Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 34 (29.8.1919)
- Date
- 1919-08-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3. Nr. 34 Neue Jüdische Messe. irbadla’i Künstlersplele , ' ' nnd . —-■ Arka<lfa-Diele i Kaiserstraese 69. Telefon: Hanen 5548. ■ Pie ersten KflnaMawplela am Platze. * jüdischen Orthodoxie gefangen, wenn sie die religiösen Traditionen znm Bestandteil der nationalen -Erziehung proklamieren wird, und wir werden noch heftiger aneinander geraten, wenn die Orthodoxie in Verkennung der Zeit und ihrer Umstände gar versuck-cn sollte, das Rechtsleben und die wirtschaftliche Entwicklung Palästinas auf eine theokratische Basis zu stellen. Ich bin ein großer Verehrer der jüdischen Rechtswissenschaft, aber eS ist nickt möglich, das jüdische Leben bloß auf der Weisheit alter Schriften aufzubauen,. mögen sie noch so ehrwürdig sein, und es ist noch weniger möglich, die alten Gesetze mit dem modernen Wirtschaftsleben zu versöhnen. - Vom jüdische» Natioualfouds. Die Einnahmen im ersten Halbjahr 1919. Ter jüdische Nationalfonds findet beim Judentum der ganzen Welt immer größeres Verständnis und intensivere Unterstützung. Die für ihn gezeichneten Spendei« betragen bereits für das erste Halbjahr 1919 2 531398 Francs, während noch das ganze Jahr 1918 2 213187 Francs ergab. Die Spenden-verteilen sich nack der Höhe der Beträge auf die folgenden Länder: Rußland 659 219 Rbl., Nordamerika 63 786 Toll., England 13028 Lstr-, Deutschland 601929 Mk., Polen 501715 Mk., Südafrika 5701.7.6 Lstr., Canada 3771 Doll., 'Rumänien 150000 Lei und 2108 Mk., Argentinien 25087 Pesos, Südslawische Länder 222 211 K., Tfchecho-Slowakei 222 813 Kr.. Belgien 22 611 Francs und 1418 Hfl., Galizien 131090 Kr., Deutsch-Oesterreich 116 211 Kr., Holland 13182 Hfl., Schweiz 21803 Francs, Frankreich 21112 Francs, Palästina 13 577 Piaster, .Weißrußland 23112 Mk., Schweden 6087 Kr., Griechenland 10879 Francs und 292013 L-, China 100 L-, Dänemark 2161 Kronen und 50 Mk., Aegypten 165.5.— Lstr., Norlvegen 2550 Kr-, Litauen 6710 Mk., Tunis 2208 Francs, Australien 69-5.— Lstr., Spanien 26.12.— Lstr. und Marokko 50 Francs. Trotzdem das Ergebnis von rund 2i/r Millionen Francs ganz ansehnlich ist, entspricht es noch nicht dem von der N.-F.-Berwaltung fite das laufende Jahr veranschlagten Netto-Erfordernis von 10 Millionen Francs pro Jahr, was zumteil darauf zurückzuführen ist, daß in den östlichen Ländern die Propaganda und systematischo Säminelaroeit. größtenteils noch immer lahmgelegt sind. Gerade jetzt aber bedarf der Nationalfonds größerer Geldinittel als je vorher. Immer näher rückt der Zeitpunkt heran, .wo der N.-F. unmittelbar vor die Erfüllung seiner großen Aufgaben gesteUt sein wird. Es gelangen schon jetzt fast täglich tan ihn aus den verschiedenen Ländern Ansuchen um Ueberlassung von Erbpachtboden für ländliche und auch städtiscke Siedlungen. Er wird den Anforderungen nur dann entsprechen können, wenn seine Freunde .in der ganzen Welt alles daran setzen, um seine jetzigen Einnahmen zu vervielfachen. Die 4- Konferenz der polnische» Zionisten Montag, den 18. August wurde die vierte Konferenz der polnischen Zionisten, eröffmt. An der Tagung beteiligten sich gegen 350 Delegierte und mehr Äs 1000 Gäste aus den entlegensten Gegenden Polens. ' , Tie Konferenz wurde vom Vorsitzenden der Zionistenorganisation in Polen, Dr. Klumel, mit einer hebräischen Ansprache eröffnet. Der Redner .besprach die Ereignisse der letzten Jahre und während er die lange Reihe