Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 32 (15.8.1919)
- Date
- 1919-08-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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I l/bmehmesVariele-Jtabareit . undjiallkaus. — ' ychafergasse75-75. ■iip sich unmittelbar aneimmderreihenden Feiern nichts Zufälliges. sondern etwas kausal Bedingtes für sich Hattert., And im der Tat besteht zwischen Herzl und Noroan so-' 'Magen ein Kausalnexus. Beide haben das Gemeinsame, Last sie nur einen, und zwar den politischjen Zionismus kannten. Durch alle Entwicklungsphasen, die der Zionismus durchgemacht hat, blieb Nordau sich und seinem Herzl treu. Nordau ohne den Herzl'schen oder politischen . Zionismus war undenkbar. Es muß dem greisen Kämpfer eine besondere seelische Befriedigung sein, daß d,er Zionismus nukrmehr in das Stadium eingetreten ist, von wo er seinen Ausgangspunkt genommen hat, nämlich eur» öffentlich rechtlich gesicherte Heimstätte für'das jüdisch^ Bolk in Palästina zu schassen. Man mag über die territoriale Ausdehnung des -jüdischen Gemeinwesens in Palästina verschiedener Meinung sein; man Samt über, die französischen oder arabischen Aspirationen aus Syrien soviel man nur will, debattieren; — daß jedoch die Palästinafrage zu einer ausschließlich jüdischen Frage, die vom Völkerbund gelöst werden soll, geworden ist, darin liegt eben der Sieg des politischen Zionismus. Nordan gehört zu den Altmeistern der zionistischen Bewegung. ©8 war eine zeitlang eine Selbstverständlich-, keit, daß er' die Eröffnungsreden aus den Zionistenkongressen hallen mußte. Und seine Kongreßreden habenden nachhaltigsten Eindruck -auf die Hörer hinterlassen. Dieser Meister der RÄekunst par excellenz verstand es, die Massen zu begeistern und die Herzen für die große Sache zu wecken. Er geißelle die Assimllanten im eigenen Lager und erhob Anklage und flammenden Protest gegen die michtjüdische Well, wegen -Ihrer unchristlichen Be». Handlung der Juden in der gesamten Diaspora. In seinen zionistischen Schriften hat er den Begriff Heck jüdischen Nation klar durchgeführt. Seine Kontroverse mit dem damaligem Oöerrabbiner Düdemann in Wien über den Begriff des jüdischen Volkstums ist von einer derartigen logischen Klarheit und schlagfertigen Prägnanz, dich sie jo manchen Assimilanten dem Vationaljudentum zugeftihrt hat. In der Biologie sprechen wir von einem sogenannten biogenetischen Grundgesetz, das-auf die Völkerpsychologie übertragen flitzendes besagt: Das menschliche Jndividiuum zeigt in seiner Entwicklung Erscheinungsformen, die denen Ostjüdische Erzähler. Perez — Schalem Aleichem — Schalem Asch: drei verschiedene Kstnstlerphysiognomien und Künstleveinpellungen, durch ungleiche geistig-seelische Voraussetzungen bedingt. Perez ist von den dreien der überlegenste in dein bewußten Gestalten, dem' kritische» Wägen und Erwägen in der Haltung gegenüber dem künstlerischen Objekt, er ist der Dichter, der zu seinen Geschöpfen immer in einer be-- stimmt großen Distanz steht, ein künstlerischer Analytiker» rin objektw Enthüllender, ein „über den Dingen" Stehender. Swolem Alejchem, zu dem entgegenge- , setzten Künstlertypus hinneigend, der (um den Gegensatz schärker zu betonen) an hemmenden Vorbehalten kritischer Art ungleich ärmere, der gefühlshingegehene, der wesensganze und wesensfrohe, in ber Well feiner Menfchxu fest verwurzelte, darmn! wahrhafter Vo lks «Dichter. Schalem Aich endlich, an künstlerischem Vermögen den beiden offensichtlich nachgebend, ungefähr die Mitte zwischen Leiden haltend, hat von beiden gegensätzlichen Elementen: er ist kritisch und gefühlsreich, zergliedernd und