Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 28 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Leite 5. Rr. 28. Schildermalerei u, Weissbinderarbeiten Philipp Trauner Textorstr^sse 68. Telephon Römer 5778. Men. Im ©enteilt berat iuteipeüierte Dr. Plaichkes wegen der Pogromhetze in Wien, hinter der reaktionäre Kreise stehen, Kriegshetzer imb Kriegsverlängerer, die nun die Inden füjc alles Unglück verantwortlich machen. Bürgermeister Nenmann beantwortete die Interpellation sofort ittttb vernrieilte die Hetzpropaganda in schärfster Weise. — Nach einer Meldung der „Poln. Telegraphenagentur" habe die B n d a p e st e r Polizei etiva 5000 a a l i z i ftt> e Inden verhaftet nttb ihr G e l d,'b e s ch l a g - nahmt; sie sollen ans Budapest ab gesch o ben werden. Wer polnische Konsul habe energischen Protest eingelegt vor cülen Dingen Zurückerstattung des Geldes » verlangt. Stanislau (Galizien) Der von der Regierung zum KultuSPrästdenten ernannte Assimilant ©erichtsrat N e b e nza hl legte als Protest gegen die polnischen Ausschreitungen in - einem Schreiben an den Bezirkshau.ptntantt sein Amt nieder, da er, „ein aufrichtiger Pole und Demokrat" zu der Ueberzeugung gelängt sei, „das. die jüdische Bevölkerung auf polnischem Boden nicht mehr unter dem Schutze des Gesetzes stehe, daß, nicht einmal die Religion und die einsachsten Menschenrechte geschont inerben." Warschau. „Gazetta Poranna" veröffentlicht^ einen Aufruf in polnischer, französischer und englischer Sprache an die Soldaten der Haller Armee, den. Juden nicht Mehr die Bärte abzuschneiden. Im Aufrufe heißt es: „JmDiamen aller in Warschau stationierten Kameraden erklären wir, daß unsere polnischen Kameraden, die aus Amerika und Frankreich stammen, den Juden gegenüber wirklich sehr tolerant gestimmt sind, trotzdem sie den Wucher und den Schimitz, der bei einem Teil der . polnischen Juden herrscht, nicht gewohnt sind." Daß solche Anfälle nichts anderes find als^eine niiverhullte Hetze gegen die Juden, ist klar. Warschau. Die Abordnung der assimilatorischen Juden in Polen — Führer: Stanislaw Natanson'— ist ohne irgendwelche Ergebnisse aus Paris zurückgekehrt. — Gräfin Krasinski schenkte der jüdischen Gemeinde ein Haus als Zeichen des Protestes gegen die Pogrome. DewbU» (Polen). Sechs Jüdinnen — darunter vier Schwestern — wurden apf dem Weg in die benachbarte Stadt von Soldaten überfallen, geschändet und ertränkt. Der jüdische Lcmdtagsklüb hat zur Untersuchung des Falles Abg. Dr. W einzieher nach hier gesandt. London. Ormsby Gore richtete im Parlament eine Anfrage an die Regierung, ob sich bei den Ausschreitungen polnischer Truppen gegen die Inden in den Gebieten, die der Kontrolle der polnischen Regierung fernliegen, englische Offiziere befunden haben. Unterstaatssettetär. Harms wort erwiderte, er sei nicht informiert, denke aber, daß englische Offiziere bei diesen Truppen nicht waren. New Aork. Die jüdisch en Arbelter New N orks werden tzu gleicher Zeit in dreißig Massenversammlungen eine Resolution an Wilson beschließen, die bei weiteren Pogromen die sofortige Einstellung der Lebensmittel- und fonstigen Einfuhr nach. Polen und Polens Behandlung als feindliche Macht verlangt, sowie Festsetzung der Pogromschäden durch eine jüdische Konmiisfion. Neue Jüdische Presse. Aus der Misrachi-Bewegimg. In eigener Sache. Die letzte Nummer der Berlincr „Jüd. Presse" bringt folgende Notiz: „Dir werden von verschiedenen Seiten darauf aufmerksam gemacht, daß in dem Passus unseres Programmartikels (Nr. 27 der „Jüd. Pr."), der sich!mit den jüdischen Zeitungen beschäftigt, nicht erwähnt worden ist, daß die „Neue Jüdische Presse" schon lange den Gedanken des MiSrachi ivirkungsvoll vertritt. Wir erkennen