Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 30 (1.8.1919)
- Date
- 1919-08-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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FrankfurterLfraettttsches Familienblatt FrankfurterLfraelittsches Familienblatt jiiiHmiiiiiuiHHiiiiiiiinTiiTumwuiwuiiiiiiiiiiHiiiiiiimiiiiiniii. | Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugsprets pro Viertel. | j fahr: In Frankfurt a.M. Mk. 4.95 frei ins Haus. Lei der Post : : abonniert Mk.4:üO,ftei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Lei j; Zusendung durchGtreifband furDeutschland undüsterrekch-llngarn j i Mk. 2.25, für alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 20pfg. : .....j Redaktion und Expeditton: Frankfurt a.M.,Langefiraße 1 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis ainmtiiimHiiiimiiHniimiimimiiiimiiiiiiiiiiii imimiunmm. I Insertionspreis für die sechsgespaltene petiizeile 70 pfg., für > : die Illeklamezeile Mk.L.—. Lei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz, und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / : : Annonren-Annahme bei der Exped.und in aAnnoncen-Äureaus. \ \ Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.-M. unter Är. 4864. : 17. Jahrgang. Freitag, de« 5. Aw 5679 (1. AuglrstI919j Nr. 30. An «usere Leser! Mehr als je ist's -die Pflicht jedes einzelnen Juden, sich über die jüdischen Gegenwartsprobleme zn orientieren. Tie Kolonisation Palästinas, der N e u a u f b a u des j ü d i s ch e n G tmeindelebens, die Bekämpfung des mächiig anschwcllenden Antisemitismus, oie Zukunft dcr Juden in den östlichen L ändcrn sind Fragen der Zeit, die eine neue Epoclje des Judentums einleitet. Die „Neue Jüdische Presse" ist, wie die bewußt: Umwandlung ihres Namens besagt, ans eine neue, breitere Grundlage gestellt worden. Der Beitritt einer Reihe wertvoller Mitarbeiter hat sie in die Lage gesetzt, über alle Fragen grundlegend zn orientieren. Tic Durchführung ihres Programmes »erlangt die Erweiterung ihres 'Leserkreises. Wir bitten alle unsere Leser, in ihrem Freundeskreis auf die Bedeutung unserer Zeitung in ihrer jetzige,: Forin aufmerksam zu machen und ilir Abonnement zu propagieren. Trotz der Ungunst die' ZeitverhäNmsse ist der Abonnementspreis der ulte, mäßige geblieben. Zum Abonnement genügt eine Karte an die nächste Postanstalt, in Frankfurt an die Geschäftsstelle der Neuen Jüdischen Presse, Langestraße 7. Antisemitismus. Ueberall Drohungen! Werberufe gegen uns. Alle Mittel der Propaganda Hilfsmittel der Hetze. Vereine und Versammlungen, offene Ansprachen und Verabredungen geheinrcr Konventikel, Schriften und Plakate, Leitungen und Broschüren, alle Mittel der Beeinflussung de>r -öffentlichen Mcimuig werde» in den Dienst der Leidenschaft, des Hasses gegen die Juden gestellt. Die sixe Id« beherrscht die Führer, sie soll in das Hirn der Masse eingeprägl werden: Allles Unheil kommt von den Juden. Alle Erscheinungen der Zerrüttung werden mit der Judcnsrage verknüpft, nichts gibt es an Verfall, Verbrechen, Verschulden, was nicht mit Jiidenunwcrt zusammenhinge. Die. Judenfragc wird ihnen zum ausschlaggebenden, zum innersten, zum einzigen Problem der Reinigung, Erneuerung des Volkslebens. Und darum predigen sie Haß. Dem Juden soll sein Recht genonimen werden. Er hat, stne es in einem Flugblatt heißt, cs verwirkt, Mitglied der Volksgemeinschaft zu sein. „Erinnert Euch an Rußland. Ihr deutsche Inden!" Soll das uns schrecken? Wir müssen über die hohlen Drohungen. deS Tags hiuweggehen. Unser Schicksal ist älter, als daß durch Geschrei unsere innere Sicherheit berührt werden könnte. Ihr schieckt uns nicht. Wir erinnern uns. Wir erinnern uns der Ausschreitungen, die Tat gegen uns geworden sind, der Bedrückungen und