Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1919-07-04 · Heft 26 (4.7.1919) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 26 (4.7.1919)
Date
1919-07-04
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2693126-2693152--10782-2706154
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr 26 . ' Ibrnehtfies Variete -Kabarett und Ballhaus. _ Ä^chä/ergassefö-fS. Neue Jüdische Piciyse: ' Ein Antrag Cohn-Berlin auf Schaffung eines jüjd. Filmamtes wurde dem Vorstand als Material überwiesen. Ebenso einige Anträge auf Umgestaltung der Verbandsmitteilungen. Ein Antrag des Verbandsvo» standes aus Organisation derdem Verbände angeschlossenen Wander- und Sportvereine wurde ebenfalls einstimmig angenommen. Cin vom Berliner Jugendverein gegebener Kommers hielt die Teilnehmer der Tagung noch bis in hie frühen Morgenstunden zusammen. Eine Dampferfahrt nach Potsdam und Werder bildete am nächsten Tage! den Abschluß. wählt: Dr. Jjsi Kajhn-Köln/Bcrlin, R.-A. Dr. Ls Lichteilberg-Hannovcr, Dr. med. Gust. Löffler- Frankfurt a. M., Landesrabbiner Dr. Paul Rieger- Braunschweig. R.-A. Dr. S!i ma n-Berlin, Dr. med. Wolfheim -Erfurt, Artur Horwitz-Nürnberg, R.- A. IDr. Kaufmann-Mannheim, Dr. Lindheimer- Stuttgart, Dr. Kohn-Kattowitz, Heinrich Gntt- Mann-Chemnitz, Fxl. Dr. 'Goto Berliner-Berlin, Irl. Rosenberg-Karlsruhe, Dr. Kurt Alexander - Berlin, R.-A- Dr. L ö w e n st e i n - Aachen, Hirschield-Graudenz,' Nutzbaum-Bacha, Siegbert Cohn-Berlin, H.-A. Dr. Krombach-Essen, Frl. Di na Meyer-Düsseldorf. Hinzutreten noch die Abgeordneten der Bezirksverbände und der jüd. Organilationen. Der Verbandsbeitrag her Vereine wird einstimmig auf 1.— Mark pro Kopf der Bereinsmitglieder festgesetzt. # * Die Telegiertentagung sprach sich einstimmig für einen jüdischen Kongreß durch Annahme nachstehender Resolution aus: „Die Veranstaltung eines aus allgeineinen Wahlen hervorgegangenen jüd. Kongresses in Deutschland wird dringend gefordert. Der Verband empfiehlt die Vorbereitung dieses Kongresses durch einen Äorkgngreß, der von Vertretern der jüd. Organisationen zlt Hilden ist und dem insbesondere die Festsetzung der Wahlordnung und der Tagesordnung des ersten Kongresses obliegt. Der Verband empfiehlt seinen Mitgliedern sich nur für das Zustandekommeil eines solchen Kongresses einzusetzen, an dem sämtliche deutsche' Juden ohne Gewissensbisse teilnehmen können. Für ausländische Jrlden soll .eine Karenzzeit festgesetzt werden. Der Verband lehnt diö Voraussetzung des Bekenntnisses der Zugehörigkeit zum jüd. Volke ab. Der Kongreß soll auch die Bildung der > G e s a m t o r g a n i s a t i o n d e r , i n Deutschland lebendan Juden vorbereiten. In der P ogro in frage erhob die Delegiertentagung einhellig flammenden Protest gegen die Pogrompolitik der Polen und Rumänen. Er fordert die Mitglieder der Verbandsvereine auf, zur Linderung der Not beizutragen. In der Palästinafrage einigte man sich auf den folgenden Beschluß,: „Esist die' Pflicht eines jeden Juden das Werden eines jüdischen Palästinas mit großer Aufmerksamkeit zu verfolgen. Festsetzung solcher politischen, adiniuistrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästinadaß leine Entwicklung zu einem von der gesamten Judenheii getragenen autonomen Gemeinwesen gesichert wird." Annahme fanden des weiteren die vom Landes-' tabbiner Dr. Rieger-Braunschioeig aufgestellten Leitsätze, die eine Einigung des Verhältnisses zwischen Gemeinde und Jugendverein erstreben. Die Jugendvereine - fordern ein demokratisches Wahlrecht ohne Anschauung des Steuer zettels. > Die Palästinasrage im Kriedeusverträg - mit der Türkei Wie der „Wiener Morgeiiztg." aus Paris depeschiert wird, sind in dem Friedensvertrag mit der Türkei, der Palästinafrage 