Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2693126-2693156--10811-2706187- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
. ^erte 2? Keue Jüdische Presse. Nr. 30?l?' WfflielrrfWe^m5 - Alte G-asse 6. Ifeu renoviert und vergrössert. JBis9 „Das Ostjudentum, das den weitaus größten Teil des jüdischen Volkes ausmacht, durchlebt jetzt eine furcht^ bare Katastrophe. Die schreckliche Kriegszeit hat die gesamte jüdische Siedlung in dm Ostgebieten verwüstet. Große blühende Gemeindm sind zerstört, huuderttausende jüdische Existenzen vernichtet worden. Jüdisches Blut floß in Strömen, auf allm Schlachtfeldern — und wird fetzt noch vergossen. Die Pogromwellen reißen die zerschlagenen ostjüdischen Massen aus ihren Sitzen und schleudern sie über die Grenze nach dein benachbarten Deutschland. So sehm wir hier täglich unsere Neuangekommenen, unglücklichen Brüder mit dm blassm Gesichtem. Auf ihren gebeugten Schultern tragen sie die Tragödie des jüdischen Volkes. <Rettm sie ihr Leben, so stehen sie vor der furchtbaren Frage: „Was nun?" Eine Kette von neuen Sorgen und Leiden beginnt für sie. Diesen unseren unglücklichsten Brüdem zu helfen, — ist die vornehmste Pflicht der Ostjudcn, die hier in Deutschland seit Jahren leben und sich hier eine mehr oder weniger gesicherte Existenz verschafft haben. Neberall üu 'Reiche, wohin sich der Strom der ostjüdischm Einwanderer ergießt, müssen die ansässigen Ostjuven ein Hilfswerk für sie organisieren; Speiseküchen und Arbeitsnachweise, Unterkunstsräume und Unterstützungskassen, Rechtsschutz und juristische Hilfe. Wies muß einen brüdcrlichen Charakter tragen! Die Ostjuden müssen in jever Stadl die Organisierung und Durchführung des Hilfswerkes für die ostjüdischen Einwanderer selbst in dir 5)and . nehmen. - Dazu gehört eine große, einheitliche über das ganze Reich ausgedehnte Organisation! Die ganze Hilfsaktion muß planmäßig dürchgeführt werden. Das ganze Material muß in einer Zentralstelle gesammelt werden. Es ist erforderlich für die Durchführung einheitlicher Aktionen, die nur von einer Organisation erfolgen können, die im Namen aller Ostjudm in Deutschland spricht. Diese einheitliche Organisation ist der „Verband der Ostjuden in Deutschland". Das Grundprinzip des Verbandes ist die Selbsthilfe! Die Ostsicden sollen sich selbst helfen. Der Einzelne ist schwach und hilflos; alle zusammen bilden einen achtungbietenden Faktor. Mit vereinten Krästm.müsien alle gegen die ausländischen Judm gerichteten Ausnahmebestimmungen bekämpft werden. Volle Gleichstellung in den jüdischen Gemeind.» und Organisationm iit zu fordern! Daß der Centralverein D. S. I. G. die ausländischen Judm von der Teilnahme am jüdischen Kongreß in Deutschland ausschließen wollte, .kennzeichnet die Lage. Wie man sich auch zu dem Kongreß verhalten mag, — so ist doch der schärsite Einspruch gegen Men solchen Beschluß zu erheben, der hunderttausende Juden von einer jüdischen ~ Veranstaltung ausschließen, unsere Brüder als Parias bchandelu will! Dem „Verband der Ostjuden in Deutschland" gehörm bereits etwa 50 Vereine an. Eiue Taguug der gesetzeötreueu jüd. Jugeudüereiue der Schweiz. Bei Anwesenheit' bon 45 Delegierte» und einem zahlreichen Publikum tagten in Zürich die gesetzestreum Mischen JugmdverMe der Schweiz. Botschko-Basel präsidierte. Braun sprach, als erster Referent jübcr die „Grundlagen der Agudoh-Organisation". Sodann sprach SB. S. Jacobsohn über die Notwendigkeit eines „Agudas Jisroel-Jugendverbandes der Schweiz". Nach einer längeren Debatte wurde sodanir dieser Jugenoverbauü gegründet. ' Krauß-Bern behandelte das „Lernen", Dr. Rob. Guggenheim die „Aufgaben der Jugendgruppen", die er in der Erziehung willensstarker, sittlich rMer ' Luden sieht. Das Lemm soll der erste Erziehungsfaktor -fein. Die Politik soll möglichst ganz ausgeschaltet werden. Frl. Irma Rothschild sprach über „Die Aufgaben der Mädchengruppen", P. Englard über „Erez- Jisroel-Arbeit", — und sodann wurde die in dm Debatten bereits mehrfach zur Sprache gekommene Frage der Möglichkeit einer Arbeitsgemeinschastderagn- : bistischen und misrachistischenJugend wieder ' ausgenommen. Die Aussprache über diese Frage führte der folgenden e in st i m mi g e n E n t sch l i e ß u n g: „Die am 22- 7 TamMÄ' iÄ Zürich anläßlich des TMrs, verWlchM^sin dm AgrwrsLW.M gesetzestrcue^Jugbnd der Ähwciz har, in Erkmntnis ö.m notwendigen Zusammenschlusses des ihorätrciwn Klalf Jfrocl, in zwangloser Aussprache mit Mitgliedern des Misrpchi Heu beiderseits bestehenden Wunsch nach Schaffung Mer Arbeitsgemeinschaft -fcstgestellt. Diese?lrbeitsgemeinschaft soll, unter Wahrung der prinzipiellen und organisatorischen Selbständigkeit, sowie der Partcidisziplin der einzelnen Verbünde, Glieder der in den Vereinigungen Agudas-Jisrocl und Misrachj Organisierten sowie auch der noch nicht organisierten thoratreuen Jugend umfassen. Die Provisorische Exekutive wird einer gemischten sechsgliedrigen, ad hoc von dem gegenwärtigen Jugendtag gewählten Komniission übertragen. Diese Kommission hat die Aufgabe, tunlichst bald eine allgemeine schweizerische Tagung der gesetzestreuen Jugend nrit entsprechendem Arbeitsprograinm vorzubereiten und cinzuberufen. Die Jugendtagung gibt weiterhin ihrem Wunsch Ausdruck, daß die zurzeit zwischen den Führern der gesctzcstreuen Organisationen Agudas-Jisroel und Misrachj schwebenden Verhandlungen bald zu einem befriedigenden Abschluß kommen mögen." Zur jüdische» Schulfrage. Auf der ersten Tagung der jüdischen Lehrer im tschechoslowakischen Staate führte Direktor K r a n s aus: , Der 'Besuch der allgemeinen Schulen, deren äußerer und innerer Habitus, Lesebücher Geschichtsunterricht von christlich-deutschem, beziehungsweise tschechischem Geiste getränkt und getragen sind, zieht eine Aushöhlung unseres religiös völkischen Daseins nach sich. Diese Aushöhlung muß infolge Entjudung des Elternhauses und. des Milieus unsere Existenz als Eigenart in Frage stellen. Zn unserer Erhaltung bedürfen wir oie Schaffung einer jüdischen Atmosphäre bei der Erziehung der Jugend, und dazu ist die Gründung jüdischer Volks- und Mittelschulen erforderlich. - Der Unterricht! in diesen Schulen muß Gesinnungsunterricht sein, auf der Konzentrationsmethode basieren und das Judentum znni Ausgangs- und Mittelpunkt aller Unterrichtsgegenständc machen. Schon der äußere Eindruck der Schule — hebräische Aufschriften, sinnreiche Zitate und Bilder hervorragender Juden an den Wänden sowie mittätiges Feiern der jüdischen Feste seitens der Schüler z. B. durch eigenhändige Aufstellung der Snkka und Schmückung derselben' — müssen eine eigene jüdische Welt um das Kind herum schaffen. Vom gleichen gesundrevolutionären Geiste war das zweit? Referat, das Dr. G Nun selb über den Unterricht in der -jüdischen Geschichte Hielt, getragen. Er verwarf den gegenwärtigen Geschichtsunterricht mit seinem einerseits apologetischen, und andererseits Leidenschronik- Charakter und forderte statt dessen einen Unterricht, oer die Jugend mit den Schöpfungen der jüdischen Geistesheroen, möglichst im Original, vertraut macht. Es wird in Wrze — voraussichtlich in Prcßburg — eine zweite Tagung statkftnden, die sich mit den Einzelfragen beschäftigen arnd besonders dem Unterricht im Hebräischen ihre Aufmerksamkeit schenken wird. Palästiueufische Silhouette«. „Allgemeen Handelsblad", die bekannte holländische Tageszeitung, bringt aus der Feder ihres Mitarbeiters, des Arztes Jacob Israel de Haan, der zur Verwirklichung seines zionistischen Ideales nach Palästina übersiedelte, Berichte, Jbie wie Silhouetten aus dem Leben in Palästina"wirken. Wir geben nachstehend en gekürzter Form einen dieser Berichte wieder: Einladung zu General Storrs. Die neue Mujikschule soll mit einem Konzert eröffnet iverden. Unter den Anwesenden General Money, Koinmandant Bianchini, italienisches Mitglied der Zionist» scheu Kommission, Major Bentwich, der hier als Richter tätig ist, und Fräulein Landau von der Rothschildschule. Das Programm hebräisch, englisch und arabisch, gemäß dem Grundsätze Storrs: Gleichberechtigung der drei 'Sprachen. Ifornehmes Variete-Kabarett - und Ballhaus. SilbensoHmletla Bestecke, Jubiläuinsgesclienke.'