Vertreibungen, Verletzungen und Beraubungen. Haben sie unsere Kraft' erschüttert? Der Stamm blieb fest, die Kraft wuchs statt zu erliegen. DaS Jahr mußte den Haß bringen. Aller Bodensatz des Charakters wird aufgerührt, der Sturm treibt die Geister unerbittlich ans dem Meer der Geschehnisses Ideen von grundstürzender Umwälzung reißen sich um die Herrschaft. Da erwachen wieder die alten Instinkte von Kampf und Haß und immer wieder stellt sich feindlich vor die Empsindung des Gleichgearteten oer Eindruck des Anderen: Daß Nichtverschmelzen, NichteinswerbenwÄlen/ -MHtaufhöWckLylen ist . das Fremde, Ananflösbare, Andersartige, Feindlühe. Stößt sich daran der ■■■■■ Wille, so scheint der Grund des Widerstandes offensichtlich. Das Fremde bildet ihn. Es erscheint von vornherein feindlich. Der Wille der Masse, nichts anderes zu dulden, als sich selbst vervielsälttgt, als sich selbst in gleicher Art, der Wille, zu .vereinheitlichen,, gleich zu werden, zu nniförmiereu vou den Ideen über Gotr und Welp hinab bis zur Sprechweise und Trinksitte, hier bricht sich der Wille. Hier ist der Eckstein der Eigenart, hier ist die Grenze der Kraft, hier bleibt Selbstständigkeit, Anderssein, hier stellt der Jnstintt den Feind. DaS ist so seit 2000 Jahren. Wenn die Stürme über die Völker brausen, wenn die Völker ringen, niedergeschlagen werden und Niederschlagen, fesseln nutz, gefesselt werden, sprüht auch der Judenhaß Funken. Die Not oer Zeit verlangt die Entladung, den Schuldigen. Er ist der ewige Sichsclbstbleibende, der ewige Jude. Nach den Befreiungskriegen ginge» Schmählieder durch das Volk, über die Bühnen Hohnstücke. Verachtung und Verhöhn,ig anschivelletld. Ein ordentlicher Professor der Geschichte an einer deutschen Universität verlangt Vas Ghetto, den gelben Fleck. ES wäre erstaunlich, loenn aus deni Zusammenbruch der Mitte Europas und seines Ostens nicht gleiche Flammen emporgeschlagen wären. Wir bleiben unbeirrt. Ueber den Hohn hinweg sehen wir in uns, über die Drohungen in die Zukunft. Euer Tagesgeräusch kan» uns nicht schrecken.' Doch, bleibt dies die Grundlage unserer Erkenntnis, so hat diese doch auch gegen uns die Waffen zu führen. Doppelt Pflicht wird uns innere Stärke, ivollen wir den Streit nach außen wirksam fiihren. Und so geht gegen uns die Frage: Haben wir Fehler, haben wir andere Fehler als die Mehrzahl der Volksgenossen, hatten ivir stets Fehler, hatten »vir Htzts andere Fehler als die Gruppen um uns? Wir brauchen uns nicht reinzuwaschen von all dem Unrat, den man wie jahrhundertelang so jetzt über uns ansgießt. Contra Apionem braucht nicht wiederholt zu werden. Wir sehen es überall, wie die Laster des Materialismus das Volk verheeren, Schrankenlosigkeit, Gelderwerb auf alle Rechtswiocigkeiten und Verfehlungen hin, Gclüausgaben für sinnlose, für unverstandene Genüsse, sittlicher Berfall.'^-Wir sind auch stark zersetzt von diesen Einflüssen. Wir sind in Vielem ein Führervolk. Wir wollen nicht auch hierin ein Führervolk werden. Der Haß soll nicht da sein Recht finden, wo die Zersetzung unserer inneren ttra't Fäulnis hervorrufl. Hier besteht das Feld unserer Wirksamkeit. Kampf gegen den Materialismus' in unseren Reihen. Der Kern unserer Kraft war nie ein materieller. Nicht Zahl, Macht, Geld. hat uns erhalten, sondern Inneres, Geistiges, Sittliches, Es muß so stark werden in der Gesamtheit, daß es die einzelnen den Einflüssen per Unwelt entteißen kann, daß es gegenüber den Schwankungen, die das Wesen der Völker taumeln lassen, den Hält gibt, der die Beständigkeit verbürgt. Dies gibt uns auch die Grundlage für unsere Stellung zu den Bewegungen der Völker, in deren Mitte wir leben. Auch wenn wir alle Pflichten, die mrs unser Bürgerrecht, die uns unser Anteil an: Staats- .und Volksleben