zivllisation zu erhoffen hctben. Wir alle, sowohl Liberale wie auch orthodoxe Juden, fühle», ahnen und sehen —, der eine mehr, der andere weniger — daß für uns Juden eine neue Aera begonnen habe und daß wir an dem Kapitel angelangt sind: „Wenn du in der Not sein' wirst und dich alle jene Dinge betroffen haben werden, am Ende der Tage, dann wirst du zu dem Ewigen, deinem Gott zurückkehren und seiner Stimme gehorchen." (5. Buch Moses, Kapitel 4, 30). Der erste Satz dieses Verses macht sich schon drückend fühlbar. Schwarze Wolken ballen sich am jüdischen Himmel, die der Sonne Israels den Durchbruch erschweren — der Judenhaß scheint mittelalterliche Formen anzunehmen. Man macht für all die Not uno das Elend, das Esaus Schwert geschaffen, seinen jünger» Bruder Jakob verantwortlich . . . man binoet uns allerlei Bllbulim (Beschuldigungen), auf, um Hand an uns zu legen. Ein großer Teil unserer Brüoer im Osten empfindet schon jetzt den Druck der rohen Esauhände — ein Schrei des Entsetzens und der Verzweiflung dringt zu uns. Müssen wir nun nicht all dies als einen roten Mahnzettel vom Himmel ansehen? — Wie lange soll nun die Pause zw.jchen Bazar iecba, umzurba koi bad-warim haSle bea<hrit hajamim. <Jn deiner Not da all diese Dinge dich treffen am Ende der Tage) und zwischen Wschawin ad haciiem «4'ikecha wt*schamatu h kolo. (Wirst du zurückkehren zum Ewigen und auf seine Stimme hören) bei uns denn noch dauern?!! Darum ergeht an euch Rabbiner der Ruf: „Auf zur Teschuwohorganisation! Unser Judentum blutet aus tausend Wunden". „Von des Fußes Ballen bis zum Haupt ist nichts Heiles an. ihm". Unter der Wucht seiner Zerllüftung uno Zersplitterung ist uns das sonst bei uns so bewährte „Arwut"-Bewußtsein, das Verantwortlichkeitsgefühl fast ganz entschwunden .und das Wort: „Ein jeder tat, was recht in seinen Augen", kann auch auf unsere Zeit angewendet werden. Unser Judentum, d. h. der weitgrößte Teil derselben, besitzt leider nicht die moralische Kraft und den sittlichen Ernst, sich selber aus dem Sumpfe zu erheben, in den er infolge der langen finsteren Golnslnacht — oder infolge der kurzen Morgendämmerung — gesunken ist. Es bedarf nun der kräftigen Arme toratreuer und glaubensstarker Männer, die es aufrichten, stützen und "es in dieser gefahrdrohenden Zeit retten, retten aus doppelter Gefahr! So war es immer bei uns Juden, so muß es auch heute sein. Darum atu f ihr jüdischen Führer zur rettenden Tat! An euch liegt's jetzt wie noch nie zuvor, die der Tora Entrückten und Abseitsstehenden wieder dem unverfälschten. Judentum zuzuführenl — Erhebt warnend eure Stimme gegen unsere Conditorei und Cafd Wilhelm Wendel Alte Gasse &. Neu renoviert; und vergriissert. «W* Eis* n Ostjiwtsche Erzähler. Ter erste, der „Großvater" der modernen jüd. Literatur des Ostens ist der erst vor einigen Jahren verstorbene S. I. Abramvwitsch mit dem Schriststellernamen Mendele MocherSsorim. R- Lowtt-Wien hat jüngst seinen Roman Fischke der Krumme in der liebertragung von Alexander Eliasberg herausgegeben. "Wir geben nachstehend eine Probe aus diesem in der Kunst ■ liebevoller Kleinmalerei musterhaften Roman, der seinen Stoff aus einem uns fremden Gebiete, aus dem Leben der jüdischen Bettlerwelt des Ostens, nimmt. Fischte der Krumme iu vdeffa. Und. Mit jlUottes Hülfe kam ich schließlich nach Odessa. In den ersten Tagen war ich dort sehr unglücklich. Ich "trieb mich einsam und elend in der Stadt herum und wußte nicht, was mit mir anzufangen. Alles war Mir so neu und fremd. Ich fand da keinen Hekdesch. wie in den andern jüdischen Städten, auch keine Häuser, in denen ich betteln könnte. Bei uns, in den jüdischen Städten gibt es richtige " niedere Häuser ohne Kunststücke, mit Türen, die äus die Straße gehen. Wenn du die Türe aufstößt kommst du gleich in die Stube, brauchst keine langen Zeremonien zu machen und^siehst die ganze Wirtschaft, alles, was