Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 26 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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GÜt'*,' ■ , - w > . v setzliche Blutopfer bringen. Der Bermögensschaden beläuft sich auf Huickerte von Millionen. Auch, die Juden Galiziens unterlagen schweren, vernichtenden Unruhen. Die Juden blieben bei den Kämpfen zwischen Polen und Ukrainern neutral. Sie «rußten es wie eine kriegführende Partei bezahlen. In Lemberg wurde das Judenviertel von den Polen' zerstört. 10,000 Juden wurden obdachlos, 20,000 zu Bettlern. In Ostgalizien herrscht Hungersnot. Ganze jüdische Städte blieben ohne Nahrungsmittel, ganze jüdische Familien wurden von Seuchen, durch Entkräftung usw. hingerafst. Am schlimmsten aber wurde die Lage in Polen selbst. Hier erfüllte sich das ganze Volk mit -Judenhaß. Der Jude war der Feind. Man unterdrücke ihn jn allen Stellen öffenllichen Einflusses. Alle Offiziere und Militärbeamte jüdischer Herkunft wurden auf einen Besch! des polnischen Kriegsministers sofort entlassen. Alle jüdischen Post- und Telegraphenbeamten wurden im Gebiet einzelner Städte von ihren Stellen verjagt. Der. Minister des Innern verbreitete amllich an seine VerwaltungsdienststellM eine antisemitische Proklamation. Der Letter des Justizdepartements verlangte die Prozentnorm für die Rechtsanwaltschaft. -Ein Gesetzentwurf verlangt die Ausweisung aller - russischen Juden, die oft schon jahrzchMelang in Polen leben. Hunderte von Auswüsungsbefehlen wurden bereits erlassen. Bon der Regierung unterstützte gewerbliche Fachvereine schlossen sJuden als Mitglieder aus. Man-verjagte die jüdischen Kinder aus den Schulen. Die Presse hetzte schamlos. Die Juden seien schlimmer als die Deutschen und Ukrainer, das jüdische Volk habe die. Zugehörigkeit zur menschlichen Gemeinschaft-verwirkt; es sei der Feind des polnischen Volles, das es aussauge und dessen Unabhängigkett cs hinterlistig bekämpfe. Es müsse im künftigen Polen geächtet werden. Das Blutmärchen wurde wieder in die Well gesetzt. Es wurde der Polizei formell gemeldet, daß die Juden eine Christin zu rituellen Zwecken ermordet und ihr Blut in Flaschen abgefüllt hätten. An vielen Stellen war die Rttualmordlüge das Zeichen zum Pogromebeginn. Das Gistmärchen in der Form, die Juden hätten Leute der Hallerschen Armee, vergiftet, fanatisierte die Soldaten. Der Ministerpräsident erließ zwar einen Aufruf an die- Bevölkerung, es sei ein böswttliges Gerücht, daß die Jckdenhetzen keinen Widerstand bei Polizei und Militär fänden. Die Regierung foßdere alle zur Wahrung der Ordnung uAd Ruhe auf und werde gegen jedes Verbrechen streng einschreüen. Der Aufruf blieb aber so völlig fruchtlos, daß alsbald nach seiner Verkündung neue Pogrome einsetzten, daß es den jüdisch-nationalen Abgeordneten unmöglich gemacht wurde, eine Interpellation im Parlament einzubringen, und daß sie in einem Brief an den Ministerpräsidenten Recht verlangen mußten, .das letzte Recht des Volkes, nicht ehrlos hingeschlachtet :.zu "werden. Zwei große Pogromwellen fluteten über das Land zu Ende 1918. und im Frühjahr 1919. Beide vernichteten Dutzende von Gemeinden. Man erschlug und vertrieb üie Bewohner, man .plünderte und verbrannte Häuser und Läden. Die Türen der Bethäuscr wurden erbrochen, diese geplündert uftd zersÄirt. Man suchte die Grundlagen des jüdischen Gemeinwesens in Polen völlig zu vernichten. Nachts wurden die Leute aus ihren Häusern gerissen, verhaftet, fortgetrieben. Man schnttt ihnen die Bärte ab> nahm ihnen Gelder und ^Wertpapiere weg, preßte sinnlose Kontributionen. Biele Städtchen wurden restlos ausgeplündert. Die Polizei trat den Räubereien nicht