Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 27 (11.7.1919)
- Date
- 1919-07-11
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5. Nr'.27. Kaffee Kaisergarten am Opernplatz Erstklassiges JFamilien-Kafte e Täglich von 4 Uhr ab . Künstler - Konzert. Gründung des MiSrachi, also seit-' U> Jahren, als einzige Zeitung deutscher Sprache für dessen Ideen stets eingctreten ist, und deren Verdienste um den Misrachi das Zentralbüro erst jüngst in einem Briefe voll und ganz anerkannte, in Verbindung.. Es war lelbstverstSndiich, Satz wir dem Verlangen, nach Berlin übcrzusiedcln, nicht entsprechen konnten. So wurde denn der Ankauf vollzogen; doch sprach das Zentralbüro uns gegenüber ans, daß das neue Blatt unfern süddeutschen und deutschö e-r-ichischen Wirkungskreis meide und die Ortsgruppen in diesen Bezirken unsere Zeitung als ihr -Organ betrachten sollen. > Nun erhalten >vir die erste 'Nummer der „Jüd. Presse" unter der neuen Leitung «rd müssen da an erster Stelle in einein programmatischen Aufruf des Zentralbüros des Misrachi folgende Sätze lesen: Polen, in der Schweiz, iit Holland, in Amerika ist es seinen Anhängern möglich, im eigenen Organ zu der jüdischen Welt zu spreche», nur Deutschland stand bisher zurück, und doch ist es unbedingt erforderlich, daß auch hier unsere Gedanken in die Oeffentlichkeit getragen werde» können. „Palästina dem jüdischen Volke auf Grundlage der Thora!" Das ist die Grundlage unseres Programms. Kein Blatt gibt es bisher in Deutschland, das diesen Standpunkt vertritt. Es gibt zionistische Blätter, aber für sie ist nur der Volks- und der Palästina-Gedanke, nicht aber auch die Thora Grundlage ihres Wirkens, und es gibt Blätter, die den Thoragedanken verfechten wollen, den Volksgedanke» aber entweder ganz unterdrücken oder ihn in einer Weise ummodeln, die nicht dem geschichtlichen jüdischen Volksbegrifs entspricht und die dem Palästina-Problem nicht diejenige Stellung anweisen, die ihm heute mehr denn je gebührt" lind weiter: „Die zionistische Presse in Deutschland >var während des Krieges über die äußere Lage des jüdischen Volkes im allgemeinen genau informiert, die Blätter, die unserem religiösen Standpilnkt verwandt sind, lassen es stets hieran fehlen. Wir brauchen aber ein Blatt, das seine Leser über all diese Vorgänge stets ans dem Laufenden hält und zu ihnen vom Standpunkt altüberliescrter jüdischer Gesinnung Stellung nimmt." Nicht mit einem Worte ist unsere Zeitung in dem Aufruf erwähnt worden. Aber nicht nur das; all das, was die neue Zeitung als ihre spezifische Note geben soll, war doch von jeher auch die spezifische Note unserer Zeitung und wird es weiterhin bleiben, — der Aufruf jedoch weiß von diesem Wirken unserer Zeitung nichts. Wie kommt dies? Ji»ng-MiSrachi-Schüler,rnPpe. Die aus 75 Knaben und Mädchen Im Alter von 11—11 Jahren bestehenden hebrä sch n Kutte. Vorträge, Gottesdienst am Samstag Nachmittag,. Ausflüge usiv. veranstaltende Jnng-Misrachi-Schülergrnvpe erfreute die Eltern der Kinder mit einem kl n t e r h a l t n n g s a b e » d, der in jeder Hinsicht gelungen war. Personalien n. kleine Mttteilrmgen. Bürgel a. M. — (JaqueA Dffenbach und Bürg'l.l In diesen Tagen ward der 100. Geburtstag des großen Kom¬ Neue Jüdische Dresse.' ponisten Offenbach voll allen musikalischen Kreisen gefeiert. Es dürfte hierbei von Interesse sein, zil erfahren, das; der Vater dieses großen Mannes ursprünglich Jndah Eberscht hieß, aus der Rhöngegend stammte und längere-' Zeit in Bürget als Chasan ivirkte, woselbst er auch ein Fräulein Lchlesinger heiratete. Eine große Freundschaft bestand zwischen Judah Eberscht und dem damaligen Krcisrcibbiner Dr. Formstechcr, die beide-aus einem Orte stammten. Der Vater hatte später den 4,amen Eberscht in Offenbach nmgewandclt und siedelte bald nach Köln über, auch daselbst