Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 28 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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AM« 8erte2 77 Neue Jüdische Presse. Konditorei and €afö Wilhelm Wendel; Alt© Gasse e. - ~ ..' jfen renoviert und vergrössert. Eis. Mit gespannter Erwartung folgte ich daher der Einladung. Ein Dr. Halberstadt aps. Berlin war der Redner. v Ans Berlin ist seit den Tagen des Zusammensturzes des, mächtigen deutschen Reiches so viel Wirrnis gekommen, vielleicht — so dachte ich — leuchtet jetzt auch . Einmal wieder ein Licht von dort. „Bon Mcndelsohn bis ’ Herzl", welch dankenswerte Aufgabe, auszuzeigen, warum . die deutsche Judenheit aus das infolge ihrer Emanzipation «insetzende Einströmen der deutschen Kultur so reagieren mußte, wie sie reagiert hat, und dann die Folgerungen zu ziehen! Doch der Vortrag enttäuschte, und da,ihm in der Versammlung rückhaltloses Lob wurde, so darf angenommen werden, daß der Dortrag keine Einzel- - erfcheinung .darstellt, vielmehr den Niederschlag des Denkens eines größeren Kreises. Der Bortrag enttäuschte, da er die Forderungen einer geschichtlichen Betrachtungsweise nicht erfüllte. Wie das Kotteksche Buch über die jüdische Geschichte, kannte auch der Vortrag mir zwei ' Farben, weiß und schwarz, hie weiß — drüben schwärz. Von den sonstigen Farben und ihren Abtönungen, von einer Psychologie, von der Notwendigkeit einer Ergründuyg der tieferen seelischen Vorgänge, die zu den Tatsachen der Geschichte geführt haben, weiß er nichts. Auch nichts davon, daß auch die jüdischen geschichtlichen Persönlichkeiten nur aus ihrer Zeit heraus zu verstehen sind. Auf Mendelsohns Schulter legte der Redner die .Schuld an der gesamten Reform- und Assimilationsdewegung der deutschen Judenheit. Zu Unrecht! In der Blütezeit des arabischen Geisteslebens z. B. sind von Zahlreichen jüdischen Gelehrten die gleichgerichteten.Versuche der Vermittlung zwischen dem Judentum und dem "Denken der Zeit gemacht worden, und sie hatten nicht entfernt jene vernichtende Folgen' wie bei Mendelsohn, sie erschütterten wohl das unmittelbare jüdische Empfinden im jüdischen Kulturleben für eine gewisse Zeit, zerrissen über den jüdischen Volkskörper Nicht, da das Judentum "damals lebenskräftig war. Nicht so zur Zeit MeNdelsohns! » Es war, als ob das Mittelalter für die deutsche Judenheit zu langegedauert hatte, ihre schöpferische leben- . spendende Kraft war versiegt, — und als ihr dann ^die Emanzipation geschenkt wurde, da war sie gegen . Einflüsse von außen nicht mehr gefeit. Mendelfohn, der treu nach der Tradition des Judentums lebte, hat eine Lösung versucht, die dem Juden- . -tum eine Rettung bedeuten sollte, es war fteilich nicht dir richtige Synthese, — die anderen denkenden Juden seiner.- Zeft, so die Rabbiner hinter den Talmudfolianten, Heben aber überhaupt keine Lösung versucht! Auf der . ganzen Generation, die keine Probleme fah und den Dingen ihren Lauf ließ, ruht sicherlich eine erheblich schwerere Verantwortung für die nachfolgende Entwicklung der deutschen Judenheit als auf Mcndelsohn, der wenigstens eine. Lösung versuchte. Man hebt stets hervor, dich die meisten Kinder Mcndelsohns sich taufen ließen '— und auch der Redner tat es —, fragt aber nie, wie Äiele von den Kindern Md sEnkeln der damaligen Tälmudizgrößen entjudeten, ja zum Teile ganz abftelen. Die Vermittlung zwischen dem Judentum und dem Denken