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Neue jüdische Presse · 1919-07-25 · Heft 29 (25.7.1919) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 29 (25.7.1919)
Date
1919-07-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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€ette 2. : - _; v'. ‘' Conditorei and Cafe Wilhelm Wendel Ifen renoviert nnd vergidnert. IT Ell»t EWU : , Man mag es beklagen, ,und -ich' selbst bedauere cs »licht zun: wenigsten, daß etwa neun Zehntel der deutschen Judenheit heute /in ihrer Lebensführung nicht mehr aus den: Boden des überlieferten Judentums steht; aber man muß sich in den -Aufgaben der Erziehung mit dieser Tatsache abfinden. Es wäre ein irriger Glaube, anznnehmen, daß die Erfassung der Söhne und Töchter liberaler öder religiös mittelständlcrischer jüdischer Familien einem Verbände gelänge, der das Bekenntnis zum traditionellen W Judentum oder auch nur den Willen zu diesem Bekenntnis für seine Mitglieder zur Voraussetzung machte. Mau würde die Masse der jungen Juden in Deutschland ohne organisatorische Zusamnienfassung und damit ohne Fühlungnahme mit dem Inhalte der jüdischen Religionslehren, der jüdischen Geschichte und der jüdischen Gcisteswissenschaft lassen Müssen oder würde.viele von ihnen den: religiösen Liberalismus in die Arme treiben, falls man “ statt der Worte „bewußtes Judentum" im Verbandsstatut etwa die Formel „Bekenntnis des überlieferten Judentums" gewählt hätte. Man wird vom Standpunkt des Tradirionsjnden aus den Begriff „bewußtes Judentiiiu" als ein Minimum von religiösem Bekenntnis anffasien dürfen; aber man “freue sich darüber, daß sich die Masse' che^ jüdischen Jugend in Deutschland endlich einmal freudig und in spontaner Begeisterung zu diesen! Bekenntnis der jüdischen Religion,, zu dem. Verlangen nach verticsster jüdischer „Religiosität", wie sic die Leitsätze des von mir behandelten religiösen Themas forderten, - bekannte. Es sei zugegeben, daß das wahre Wesen dcS Judentums, die Art, Form, der Inhalt von jüdischer Religion, jüdisch-religiösem Gefühl und jüdisch-religiöser Betätigung,“ die das Bekennen zum „bewußten" Judentum voraussetzt, recht vielen unserer jungen. Freunde ini Jugendverband heute noch nicht klar sein mag, daß insofern das Wörtlein ,/bewußt" etwas phrasenhaftes in sich trägt. Aber mit Verlaub, Ihr Herren Zionisten: an dem Zustandekommen dieser Formel vom „bewußten Judentum" seid Ihr nicht ganz unschuldig, nnd mich dünkt, den Vertretern des Zionismus müsse sogar die Priorität in der Anwendung dieses Wortes vom „bewußten Judentum" zuerkannt werden. Da scheint mir denn, daß sich der „neutrale" Jugendverband doch heute in seiner Gesamtheit schon zu etwas größerer Klarheit darüber, was er unter dem „bewußten Judentunr" versteht, durchgerungen hat, denn die Masse der Nationaljnden. Nur der Misrachi-Gruppe innerhalb des Zio- ° nismns ist es bei ^Anwendung dieser Formel vom „bewußten Judentum" um das “Bekenntnis zum Juden t u m, d. h. zur jüdischen Religion, zu tun, während gar viele ' Nicht-Misrachisten — und das ist ja wohl die Mehrheit der Zionisten — darunter nur das.Iwde sein im Qberbewwßtsein, einen weiten, politisch-kulturellen Begriff, versteht. . Ter neutrale Jüdische Jugendverband hat es auf feiner diesmaligen Tagung mit aller Deutlichkeit ausgeMochen, daß er bas Bekenntnis zur jüdischen Religion und den Willen, das religiöse Gefühl in der Brust des Einzelnen zu beschwingen, von seinen Mitgliedern programmatisch fordert. Wir gesctzestreuen Zuden innerhalb des Jugendverbandes hegen die Hoffnung, daß es uns gelingen wird, durch unsere Zusammenarbeit mit den seither religiös “Gleichgültigen oder liberal Gerichteten und durch vorbildliches Vertreten und lieben unserer eigenen Anschauung von der Verbindlichkeit des überlieferten Judentums zunächst einmal Achtung und Ehrfurcht vor eben diesem Tradtionsjudentuin bei der anders gerichteten Kreisen kommenden Jugend zu wecken. In der Zeiten Laufe, so hoffen und wünschen Wir, mag sich dann wohl manch einer von ihnen ' ^dessen bewußt werden, welche Beglückung durch das /freudige Bekennen zu diesem überlieferten Judentunr dem einzelnen Juden geboten wird und mit feinem ganzen Sein dieses Glück suchen und finden, r' Wenn aber immer wieder behauptet jwird, das