Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 27 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2692297-2693126-2693153--10790-2706163- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
irS?:-V Seite 2. Conditorei und Caf^ Wilhelm Wendel Alte qr«sse e. BTeu renoviert und vergrößert. Eis. „ _ Diese Methode hat jedoch eine klare Umschreibung des 7 - , Begriffes Judentum" zur Voraussetzung. Ist düs Judcn- ' - tum das geoffenbarte Sinaijudentüm? Will der Verband das Traditionsjudentum unter seinen Mitgliedern - erkennend verbreiten? Oder vermeidet er eine klare Stellungnahme und ist ihm das bewußte Judentum ein * nebelhaftes Gebilde, da er das Zeitjudentum der Reform und der Assimilation nicht ablehnen will? Das über die Jahrtausende hinweg stets fest mit dem Sinai sich verbunden fühlende Traditionsjudentum und das Zeitjudentum der Reform und der Assimilation sind Gegensätze von unüberbrückbarer gedanklicher Kluft. Dem einen weht 'Gottes Odem aus jedem Blatt Und a^s jedem Wort der Bibel, der andere sieht in der Bibel nur den Niederschlag eines auf dem Gebiete der Religion und der Ethik genial veranlagten Volkes und gibt jeder Generation dieses Volkes das Recht, an seinem Judentum schöpferisch umzugestalten. Das TradiLions- . judentum wahrt überall die eigene jüdische Note; Sabbathut, Studium des jüdischen Schrifttums, treue Wahrung der von den Vätern überliefqctür 'Sitte usw. haben dort, wo das Traditionsjudentum herrscht, Stätte. Das Zeitjudentum der Reform und der Assimilation jüwch zerstört die jüdische Eigenart, da Ls sich überall der - Anschauungsweise der Zeit anzupassen sucht; keine Sabbuthut, kein jüdisches Studium, keine Erhaltung altjüdischer Sitte, widerstandslos ist es, dem die Tradition nicht Grundlage ist, dem Zettgeiste ausgeliefert. Ein Beispiel hierfümus vielen! Die Durchführung des demo- ,, kratischen Prinzips der Gleichheit beim Tode trägt an sich ein solch' hohes sittliches Gepräge, daß die Bedeutung dieser jüdischen Auffassung auch dem Oberflächlichsten offenbar sein muß, — doch unsere Zettjuden würden sich erst dann diese jüdische Traditton zu Eigen machen, werat auch der Zeitgeist, d. h. die nichtjüdische Welt, sie fordert, ' — und so tragen unsere jüdischen Friedhöfe den ehe^' ’ . maligen sozialen Stand der auf ihnen Ruhenden kraß zur Schau statt des versöhnenden, erhabenen Ausdrucks der Gleichheit nach jüdischer Eigenart. ' —- Wie wollen nun die Vereine des Jugendverbandes „bewußtes Judentum" pflegen? Tun sie es bewußt auf der Grundlage des Tradittonsjudcntums, dann ist ein zielbewußtes, segensreiches Arbeüen möglich. Treiben sie aber die Neutralüät so wett, daß sie auch zu dem Wesen des Judentums keine Stellung nehmen, dann muß ihre Erziehuilgstätigkeit so färb--und kraftlos sein, daß sie keine Wirkung auf die in ihnen versammeltie Jugend ausübt. Das Fehlen einer Entscheidung hat bis jetzt den Verband gelähmt. Er ist eine Ziöhacklinie gegangen. Auch bezüglich seines politischen Programms. Gemäß seinem Programm war auf dem jüngst abgehallenen Verbandstage der Antrag Astfel überhaupt nichh diskutabel, — doch er hat ihn erst nach! einziger Debatte abgelehnt. Und zur Frage des jüdischen Kongresses hat er Stellung genommen, trotzdem eine Stellungnahme zu, dieser, politischen Frage gleichfalls dem ihm vorgezeichneten Programm widerspricht. Wer die Jugend führen will, der muß ihr lein Ziel geben, daß ihr klar und kraftvoll, des Hinstrebens wert, entgegenleuchtet. Versteht sich der Verband