der Zeit hat zur radikalsten Assimilation ge- - führt, weil aus einem Minus selbständiger, bewußter Kidischer Anschauungsweise heraus dem Denken der Zeft . gegenüber der kritische Standpunkt fehlte und man dieses -Denken vergötterte. Als diese Folgen den geistigen Höhe- " Punkt ihrer furchtbaren Verheerung erreicht hatten, trat rin Mann auf, der eine andere Syifthese für die Ber- -Mltüung zwischen dem Judentum und dem Denken der ^Zeft gab. Es war Mabbiner Samson Raphael ^K4rs ch; er betonte das Primäre des Judentums, er ~. 'txat nicht mit dem Geist der Zeft an das Judentum, sondeal mit dem Judentum an den Geist der Zeit heran! Seine Kraftvolle Persönlichkeft verstand es, seine Formel in die Wirklichkeit zu übersetzen. Aber auch die Bje- .^deutung Hirschs gllt es geschichtlich^ (richtig und' nicht '^gleich dem Redner der Agudoh unkritisch zu erfassen. Wegweiser allein führt nicht zur Lösung des jüdischen .^Problems. Der traditionstreuen: Judenheft hat er eine -^jSchicht ihrer Jnwlligenz erhalten. Wie aber unter Kirschs .Ä^ckeln,-ein Teil berm^ jüdW irchiffercnt geworden ist, weil.der Einfluß des umflutenden Lebens sich bei ihnen . stärker erwies .als die Methodik ihres, Großvaters, so auch im allgemeinen in dem Bannkreis des Teiles der Judenheit, der unter seinem'Namen marschiert. Es ist das Verdienst seines Schwiegersohnes und Nachfolgers, Rabbiner Dr. Salomon Breuer, daß er tiefe Kenntnis des Judentums durch intensives Studium seiner Qucllschriften als die Voraussetzung für de» Sieg der Hirschschen Gedankengänge verlangte. - Und doch hat sich auch-dies nicht als ein genügender Schutzwall und noch viel weniger als letzte Lösung erwiesen, denn alle die, die außerhalb dieses Schutzwalles in die Mühle der Assimllation hineingeraten sind, iverden ihrem Schicksale überlassen! Dr. Halberstadt machte sich die Sache wieder ganz einfach. Die vorzüglichste Aufgabe der Orthodoxie ist nach ihm und so maischen andern, die die gleichen Baynen wandeln, die Bekämpfung der Reform, dann hat die Orthodoxie ihre Wichh der Gesamtjudenheit' gegenüber erfüllt. Aber es geht nun' mit manch«?! Selbstverständlichkeiten so, daß, wenn man ihnen fest ins Auge sieht, sie gar keine Selbstverständlühkeiten sind. So auch hier! Die Orthodoxie hat die erste und vorzüglichste Aufgabe, in ihren Kreisen das Erziehungswerk zu Bolljuden zu leisten, — die Reform zu bekämpfen, ist garnicht ihre Aufgabe.; tzs kann sich nur einmal um einen Abwehrkampf handeln,, so diese Kreise in die Interessensphäre der Orthodoxie hinübergreifen. Aber eine andere; eine große und erhabene Ausgabe hat sie: auszuschauen, wo sich außerhalb ihrer Reihen in de: großen Judenheit Sprossen aufkeimenden jüdischen Lebens erspähen lassen und diese Sprossen mit sorgsamer, liebevoller Gärtnerhand dann zu pflegen. Solche Sprossen zeigen sich überall im jüdischen Gemeinschaftsleben, am stärksten aber in der zionistischen Bewegung, die den Urgrund der jüdischen Volksseele aus der Verkümmerung wieder zur Entfaltung gebracht hat. Dr. Halberstadt und sein Kreis sehen nicht dieses Keimen, sie sehen außerhalb der orthodoxen Judenheit nur überall Gefahren für deren Erhaltung, — und so ist ihnen der Zionismus gerade, weil er ein Stück der jüdischen Urseele wieder zum Leben gebracht hat, eine um so furchtbarere Gefahr. Und dabei ist der Zionismus, die jüdische Volksbewegung, gerade das Element, das der traditionstreuen Judentum zu ihrer eigenen Erhaltung noch gefehlt hat. Er gibt auch ihr wieder schöpferische Kraft, die den Weg nach einer lichteren Zukunft sucht und findet! Doch um dies zu begreifen heißt's erst, auch in jüdischen Dingen geschichtlich denken.zu lernen. Vielleicht ist doch die Agudoh der Weg, wenn vorerst vielleicht auch noch ein Umweg, der zu dieser geschichtlich geschulte,» Denkweise führt! Wir hofften stets, daß die Agudoh einmal zum Misrachi führen werde. 