50 Punkte gewidmet, die fast alle Provositionen der zionistischen Friedensdelegation enthalten- Kn übrigen enthält der Vertrag auch Bestimmungen über die Stellung der Araber und Englands als Mandatar über Palästina. Zu dieser Nachricht bemerkt die „Jüd. Preßzentrale Zürich", Vast der ganze Vertragsentwurf durch und hurch von einem den Juden überaus wohlwollenden Geiste erfüllt ist. Es soll' dort klar und deutlich formuliert werden, daß Palästina den Juden zurückgegeben wird als nationales Heim unter Schutz Englands. ÄmEsprachen sollen englisch, hebräisch und arabisch sein. Oesterrelchische Znstävde. Der einzige Verein jüdischer Krankenpflegerinnen im ganzen Gebiete des ehemaligen Oesterreich-Ungarns, der Wiener „Verein zur Gründung und Erhaltung des Kairin Elisabeth-Instituts für isr. Krankenpflegerinnen" soll ausgelöst werden. Dieser Verein-wurde 1906 infolge einer 100000 Kr.-Spende des Barons Rothschild von der Isr. Kulturpemeinde gegründet. Warum es fetzt zur Auflösung kommt, darüber schreibt die „Wiener Morgeiiztg." folgende . sür die Zustände in der österreichischen Judenheit bezeichnenden Zeilen: „Das Institut gedieh nie zur richtigen Blüte. Aus mehreren Gründen. Es unterstand zwar nicht direkt' der Kultusgemeinde, sondern dein Vereinsvorstand: in diesem war aber die erster« maßgebend vertreten; dieser Orga» nisationsfchler brachte manche Unstimmigkeiten. Die Schulung und Anstellung der Schwestern sollte iiü Rothschildspital erfolgen: dieses leistete aber passive Resistenz, indem der Direktor, Primarius Dr. Karl Fleischmann — ganz im Geiste der kleinlichen Kahalsgrößen — anstatt der geschulten jüdischen Pflegerinnen lieber, die „billigeren" christlichen Wärterinnen anstellte. Das) die hierdurch erzielte geringe Entlastung des Spitalbudgets eine arge Belastung der Kranken bedeutete, indem das Trinkgeldnnwesen hochgezüchtet wurde, wollte der Direktor niemals Ivahryaben. 'Roch viel tveniger begriff er, daßfür ein jüdisches Spital jüdische Schwestern am besten geeignet i sind, zumal dann, wenn sie anderen in fachlicher Ans- ’ bildung nicht nur gleichkommen, sondern sie nach dem Urteil aller Aerzte übertreffen. irbadia’s Künstlerspiele — und Arfe»«lla-Dfele Kaiserstraase 69. Telefon: Hansa 5516. ■ Oie ersten Kttnstlerspiele am Platze. Ohne Bewilligung. Eine Ghettogechichte von Leopold Kompert. (Fortsetzung.) „Närrisch Weib," sagte der Advokat, „wissen wir denn das nicht ganz gut? Aber der Magistrat darf's nicht tvissen, ' und zu was hättst. du denn jetzt zum Bürgermeister eingestanden, daß du nur die Haushälterin vorstellst von Jaikew Lederer?" „Weh! Was Hab' ich da getan?" jammerte Resel, „ich Hab' mein eigen Kind vor Gericht beschimpft, jetzt meint der Bürgermeister im Ernst, ich sei nur Jaikews Wirtschafterin und mein Kind ist — Gott sei davor, ein unehlich Kind? Was hdb' ich getan?" „Mit den: Weib läßt sich gar keine Weisheit ausreden," murmelte der Advokat.vor sich, und da er gerade an seiner Wohnung vorüberkam, sprang er, hinein und ließ die beiden stehen. Unter Wehklagen und schmerzhaften Ausdrücken ihres Hammers, die Jaikew nicht zu beschwichtigen wagte, ging Resel durch die Gasse. Die Leute sahen verwundert auf sie. Aber erst zu Hause brach ihr Schmerz maßlos hervor; sie wußte sich lange nicht zu fassen. Das war ein trauriger Cholhamoed! Hatte schon die „Haushälterin"'sie jo lief gekränkt, so erfaßte sie das „uneheliche Kind" beim Marke ihrer'Seele. „Aber, närrisch Weib", sagte Jaikew zu ihr, „sollten wir denn nicht Gott im Himmel danken, daß minder Bürgermeister so hat fortkomme» lassen? Was schreist du noch und jammerst so?" „Weil du das Kind nicht geboren hast", entgegnete Resel, „so kannst du auch so reden. Liegt dir denn etwas dran auf, daß man dein Kind auf dem Rathaus einen Bankert schelten tut? Und mein Jüugel soll so heißen?' Nein, Jaikew.'ich . stell' mich eher auf den Turm und . schrei's herunter, daß es alle Leut' hören können. Die ganze Welt soll's wissen, daß Resel Lederer ein ehrlich Weib ist und ihr Kind auch. Ich will mir das schon richten, und wenn ich bis zum Kaiser nach Wien gehen müßt'.