das Amt eines Kantors bekleidend. Hier wurde daun Jacques Offenbach am 21. Juni ISHI geboren. Jacques kam als Eellist nach Paris und war bald ein berühmter Mann. Der Vater verfaßte Gebete für die jüdische'Jugend, der Sohn befaßte sich mit dem Komponieren von Operetten. Wien. Pot Dr. Willi Rotd. Präsident d.r Larhgologischen Gcsellschast, ist verschieden. Die Fiuauzrüle Dr. M a x B a r a ch , I n l. B ä ck e r , S i e g f r K r a u s und R u d. L ö >v find zu O b erst n a n z r ä t c n ernannt worden. Zürich Hie> h -t sich unter Borsitz von Rabbiner Dr L i t t m a n n ein ,„K o in i t e e zu r U it t e r st ü tz n n g j üd. 51 i n d e r aus Deutschland in der S cl> >v e i z" gebildet. " Frankfurter Berichte. Jüdische Krankenhausfrage» Von Hermann Seckbach. In unserer heutigen sozial durchtränkien Zeit kann das Gebiet jüdischer Kranlensürsorge gewiß als vorbildlich bezeichnet werden Mit Stolz können wir in .hiesiger Stadt auf jüdische Krankenanstalten Hinweisen, ' deren Grundlagen die höchste Ethik bedeuten. Unabänderlich in alte» Zeiten war die Hilfeleistung für Kranke die Ersüllnug eines der heiligsten Gebote, und weil cs sich um die Ausübung einer religiöse» Vorschrift handelte, übernahm es die jüdische Gemeinschaft von altersher in weitgehender Weise aus denk Thorageist heraus, ihren Kranken helfend zur Seite zu stehen. - c Und gerade die letzten Jahre haben wohl auf diesem Gebiet das Höchste erstehen lassen, ivas Generationen vorahnend fick als Ideal ersehnt haben' mochten. Doch auch bei der Stufe zu dem Hohen und Schönen fehlen oft die Stützen, und so hat der furchtbare Krieg Mit -seinen gewaltigen Anforderungen in wirtschaftlicher, medizinischer und chirurgischer Hinsicht den Krankenanstalten eine schwere Last aufgebürdet. Der unglückliche Ausgang des Ringens läßt die bange Frage offen, ob cs möglich sein wird, in erforderlicher Weise unsere jüdischen Krankenanstalten und zwar gerade solche, die durch die Uuterstützung der Allgemeinheit ihre Fürsorge für die Allgemeinheit ansznübcn haben, weiter fortzuführen, denn -die Rot der Zeit wird jeden Einzellern übermäßig belasten, und er wird vielleicht nicht mehr in der Lag. sein, sein Scherflein wie bisher beisteuern zu können. Da der Aufgabenkreis hinsichtlich der Kranken fürjorge gewiß noch in nngcahntem Maße steigen wird, ailt es mehr als je, alles anfzuwenden, das Bestehende zu erhalten. Arkadia’s Künstlerspiele 'und •-= 1 1 i Arkadia-Dlele Kaiser&trasae 69.Telefon: Hansa 5518. S Die ereten KOnstlerspiele am Platze. Kaffee Rnblaiid Eaiserstrasse 56 Kaiserstrasae 56 Täglich erstklassige BST Unterhaltungsmusik Die außerordentlich hohen Kosten, die die Gemeinde für das israelitische Krankenhaus in Anbetracht der vorher geschilderten Verhältnisse zu leisten hat, sind bekannt. Jmnier noch aber ist es hier die Gemeinde, dich als solche ihr mustergültiges Krankenhaus erhalten wird. Für die anderen Anstalten wird cs sich hoffentlich bcwahrbeiten, daß in ernstester Zeit das jüdische Herz nie versagte. In diesem Zusammenhang möchte ich auf die beabji-.htigtc Auslösung der Israelitischen Männer- und Franeiikrankenkasse Hinweise». Vor dem Krieg war es eine Selbstverstüiidtichkeit, daß die den heutigen Ansorderungeu nicht ganz entsprechende» tzlnstalten geschlossen und die Kranken nach Vereinbarung in das Gemeindespital überwiesen würde». Heute, wo alle Krankeuau- ' stalten überfüllt sind, wollen wir froh sein, kranken-, hausmäßig eingerichtete Räume mit dein nötigen Inventar zur Verfügtlng zu haben. Unberührt von dem Abkommen der beiden Krankenkassen mit der Israelitischer Gemeinde könnten somit diese beiden Anstalten weiter in Benutzung bleiben. Ganz besonders wäre hierdurch solchen Kranken geholfen, deren Leiden längere Behandlung erfordert, ohne daß sie unheilbar krank und somit für ein Sicchenhans