'S- •- s. Öeftimwmiöcn -es mit Pole« abgeschlossene« Vertrages. Der von den allierten und assoziierten Mächten mit Polen abgeschlossene Vertrag, der von der polnischen Delegation bereits unterzeichnet ist, enthält eine Reihe von Bestimmungen zur Sicherung der. bürgerlichen, religiösen und nationalen Rechte der Minderheiten, so auch der Juden. Wie dem Jüd.-Pressebüro, Stockholm ein Pariser Telegramm meldet, lauten die betresfenden Artikel .dieses Vertrages wie folgt: Artikel VII. . ' Alle polnischen Angehörigen (im sranz. Text „ressortissans", was soviel wie. Abstammende, Gebürtige ■ bedeutet ) ohne Unterschied der Rasse, der Sprache oder der Religion sind vor dem Gesetze gleich und genießen gleicke bürgerliche und politische Rechte. Der Unterschied der Sprache, der Rasse oder der Religwn darf keinem polnischen Angehörigen hinsichtlich des Gemyses der bürgerlichen und politischen Rechte, namentlich der Zulassung zu öffentlichen Aemtern, Funktionen und - Ehren, oder zur Ausübung der verschiedenen Berufe und Gewerbearten hinderlich sein. Es darf keine Beschränkung erlassen werden gegen den freien Gebrauch irgend einer Sprache seitens jeden polnischen Angehörigen, sei es vrwaten Verkehr, im shandel, in Angelegenheiten dev Religion, der Presft oder der Publikationen jeder Art, sei es in ösfenllichen Versammlungen. Unbeschadet der Einführung einer össenllichen Sprache durch die polnische Regierung Müssen den polnischen Angehörigen einer nichtpolnifchen Sprache angemessene Erleichterungen für den mündlichen und schriftlichen Gebrauch ihrer Sprache vor den Gerichtshöfen gewährt werden. Biedermeier - Klause - Wieder - Eröffnung. Vontelime Tanznnd Wein -Diele ' Yonfigliche Kfiche. — Beine Ifelne. . : Anton Abel, Gr, K.rnmarkt 9. ■Mi Ar. 28 Vornehmes Variete -Kabarett und Ballhaus. urgassefö'fS. Artikel VIII. - D«e - polnischen Angehörigen, welche einer ethnische», religiösen oder sprachlichen Minderheit angehörenj genießen rechtlich nnd tatsächlich die gleiche Behandlung nnd die jlleichen Bürgschaften wie die anderen polnischen Angehörigen. Sie haben namentlich das legale Recht, auf ihre Kosten Wohltätigketts-, religiöse nnd soziale Institutionen, Schulen und andere Erziehungsanstalten zu errichten, zu leiten nnd zu überwachen mit dem Recht, von ihrer eigenen Sprache in diesen Anstalten freien Gebrauch {« machen und. ihre Religion frei zu üben. Artikel IX. Hinsichtlich des öffentlichen Unterrichtes.wird die polnische Regierung den Städten und Bezirken, in denen ein beträchtlicher Teil der polnischen Angehörigeneiner nichtpolnischen Sprache wohnen, geeignete Erleichterungen zngestehen, damit der Unterricht in den Volksschulen den Kindern dieser polnischen Angehörigen in ihrer eigenen ' Sprache erteftt werden kann. Diese Bestimmung hindert die polnische Regierung nicht, den polnischen Sprachunterricht in diesen Schulen obligawrisch zu machen. In den Städten und Bezirken, in denen ein beträchtlicher Teil der polnischen Angehörigen wohnten, die