-" . Wer kennt nicht jenes wunderbare Spiel der Seele, wenn sie auf hundert Gedanken zugleich wie auf ebensovielen Instrumenten die weite Tragkraft ihrer Fittiche versucht? Halbangeklungen tönen sie durcheinander, der eine kräftiger, der andere stiller, bis ein einziger großer Gedanke, der früher bedeckt lag, allmählich anzuschwellen und immer mächtiger zu tönen anfängt. Dann muß man stillestehen, die andern müssen verstummen, und nur der eine große Gedanke behauptet das Feld. So ging es dem Weibe Jaikew Lederers mit dem „zum Kaiser nach Wien gehen". Eimnal angeklungen, wollte die Vorstellung, daß ihr Benjamin von der Majestät des Kaisers zu einem „ehrlichen" Kind könnte umgestaltet werden, sie nicht mehr.verlassen. Immer kam sie wieder, Resel hörte sie gleichsam in sich wachsen. Gestalt annehmen und ans Tageslicht streben. „Der Kaiser, nur der Kaiser konnte ihr helfen!" Es mag uns seltsam dünken, wie dieses einfache Weib aus der Tiefe seines Jammers sogleich zu dem „Höchsten", was es nächst Gott im Himmel fassen konnte, so schnell gelangte. Aber im aufgeregten Zustande kennt die Seele keine allmählichen Ilebergänge; sie verzweifelt entweder, oder sie erhebt sich. Wie hoch und herrlich geht auch der Kaiser im Ghetto umher!. Ihn hält das Volk nicht für verantwortlich; er ist Bindung und Lösung, Gesetz und Willkür — das Unmögliche kann er schaffen, das Mögliche unwirksam machen. Vielleicht verlieh er dem Jaikew Lederer eine „Familie". Resel wollte als» nach Wien gehen. In stiller Nacht war's, als sie ihren Mann weckte, um ihm ihren reiflich überdachten Entschluß mitzuteilen. „Jaikew", sprach sie, „ich geh' zum Kaiser nach Wien, ich will ihn um eine Familie bitten." „Gut Glück auf die Reis'!" sagte er schlaftrunken und sank wieder in die Kissen zurück. Am folgenden Tage trat sie ihm mit denselben Worten entgegen; er lachte datzu. Da warb sie böse und begann wieder ihre Klagen. In Jaikew selbst begann nun die Vorstellung von dem „Höchsten" ebenfalls sich zu regen, und ■■ ■. - . ' '' feite & Schildermalerei u. Weissbinderarbeiten Philipp Trauner Textorstrasse 68. Telephon Römer 5778. Eine beträchtliche Einnahmsquelle des Heims wäre «ms der privaten Krankenpflege geflossen; die Propaganda des Vereines war aber eine so geringe und Arie Bezahlung der Schwestern am Spital eine so schlechte, daß man die vielen Ersuchen um Abgabe von Schwestern für Privatpslege aus Mangel an Kräften nur sehf selten befriedigen konnte. Dadurck imifete natürlich die Nachfrage schwinden, kurz, die Versumpfung, in welche alles mündet, was mit dem derzeitigen Kultusgemeinde-Regime zusammenhängt, war erreicht. In diesem Sumpfe hätte aber das Elisabeth-Institut ruhig weiter vegitieren können, wenn nicht die aus dem Kriege heimgekehrte.Oberschwester, eine intelligente und tatkräftige Frau, den.Gedanken gehabt hätte, dem Der- , einsvorstande ein Memorandum mit Vorschlägen zur 3a*/ nierung zu überreichen. In demselben heißt es: „UuS ist als Lehrstätte eine Krankenanstalt zugewiesen, die nur widerwillig und zögernd den als überflüssig und störend betrachteten Eindringlingen ihre Pforten öffnete. Wir erhalten kaum die Hälfte des Gehaltes der nicht diplomierten Schwestern im Allgemeinen Krankenhause. Wir sind im Rothschildspitale, in dem wir seit mehr als 10 Jahren still und unverdrossen und mit sehr bescheidenen Ansprüchen.arbeiten, noch