in Betracht Limen. -Solche Kranke können erfahrungsgemäß nicht längere Zeit im Krankenhaus verbleiben und die Betten akuten Fällen wegnehmen. Ohne dem Entschlüsse der Verivaltung dieser beiden Krankenkassen vorzngreifen, wäre es daher gewiß zu begrüßen, wenn diese Räume ihrem oisherigen- Zwecke erhalten blieben. Ein großes Tätigkeitsgebiet ist ohnedies die Unterbringung der dauernd Kranken (Siechen). Welche Aufgabe in heutiger Zeit eine derartige Krankenanstalt zir leisten hat, kann der Fernstehende kaum ermessen. ° Möge das Gefühl der Zusammengehörigkeit weiter alle Kreise iimfassen: dann köiinen unsere Hilfsbednrf-, tigen trotz allem beruhigt in die Znknnst blicken! - Gartenbanschule«. Die gärtnerische Ausbildung hat unter der jüdischen Jugend in den letzten Jabrcn beträchtlich zngenommen, und heute köiinen die voriiaiidenen Lehranstalten kaum noch die 'Nachfrage voll befriedigen. 'Ans verschiedenen Beweggründe» ist ma» zu dem gleiche» Ziel gekoninie». Die ältesten An— stallen, wie die von A h 1 c ui, wollten der Berussumschiu - tuilg der Juden diene». Ans 5tauflenten »nd BilduiigSproletariern tüchtige, bodenständige Landwirte zu machen, ist das Ziel, dem sie bereits seit 25 Jahren dient. Durch eine Stiftung gegründet, war sie seither und auch weiterhin ans die Hilfe von Göniiern und Förderer ihrer Bestrebungen angewiesen, umsomehr, als sie mm erhöhten Forderungen gerecht werden muß. In ähnlicher Absicht, nur mit eiiisachereirttRitteln, hat der „Verband zur Förderung der Bodenkultur unter den Inden" wie in anderen Städten <*?) auch in Frankfurt ein bisher unbebautes Stück Land auf der Hundswiese lvährend des Krieges unter den Pflug genomine» und es jüdischen Vereinen und Schülern zur Bearbeitung übergeben.' Was unsere Jugend dazu treibt, hier ihre freie Zeit in werktätiger Arbeit zu verbringen, ist weniger der Gedanke an den künftigen Berns, als das Verlangen nach körperlicher Ertüchtigung und nach einer Verbindung mit der Natur, wie sie unsere Wauderbünde schon auf andere Weise gesucht haben. Wir sehen daher auch diese Bünde, Blau-Weiß und Esra, dort am eifrigsten an der 'Arbeit. * Ohne Bewillignng. Eine Ghettogeschichte von Leopold s.Kompert. (Fortsetzung.) Zur Zeit, als Resel ans dem stillen Böhmen nach bei» lustigen Wien reiste, kam man von dort nicht so schnell an, wie heutzutage. Ni an mußte drei Tage und zwei Nächte in einem fort sahren, che man die Spitze des Skephansturms vor sich anftanchen sah. Das erste, woran nun Resel in der großen Weltstadt deicken mußte, war, aufs „Judenamt"*) zu gehen, um dort Paß und AufenthaltSlarte zu holen. Das lag auch - ganz in der .Natur der Sache — die Polizei war außerordentlich neugierig! In der schniutzigen Vorstnbe des „Jndenamts' fand Resel wohl an achtzig Männer, Weiber und Kinder ihres Glaubens, sie alle harrten auf den ersehnten Augenblick, daß der Polizcisoldat, der die Türe zur Kanzlei hütete, sie ihnen öffnete. Das geschah endlich, und vonciner solchen Afr'nschenwoge, die durch das offene Heiligtum einströmte, wurde auch Resel mitgesvülk. Nun lvurdc einer naclp dem andern aufgernfen: bei manchem wurde ein vollständiges Verhör, vorgeiiommcn über Zweck, Absicht und Länge des Aufenthaltes, und dann nahm der strenge Schreiber zniveilcn Anstand, ihm die ,Wiener" Luft zu erlauben. Wieder andere .schienen in großer Gunst bei dem Schreiber zu stehen, den n wurde . die Aufentlsaltskarte schnell ansgesertigt. Keiner konnte sich. aber über Zartheit und Höflichkeit der Aufnahme bellagen; dem Schreiber, waren alle gleich, wie das auch vor,dem „Gesetz" recht und billig ist! „Wo kommt Sie her?" sragte er eine „vazicrende" Köchin, die an der Schranke des Bureaus stand. „Aus 9fr. 108")," sagte diese mit gesenkten Augen. Ein unsterbliches Gelächter kam ans dem Munde des Schreibers. *) Damals