durchaus au, daß die „Neue Jüdische Presse" mannhaft und geschickt -für unsere nationalreligiöse Idee kämpft. Was unserer Organisation aber fehlte, war, wie wir bisher misfiihrte», ein ihr unterstehendes Organ, während die „Neue Jüdische Presse" von ihr unabhängig ist. Das freundnachbarliche Verhältnis zu diesem Blatt wird natürlich weiter aufrecht eryauen." - Perjimatte« u. kleine Mttieiluuge». Karlsruhe. Dcr „Landesverein zur Erziehung ist. Waisen in Baden" vereinnahmte im vergangenen Jahre 60 350 Mk. Mitgliederbeiträge und «-cheulungeu und verausgabte au Verwaliungs- und Verpslegungskosten 25 77t Mk. Sein Vermögen beträgt 416170 Ml .Der Verein ließ am Ende des Berichtsjahres 130 Kindern seinen Beistand angedeihen. — In Itiliugeu beging Josef Herz sein 25jähriges I n 6 i I ä n nr als Lehrer der dortigen Genreinbe. München. Dr. Eugen Gärtner, geb. 1885 in Schweinfurt, 2. Rabbiner in Dresden, ist nach hier als 2. Rabbiner berufen worden. Breslau. Professor Dr M Brunn. Dozent am Jüd.-Theolog. Seminar und Herausgeber der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums, beging am 9. Juli den siebzigsten Geburtstag. Graudenz. Kvmmeiznw at Heinrich Betgard, Vorsteher der jüd. Gemeinde usw., beging den siebzigsten G c b u r t s t a g. Kattowttz. Der „Verband der Rabbiner O b er s chles i e ns " wählte an Stelle des zurückgetretenen Dr. Kopfstein-Bcuthen Dr. Santz-Hindenburg zum Vorsitzenden. Pelersburg. Abraham Elias Harkawi. der bedenteiibste jüdische Gelehrte der .Gegenwart, ist — Kl Jahre alt — verschieden. Harkawi' war im zaristischen Rußland der einzige Jude, der ein hohes öffentliches Amt bekleidete. Da er sich nicht taufen lassen wollte, wurde er von der Stelle eines llniversitätsprosessors für orientalische Sprachen verdrängt, dafür aber znm Direktor der kaiserlich russischen Bibliothek ernannt. Europäischen Ruf erwarb er sich hauptsächlich durch zwei Werke, von denen das eine das Verhältnis der Juden zu den slawischen Sprache» behandelte und das andere Fälschungen karabisch» Grabdenkmäler aufdeckte. Die Karäer' wollten nämlich durch Fälschung von Grabdenkmälern beweisen, daß sie als ein eigener Bolksstamm lang vor den Juden bereits in Rußland gesiedelt haben, um sich dadurch von den Juden, ihren Blutsverwandten, in ihrem Ver- ---------- Arhadia’s Künstlerspiele ------ und — -------- Arkadfa-IMele Kaiserstrasse 69.Telefon: Hansa 5516. ■ Die ersten Künstler spiele am Platze. Ohne Bewilligung. Eine Gheiiogeschichte von Leopold Kompert. (Fortsetzung.) . Nesek bejahte es und holte die Bittschrift. Der Student nahm sie zur Hand und begann darin zu lesen. Kaum war vr aber über die ersten Zeilen, als er in ein lautes Gelächter ansbrach. Resel erschrak und fragte ihn, warum er denn lache und (ob er was Unschickliches darin gefunden habe. „Wer hat denn die Bittschrift aufgesetzt?" fragte er noch immer lachend. „Ein Kanzellist vom Magistrat." „Und Mit der Bittschrift wolle» Sie zum Kaiser gehn??" „Warmn nicht?" „Weil man Sie mit der Bittschrift hiimuswirft beim - Kaiser." Das konnte aber Resel nicht glauben; sie hielt sich für versickert, daß der Kaiser jede Bittschrift, sie laute . wie sie immer wolle, gnädig aufnehme, wenn man ihm nur die Satt»' gehörig ans Herz lege. „Das ist's ja eben," ries der Student, „was das Papier da nicht enthält. Die Bittschrift ist ein elendes Machwerk, das nicht ein Kanzellist, sondern ein Ofeuheizer beim Kreisamt gemacht haben Muß, Vom Stil will ich gair nicht reden." Jetzt wurde Resel wirklich geängstigt. Denn was sollte sie Mit einer schlechten und nahezu verw»slicl>en Bittschrift anfangen: wenn schon der Student dazu lachte, was mußte erst der Kaiser dazu.