inan zum Essen und schlafen braucht vor dir. Brauchst du Wasser, so steht es gleich da, suchst du den Mülleimer, kannst du anck» ihn sofort finden. Wisch dir die Hände uiü> verrichte den Segenssprnch, so viel du willst. Da ist der Hausherr, die Hausfrau und die ganze Familie. Sog: ,-Gott helf!", streck die Hand aus, nimm daS Almosen, küsse die Mesuse und geh weiter. Und dann ist es so leicht, ein jiwisches Haus schon von außen zu erkennen: der Misthansen, die Gosse, "die Fenster, Wände und Las Tuck schreien: „Das ist ein jüdisches Hans!" Schon dm Rauch kannst du erkenmn. Laß da ein Jade wohnt... In Od^la sind aber die Häuser ganz verrückt eingerichtet und ungeheuer groß. Man. kommt zuerst durch ein Tor in einen Hof. Hier muß man eine Treppe hinanfsteigen And eine Türe suchen. Und wenn. man. die Türe gefunden hat. so ist sie versperrt, dafür ist an ihr eine Klingel angebracht mit allerlei Kunststücken. Du stehst wie erschlagen vor Id er Tür, fühlst, daß du arm And niedrig bist und nach nichts aussiehst; dann faßt du dir ein Herz, und ergreifst mit großem Respekt den Klingelzng. Deine Hand zittert Labei, du ziehst die Klingel ganz leise und erschrickst sofort wie wenn du ein grobes Wort gesagt hättest: und du gehst gleich wieder weg . . . Und wenn du schon einmal in die Wohnung eingedrnngen bist, so fällt über dich eine Köchin oder ein Diener her, oder es stellt sich heraus, daß da gar kein Jude wohnt. „Nach kurzer Zeit fand ich mich, in Odessa schon viel beider zurecht: ich kannte alle Gassen und Gäßchen und wußte, wo es Türen gibt, die sich vor unsereinem austun. Odessa ist wie eine Schnupftabalsdose mit Geheimverschlnß: wenn man nur den Knopf weiß, auk den Man drücken Muß, so geht sie leicht auf; man steckt seine Finger hinein und nimmt eine ordentliche Prise. Ich fand eine ganze Reihe Häuser, die zu Meinem Geschäft geeignet sind und die gleichen guten Eigenschaften haben, wie die Häuser bei uns. Betller fand ich soviel ich nur wollte, ganze Scharen und von allen Sorten: Bettler Mit Säcken, Bettler ohne Säcke, und auch solche, die es nur in Odessa und sonst nirgends gibt. Juden ans Jerusalem, türkische und persische Juden, die hebräisch reden, arme Greise mtt Frauen und auch ohne Frauen, die nach Erez-Jissroel fahren, um dort zu sterben, inzwischen sich aber in Odessa aushalten, wo sie auf Kosten der Allgemeinheü leben und sich vermehren. Agnnes Frauen, die an Krämpfen leiden, fromme Juden mit allerlei Krankhetten, die nach Odessa kommen, um im Lima» zu baden. Verschämte Bettler von altväterlicher Art, die sich unter den einfachen Leuten in den Betsttiben aufhalten und auch neumodische, mtt rasierten Gesichtern die sich unter den Broker „Franzosen" in den Kaffeehäusern und Wirtschaften herumtreiben. Arme, die keinen Groschen haben, aber ausgebutzt und elegant wie reiche Leute herumstolzieren, und Bettler die Hausbesitzer sind. . . , Alle Bettler aus unserer Gegend, die ich hier traf, lobten Odessa über alles, obwohl mir ihr Entzücken nicht recht klar' war. Einer erklärte mir den Unterl/omehmes Variete -Kabarett und ßafihaus. Offei empfiehl! *!)chäfergasse73-75. verirrten Brüder und sagt ihnen, daß es höchste Zeit „Einlehr zu.halten", daß sie aus ihrem „Chonemagel^ schlaf erwachen, ehe es finster, ganz finster wird! — Geht, wie einst Samuel, von Ort zu Ort, und sagt fern jüdischen Brüdern, daß Hamans Nachkommen Ziel ihres Urahns lebaschmid weabarog uleabed et . hajehudim w'vaar wead saken tak wenascbim de folgen und daß es an uns atklein liegt, wie eh die Anschläge unserer Feinde" zunichte zu machen! Sa unerschrocken unfern Brüdern, daß solange die Vttz^ waltigung unserer heftigen Tora nicht anfhört, solar auch unsere Verleumder und Ankläger nicht ayfhörls werden, uns zu denunzieren und zu verfolgen! — Grün jüdische Lehrhäuser nach dem System des Rabbi Gan liel ,Tora im ’erecb erez‘‘. TorastUdiUM