zusammenfassend, allerdings mehr bewußt als naiv in seinem Schoflen, mehr erkennerck als empfindungshast erfassend. Perez ist ein Grübler, ein ewig Unzufriede- . ner, ein Zweifelnder und resignierter Befrachter der Well, des Lebens und der Menschem. Gespalten und zerrissen tu seinem Wesen,' ist es ihm nicht gegeben, in Harmonie und innerer Ganzheit Werke aus intensivem Schauen, Erleben berras zu schaffen. Ungläubig, wie er ist, und skeptisch gegenüber allem, ähnett er dem typischen europäikchen Künstler, zumal des letzten Jahrhunderts. Europäisch ist Perez auch in seiner Form und Formgebung; das Symmetrische, das Beherrschte, das Abgetönte und Abgerundete in seiner Kunst ist bester europäischer Art. Der Sinn für das Formale in der Kunst ist bei Perez durch die ihm in selten hohem Maß eigne-S e lb st - ftttil gesckärft. Ueberhaupt ist der Hang zur künstlerischen SelbstprWung und Selbstanalyse bei ihm zeillebens . stark, ko park, baß er seinen Schaffendsdrang in hohem Maß unterbindet, seine Schaffenskraft zersplittert, und ihn nicht dazu graniten laßt, sein ganzes Können in einem einheitlichen großen Werk zu offenbaren. Wer die Bruchstücke seiner künstlerischen Äojtfeifiori" sind so sehr Ausdruck mud-Niederschlag, reinen und tiefen Erlebens, wahr und , von starker MMerischer Wirkung, oft so hinreißend und > Ns»e jüdische Kresse. / des Volksganzen bnichauö -homogen fürd. Diesem.Go-- setze getreu, hat' Nordau all die Bitternisse nnd'Wanl'erungeii seines Diasssoravolkes am eigencnLeibe ersah reu. Der französische Staatsbürger und französische Schriftsteller Nordau mußte -bei Kriegsausbruch den französischen Boden verlassen und Üie für den greifen Mann ebenso beschwerliche wie. gefährliche Wanderschaft nach Spanien antreten. Es ist dies wiederum ein Beweis für die vielumstrittene Tatsache, daß Staatsbürgerschaft, und Nationalität keineswegs identische Begriffe sind. Ander», seits ist die ^ganze harte Behandlung, die Nordau in Frankreich zntell wurde, ein Meisterstück ' französischchauvinistischen-Fanatismus ad absurdum. Nordau hat bereits vor seiner zionistischen Periode durch seine allgemeinen Schriften Weltruf erlangt. Insbesondere haben seine" „Konventionellen Lügen der Kulturmenschheit", in denen er die Tünche der europäischen Zivilisation vom sogenannten europäischen Kulturmenschen entfernt und, ihn in seiner ganzen Nacktheit und bestialischen Natürlichkeit der Oefsentlichkeit bloßstellt,' Epoche gemacht. Nordau ist. der rationelle, aufklärerische und ethisierende Ähriftsteller. Ehen in seiner moralisierenden Tendenz offenbart, sich die-Eigenart seines jüdischen Denkens. Die kritisierende und ethisierende Tendpnz sind durchweg Etzenschasten, die fast alle jüdischen Denker aufweisen. Die Mlt- und Umwelt wird wegen der Schwächen der Zeit 'in schonungslosester Weise gegeißelt und aus die Moral hrngewiesen. Allein Nordau hat durch den Zionismus eine Wandlung an sich selbst erfahren.., In seinen vorzronistischen Schriften befindet sich noch Nyrdau in seiner eigenen Haskalahperiode. Er wirkt aufklärerisch, kritisierend, negierend, zersetzend und zerstörend. Erst in seiner nationalen Aera wendet sich Nordau dem positivistischen 'Denken zu. Nicht das Zerstören, sondern das s Aufbauen ist nunmehr die eigentliche, Tendenz in seinen Schriften. Wer den Msaßstab des l'art pour 'lact ober des „Expressionismus" an seine Schriften anlegen wird, der wird wohl der Kunstkritik freien Laus lassen können. Wem es aber um etwas Höheres; um das Ethos des Menschengeschlechtes zu tun' ist, der wird seine Schriften weniger vom Gesichtspunkte eines Kunstwerkes als vielmehr vom Standpunkte der „sittlichen