entgegen, die Gendarmerie retzte das Voll noch auf, die Mlltz blieb in den Kasernen, wenn sie nicht selbst an den Plünderungen.teilrahm. In Wilna veranstalteten die polnischen Legionäre am Tage nach ihrem Einrücken einen 4 Tage dauernden Pogrom. Man plünderte, brannte "und tötete. .Man entzog den Juden die iLebensmtttelkarten und boy-' kottierte sie beim Lebensmittelverkauf, sodaß eine furchtbare Hungersnot unter ihnen entstand. Hunderte von liJuden wurden ermordet, viele Tausende als Gefangene verschleppt. Der Sachschaden überstieg 60 Millionen Mark. Die jüdische Gemeinde faßte eine Resolution, in der sie die einfachsten Lebensrechte verlangte. In Li d a wurden 35 Juden ermordet. In Pi »'s k wurden 80 Juden bei einer Gemeindeversammlung zur Verteilung der Pesachwaren verhaftet. 35 davon wurden auf dem Markt an die Wand gestellt und von einem vorbeifahrenden Militärautomobil mit einem Maschinengewehr erschossen. Trotzdem die ^nnlosigktt und Ruchlosigkeit dieses Verbrechens < ÄM^ZüdjsttzL.:Preffe.^. amllich festgestellt Wurde, war "die einzige. Sühne, daß - der kommandierende Major für einige Zeit beurlaubt wurde. In Czenstochau, Warschau und Krakau beteiligten sich an den Pogromen im jüdischen Viertel geschlossene Abtellungen der Hallerschen Annee . mit Sturmhelm und Gewehr. 'Sie führten die Pogrome an, von ihren eigenen Offizieren aufgehetzt. In Chol m\ veranstalteten diese Truppen allein einen Pogrom. In Li La wurden ganze jüdische' Viertel vernichtet, eine große Zahl Juden ermordet. In Dutzenden und Aberdutzenden jüdischer Gemeinden ereignete sich das Gleiche. " j * Das Gewissen der Welt hat prvtesticlct. Eine ungeheure Massenversammlung der Juden New-Dorks fand statt, lieber 200,000 Juden suchten Einlaß, lieber 300,000 jüdische Arbeiter legten zum Zeichen der Trauer mittags ihre Arbeit nieder. In P a v i s wurde den polnischen Delegierten der Protest.der Judenheit der Welt durch S o k o l o w aus-" gesprochen. . Im englischen Parlament wurde wiederholt die Stimme laut, die den Polen im Namen der Menschheit Berurtettung und Abscheu aussprach. Der Vertreter der englischen Regierung in Warschau wurde angewiesen, dringende Vorstellungen zu erheben. Der amerikanische Senat faßte einstimmig den formellen Beschluß, Wilson zu ersuchen, im Namen des amerikanischen Volks das tiefste Bedauern zu diesen Exzessen und Metzeleien auszusprechen. . Doch diese Empörung der geblldeten Welt genügt nicht. Die Verbrechen der fanatisierten Völker des Ostens müssen endgültig verhindert, den mißhandelten, beraubten, geschändeten Juden muß Sühne gewährt werden. Die Sicherung der nationalen Minoritäten muß entsprechend den Vorschlägen der jüdischen Delegation in Paris so ausgestaltet werden, daß ihnen ein unmittelbares-Beschwerderecht an den Völkerbund gegen Vergewaltigungen zusteht. Neutrale Untersuchungskommissionen müssen die Verbrechen f-ststellen und für Sühne, Strafe und Entschnloigung. Sorge tragen. Polen soll nicht glauben, daß der Baum seiner Freiheit durch Gewalttaten und Verbrechen gestützt werden kann. Es muß einschen, daß auf solchen 'Grundlagen seine Freiheit, sein Volksleben dem Untergang entgegengeht. Die Juden des Ostens sind entwurzelt. Zu Hunderttansenden hat sic der Krieg, die Revolution, der Pogrom von ihren Wohnsitzen verkleben. Das Brodeln - dieser Volksbewegungen hat sie nach allen Teilen des russischen Reichs getragen. Viele sind über seine Grenzen hinweggeschwemmt. Auch nach Deutschland sind Tausende gelangt, Spritzer der großen Meeresflut, die im Nachbarland tobte. Diese Arnien sind in der bemitleidenswürdigsten Lage. Fern von allen Grundlagen ihrer Existenz, ihren Freunden, ihren Gewohnheiten, eingepreßt in