in A bindung mit weltlichen Tun, und nicht umgekehrt wel l ich e s T u n im Verein mitDorastudium! Die RückkH braucht nicht mft Kasteiung einznsetzen. Räumen erst einmal mit der furchtbaren, Sabbathentweihung Fragen wir einmal an, erst die großen Risse an jüdischen Mauer anszuücssern. Rafft euch auf, ihr geistigen Führer, und wapM unsere Brüder gegen alles, alles was da kommen mit altjüdischer heroischer unbeugsamer "Widerstandskraj — Habt Ihr nicht vernommen, welche Verteidigungsmil gegen den überhandnehmenden Antisemitismus ein Jude nennender uns zu empfehlen wagt? — „Berlegie des Sabbats auf Sonntag, Ausmerzung des Religion Unterrichtes und jüdisch klingender Namen, Einfuhr der-Benennung „Kirche statt Synagoge" (!) und so Daß diese Abwehrmittel bei vielen der Hm verwandt^ Seelen Anklang findet, braucht leider nicht gesagt weroen — aber gerade deshalb dürft Ihr jüdische keinen Augenblick zögern' und in flamme Worten davor warnen, zu derartigen feigen Mitteln,! jeder Jude, der nur einen Funken Ehrgefühls und Sell achtung im Leibe hat, ans tiefster Seele verachten seine Zuflucht zu nehmen — diejenigen aber, die den» davon Gebrauchmachen sollten, auf die Stelle Buch Moses. Kapftel 29, Vers "17—21 aufmerksam machen!- Erhebt sich cuut unser g alnzes Judentum, Orthodoxe wie der Liberale wie ein Mann aus religiösen Tief- und Rückstand, — erschallt in Wohnungen und in unfern Lehrhäusern die Lei 1« die alte Jakobstimme, — dann können wir sicher daß die werden; so sinkt Dünste I Lettern . ,,Milchai ' lingsjoh „Siehe, alle, bi« gehen 1 wirst so dich kör Männe dein G fürchte VerS 1 Rabbiv „Sckutz Geiste wie err aber s entgegi Brüde aber fi mittel Brüde sie he haben Weifei ringe- Größe ungen Propl volle es Ttii foribei empfe Sette alter, denn unga feind mex aus, repu Oest geht den fand Hk: ha>i zehr dem triel schu schied zwischen einem Betller bei uns und einem in Odessa. Bei uns ißt der arme Mann sein trocked Stück Brot in Trauer und Trübsinn, hier ißt er J dasselbe trockene Brot, aber ein Leierkasten spielt dabei auf. In Odessa spielt der Leierkasten überh eine große Rolle. Ans den Sttaßen spielt der l" lasten, im Hanse ein Leierkasten, im Wirtshaus ein 1 kästen, im Theater ein Leierkasten und auch in Schul — sie sei davon wohl unterschieden! — ist ein Leierkasten. In Odessa geht es immer laut lustig zu: man hört nichts als Spielen, Pfeifen Singen. In einem Wirtshaus sitzt ein betrunkener Mß und singt ein russisches Lied von einem hübschen ML? ihm gegenüber sitzen angeheiterte Juden und singen ~ batgesänge oder einen Psalm, oder den „Schneiderma — lustig geht es da zu! > r Wie ich so einmal durch die Straße gehe, bekod ich plötzlich hinten im Rücken einen ordentlichen Gl Ich nehme ihn in Liebe hin und mache mir' nichts! raus: ick denke mir daß mich jemand aus Vers» gestoßen hat. Gleich darauf spüre ich aber einen zwei Stoß, wie wenn man sich mtt einem Stiick Hohl den Rücken stieße. Ich drehe mich um und sehe Joq den Cholera-Bräutigam. Er sitzt auf der Straße, p sich auf den einen Schemel und hält den andern in > Hand. Er strahlt vor Freude Aber das Wiedersehen' mir. Auch ich fteute mich über Jontel, mtt dem ich Glupsk gut befreundet war; ich war ja auch aus! Frittchof bei feiner Hochzeit gewesen, in der Choleranicht gedackt soll ihrer werden! „So. Fischke?" sagte er mtt nach der ersten grüßnng: „Du bist also auch httr bei uns in Ödes Ist doch ein schönes Städtchen, mein Odessa!" sieht, daß ick das Gesicht verziehe und von >v Odessa nicht sehr untzückt bin, sagt er mtt solchem i drutz, wie wenn ich seinen eigenen Adel angezweiselt; „Ist dein Glupsk vielleicht eine . Stadt? Der 2 der im Meerrettich sitzt, meint, daß es nichts Sü auf der Welt gibt. Wart, ich will dir mein £ zeigen. Wir werden schon hören, was du nachher W oe§ ruh rot! beg littl wo! ern dor R, ten " bw we sie De nn bei Fe Xef Uartsitzung felgt.)