Juden» J am, b. h. also die. jüdische Religion, lasse sich -ohne ein ganz bestimmtes Bekenntnis, entweder zur gesetzestreuen oder liberalen „Richtung", nichx lehren, so halten wir dem entgegen, daß für her Praxis der Erziehungsarbeit Hiesc Alternative sich innerhalb unserer 'Jugendvereine selten aber nie herausstellte und auch künftighin kaum ergeben dürfte.. Bei der Pflege des jüdischen Schrifttums^ - '. Reue Jüdische Presse. wie sie in unseren Vereinen geübt wird, dürften Schwierigkeiten erst in dem Augenblicke erwachsen, wenn Mischnah nnd Genrarah unter die Bildungsfächer einbezogen werden. An diesen beteiligen sich jeiveils' erst aic Gereiften und als religiöse Persönlichkeiten Fertigen unter unserer Jugend, die sich ihrerseits bereits zu einer bestimmten Stellungnahme hinsichtlich ihrer religiösen „Richtung" dnrchgerungey haben. .Bei der Lehre der jüdischreligiösen Schriften dagegen, soweit sie nur Tenach umfassen, ist eine bekcnntnismäßige Stellungnahme von seiten des Lehrers und der Schüler nur ausnahmsweise notwendig nnd läßt sich selbst von einem liberalen Dozenten bei einigem Takt so gestalten, daß das religiöse Gefühl des-Einzelnen nicht verletzt >vird und. das Wissen unbeschadet der Uebcrzcugung gefördert werden kann. Wenn aber Zweifel laut werden, wo nur der Glaube weiter hilft, dann wird man beim „neutralen" Jngendverband in der Tonart wohl weniger'streng, dem Sinne nach aber nicht anders antworten als die Agudisten und Wisrachisten. Wir tutt's “in der Regel mit dem ' Worte Chamissos: -„Der Zweifel ist des' Wissens Grenze, die nur der -blinde Glaube überschreitet." Wenn aber trotzdem ein Teil der Vertreter des agndistischen Standpunktes befürchtet, die jungen Juüen ans gesetzcstreu lebenden Familien möchten in ihren von Hause aus überkonnnencn Anschauungen von den jüdischreligiösen Pflichten durch das Zusammensein und das unliebsame Vorbild religiös anders Erzogener geschädigt iverdcn, sosei mit allem Nachdruck darauf hingewicsen, daß döc § 2 Hesl-Verbandsstatuts in seiner jctzigcir Fassung die bestimmte Forderung enthält: - „Bei den Veranstaltungen des Verbands darf nichts -geschehen, was gegen das jüdische Religionsgesetz verstößt." Die Praxis des VcrcinSlcbens in unserem neutralen Verbände ivird also in der Regel auch beit Forderungen streng konservativer Kreise genügen, wenn sich erst allerorts die gesetzeStrenen Juden entschließen, ihre Söhne und Töchter in die „neutralen" Vereine hineinzuschicken; >vo sie es nicht tun, tragen sic nach dem jüdischen Reli-.' gionsgesetz die. Hauptschuld daran, lvcnn trotz der -Fassung de-5 Verbandsstatuts die Führung einzelner Vereine mit den Anschauungen der Gesetzestreuen nicht im Einklang stehen sollte. Nur in wenigen, aber unerläßlichen Sätzen möchte ''ich noch dartun, inwiefern die Partei-Organisationen der jüdischen Jugend die rein menschliche Entwicklung, die Allgemeinbildung unseres Nachwuchses schädlich zu beeinflussen geeignet sind. Indem jedd Organisation ihrerseits neben der von ihrem Partcistandpnnkt aus gebotenen, Sonderausgaben auch noch die allgemeinen Bil- . dnngsfächer in ihren Arbeitsplan glaubt aufnehmen zu müssen, hat “fidj im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte! (seit sich die verschiedenen Parteigruppen innerhalb der jüdischen Jugend entwickelt haben) eine bedenkliche Oberflächlichkeit bei der Masse der Jugend hcrausgestcllt. Den rein bildenden Einrichtungen innerhalb-der Vereine wird, was psychologisch für den Kenner der Jugend begreiflich, wenn auch höchst bedauerlich ist, die Masse der jungen Menschen, sich nur dann zuwendcn, wenn sic sieht, daß eine große Anzahl ihrer Altersgenossen nnd Freunde sich an der Pflege des gleichen Wissensgebietes beteiligt, nnd wenn zugleich die besten, begeisterndsten Lehrkräfte für die Vertrettmg dieser Bildnngsfächer aufgebotcn loerden können. Bei der Zcrsplittcrrurg -per Jugend infolge der Grnppenbildungcn und dem hierdurch notwendig gewordenen besonders großen Bedarf an Lehrkräften für die gleiche Aufgabe an verschiedenen Stellen konnte bei den einzelnen Gruppen die Zahl der Teilnehmer an jüdischen nnd nichtjüdischen Bildungsfächern nur relativ gering und die Art der Lehrkräfte nicht immer hervorragend sein; cs sei in diesem Zusammenhang beispielsweise nur auf die