den schweren TSrud, der auf Deutschsland lastet, müssen sie die Schwere dieser Lebensverhältniss« doppelt hart empfinden. -Für viele liegt die Unmöglichkeit vor, irgendwo, Arbeit mch Unterhalt zu finden. Dazu kommt die vervielfachte Schwichstgkeit, Lebensmittel zu erhalten. Die Vertellungseinrichtungen sehen diese Leute als unerwünschte Gäste an und versagen vielfach. Das . nackte Leben ist auch hier noch gefährdet. Zur Unterstützung hat sich eine Flüchtlingsfürsorgestelle geblldet. Die Mittel sind unzureichend. Die Not drängt. Es ist Pflicht der deutschen Juden, nach Kräften zu helfen. Die Delegiertenlagung des Verbandes der jnd. Jugendvereine Tentschlands. Bon Albert Kaufmann. Berlin. (Schluß.) II. Veph'andlungstag. Es werden mehrere Kommissionen eingesetzt. Sodann ergreift!Dr. Löffler-Frankfurt a. M. das Wort zu Dellien Referaten: ,Mie fördern wir den religiösen Sinn der jüdischen Jugend?" und „Früheb.e, Mischehe, sexualethische Fragen und die soziale Umschichtung der jüd. Jugend im neuen Deutschland." Der Referent stellte es als eine der vornehmsten Aufgaben des Verbandes hin, /Len rellgiösen Sinn der jüdischen Jugend zu vertiefen und zu beschwingen. Zur Erfüllung dieser Aufgabe Wune die Beschäftigung mit den jüdischen Schriften beitragen. Aber Religion sei inicht nur verstandesinätziges Erfassen des Geistes unserer Schriften, sei nicht nur das schematische Erfüllen der Sitten, sondern religiös sein, heiße Religion erleben. Mittelbares religiöses Erleben können wir vermitteln durch Hinweis auf die heilige Schrift, insbesondere auf die Pmpheten. Zu unmittelbarem' religiösem Erleben können wir verhelfen, indem wir der rein ratio- - “ Nr. 26 nellen Lebensbetrachtung entgegen treten. Das Judentum sei Ausgang und Mündung all unseres Fühlcms, Dmkens und Schaffens. Auf'diese Weise läßt sich Las^ Religiöse auf. das Alltagsleben übertragen. In seinem zweiten Referat behandelte Referent -zunächst die M i s chd h c zwischen Juden und Nichtjudcn. In der in manchen Orten sich bemerkbar machenden Häufung der Mischehen sek eine ^ernste Gsfajhä: zu erblick». In Kopenhagen seien z. B. 9Go/0 aller Etzen Mischehen, in Berlin. sei die Mischehe in einem Jahr- - zehnt um 10o/o gestiegen. Auch während des Krieges sei die Mischehe nicht zurückgegangcn. Zur Gesundung uiisercr Geschlechtssitten sei eine Willensumbildung nösig. An Stelle der „doppelten Moral" Hab. die Forderung der Reinheit der Lebensführung für beide Geschlechter bis zur Ehe zu treten. Judentum und Ethik hätten dieses moralische Gesetz, das bedeutende Aerzte als durchaus erreichbar bezeichnen, zum sittlichen Gebot erhoben. Die Reforni der Sexualethik ist durch Förderung des Gedankenaustausches' der jungen Juden zu fördern. Auch aus rein ethischen Gründen sei der Ausbau der Sport- und Tnrngruppen zu fördern und die Errichttlng von Jugendheimen anznstrebe». Die jüdische Jugend müsse in jüdischer Uniwelt groß werden, »in die Mischehe zu verhindern. Sollten sich aus den rein freundschaftlichen Gefühlen edlere entwickln, so sei dies nur zu begrüßen. 'Die Frükebe, eine Fordchmng des' Judentums, sei zu fördrr». Hierzu sei eine soziale Umschichtung notwendig.. Unter den jungen Juden müsse das Handwerk verbreitet werden, die Liebe zur Scholle müsse geweckt und der Abwendung von der.Großstadt und Rückkehr aufs Land das Wort geredet werden. ... A» beide Referate schloß sich eine Diskussion. Dt. Apsel wies darauf hin, daß Hans Goslar, aus einem anderen Lager kommend z» gleichen Aiisichten gekommen sei, daß sich hier eine neue Verständigungsgemcinschaft auftue. Die von .Herrn Dr. Löffler Vvrgctragencn Gedanke,, müßten i» die. jüdisch.' Debatte liiiiciiigcworfen werden. Die