heute Fremdlinge und werden es solange bleiben, als der Vorstand des Instituts nicht mit aller Energie für uns . zu kämpfen bereit ift." Das Memorandum schließt mit der Bitte, der Vereins-- Vorstand möge die Kultusgcmeinde verpflichten, die verfügbaren Plätze' im Spital nur mit geschulten» jüdischen Schwestern zu besetzen, denen - die jeweiligen tu dem staatlichen Anstalten geltenden Bezüge zu zahlen find. Jeder Satz des Memorandums zxugt von Hingebung und Liebe zu der Sache der jüdischen Krankenpflege; die Klage» über die Stellung im Rothschildspital müssen jeden Wohlwollenden ergreifen, die vorgebrachten Forderungen sind nur das Selbstverständliche. Was tut aber der Direttor? Er schreit und tobt. Was tut die Gemeinde? Ihr Vizepräsident Dr. Papenheim weist die Schwestern kalt lächelnd ab. Was tut der Bereinsvorstand? Er löst den Verein auf ... ." Emigrattims-Konsereitz. Die Presieabteilung beim Zentralbüro der „Agudas Jisioe!" schreibt: - „Unmittelbar nach dem bevorstehenden Friedensschluß ist eine jüdische Massenwanderung von noch nicht daaewciener Ausdehnung und Plötzlichkeit zu erwarten, Sie kann zu einer Katastrophe sondergleichen werden, wenn nickt rechtzeitig Regulierungsmaßnahmeu getroffen werden. Das Zentralbür» der Agudas Jrsrvel hat daher die führenden Körperschaften der Juden-- heit zu einer Emigrations-Konferenz eingeladen. Da zustimmeicke Antworten der bedeutendsten der eingeladenen Organisationeu eiygange» sind, ist alle Aussicht aur das Zustandekommen der Konferenz vorhanden." Da das Zionistische Büro in London sich schon seit längerer Zeit mit den Emigrationsfragen beschäftigt hat, so nimnit die vorstehende Notiz wunder. Hoffentlich ist der Schritt der Agudas Jisroel in Verbindung mit der Zionistischen Organisation geschehen. zwar ging das ganz natürlich zu. Er bewunderte die Kühnheit seines Weibes, das so „mir nichts, dir nichts" zum Kaiser nach Wien gehen wollte, und er bewunderte so lange» bis er sie auch anerkannte. Ohnehin ist' das nur ein Sprung. Wieder wurde um den Advokaten geschickt. Er kam, man teilte ihm den Entschluß mit. Jaikew meinte, er würde ihn mit Spoft überschütten und gänzlich verwerfen, aber da kannte er keineswegs die juristische Natur Lippmanu Goldbergers. Ihm, der mit den Handhabern der irdischen Gerechtigkeit auf so vertrautem Fuße umging, der zu Kanzellisten und Äkntsdienern freien Zutritt hatte, wie mußte ihm erst dieser Gang zum Kaiser, dem höchsten aller Richter hoch und erhaben Vorkommen! „Wer hätt' das in Reset Turnaner gesucht", sagte er mit eingestemmten Händen und schaute das kühnq Weib lange an. „Man hat gemeint, sie kann nicht zwei zählen, und jetzt will sie geradwegs zum Kaiser gehen! Nur zugegangen, Resel; ich will dir früher nur. einiges vorsagen, wie du mit dem Kaiser wirst sprechen müssen, denn das ist kein Spaß u»d ist auch etwas ganz anderes, als wenn du mit dem Gemeindevorsteher Schmul Brandeis reden würdest." „Ich bitt' Euch, Rebb Lippmanu", entgegnete Resel, die noch die „Haushälterin" nicht verschmerzt hatte, „lernt mich nur nichts, wie ich reden soll; ich will schon mit dem Kaiser sprechen, wie mir's Gott wird auf die Lippen legen." Der Advokat lächelte; ihn freute diese sichergehende Ent-, schlossenheit des Weibes.' die er selbst am besten zu schätzen wußte. Man ersuchte ihn noch; die Bittschrift an Se. Majestät „wegen einer Familie" auffetzen zu lassen! und die ganze Angelegenheit geheim zu halten. Der Advokat versprach, sogleich zu einem gekannten Kanzellisten zu gehen. — Abends wußte man jedoch im ganzen Ghetto, daß Resel Lederer, reets Turnaner nach den Feiertagen zum Kaiser,,,«»^ Audienz" fahren wolle. (Forffetzung folgt.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.