- tun? dachte fco. Da kam ihr-der glückliche .Gedanke, daß sie den Studenten - bat, ihr doch das Papier vorzulesen.. Denn in der Hast ihrer Abreise hatte Resel Mit ihrem Manne die Vorstcht vergessen,' sich mit dem Inhalt bekannt zu machen. - Wie konnten-sie auch daran denken, daß aus des Advo- - koken Händen ein „Machwerk" statt einer Bittschrift heryorgHen werde? ' > . Der Student bereitete sich mit einer gewissen höhnischen Freude znm Vorlesen, nird indem wir selbst bei dieser Gelegenheit die ganze Bittschrift viel besser als bei der Audienz hören können, wo sie 'der Kaiser (kur stille durchsehen wird, schicken wir auch voraus, daß Mir sie vhne die spaßhaften und krittschen Bemerkungen des Studenten über Rechtschreibung und-Stil vollständig und niwerstümmclt an den Fürsten selbst wollen gelmtgen lassen. Die Bittschrift lautete: „Mlergnädigster und durchanslauchtigster Herr Kaiser, Euer kaiserlich königliche Majestät! Ich ergebenst Unterserttgte bin nur ein ganz gemein Weib und tu' mich doch »dreisten, vor das Angesicht Euer kaiserl. königl. Majestät hinzutreten. Was hält' ick aber anders anfangen Hollen? Euere kaiserl. tönigl. Maiestäi sein wie das .Sonnenlicht mir Himmel, »oas überall tut Wanne und Glanz ausbreiten, und warum sollt' sich so ein arm Jndenwcib nicht auch» getrauen, ein Stückel von diesem Licht zu bekommen? Ick) Hab' mich auch nicht lang' bedacht und Hab' die weite Reis' von Böhmen auf Wien gemacht und komme Euer kaiserl. königl. Majestät fußfällig und auf meinen Knien bitten, dem Jaikew Lederer eine „Familie" zu geben. Dieser Jaikew Lederer» Euer, kaiserl. königl. Majestät, ist der beste Mensch von der Welt, und er ist schon in meinem zwanzigsten Jahre mein Bräutigam gewesen. Liber bei allem dem hat ihn Gott nuschnldigerweis' mit Unglück geschlagen; denn ich frag' Euer kaiserl. königl. 'Majestät selber, was kam, der Jaikew Lederer dafür, daß er ein"Viertgeborner ist? 'und der Magistrat hat chm darum - auck keine„Familie" .gegeben. Der Jaikew Lederer ist einmal mein Bräutigam gewesen; hätt' er mich denn in seinem Leben nicht nehmen^ sollen? Jeder Bauernjnng' und Holzhacker bei Uns kann das tun. und der arme. Jaikew Lederer, weil er ein Jude ist, soll sich' kein Weib nehmen dürfen? In nnsern Synagogen tut man - ebenso für Euer kaiserl. königl. Majestät Leben und Gesundheit zu Gott dem Allmächtigen f Kaffee Ruhland Kaiserstrasse 58 Täglich erstklassige Kaiserstrass» 56 Unterhaltungsmusik hältnisse zum Staate, abzusondern. An fünfhundert - Schriften stammen ans der Feder Harkawis, die hauptsächlich der Gaonenzeit gewidmet waren. _ Frankfurter Berichte. Herzl-GedächtniSfeier. Es ist die Tragik des Berichterstatters, daß er di» wirklich eindrucksvollen und wertvollen Bortrage nicht wiederzugeben vermag, denn das Fluidum zwischen dem Redner Und seinen Zuhörern ist so sehr Eigenbefitz des Redners, daß es sich nicht einmal mündlich, geschweige denn" in Druckerschwärze übermitteln läßt, und wenn jeder «Latz an seiner Stelle wertvoll ist, dann ist d« Berickt nur ein dürfttges Gerippe. Deshalb bedauern wir es auch, daß ftjit die von N achn m Gold mann ans der seitens der Ber bind u n o I ü d. Studenten .. S a r o n i a " veranstal- . ' teten Herzl-GedLchtnissei» gehaltene Rede nur skizzieren können. - Der Redner sieht die . zentrale Bedeutung Herzls nicht, in seinem Wirken, sondern in seiner Persönlichkeit. Zum *- ersten Male im Galuth war dem jüdischen Volkeals 7 national-politischer Körper in Herzl ein Führer gegeben. Herzl hat wieder den Typus des gläubigen, des, revo» .! lutionären Menschen in der jüdischen Geschichte merwirki licht, den Typus des Menschen, der allen Widerständen zum Trov seinen Glauben anjrechterhält. Bisher herrschte im Gatntt der Typus des klugen Inden, der