jüdische Jug.iid solle Trägerin der Sexualcthik sein und auch iir nichtjüdischen Kreise ibre reinen Ideen hineintrag.il. Die Rabbiner Dr. W i e »-er-Stettin und- Dr. H eil bronn-Nürnberg bedauern, daß man nicht eiuen Rabbiner mit -diesem Referat betrauthabe. Von anderer Seite wird ihnen entgegnet, daß -es schwierig gewesen fei, einen Rabbiner zu finden, der allen Richtungen hätte gerecht Vierden könne,Im übrigen könne es die Rabbiner doch nur freuen, daß auch Laien, für; die vorgetragenen Ideen tiefes Verständnis hätten. Nach der Mittagspause ergriff. Rabbiner Dr. Lange-Csscn das Wort zu seinem Referat über die Bekämv'ün'g des Antisemitismus. Es sei bedauerlich, daß dieses mittelalterliche- Vorurteil iwch nick verschwunden, sondern im Gegenteil von neueni sein Haupt erhebe. Die antisemitisch.'» Orga »isationen bemühen sich heute, Progromstimniuilg zu schaffeit. Gegen dies aufsteigende Mittelalter niüsse inan mit allen Mitteln des Geistes ankämpfen. Da die Antisemiten >übcr große Geldmittel verfüge», würden sic niit jeden, Mittel Vorgehen, um Uns zu degradiere» und uns unserer Rechte zu 'berauben. Wir haben unser.' Pflicht aber durchaus getan und sind hinausgczoge», wie die anderen. Das Wort von der passiven Solidarität sollen wir ruhig ausoreifen und unserer Jugend sagen, daß ein Jude . mehr verderben kann, als hundert andere gut- - Machen können. Jeder einzelnc muß wissen, was' er. tue, tue er als Jude und falle jauf das Judentum zurück. Schutz gegen den Antisemitismus können Nur wir selbst uns gewähren. Unsere Jugend müsse lernen, für sich selbst einzutreten, da es keine .Partei gebe, die dies täte. Auch die Sozialisten nicht, dies habe Noske erst wieder bewiesen durch seinen Brief anläßlich der Beschwerde über den' antisemitischen Artikel des Generals von Wrisbcrg. Auch die Ädußerungen auf dem sozialdemokratischen Parteitag von Bernstein, Müller^und' Braun gäben zu denken. Die'Grundlage jeder Abwehrtäligkeit sei das Sclbstbewußtsern. Dieses sxi die stärkste Waffe. Die Jngendvereine dürften die Bekämpfung des Antisemitismus nicht allein dem Centralverein überlassen, sondern müßten selbst auflläre» und den Antisemitismus bekmnpfen. 'Wenn niemand da sei uns zu Hellen, so müßten wir uns eben alleine helfen. . Bei der alsdann folgenden Beratung der neuen Satzungen beantragte Pasch-Berlin, den Centralverein aus dein Berbandsvorstand auszuschlleßen, da die Verkuppelung mit ihm schädlich und cp kein neutraler Verein sei. Ge^imrat Fuchs habe ihm erst am Morgen oekagt, daß, der Centralverein neutral in politischer, neutral in religiöser, nicht neutral dagegen in nationaler. Hinsicht sei, daß der Centralverein garnicht daran denke, seine eigene. Jugendbewegung einznstellen. Dr. Krombach warnt, den Centralvereiu auszu-. schließen, da man damit einer bestimmten Richtung im. Centralverein Gelegenheit gebe, sich die eigene Jugendbewegiinp zu schassen. Dr. Apfel protestiert gegen den Antrag, da R.-A. Pasch don feinem Verein nicht ermächtigt sei, ihn zu stellen. Aber er vervslichte sich, im Centralverrinsvorstand Klärung herbeizuführen und würde dort nötigenfalls die, Konsequenzen ziehen. ,Er erbitte Mmächtigung, an die Zionisten hcranzutreten, um' diesen, falls sie zur Mitarbeit bereit wären, ebenfalls einen Posten inr Jugendverbandsvorstand aiizubieten. Sein Ideal sei, daß bei,, uns Me Richtungen vertreten seien. Er sei bereit, allen größeren Organisationen im Vorstand einen Sitz einzuräumen. Damit wäre dann zum ersten male eine gemeinsame 'jüd. Plattform' geschaffen. . In der hierauf solgerwen Wahl eines Verbandsvorsitzenden wurde Dr. Apfel xinffiiümiL wichergewählt.. ' Zu Mitgliedern des/ Verbandsvorstandes wurden ge-'