auferlegt, erfüllen, können wir nicht, wollen ivir nicht wesensgleich werden. Wir finden aber in unserer Selbständigkeit den Grundsatz, der uns Richter ist für unser Auftreten. Wir müssen uns den Kräften anschließen, die das Recht aller verkünden, die selbst gegen Unterdrückung und Vergewalttgung einzelner Bolksteile kämpfen, die es anerkennen, daß nicht nur religiös jeder nach seiner Fasson selig werden kann, sondern daß auch die Ausrechterhaltung der nationalen Eigenart jeder Gruppe deren Recht bedeutet, daß die Unterdrückung des nationalen Strebens, die Gehässigkeit gegen die nationalen Eigentümlichkeiten lleinerer Gruppen Unrecht sind, Schädlinge sind, ,jm Bolkskörper. Einfluß auf diese Bewegungen müssen wir zu gewinnen suchen nicht durch materielle Mittel. Wir müssen nicht meinen, daß wir durch Geld, tmrch Beziehungen, äußere Mittel die Seele des Volkes nachhaltig zu beeinflussen imstande seien. Wir sind zu schwach an Zahl. Unsere Geldmittel können den Vergleich mit denen der gegen uns kämpfenden Kräfte nicht aushalten., Doch die Idee, die wir vertreten, trägt »ms mit, wem» wir sie in den Geist der Massen tragen. Und weiter müssen wir erwägew, daß ein restloser Ausgleich nicht möglich sein wird. Wir werden auch in Zukunft nicht, assimiliert werden. Wir können nicht erwarten, daß eine restlose Harmonie in absehbarer Zeit die Völker erfaßt. Solange die Menschen Menschen sein werden, wird sich die Spannung der dem Wesen nach Verschiedenartigen auszudrücken suchen. Und wenn die alten Grundlagen erschüttert sind, wenn Religions-Fein-- schaft als nichtig erkannt ist, weiü» die Gedanken des nationalen Chauvinismus und der überspannten Rassen» Theorien als Jrrtun» und Blendung erkannt sind, dann werden andere Jrrtümer ihr Erbe antreten. Die Eigentümlichkeit des menschlichen Wesens, Andersartiges als Gegensätzliches, als Feindliches zu -empfinden, wird immer wieder ihre theoretische Rechtfertigung suchen und finden. Uns kümmert nicht die künftige Rechtfertigung. Doch ivenn wirint Wandel der Zeiten das Gleichariige sehen, im Wandel der Begründung den festen Kern, jo zeigt dies uns den Weg zur Erkenntnis. Ueber die Schwankungen des Tags hinweg unser Wesen zn erkennen, einznsehcn, daß wir eine Gemeinschaft eigener Art bilden, daß die'Kräse, die einst die Nation geschaffen haben, geistig kaum verändert fortleben, daß unser Wille zur Nation sich durch oie Jahrhunderte erhalten bat, daß unsere Kraft zur Nation einer Wiederbelebung entgegen geht. Diese Kräfte müssen wir erhalten. Hier ist der Quell unseres Widerstandes, unserer Existenz, unserer Zukunft. Die nationalen Eigentümlichkeiten, den nationalen Geist zu erkennen, zu pflegen, zu vertiefen, hier Kräfte fördern, hier Erneuerung, Verwirklichung herbeizusühren, ist die stärkste Sicherung unserer Existenz. Der Judenhaß läßt sich nicht von außen bekämpfen. Man kann nicht gegen Windmühlen anrennen. Wenn die Empsindung die Grundlage der Meinung ist. und gerade wenn sie einschlechte »ind verwerfliche ist, so kämpft Logik vergebens. Bon denen, die nicht verstehen wollen, sagt EnripideS, daß man ihnen wohl die Seele widerlegen könne, aber nicht die Zunge. Die Zunge, die sich gegen uns wendet, wird auch in Zukunft nicht, verstumme», mag sie zn Zeiten mehr in förmlicher Rede sprechen, zn Zeiten sich in wilden Verwünschungen äußern. Nur durch Arbeit von innen her, durch die Arbeit an uns. d-nrch die Kräftigung, Besserung unseres eigenen Wesens können wir erwarten, Widerstandskraft gegenüber den Anfeindimgen zu behaupten, zn vermehren Die Pflege unserer Eigenart ist Kampf gegen den Judenhaß. , H. E. Ostjuderrsragen. Ter ./Verband der O st j u d e n in Deutsch - »d" (Berlin, Gormannstr. 23) erläßt einen- Aufruf. alle Ostjuden im Reiche, ar»s dem mir folgendes-