“ Grosses Lager!p Kuitüsgegenstähden ” für Synagogen- und Hausgebrauch. ~ "c jetzt-kaissriärasBB.23. In der Pause Rundgaug Storrs. Er versichert uns, in der Schule werde keine Politik getrieben werden. Mancheiner mag da im Stillen gekachelt haben. Weiß die Geschichte der Schule doch bereits mehr als genug von Politik zu erzählen. So der Streit wegen der Unterrichtssprache:'hebräisch, arabisch oder englisch. Auch Storrs' selbst dementierte seine Worte sogleich, indem er hiuzufügte, das Gerücht, dir Zionistische Kommission sei gegen die Schule gewesen, entbehre jeder Begründung, was, ins Jerusalcmitische übersetzt, heißt, daß koch etwas daran wahr gewesen sein muß. Ter zweite Teil des Programms schloß mit der „Hatikwah". Darauf: „Good save the King". Doch was sehe ich? Mehrere Notabeln, die bei der Hatikwah sitzen geblieben waren, stehen jetzt auf. Diese Politik: Bölkcrstreit, .sprachenkampf, Kampf der Lieder! Noch nach Tagen spricht jeder über diesen Zwischenfall. Auch Fräulein Landau, Bianchiui und Bentwich waren-— wohl auf einen Wink des Generals Money -- sitzen geblieben, ebenso General Storrs. Fräulein Landau gibt Doimerstag eine Einladung. Da sie nicht aufgestanden war, wolleit mehrere Zionisten ablehneu. Storrs sieht das als' Affront gegen seine Person an. Er habe vorerst Jerusalem nicht als jüdische, sondern als türkische Stadt unter englischer Besetzung zu leiten. Er und seine Offiziere werden kommen. Auch ich werde hiugehen, du Fräulein Landau nicht anders handeln komitc. Sie ist nun einmal keine Zionistin. Ich bedauere Ucs besonders um des Misrachi willen, denr sie so sehr hätte nützlich sein können. Man erzählt übrigens, Fräulein Landau wolle dentnächst auf Einladung der orthodoxen Nichtzionisten in Zürich nach Europa fahren. Die Zionisten .besannen sich und kamen, und das Fest war ein sehr schönes. Wir warten auf die Beschlüsse der Friedenskonferenz. Sicherlich wird uns das Land so 'leicht nicht gegeben. Eines steht jedoch fest: wir brauchen Einheit im Innern, charakterfeste Ehrlichkeit nach außen. In Palästina brodeln zahlreiche jüdische Probleme, u. a. auch das religiöse. 'Im „Hcncdelsblad" las ich chber die Weltkonferenz der orthodoxen jüdischen Organisationen in Zürich. Man verhandelte dort auch die Palästinafrage, und dabei ivaren nicht einmal die vier für eine Landsmannschaft erforderlichen'Delegierten aus Palästina anwesend. Wer ivaren diese Delegierten? Warum war die orthodoxe Organisation Misrachj nicht eingeladen? Wenn keine Einigkeit hergestellt wird, dann ist die Sache des jüdischen Volkes verloren. Ei« Hilferuf jüdischer Kriegsgefaugeuer iu Sibirieu. „Jewrejskoja Jisn" in Irkutsk bringt über das Schicksal der .jüdischen Kriegsgefangenen in Sibirien einen Artikel, aus dem hier folgendes wiedergegeben sei: „Die Gesamtzahl der kriegsgefangenen Jüden" in Sibirien beträgt mindestens 5000 Personell. Ihre Lebensbedingungen sind ungewöhnlich! schwer^ Die Kost ist unzureichend, warme Kleidung ist nicht vorhanden. Dabei sind sehr viele der Kriegsgefangenen — unter ihnen gibt es ca. 1500 Offiziere— zu Hause vermögende Leute und wären, wenn eine Verbindung mit der Heimat bestände, wohl in der Lage, auf jede Hilfe von außen zu verzichten. : . In einer Reihe von .Lagern gab es Kundgebungen des größten Antisemitismus. Unter den Verhältnissen der Gefangenschaft wirkten sie auf die Kriegsgefangenen noch stärker als 'die materiellen Entbehrungen . . Wir, die wir Staatsbürger der österreich-ungarijchen Monarchie waren, haben mit dein Zerfall-des Staates buchstäblich den Boden unter den Füßen verlören uno sind in jeder Beziehung Entwurzelte.