dazu, ein' solches Ziel aufzustellen, dann ttfab er für die deutsch« Judenheit nachhaltige segensreiche Arbeit leisten. Dazu ' bedarf's aber einer klareren und schärferen Fassung seines Programms in dem Sinne, wie nür es hier in einigen kurzen Strichen gezeigt haben. , Der Sotviet-A«ttsemttisru«s. 7v£f...' - W. Jwantschikow veröffentlicht in dem Organ des Moskauer Sowiet,Metfchornija Jswestia" unter der Ueber- ,V schrift „Sowiet-Antisemitismus" einen Artikel, der allge- '<£>7 7 mein Aülssehen erregt. Jwantschikow macht der bolschewistischen Macht den Vor- ^-7 7s ' Wurf,-daß'sie, seitdem sich ihre Herrschaft auch über das AE?!-.Gebiet der jüdischen Massen erstreckt, Antisemitismus treibt, ßt" flÜjrt u. a. folgende Tatsachen an: „Ja Klimowitschi (Gouv. Mohilow) findet eine Klassi- 8^Miymng der Bevölkerung nicht nur nach ihren Berufen, MDöndern auch nach ihrer Nationaütätszugehörigkett statt. Bor HMDM^eiertagin-hat mau ün-einigen Orten des Ansiedlungs- ^MdchonS'in den Sowiet-Lebensmittelzenttalen Früchte an die ^MW^HlkeruiP.. verkauft.)^Mch ^MWudenr warteten^ stunden- '7.5 ' ' Neue Jüdische Presse. und tagelang, bis plötzlich der Lebensmittelkonimissär erschien schien und alle Juden vertrieb mit der Mottvierung: „Spekulanten brauchen keine Früchte." Eigentümliche Szenen spielen sich bei der Reqnisitio» von 'Lebensmitteln ab. Die Lebensmittel werden nicht etwa bei den Bauern, die sie in Wirklichkeit haben, requiriert, sondern man überfällt die arme jüdische Bevölkerung und beraubt sie ihres letzten Bissens. Ebenso auffällig ist das System der Kontributionen m zahlreichen Orten. In dem kleinen Städtchen Kziowitfchi ist der jüdische» Gemeinde eine Konttibution von 500,000 Rubel aüferlegt worden, von der gesmnten, reich gewordenen Bauernbevölkerung jedoch verlangte man nur 90,000 Rubel. Beeidigungen und Beschimpfungen der Juden .von seiten der Behörden sind an der Tagesordnung. Und niemand weiß, wohin diese „Anfänge" münden werden." ll««ar». Bo« »er Räteregieruug. . Bloch's Oesters. Wochenschrift schreibt: „Der Zusttom der Reisenden von Budapest nach Wien hat in den letzten Tagen fast vollständig aufgehört. Die Ursache dieser Erscheinung liegt in der Tatsache, daß die Ausrerse aus Ungarn gegenwärüg mit ebensovielen Schmier,gleiten verbunden ist, wie die Einreise nach Deutschösterreich. Einer unserer Freunde, der jetzt hier eingetroffen, bezeichnet die Lage — speziell der Juden — als ganz ttostlos. Aus dem Berichteten ist zunächst zu entnehmen, daß de»-von Kun und Haubrich über Budapest und Umgebung verhängte „sttengste Ausnahmszustand" schonungslos gehandhabt wird. Nach dein diesbezüglichen Befehle dürfen mehr als drei Personen auf der Gasse nicht miteinander gehen. Jede Art gegenrevolutionärer Handlung! ober welches Verbrechen immer wird mit dem Tode durch den Strang besttaft. Gegenreoolutionäre mit - der Waffe in der Hand werden an Ort und Stelle erschossen. Die Räteregierung ließ bei Verhängung des Standrechtes erklären, sie erachte nun den Augenblick für gekommen, in der bisherigen Handhabung der Diktatur eine Aenderung eintteten zu lassen. Mit den niederttächtigen und gefährlichen Umtrieben gegen das Rätesystein müsse für immer aufgeräumt werden. Die „Nepszawa" schreibt an leitender Stelle, weitestgehende Strenge sei geboten. Alle Schurken, die durch Anfachung des religiösen und des Rassenhasses die Ordnung des Proletarierstaates über den Haufen werfen wollen, würden ausgerottet, alle Missetäter, die im Namen Gottes die Weiße