Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 28 (18.7.1919)
- Date
- 1919-07-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Frankfurter Israelitisches Familienvlatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M.,Langeyraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2S03 "Herausgeber: Galy Geis fiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiHinmiiiiiiiiiiiimiiniiiiiiiiiK! Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel- ■! jabr: In Frankfurt a.M. Mk.l.S5stei ins Haus. Bei der Post : : abonniert Mk.<so,stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr./Bei : : Zusendung durch Streifband furOeutschland undösierrei'ch-llngarn : : Mk.2.25, für alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 2vKfg.' : i.,.........-.,.»»...»...-..-»»-»--»-----.-»»»»»»»»»»»»»»„i»,»»»»,»„,»»,»„»!»: .IIIIIIIIIIIIIIIIIHHIIl»lllimiIHHHIIIIIIU»»HHIIIIIHUmUI«llllMi I Insertionspreis für die fechsgefpaltene petitzeile70 pfg., für j : die Reklamezeile Mk.2>—. 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Kein leuchtender Auf- oder Abstieg hat sie mit' Romantik verklärt; keine kühne, die Phantasie erregende Tat wird von allen diesen Männern überliefert; keine neuen Hoffnungen oder Ideale haben sie ausgestreut, an denen ihr Volk sich aufrichten kann, und nur ganz vereinzelte Namen, wie der hohe Rabbi Löb oder der „Wilnaer Gaon", sind, mit spärlicher Sage umrankt, der Nachwelt 'überliefM. Das ausgehende 19. Jahrhundert, hat dem Judentum in Theodor Herzl eine solche Persönlichkeit, einen wirklichen Helden beschicken, der in wenigen Jahren der Liebling, und Hoffnung des Volkes wurde, dessen Tod «me Trauer hinterließ, wie sie dieser wahrlich an Trauer nur zu sehr gewöhnten Nation nicht mehr bekannt war.' Und nicht mehr fern dürfte der Tag sein, wo das Judentum diesen seinen Helden —den ersten nach vielen Jahrhunderten — wiederum ehrt, wie es einem wahren Helden gebührt, ehrt, wie cs die Ueberlieferung von der Ehrung des großen Ahnen Joseph berichtet,, indem es seine Gebeine feierlich ins Land der Väter zur letzten puhe hinauftragen wird. Theodor Herzl, dem eine solche an die hehrste Uebertieserung der Menschheit, an die Bibel anknüpfende Ehrung'zu Teil werden wird, hätte seine Nächsten und Freunde der Jugend und ersten Mannesjahre sicherlich eher eine Krönung auf dem Parnaß deutscher Schriftsteller, nimmermehr aber einen Ehrenplatz im Pantheon des Judentums ahnen lassen. Seinen Jugend- und ersten ^ManneSjahren fehlt jede bewußte Beeinflussung von seiten des Judentums. In Budapest 1860 geboren, nach juristischem Studium zunächst als freier Schriftsteller, sodann als Redakteur der.,,Neuen Freien Presse" tätig, zuerst in Paris, dann in Wien lebend, hat Theodor Herzl die europäische Kultur in ihrer Gesamtheit auf sich einwirken lassen; die jüdische Kultur hat er nicht mehr als irgend ein gebildeter Christ gekannt. Umso erstaunlicher der seelische- Prozeß, der ihn von der völligen Entjudnng nicht Äoß zum Judentum zurückbrachte, sondern ihn zum Führer des Judentums werden ließ, der seinen Namen mit solchem Nachdruck in die Tafeln der jüdischen Geschichte einschricb! Der. Prozeß ist nur so zu verstehen, daß gewaltige seelische . -latent waren, als potentielle Energie in^chnr) schlummerten und es nur eines äußeren Anstoßes-bedurfte, um sie in Form aktiver politischer Politik von. gewaltiger Kraft zur Entladung zu bringen. . ''Dieser äußere Anstoß war, wie er in seinen kurzen' Nskuiairischen Notizen mitteilt, der Dreyfußprozcß, der ihntiveranlaßte, sich - mit dem Problem des universellen Judenhasses zu beschäftigen. Das Produkt der? Besch äs« tsgüng .mit' dieser Fxage, Mer die seit Beginn der. Emanzipation ' von jüdischer nM nichtjüdischer Seite Bände voll geschrieben wärenist -seine -.ewig, denkwürdige. Broschüre .