schlechte Teilnahme der jüdischen Jugend fast allerorts an den hebräischen Sprachkursen hingewiesen. Dadurch mußte der Bildungs-Standard unserer Jugend immer mehr zuruckgchen. Zur “Fesselung der jungen Juden mußten immer mehr aktuelle, d. h. in diesem Falle sensationelle, die Bildung wenig oder nicht fördernde Fragen herangczogen werden. Einzig die Pädagogen 'und Führer in den verschiedenen Lagern der 1/brnehmes Variete-Kabarett uadBallhaus. , - ■ -_ Nr. 29 Kaffee Kaiser garten am dpernplata Erstklassiges Familleit>Kaffe e Täglich Ton 4 Uhr* ab : Künstler - Konzert«' jüdischen Allgemeinheit Deutschlands haben bisher Angesehen, wie sinnwidrig aus besagten Gründen sich bije Jugendpflege nnd ihr Ergebnis in letzter Zeit gestaltet hat. Daruni schließen wir diese Ausführungen, die die Stellungnahme überzeugter Vertreter des Neutralitäts- Prinzips in der Erziehung unserer jüdischen Jugend wiedcrgebcn fallen, mit dem dringenden Wunsche und der ernsten, mahnenden Anregung: Führt die Jugend aus Kreisen aller jüdisch-religiöse» und jüdisch-politischen Lagern zum „neutralen Jugendverband", wo sie sich, unbeschadet ihrer einstigen “bekenntnismäßigen religiösen Ueberzeugung als gegenseitig sich ansenernde Masse Wissen “um das jüdische Schristtuni, Stärkung ihres Willens zur Religiosität, Vertiefung ihres sittlichen Willens nnd allgemeinen Wisscndurstcs, Kräftigung ihres Körpers, durch Sport, Spiel nnd Wandern aneigncn soll, und wo sie zugleich im Zusammenschluß denr Gedanken der “jüdischen Brüderlichkeit, de» Zusammengehörigkeit und der Verbindlichkeit aller Juden dient. Uno so Ihr es fü!r nötig haltet, bereits de» Jugend die Anschauungen “der einzelnen parteireligiösen und parteipolitischen Gruppen innerhalb der Judenheit beiznbringen, so fut es, aber beschränkt die Tätigkeit in den jugendlichen Partcivereinen ausschließlich auf die Pflege, die Erörterung dieser Parteifragcn. Annahme der zionistischen Forderungen durch die Friedenskonferenz. Der Londoner Korrespondent des Jüdischen Preßbüros in Stockholm drahtet: Aus zuverlässigen Quellen erfahre ich, daß die zionistischen Vorschläge inbezug aus Palästina von de» Friedenskonferenz mit . ganz leichten Abänderungen angenommen worden sind. Zur Lage in Rumänien. Eine ans Rumänien in Wien cingetroffene jüdische Persönlichkeit gab der „'Wiener Morgenztg." folgenden Bericht: Die gesamte rumänische Ocffentlichkcit verhält sich gegenüber dem sogenannten „Judcnpnnkt" im Frieoensvertrag ablehnend. Sogar die sogenannten liberalen Kreise sind für die entschiedene Zurückweisung jeder Kontrolle durch den Völkerbund hinsichtlich dcS Minoritätenschutzes. Vratian» will nach wie vor nichts davon hören. Trotz oder dank dieser intransigenten Haltung in der Frage des Minoritätcnschutzcs läßt sich in der letzteri Zeit eine bedeutende Erleichterung in bezug auf die Erlangung des Bürgerrechtes seitens der Inden konstatteren. Vor kurzem erließ nämlich die Regierung ein Dekret, lvonach die Erreichung der Staatsbürgerschaft für die Juden in Runiänien bloß von der Abgabe einer feierlichen Erklärung abhängt, daß der Bewerber in Rumänien geboren wurde und niemals fremdländischer Untertan war. In Bessarabien?ann jeder Jude ohne Schwierigkeit die rmnänische Staatsbürgerschaft erlangen. Was diewirtschaftliche Lage der Juden Rumäniens anlangt, so muß sie als ungünstig bezeichnet werden. Speziell ist dies bei den bessarabischen Juden der Fall, da dieses Land sich noch iminer pnitcr militärischer Verwaltung befindet, die der Volkswirtschast große Beschränkungen auferlegt. Angesichts dieser Lage ist es auch erklärlich, daß sich unter den breiten Schichten der jüdischen Bevölkerung die Tendenz zur Emigration — besonders nach Palästina — zeigt. - Das Wahlrecht der Frauen. Professor Dr. D a v'i d Hoffman», der Rektor des Berliner Rabbinerscminars, veröffentlicht in der Monatsschrift „Jeschurun" ein Gutachten über das Wahlrecht der Frauen im jüdischen Gemeindcleben. Auf Grund der talmudisch-rabbinischenn Bestimmungen kommt er zu der Entscheidung, daß den Frauer^ kein passives Wahlrecht eingeräumt werdckn darf. Das“ aktive WaL frecht dagegen könnte den Frauen, sobald, ein Beschluß der Gemeinde darüber zustande gekommen Zst z u-g e billigt werden.

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