der -Plünderungen, Morde und Drangsalierungen erörterte, welche die Juden in Polen, in der Ukraine, in Littauen und anderen Ländern zu erdulden hatten und haben, herrschte im Saale minutenlange tiefe Trauerstimmung und die Versammelten erleben sich zum Zeichen ihrer Trauer von ihren Sitzen. In' .oaS Präsidium wurden gewählt: Po dl iszewski, Dr. Okras Thon, Advokat Grünbaum. Advokat Olschwager und M o ses G.ordvn. Ms Gäste wohnten den Verhandlungen Advokat Gyldstein aus Kiew und von der amerikanischen Mission Professor Gottlrart und Kapitän Otto bei. Namens der Misrachi- Organisation begrüßte Rabbiner Zlotnik, namens des Zentralhandwerkerrates Purgin die Versammlung. Ein Begrüßungstelegramm des Aktionskomitees . in London wurde mit großem Enthusiasnrus ausgenommen. Eine schöne Rede in jüdischer Sprache hielt Jaffe. Er schloß seine mit stürrnischem Beisäll aufgenommenen Ausführungen mit der.Versicherung, daß die litauischen Juden trotz der vielen Leiden und Verfolgungen stolze Nationaljnden bleiben werden. Zur Tagesordnung sprach zunächst Dr. Osias Thon, der ein längeres Referat über die .Palästinafrage erstattete. Nach ihm sprach Abgeordneter Grünbaum Aber die pvtitifcke Arbeit in Polen. Beide Redner wurden von der Bersannnlnng stürmisch akklamiert. Amerika nuü der Minderheitenschutz. Aus New Aork wird gemeldet, daß Präsident Wilson im Gespräch mit jüdischen Führern,-die ihm ihren Tank für seine Bestrebungen zu Gunsten des jüdischen Volkes ansdrückten, erklärt habe, daß sich in Bälde nach allen Ländern, in denen die Klausel über den Schutz der Minderheiten eingeführt werden soll, eine spezielle Kommission begeben wird, Ihm die notwendigen Bedingungen für die Verwirklichung dieser Klauj e l vorzubereiten. Einsetzung.»»« Standgerichten. Ter ,Lurjer Polski" meldet: Mit Rücksicht auf die judenfeindlichen Exzesse hat Ministerpräsident Paderewski die Weisung erteilt, chaß jeder Schuldige vor ein Standaericht gestellt und binnen 21 Stunden abgeurteilt werden soll. Diese Bestimmung betrifft sowohl Militärals auch Zivilpersonen. Die Gerichte werden bei geschlossenen Türen amtieren. sJ. P. Z.) Inwieweit die an sich wichtige Maßnahme als wirksames Vorbeugungsmittel gegen Pogrome gelten kann, muß sich in der allernächsten Zeit erweisen. Zvkilösi'MLlvrviu.Wkissbinäsi'Li'bvkten Philipp Trauner Textorstrasse 68. Telephon Römer 5778. alle fckweigen. Und das Schweigen bedeutet gespannte Erwartung. Man kann erkennen, daß die große dunkle Masse Ions einzelnen kleineren Flecken zusamniengesetzt ist;, dei der leisesten Bewegung zerfällt sie in ihre Bestandteile, und einzelne Schatten beginnen dann an den Wänden tanzen. Doch sie bleibt fast die ganze Zeit als eine zusammengeballte Masse bestehen, und sie wartet und schweigt . . . Und plötzlich — man weiß nicht, was den Anstoß dazu gab — zerplatzt die große schwarze Masse, Und ein jeder drängt sich..vor zum Thoraschrcin. Einige heben sich ihre. Kinder auf die Schultern und drängen sich so zu den Stufen, die zum Schrein hinauftühren^ Dre Bewegung wächst, doch alle bleiben noch immer stumm- Und wenn irgend ein Kind aus Angst zu weinen beginnt, gibt man sich die größte Akühe, es zum Schwelgen zu bringen. Und aus der Ecke, Po.die blasse Frau in den Kissen liegt, hört inan ihre weinerliche Stimme: „Mojsche, Mojsche, wo ist Chajiml? Wo ist Chajiml?" Die Erregung wächst. Weiber beginnen zu 'chluchzen, und wie die Kinder ihre Mütter weinen hören, beginnen auch sie zu weinen. ,/Schweigt iim Gottes willen! Man kann