„Der Judenstaat". Heute nach noch Nicht 25 Jahren (der Judenstaat ist 1896 geschrieben) ist der wesentliche Teil der darin aüfgest«.llten Forderungen ails dem Wege zur Erfüllung. Auf dem Weg der Erfüllung, nicht weil irgend eine Macht mit Maschinengewehren oder silbernen Kugeln diese Forderungen aufstellte, sondern dank dem moralischen Gewicht. der darin 'ausgesprochenen Ideen und der dadurch bedingten Werbekraft. Die Schaffung der öffentlich rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, mit welcher Formel Herzl selbst auf dem 1. Zionistenkongreß seine Idee in die konkrete Sprache der Politik übersetzte,- ist durch' die Pariser Konferenz endgültig genehmigt und damit die von Herzl verlangte unerläßliche Voraussetzung für die Besiedlung Palästinas. In der Forderung dieser politischen Voraussetzungen, von ihm als Charter bezeichnet, offenbarts Herzl ebenso wie in der Begründung der jüdischen Bank und des jüdischen Nationalfonds die intuitive Begabung des Staatsmannes, die sich mit einer ebensolchen des geborenen Organisators paarte. Herzl, der Schriftsteller, war nicht nur der geistige Leiter der „iLelt"; er war Bankdirektor und erster 'Verwaltnngsbeamter der von ihm begründeten zionistischen Organisation. In dieser Befähigung, unterstützt durch die Gabe, seinen Gedanken schriftstellerisch Ausdruck zu verleihen, finden sich Parallelen zu Ferdinand v. Lassalle und Benjamin Disraeli, dem Begründer des modernen englischen. Imperialismus, der gleichzeitig in Romanen vom'Neuerwachen des Orients träumte. 'Auch mit Karl Marx, dem Trierer Rechtsanwaltssohn, und dem „Kommunistenrabbi" Moses Heß lassen sich manche Analogieen aufstcllen. 'Aber von ihnen, die nur ihrer Persönlichkeit, aber nicht ihrer Zugehörigkeit nach Juden waren, unterscheidet sich Herzl darin, daß seine Entwicklung ins Judentum mündete, nicht wie bei allen diesen aus. ihm herausführte. Und wie dem Antäüs der Mythologie bei jeder Berührung mit dem 'mütterlichen Boden 'sich die Kräfte verdoppelten, so weiteten sich Hcrzls Schwingen, wuchsen seine Kräfte in dem Maße, in dem er mit dem lebendigen Judentum in Berührung kam. Von allen seinen Schriften und Erzählungen wirkt wohl auf jeden Juden am stärksten „Die Mcnorah'r, in der man seine Selbstbiograpyie spürt, wie er innerlich mehr und mehr mit dem Judentum verwurzelt und zum Volljuden wird. Wie hoch man immer den Staatsmann Herzl stellen Mag — und nichts vermag besser davon zu überzeugen dls eine Lektüre des Judenstaates oder seiner Kongreßreden oder die»allgemeinen Politischen Essays' vom „Palais .Bourbon" —, neben dem Staatsmann Herzl darf der Mensch, und Jude Theodor Herzl nicht vergessen werden, der unbeschadet aller gehässigen Anfeindungen und Verkennungen, Vermögen und Gesundheit opferte, um seinem Werke, — dem Zionismus — ,zu dienen, bis er mit 44 Jahren nach kurzem Krankenlager infolge Uebcranstrengung zusammeichrach. Die trotz, schwerster Enttäuschungen nie versagende Zuversicht in das endliche Gelingen seines Werkes waren ihm Entschädigung und Trost in schweren Stunden, sein Dank das. unerschütterliche- Zutrauen - seinerüber das'ganze Erdenrund zerstreuten Anhänger, deren Zahl bei seinem Tode sich auf ungefähr 100 000 belief.. - Theodor Herzl ahnte selbst, daß er den Tag der Rückkehr der Juven