Postulate" lesen und in ihnen volle seelische Befriedigung finden. - Arbadla’s Künstlerspiele nnjjl Arkadla-Diele KaiBerBtrasae 69._Telefon: Hanau 5516._ ■ Die ersten Kllnstlersplelaam Platze, i bezwingend in ihrer formal-inhaltlichen Wucht, daß sie für immer Teil der großen jüdischen Kunst sein und bleiben werden. Scholem Alejchem ist innerlich anders eingestellt (Perez verwandte Züge in seinem dichterischen Wesen als minder bedeutungsvoll für die Erkenntnis der Art seines Schaffens seien hier unberücksichtigt gelassen); bei ihm steht Wischen Idee und Werk nicht die Schranke-und das Hemmnis des krittschen Vorbehaltes, der künstlerische Zweifel. Statt der Ueberlegenheit Perez' ist ihm die starke, ihn ganz ersüllende Empfindung eigen, statt dessen pessimistischer Resignation das Hoffnungsfrohe, Zuversichtliche des in sich ausgeglichenen ganzen Menschen. Er dient als Dichter unmittelbar dem Bolk, er lebt mit Gefühl und Gedanken ganz in und mit dem Kolke, in ihm mit allen seinen Sinnen fast ausgehend, seelisch und geistig mitihm eins, ihm innig verbunden, ihm hingegeben; und wird mit seinem stjarken künstlerischen Empfinden zum getreuen,. naiv empfangenden, in geläuterter, reinerer Form wiedergebenden Interpreten der Gefühle!nnd Ueöerzeugungen, des Sehnens und Verlangens seines Volles. Und er schasst seine Werke aus spontaner ' innerer Bewegung, aus starkem inneren Drang heraus, aus der .unendlich reichen Quelle der Bolkskraft immerfort schöpfend. Und hier wird der in ihm seit jeher lebende Humor verstärkt, immer von neuem gespeist und erneut, und in seiner befreienden, überwindenden Gewalt vervielfacht — der naiv-gutmütige) von jeglichem Gefühl der Bitterkeit freie Humor des Volles, nicht die urteilende innd verurteilende Ironie, nicht der höhnende Sarkasmus. Und darum, steil er in seinem Denken und Empfinden so völlig in dem.Volk untertaucht, sind seine großen, seine Meisterwerke, die von primärem Leben erfüllt sind, wie nur wenige in der neuen jüdischen -Lttcrätnr, scheinbar unpersönlich geschaffene Gemälde, scharfe, bis in den Einzelheiten getreue. Abspiegelungen des Volkslebens, wo der Künstler fast ganz zurücktritt hinter seiner Schöpfung als einer V o l k s schöpfung. (Daß ein leiser, doch vernehmbarer t r a g i s ch e r Unterton in allen Dichtungen Schalem Alejchems — von Perez gar nicht za Vreden — mitschwingt, liegt in erster Linie daran, daß die äußeren Umstände, unter denen das Volk lebt, eben durch das-so einzigartig tragische Galut gegeben sind, und kann nicht Beweis sein für oder gegen obige skizzierende Darstellung .der Schaffensart Scholem Alejchems.) . Nr. 32. Bestecke, JabijännugMclienhe. Grosses Lager, in Kultueg.eigeHStäudeu kill Synagogen- und Hausgebrauch. irstraasa'88- Sllbspsohaileda Herzl ist die Mosesrolle zngesallen; er durste das Land nur schauen; aber cs nicht betreten. Die Rolle Josuah's dürfte wohl Nordau zuteil werden, der mU dem' Anbruch einer neuen Zeit und mit einer neuen Gene-, ration seinen "feierlichen Einzug in das' heilige Zpnd wird halten können. Und dies dürfte wohl der schönste Wunsch zu seinem 70sten Wiegenfeste sein! - Zionistische Erzieh uugSaassabe«. «u» einem «undschreiben der AßteUnng für Erziehung? wesen bei« Londoner zionistischen Zentralbüro. Wir halten es für sehr nützlich, das; jede > ö k> r- -tßlion eine be sondere Abteilung für Er z iehung und Kulturarbeit, wie'es in Stutzlai» und Amerika der Fall ist, .gründet. Diese Abteilungen werden der Zentrale in London alles Material, das da-) kulturelle hebräische Leben und die Kulturkräfte in ihre», Lande betrifft, zustellen, dagegen von der Zentrale Justruktioncn, Einzelheiten