Revolution und den weißen Terror zum Siege führen wollen, unbarmherzig zermalmt werden. Unter den Opfern der Verfolgung befinden sich nahezu 90 Prozent Juden. Sie werden am härtesten betroffen bei den Vermögeiiskonfiskattonen, aus den ersten jüdischen Familien entnahm man Geiseln und in der Liste der vom Standrecht Verurteilten sind Juden in der überwiegenden Zahl. Während die Aristokraten leicht aus dem Lande flüchten konnten, weil für ihren immobilen Besitz ihre persönliche Anwesenheit ganz gleichgültig ist, mußte der Kaufmannsstand bei den vielverzweigten Unternehmungeck zu Hause bleiben, u»h sie bildeten die ersten Objekte des Zugriffes seitens der Räteregierung. Auch " sonst habe» die Juden unter dem Regime Kuns gar mancherlei zu leiden. Der Religionsunterricht ist aus den'öffentlichen Schulen verbannt und wird in de» Tempeln erteilt. Die Lokale her jüdischen Gemeinde werden zum Teile requiriert. Der Umstand, daß in der Räteregierung eine beträchtliche Anzahl von Judenstämmlingen sitzen,' schützt die Juden so wenig, daß S z a m u e l y mit Vorliebe Juden hinrichten läßt. Die führenden Kommunisten - wissen, daß die Inden, -ttotzdem sie aus Angst vor dein Terror sich vollständig passiv verhalten, ihre schärfsten Gegner sind. Der Anhang, auf welchen die Kommunistenführer sich stützen, ist nahezu rassenrein' arisch: nur unter den „Häuptlingen" in Budapest befinden sich unverhältnismäßig viele Juden. In der Provinz sind auch die Führer ausschließlich Arier. Den falschen Schein erwecken bloß die bedauerlichen Verhältnisse in -Budapest." Pole«. ' " Elfi Stimmungsbild. Eine in Zürich eingetroffene Persönlichkeit gab dem „Jsr. Wochenbl." folgenden Bericht: Das Elend der ärmeren jüdischen Bevölkerung ist grenzenlos. Es übersteigt bei weitem die Not der Armen Wiens. In Lodz z. B. sterben Menschen einfach vor Hunger. Der Straße entlang stehen Tausende und betteln. Man geht auf der Sttaße und die Tränen fließen einem übers Gesicht beim Anblick dieses Elends. Es stehen Leute 18—20 Stunden vor den Läden, um Brot und Kartoffeln zu bekommen. Es wäre noch' nicht so empörend, wüßte man nicht, daß man.alles bekommen kann, aber zu unerschwinglichen Preisen. Den Reichen geht es gut. Sie kümmern sich aber wenig um die Armen. Es fehlt vollständig an irgend einer sozialen Fürsorge. Der Gegensatz' zwischen arm und-reich ist in diesem Kriege sehr gewachsen. Eine tiefe Hjuft liegt zwischen beiden Klassen. Zu dieser elenden ökonomischen Lage gesellt sich die politische. Die Pogromstimmung dauert an. Am meisten -Schrecken verbreiten die Truppen der Armee Haller. So sind z. Beinmal auf einem Warschauer Bahnhof die Hal- Lazarus PosenWwe. Silberschmiede Vornehmes Härtete -Kabarett und Ballhaus. _ Schä/ergasse75-7S. lerschen angekommen. Sie sollten hier eine Stunde, verwetten. Inzwischen kam ein Zug an, in dem sich viele Jude« befanden. Aus, einem öffentlichen Bahnhofe am hellen Tage wurden die Juden vollständig ausgeraubt und geschlagen. Nach einer Stunde erst kam man vom Kriegsministerium an. um die Ruhe herzustellen. Ganz Polen -wimmelt von franzö» fischen und englischen höheren Offizieren. Und es ist einfach unverständlich, wie diese ruhig den Massakern zuschaueu. Es werden Zettel an die Mauern angeheftet, die zr Pogromen hetzen und die Polizei verhaftet jeden, der es wagt, einen solchen Zettel herunterzureißen. Abgeordneter Grünbaum wurde verhaftet, als er einen solchen Zettel herunterreißen wollte. Als die Deutschen abgezogen sind, haben sich viele