uns hören!" Tie Weiber versuchen zu schweigen. Doch ihr verhaltenes, ersticktes Schluchzen klingt noch unheimlicher. Einen Augenblick ist. es still. Tie Decke, die vier Wände und der Fußboden kind nock einmal zu einem einzigen dunklen Fleck zusammengeflossen. Und es ist wieder so still, als ob es ein Haufen von Toten wäre, mit einem einzigen schwarzen Leichentuch bedeckt.' Ein schwacher Strahl des „Ewigen Lichtes", das in der Wand eingemauert ist, gleitet Aber all das Schwarze, und es ist' als ob eine Totenkerzrzu Häupten einer ganzen jüdischen Gemeinde brenne.. Und alle schweigen... Plötzlick. man weiß nicht aus wessen Munde, dringt I initteii aus der Gemeinde eine tränenerstickte Greisenstimwe. Und die Stimme steigt empor über den Köpfen der Gemeinde in die Finsternis: „Aach-rej jojseh-waj .hejB-aeehr* .... Ter Rckooi betet das Nachmittagsgebet vor . Und die Stimmen der Gemeinde fließen zu einer einzigen Stiuyne-Wsaiiunen. Und es ist keine weinende und keine 'flehende Stimme, sondern eine stille Stimme, gleichsam an sich selost gerichtet: „Aech-rej jojsch-wej beja-seeko“ .... Und auS dieser Stimme heraus läßt sich die einzelne schluchzende Stiimne einer schwachen^ Frau vernehmen: ..Aeeh-rej jojsch-wej bajs-aecho“ . . . Und die Decke, und der Fußboden und alle vier Wände sind wieder ein Stück, ein schwarzer Fleck, und alle Stimmen zusaminen eine einzige tief traurige Stimme . . . Es ist das Sterbegebet der ganzen Gemeinde. . . Und finster ist es in der Schul, und der schwache Schein des Ewigen Lichts gleitet über die schwarze Masse... Und tie zusammengeballte schwarze Masse wiegt sich hin imit) her. und die Stimmen, die die Gebete eines einzigen Herzens sind, klingen zuerst leise und dann immer lauter und lauter.. . . Plötzlich t< ird es wieder still. Tie schwarze Masse ist wieder unucweglich, wie in Erwartung erstarrt. Doch draußen ist noch alles ruhig. Nicht das leiseste Geräusch ist zu hören, dock die Leute können plötzlich nicht mehr beten. Die Stille würgt, die Stille macht Angst. Man wartet. . . Man lauscht hinaus . . . Und bald ertönt von weit, sehr weit her ein dumpfes Dröhnen, und es kommt immer näher. Was ist das? Das Dröhnen kommt immer näher, und man erkennt, was es ist . . . Sie kommen! . . . „Herr der Welt! Herr fd>er Welt. . ." Und plötzlick läßt sich wieder die schwache, tränenerstickte; doch seltsam sichere und feste Stimme des Rabbi vernehmen: „Aw hörachamon! Lohma kojlejnu, chnaa werachejm olejnu!“ ' Und die Gemeinde Hat sckxon wieder alles vergessen, und idfls Leid Hunderter Herzen ergießt sich in einer einzigen Stimme: r *) Barmherziger Vater I Höre unsere Stimmen, schone ünd erbarme dich unser! . ..." Conditorei und €afd Wilhelm Wendel Alte Gasse S 9Teu renoviert and vergrössert. Vertragstreue. Davon, wie die Polen ihre Bertragspflichten anfzufaksen und zu erfüllen gedenken, scheint nachstehende Mel- ■ düng einen üblen Vorgeschmack zu geben: Der von Polen Unterzeichnete Vertrag über den jMinderheitsschud perbietet bekanntlich in Rücksicht auff die Jntereslen der Mischen Bevölkerung Polens die Absetzung allgemeiner oder lokaler Wahlen an Samstagen. Trotzdem wurden jetzt in Grvjec, Czechanow ünd anderen Städten die Wahlen zum Stairtrat auf einen Samstag festgesetzt. DE Beschwerde der jüdischen Vertreter wurde vom Wahlkommissar ab gelehnt. (Ks. d. O.f Der Landtagsklub beim Jüdischen Nationalrat für Polen, wie auch der Abgeordnete Rabbiner Hcklvern, haben in obiger Angelegenheit beim Minister deL Innern