den ethnische», sprachlichen und religiösen Minderheiten angehören, wird ° diesen Minderheiten ein rechtmäßiger^ Anteil an de» Eingängen und Verteilungen der Summen, die aus öffentlichen Mitteln vom Gemeinde- oder anderem Budget für Erziehungsreligiöse- und Fürsorgezwecke beigetragen werden, gesichert werden. Die Bestimmungen dieses Artikels sind auf polnische Angehörige der deutschen Sprache nur derjenigen Teile Polens anwendbar, die am 1. August 1914 deutsches Gebiet waren. -■ Artikel X. Die von den jüdischen Gemeinden'in Polen eingesetzte» Schulkomilees an Ort und Stelle werden unter der allgememen Staatsaufsicht in Uebereinstimmung mit Artikel IX für die jüdischen Schulen besttmmten verhältnismäßigen Teil der öffentlichen Mittel, sowie die Organisation nnd Leitung dieser Schulen sicher». Artikel XI. Die Juden können nicht gezwungen werde», irgend welche ihren Sabbath verletzenden Handlungen vorzurrehmen. Sie dürfen durch keine rechtlichen Nachteile betrossen werden, wenn sie sich weigern, vor den Gerichtshöfen am Sabbath Gerrchtshandlungen vorzunehmen. Dies« Bestimmung befreit jedoch die Juden nicht von den allen polnischen Angehörigen mit Rücksicht aus die Notwendigkett des Militärdienstes zur .nationalen Verteidigung, vder zur Aufrechterhaltung der ösfenllichen Ordnung auferlegten Verpflichtungen. Polen erklärt seine Absicht, sich der Ausschreibung oder der Gutheißung von allgemeinen oder lokalen Wahlen, die am Sabbath stattfinden sollen, zu enthalten. Keine Wahllisten- oder andere Eintragungen können am Sabbath obligatorisch sein. Im Artikel XII heißt es: .Polen stimmt zu, daß insofern die Bestimmungen der vorgehenden Artikel Personen berühren, die den Minderheiten der Rasse, der Religion oder der Sprach« angehören, diese Besttmmungen Verpflichtungen internationalen Eharakters bilden und unter die Garantie des Völkerbundes gestellt werden. Sie könne» nicht ohne die Zusttnrmung der Mehrheit des Völkerbundes modifiziert werden. -__ Deutsches Reich. 8ur Frage der Gemeindeverfasfang. Die jüdischen Gemeindebehörden in Breslau haben die Zulässigkeit der Wahl der Rabbiner in die Gemeindekörperschasten mit per Begründung abgelehnt, daß die Würde des Amtes bon den Rabbinern eine Stellung „über den Parteien" verlange. Mit Idem Hinweis auf das Judengesetz von 1847 sielen die Anträge auf Erteilung des Wahlrechts für die Frauen — :tn die Borst'ondswmmissionen sollen sie sedoch als siimmberechtigte Mitglieder gewählt werden können — und die Beseitigung der Beitragsleistnng als Voraussetzung für die Wahlbeteiligung. Als einzige Konzession an den Geist der Zeir wurde die Verhältniswahl von der zur Vorbereitung der Statutenrevisipn eingesetzten Kommission befürwortet. Die Zahl der Mitglieder der Repräsentantenversammlung.soll auf 21 erhöht werden, dagegen, nicht die Zahl Der Stellvertreter. Solange 1>ie Frage der Trennung.von Staat und Kirche nicht endgültig geregelt wird» soll von einer gründlichen Statutenrevision abgesehen werden. Kurze politische Nachrichten. Berlin. Der „Verband derDeutschenJude«, erhielt auf seine Eingabe von der Regierung den - Bescheid, „daß bezüglich der Gewährung von Uebertk»- rungszuschüssen zu öffentlichem NotstzandO: arbeiten unter Mrchengemeinden und Kirchengememdv'. Verbänden auch die. anerkannten jüdischen Relimonsgefelkschckften zu verstehen sind, sofern esc sich um 'Gemeinden Mit ösfentlich^rechtlichem Chptrakter handelt/'- — -