Juden, um sich zu schützen, zur Stadtwache gemeldet, unentgeltlich. Heute bekommen die Polizisten Salär und die Juden werden abgeschafft. Auch das Parteileben läßt viel, zu wünschen übrig. Man lebt in Polen so exttem, wie nur möglich. Das polnische Judentum steht vor einem Abgrunde. Woher kommt die Hilfe? r Tschecho-SlovaNsche Republik. Aus »er Nationalversammlung. In der Budgetdebatte führte Slavitschek, der Führer der nationalen Sozialisten, u. a. aus: - „Statt der Syndikate würde ich alle Jude« in der Provinz heranziehen, damit sie für die Republik arbeiten, denn sie haben die Praxis und würden mehr leisten als die Syndikate. Vor einer jüdischen Jrredent« brauchen wir uns nicht zu fürchten, wenn wir den Juden die Möglichkeit geben, sich auf dem Boden der Republik zu betätigen. Wenn hier gesagt wird, Sparen, Sparen, Sparen, so fiage ich, wer sparen soll. Der Arbeiter von seinem Wochenlohn, der Gewerbetteibende, wenn er die letzten Sttefel hat? Oh! Die werden die Republik nicht herausreißen. Ich bin der Ansicht, man lasse sie verdienen und bezahle sie ordentlich und schicke sie dann frischfröhlich "in die Welt hinaus." Dr. M a z a n e c, der Vertreter der Volkspartei, meinte hierauf, 'man soll den Juden das Gute abguckeu und dann selbst die Arbeit übernehmen. Bezüglich der Minderheiten empfehle er den Standpunkt, daß alle, die für den Staat fühle», die volle Gleichberechtigung haben müssen. Kurze politische Rachrichte«. Prag In den dreistlggliedrigen Stadtrat-ist den Jüdischnationalr» Dr. Ludwig Singer ge> von g e r gewählt worden/ Die zwei deutschen Stadttäte, die gewählt wurden, sind beide ehemalige Juden: Dr. Josef Eckstein und Prosessor Dr. Robert Raudnitz. Agram. Die kterikale Prepe Südllawiens hat einen Feldzug gegen KönigNikitavonMontenegr^o begonnen, dem sie nach neuen Quellen jüdische Ab - kun st vorwirft. Das Königshaus der NjeguS führe sich auf ein jüdisches Priestergeschlecht zurück, dessen eigentliche Heimat Abesfynien war. Einer seiner Borfahren sei im Jahre 1515 als Benetianer Kaufmann in das Land der schwarzen Berge gekommen und habe sich hier die Würde eines griechisch-orthodoxen Bladika (Bischof) erworben, und ein Nachkomme vereinigte seit 1711 mit dieser die oberste Staatsgewalt. Die Feststellung der jüdischen Abstammung König Nitttas ruft bei den Südslawen großes Aussehen hervor. Sie wird in gleicher Weise verteidigt und bekämpft. „ . Krakau. Hinsichtlich des in Rzeszow am 3. Mal stattgehabten Pogromes ist folgendes festgestellt worden: Von 328 Beschädigten machten 266 protokollarische Angaben Ihr Schaden beträgt insgesamt 4 635000 Kr. Von den verletzten 71 Juden ist 1 gestorben. Polizei und Militär Warfihau.'^J 0 sİ Wu s s erz u g. der Referent für die jüdischen (!) Angelegenheiten bei der Regierung, ein Führer der jüdischen Assimilationstteise, hat sich, wie das „Jüd. Volk" meldet, taufen lassen. , . Paris. Die „Liga für Menschenrechte" veranstallete gegen die Pogrome in Polen eine Massenversammlung, aus der der ehemalige Minister Painleve, Anatole France und andere-sprachen. _V. Landau. Im Unterhaus wurde am 80. Juni mlgeteilt, daß der Gesandte in Warschau den Mftrag erhalten habe, der polnischen Regierung wegen der.Pogrome Vorstellungen zu machen. ' , A«s der Ri-rachi-Beweg«»g. ' I« elgeuer Suche. . . . .. . Die von Dr. H fee I $'&«*.«» Heime l-rtete und seit dessen Tode als ein polttrsch konservatives Organ heraLgegebene „I ü dis -hrP-es s e" standZett einiger Zeit zum -Verkauf und -ist nunmehr, v ou de