interveniert und die Verschiebung der auSgvichrieoencn Wahlen gefordert. Ter Minister entsprach dem Wunsche der Mischen Abgeordneten und verfügte telegraphisch fdie Verlegung der Wahlen auf einen anderen Tag. 1 Deutsches Reich. Der Antisemitismus. Unter der Ueberschrift „Die Regierung gegen die Pogromhetze" schreibt das berliner Tageblatt": Die rücksichtslose Pogromhetze gewisser radikal-antisemitischer Kreise hat in jüngster Zeit die bedenklichste» Auswüchse gezeitigt und wiederholt zu Plünderungen und Zusammenstößen geführt. Es liegt auf der Hand, daß eine derartige Verhetzung der Massen den zu dem Wiederaufbau und der Gesundung des .Bolksganzen dringend erforderlichen inneren Frieden aufs schwerste gefährdet. Der Staatskommisßar für die Ueberwachung der öffentlichen Ordnung hat sich, daher gezwungen gesehen, diesem gefährlichen Treiben entgegenzutreten. Es handelt sich dabei nicht um! eine Behinderung legaler politischer Parteipropaganda, wohl aber wird gegen jede Wühlarbeit, die offensichtlich nur den Zweck verfolgt, d ie .Leidenschaften der Massen anfzupeitschen, die öffentliche Ruhe und Sicherheit zu stören, und die Festigung der Staatsautorität zu erschweren, ohne Ansehen der Partei rücksichtslos vorgegangen werden. * Das Wolffbnrean teilt nrit: In der Presse ist neuerdinjK verschiedentlich die Behauptung anfgetaucht, daß die Reichswehr der antisemitischen Bewegung rcher gar einer Pogromhetze nahestehe. Demgegenüber wird von maßgebender militärischer Stelle nachdrücklich, betont, daß weder in der Reichswehr besondere antisemitisch gesinnte Forinationen vorhanden sind und gedüldet werden noch irgendeine antisemitische Werbetätigkeit gestattet ist. Tie Reichswehr steht, wie allen anderen parteipolitischen Bewegungen, auch der antisemitischen fern. „Aw horachamon! Sehma kojlejim, ’ Chnaa warachejm olejiu!“ Draußen vor der Schul ist es noch still, doch aus der Fc'.ne kommt ein Dröhnen, ein gewaltiges, wildes, fröches Dröhnen. Weiß man denn nicht, was es bedeutet? Und es konnnt immer näher... Es Uingt, als ob Tausende Stücke Eisen gegen Steine klopften. Ein wildes Tier hat eine ungeheure Kraft bekommen, und das Tier konnnt näher. Es verhält sich noch still, doch alle fühlen, daß es gleich losbrechen wird. . . Hurra! Hurra! Das Tier hat die stählerne Kette, Mit der es gefesselt war, gesprengt und wird nun hie ganze Welt verwüsten... > Tie Leute in der Schul haben sich eng zusammengedrängt. Niemand rührt sich vom Fleck. Alle wiegen lich im Gebe.. Die Väter haben sich ihre Kinder auf die Schultern gesetzt, und die grauen erheben ein wildes Angstgeschrei, ein Geschrei ohne Worte und Ausdruck. Und die Stimmen der Betenden werden immerlanter, und durch alle -stimmen hindurch klingt die ernste und alle andern mitreißende Stimme des Rabbi, der in den Worten des Gebets die einzige Hilfe—sucht: ' „Aw horachamon! Sebma koj-lej-nu!“ Und hie ganze Gemeinde ist ein Herz und eine Stimme: , Aw horachamon! Sehma kaj-lsj-ua I" “ Und das wilde Tier steht schon vor der Schul- ■ Mau spürt seine heißen» durstigen Atem . . . Ungeheure Tatzen ' klopfen tan die Wände, sie suchen, sie betasten die Tür». . , Innen in der Schul ist alles eine einzige Stimme, und die einige Hilfe ist in den Worten: Und draußen brüllt das durstige Tier: ,Lurra! Hurras' Die Stimme draußen und die Stimme drinnen kämpfen miteinander. Wer wird unterliegen? Für einen Augenblick wird die Gemeinde wieder still... i . Sie wartet Und plötzlich ist die Tür zerschmettert. „Hurra! Hurra!"; .“