die mn» .. mittelbare Realität im Auge hat, vor, wenn auch in jedem i Juden ein L>tück von dem anderen TypuS, dem ch» 'I Gläubigkeit, lebt und wir uns nur hierdurch dis henke, erhalten haben. Die walire Realität ist der Glauben au das Morgen, und diesen Glauben an das Morgen haben wir gerade in unserer Gegenwart am ntttgsten. Ostjüdischer Jugeudvereiu. Eine Veranstaltung besonderer Art fand heute mittag i im Saale des Kaufm. Vereins stakl. Der ostjüd. In- ’A genböerein hatte seine Mitglieder zur 1. Generalver- 4 sanmilung zusammenberufen. Der Saal tonnt» kaum die i zahlreichen Besucher fassen. :\ Den allst. Bericht erstattete Herr H erzberg, dev' -:1 Begründer des Vereins. In kraftvollen Worten zeichnete er den schweren, arbeitsreichen, aber auch von Erfolg; ,,Yj gekrönten Weg, den unser Verein bisher durchmesfen hak. -; J Die Versammlung dankte dem Redner für seine B»- dienste (mit einem äußerst herzlichen Vertrauensvotum. "Y Darauf fand die Wahl des neuen Vorstandes statt. , Dr. Meyer wurde 1. Vorsitzender, Herzberg 2. Bor- 7j sitzend». r1 Der 2. Teil der Tagesordnung stand nnter dem j Eindruck der kommenden Arbeit. Ms hervorragendste Kennzeichen' der folgenden Debatte sind hervorzuheben. daß beschlossen wurde, den Namen des B»eins in . „Verein der Ostjnden Tikwath Zion" .mirzuändern. Ms Ausfluß des kraftvollen Willens unserer ' Jugend ist auch der Umstand anzusehen, daß die Sehnsucht -. und Hoffnung unseres jüdischen Volkes programmatisch im Statut eindeutig festgelegt wurde. Man war sich, j,, weiterhin darüber ftat, daß unbedingt zur Erfüllung .- - dieses Progrmnms eine gute jüd. Durchbildung der Mitglieder nötig sei. Einstweilen wurde beschlossen, verschiedene . ' Kurse einznrichten und zwar: bitten, und da steh' ich und Jaikew Led»er inänfcc auf und tun auch mitbeten, wenn uns» Vorsänger: anfängt zu fingen. Also tu' ich Euer kaiserl. königk. Majestät» M inen all»gnädigsten und allerdurchlauchügsten . .. Kaiser auf meinen Knien anflehen, wie daß Euer -- kaiserl. köliigl. Majistät ruhen möge^ dem Jaikew Le- - derer eine Familie zu geben. Es soll das nicht tzp» schehen wegen' ihm oder wegen meiner; denn ich Mt* schon mit dem Jaikew über einundzwanzig Jahre, sondern , wegen dem Kind, was ich von ihm Hab' und das ist ' als ein uneheliches eingeschrieben worden ans dem Rat- - Haus. Ich schwör' aber zu Gott, En» kais»l. königl. ' ' Majestät, daß mein Kind ein ehrlich Kind ist unh - braucht nicht rot zu werden vor d» Welt. Geben nur I mein allergnädigster H»r Kais» dem Jaikew 8ed»er . eine Familie, so ist uns beiden und dem Kind auch - geholfen. Also tu' ich noch einmal und auf fujjr' --7 fällig anflehen Euer kaiserl. königl. Majestät möcht' den:; Jailew «eöercr begnadigen, weil fer ein sehr guter Mensch ist ,und will mich auf meine Tränen heruntersehen, die -vf ich vor Herzeleid schon geweint habe. Euer kaiserl. . kömgl. Majestät sein so gnd kund helfen so dielen Menschen, . ' was soll denn aus d» alleruntertänigst Unterserttgten werden, wenn ihr nickt geholfen wird? Wenn eine aai - Erden ist und lebt, die zu Gott betet für En» kaiserl. £ königl. Majestät Leben und Gesundheit und glorreich« Regierung, sc ist es gewiß die alleruntmtänigst Unterfertigte, * . ' die in Ehrfurcht »sterbende vor Euer kais»lichen königlichen Majestät ergebenste und niedrigste Untertanin! > 'i Resel Tnrnaner eigentliche Lederer." Wer den Verfasser der Bittschrift bis jetzt noch nicht erkannt hat, dem können wir wahrhaftig nicht helfen. Der' '7; Kanzellist vom Magistrat war es nicht. -’--g „Und mit dem da wollen Sie zum Kaiser gehen?*'' ries ' wieder d» Student, als er zu Ende gekommen war, und brach in ein neues Gelächter aus. (Fortsetzung fotzt.) . . _ . £ _ft.V