ins Land der Väter so wenig erleben werdewie der unvergleichliche Große, in dessen Schatten noch heute die Kulturwelt lebt. Die Tragik des Genius hat Herzl in ihrer ganzen Bitterkeit durchkosten müssen« und die Nachwelt hat ihm noch weiterhin viel zu geben von dem, was ihm die Mitwelt vorenthielt. Mit seinem Todestag erst begannen die äußeren. Ehrungen mit seinem imposanten Begängnis, mit den Jahrzeitlichten in jedem elendsten Winkel des iveiten ostjüdischen Ghetto, mit den jährlichen Trauerseiern an allen Orten der Welt, wo Juden als Juden mit einanver leben. Genügen derartige äußere Ehrungen? So wenig wie die Benemrnng einer Kolonie und eines Oelbaum- Waldes mit seinem Namen, so wenig wie die pietätvolle Benennung zahlreicher jüdischer Kinder mit dem Namen des Wiedererweckers des Judentums. Nein! Es gibt nur einen einzigen Tank würdig des Vorzugs unserer ' heutigen jüdischen Generationdes unvergleichlichen Vorzugs, entweder direkte Schüler und Erben dieses Mannes - zu sein oder feine Lehren von seinen Schillern und , Zeitgenossen persönlich empfangen zu haben. Dieser Dank heißt, den Zionismus nicht verflachen, ihn nicht M einer Politik der Erlösung aus Judenheitsnoi herabsinkeir zu lassen. Es heißt jetzt im Moment der Verwirklichung des Zionismus so mitzuarbeitcn, daß das Auge des, Meisters mit Wohlgefallen auf uns ruhen würde. Nicht nur materielle Vorbereitung, sondern ideeller bedürfenwir,,um als neue Menschen an der neuen Gemeinschaft mit aufbauen helfen zu können^. Ein jeder, der sich,' Zionist nennt, prüfe sich selbst, in wie weit er ks mit der Rückkehr znm Judentum vor dev Rückkehr zum Juden» land bisher ernst gemacht hat, prüfe sich, ob er wie- Herzl sich bis zur Äußersten Grenze der materijellen» Möglichkeit in den Dienst der Organisation gestellt hak. Ein jeder prüfe, in wieweit er mit dem Gedanken Her. eigenen Uebersiedlung nicht bloß gespielt, sondern alle ihre Konsequenzen gezogen und die daraus hervorgehendeir Notwendigkeiten auszuführen begonnen hat. Vertiefung und Verinnerlichung des einzelnen Zionisten sei die eigentliche Feier des 20. Tamus, Herzlwaldspendc und Selbst» besteuerung seien nur ihr äußerer Ausdruck. Begehen wir innerlich würdig diesen 15. Todestag unseres großen Führers; an äußeren Erfolgen unserer Arbeit kann es uns nicht fehlen! Von Meudelsohu bis Herzl. Randglosse« zu ei«e« Borlrage. ' / Vor einigen Tagen luden die Frankfurter „Agudas Jisroel-Gruppen" zu einem Vortrage „Von Mendelsohn bis Herzl" ein. All die Jahre hindurch hatten nur zionistische Vereine den Todestag Hcrzls, den 20. Tamus, zum Anlaß einer Würdigung dieser großen geschichtlichen Persönlichkeit benutzt, — zum ersten Malescheint min auch ein Agudohverein an diesem Tage nicht vorübergehen zu können. Sollte das ein günstiges Zeichen sein, daß auch der den Problemen der großen jMischei» Gesamtheit bisher sich fernhaltende Teil unserer Traditionstreuen endlich zu lernen beginnt, nicht nur das Studium unseres Schrifttums, sondern auch. Geschichtezu treiben und indem er die Zusammenhänge der. Ge-» fchehnisse würdigen lernt, erst an die jüdischen Ge-, samtheitsfragen herantritt? Denn die Absonderung von all denen, die dem Tradittonsjudeittumi untren geworden sind, kann doch unmöglich die Losung des , Problems der Erhaltung des Judentums bedeuten! Fortgesetzt vollzieht sich auch innerhalb des Einflußbereiches der Trenmrngsorthodoxie der Veränderungsprozeß, der ein' Spiegelbild der Gesamtheit ist, und daß Kinder orthodoxer Häuser vollständig entjuden, ist leider keine Seltenheit. . )