eine,Abteilnng der Wiener Polizeidircktion. ."1-Bekanntlich.das k.. k. Findelhaus in der Alse» porstädt. ..Hab' mir's gedacht," wiederholte er mehrmals vor sich hin und lachte so „unsterblich" weiter, bis er (nit der Anfenthaltskarte fertig war. Die Reihe kmn endlich auch an Resel. Sie trat a» die Schranke vor, der Schreiber sah ihren Paß durck,. Resel zitterte, mehr noch als vor dem Bürgermeister. „Ledig?" sragte er und blkkte zu gleicher 'Zeit ui den Paß, wo Jailews Ehefrau so bezeichnet stand und auf Resel, die bei dieser Frage in tiefer Röte erglühte. Sie glick'Zibrigens in der Haube jnnd ihren „weib" gclrordenen GcsichtSzügen -keineswegs einer „Ledigen". „Ja." sagte sie stockend. .Wann ist Sie denn zunr letztenmal ledig gewesen?" lief der Schreiber, indem er ans das betreffende Wort ein:» besonderen Nachdruck legte, und lachte dab.i noch unsterblicher als bei der Köchin ans Nr. ll>8. Resel schwieg gekränkt, die Zeichen tiefer Entrüstiiiig lagen in ihren Augen und auf ihren Wangen^ „Was will Sic hier tun?" iragte iviedcr der Schreiber. „Zinn Kaiser gehen —" „Sie?" „Auf Audienz!" Der Schreiber tat nun tciire weite.e Frag.'; er schrieb die Aufenthältskartc und händigte sie ihr ein. Mit erleichtertem Herzen verließ Res.l die dnuklei, Bleikmnmer» des „Judenmiites". Nahe an zwei Stunden irrte sie dann in bei» großen Gassen umher, ehe sie zu dem „Traktenrhause" in der „Preßgassc" gelangen konnte, wo sie eingekehrt war. Es ist das eigentümlichste Gefühl, sich so mit den 'Menschen, die man antrifst und um den Weg bcsragt, in 'offene Bekanntschaft zu setzen. Das ist gleichsam für solche, die Nötiges zu tun haben, eine Brandschatzung in Worten, der sich nicht jeder gern unterivirft. Nach vielem Herlind Hinschlcildern kam Resel endlich in die „Seitenstättengasse", von wo .sie noch einige Schritte zu dem Traktenrhause hatte. Als sie an dein großen Hause, Ntzirin sich der jüdische „Tempel" befindet, vornbergliig, stand ein Mann davor, der, als er der Borbeischreitenden ins Gesicht gesehen hart*, plötzlich ries: „Ist das nicht Resel Turnaner, 'meines leiblichen Vetters Tochter?" Resel erkannte nun den Mann auch ihrerseits, cs war Szimche Wolf, ihrer Mutter B.noerssohn, der schon seit vielen Jahre» in der großen Kaiser >wi wohnte, in deren Gaffen und Hciiiieni er einen Hausierhanoel trieb- ,,S' Goltswillknnim' in Wien!" rief Vetter Szimche freudig, nachdem sich die Verwandten rictztig als solche befunden hatten, „was tust du hier?" Resel erzählte ihm die 'Absicht ihrer Herreise,, »ich. daß sic zum Kaiser ans Audienz gehen wolle. Der Hansieeer zeigte darüber nicht die geringste Verwunderung, denn seit längerer Zeit in' der Residenzstadt lebend, war ihm der „Kaiser" kein ungewöhnlicher Gedanke mehr, er konnte ihn ja alle Tage, wenn er Kur. wollte, auf der „Bastei" oder im Prater spaziere» gehe» sehen. Dann sragte er sie um ihre Wohnung, und da ihm Resel das Traktenrhaus als solche bezeichnet«, bestand er fest darauf, sie müßte in seine eigene ziehen, wo sie unter „Freunden" leben könne. Mit Freuden nahm Resel diesen Vorschlag air. Mit ihrem Gepäck unter dem Arm ging sic nun an der Seite ihres Vetters zur Stadt hinaus. Tenn der Hausierer wohnte draußen in der Rossan.*) Seine Frmr und Kinder hießen die AngLkominene freundlich wiltkomine», wiewohl sie selbst in zwei kleinen Stuben sich ganz enge behelfen mußte». 'Auch ihnen mußte Resel de» Zweck ihrer großen Fahrt nach Wien berichten, aber auch sie wunderten sich nicht im geringsten. Nur der Student, der den Lehrer der Kinder Szunches vorstellte und dafür Kost und O.uartier bekam, zeigte darüber cinlges Befremden. „Haben Sie sich auch eine gute Bittschrifst cmssetzcn lassen?" fragte er: denn mau muß wissen, daß der Student sich auch mit diesem Fache beschäftigte. (Fortsetzung folgt.l Eine Vorstadt am Touaunfer.