über das Fortschreiten de- Kulturarbeit nsw. erhalten. Die erste und wichtigste Forderung der Kulturarbeit in der Diaspora ist die H ebrai sieru mg des jüdischen Lebens in der Diaspora. Diese Forderung, die an und für sich wichtig genug ist, rin eigenes Ziel darzustellen, ist uns in diesem Moment in Anbetracht der Gefahr, -die mit einer Maisserieinw.audernna in Palästina verbunden ist, doppelt wichtig, du sie das einzige Mittel gegen diese Gefahr ist. Bis nun ist es uns gelungen, in Palästina das Prinzip der vollkommenen Herrschaft des Hebräischen nicht nur im kwltnre11en, sondern auch im politischen Leben zn wahren: würden aber die Emigranten massenweise lom men und sich sofort an der Entwicklung des neue» Lebens beteiligen, bevor sie des Hebräischen mächtig sind, dann bedeutet dies eine nicht zu unterschätzende Gefahr in dieser Richtung. \ . Selbstverständlich wird die Zion. Organisation alles tim, den Emigranten das Hebräische in der kürzeste-> Zeit beizubringen. Es ist aber sehr wichttg, daß die Landesorganisationen die nötigen Vorbereitungen treffen: '1. Für eine breite Propaganda über die Notwendigkeit des Erlernens der hebräischen Sprache. 2. Für die Schaffung der dazu nötigen Anstaltenwie: Tages- und Abendkurse, Zirkel für-gemeinsame Lektüre, Klubs von Hebräisch-Sprechenden. Wahrend ''die Landesorganisationen für die Hebraisierung der Emigranten sorgen, müssen sie auch dafür Sorge tragen, daß die hebräische Sprache innerhalb der Oraanisation selbst vorherrscht, d. h. in der Korrespondenz, Protokollen, Berichten, Bilanzen usw. Scholem Usch ist ein empfindsamer, gefühlvoller, feinsinniger Künstler (trotz seines/einzig gebliebenen, stürmischen „Gott der Rache".) Er' ist. ebensowenig wir Perez Vollsdichter. In seiner künstlerischen Einstellung weist er Züge von Perez und Scholem Alejchem aus, mehr jedoch zu Perez hinneigend. Formal ist er ebenso von europäischer Kunst abhängig; er ist ein ruhig gestaltender, mit seinen Sinnen für Form und Wirkung begabter Dick,ter. lieber seinen Dichtungen lagert fast durchweg eine tragische Atmosphäre, mehr noch als gewöhnlich bei Perez und Scholem Alejchem. Scholem Asch ist ein Erzäbler, dem die Wärme der Empfindung, ein tiefes Mitgefühl mit seinen Menschen eigen ist. Ein jüdischer Künstler, der sein Volk tief liebt, wie aus.-feiner Einsamkeit heraus Perez, wie glücklicher ich dem Bewußtsein steten innigen Verbundenseins -mit ihm Scholem Alejchem es geliebt haben. Die Namen: Perez — Scholem Mejchem — Scholem Asch — stehen am Anfänge der neuen jüdischen Kunst.'Als Sänger der jüdischen Tragik werden sie in ihren Werken die Zeit überdauern. Ben Je p hu ne. Von Perez' und von Scholem Alejchems Scköpfungen ist dieser Tage je ein neuer Auswahlband erschienen. , > . Der Verlag R. Löwit, Wien-Berlin, hat „J-izchnk Leib Perez: „Aus dieser und jener Welt". Jüdische Geschichten. Deutsch von Siegfried Schmitz. (221 Seiten. 7 Mk., geb. 15 Mk.)" und der Verlag Osterheld u. Eo., Berlin, hat „Scholem Alejchem: „Die erste jüdische Republik". Novellen. Uebersetzt von Sie. fania Goldenring. (214 Seiten.)" herausgegeben. Aus beiden Büchern geben wir nachstehend je eine Probe wieder und zum Schluß aus einer früher erschienenen Sammlung auch eine Probe von Scholem Asch's Kunsr. Red Jocharrga«, der Gatte von I. L. Perez. Müde, erschöpft von der Gemeindearbeit, kam Red Jochanaan, der Gabbe, heim: In der KÄHe duftere ihm der wohlige Geruch des Abendessens entgegen, Flersib und Apfelmus mengten ihre Düste.» Rasch ging er. ins I Wohnzimmer und fand...dort jfeine Frau Sosche; deck, der Empfang, den sie rhm bereitete,. war nicht allzu sieundlicb.