Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 26 (4.7.1919)
- Date
- 1919-07-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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v 4 FrankfurterIsraeliiisches Familienblatt iiiiiiimiiiiiiiiiiimHiinimimmiinnuniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinrm; Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertelsabr: In Frankfurt a.M. 3Jlf. 1.95frei ins Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.80, frei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Lei Zusendung durch Streifband surOeutschland undösterreich-llngam Mk. 2^15, für alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer 2Vpfg. ... .. Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Saly Geis Insertionspreis für die sechsgefpaltene Petitzeile7» Pfg., für die Reklamezeile Mk.2.—. Lei Wiederholungen entsprechender i Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / i Annoncen-Annahme bei der Egred.und kn a.Annoncen-Lureaus. : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Rr.4864. : 17. Jahrgang. Freitag, Leu 6. Tarnus 5679 (4. Juli 1919) Rr. 26. Die Friedenskonferenz nnd die jüdische Antouomiesorderung. Die. jüdische Bestrebung zur Erlangung der Möglichkeiten einer ungedemmten nationalen Entfaltung innerhalb der Völker Ost- und Mitteleuropas ist die Ausdrucksform eines machtvollen Dranges, wie er heute in den Nationen des Ostens als treibende motorische Kraft lebt und sich. auswirkt. Mit dem Sturz und-dem Zusammenbruch des Zarentums und später mit der Zertrümmerung des zenträleuropäischen Staatenblocks begann das lang unterdrückte nationale 'Wollen und Streben jener Völker zum Durchbruch zu gelangen, begannen ihr nationalen Energien. sich die Bahn zu Ungehemmter Auswirkung zu brechen.. Die schon früher de»l .Machtgedanken von dem Willen zur nationalen Selbstbehauptung und Selbstregierung.'stets schroff entgegengesetzte Idee der Freiheit der einzelnen nationalen Gemeinschaften gewann unendlich an Bedeutung und an Stoßkraft.. Der Grundsatz der strengen Gerechtigkeit, des gleichen Rechts für alle ivurde zu einem wichtigen, entscheidenden Faktor. - . . . Gleich den anderen Volkstümern erhebt das jüdische Volk im Osten dringlich seine Forderung auf nationale Gleichberechtigung für seine über das ganze Gebiet Osteuropas verstreuten Glieder. Es' verlangt eine freie, offene Bahn für seine wirtschaftliche und nationale Enttvickiung, cs verlangt Bürgschaften für ein ungehindertes geistiges und kulturelles Ausleben gemäß seiner Sonderart. Es will befreit sein von dem 'Druck ungerechter Behandlung und geschützt sein vor den Schrecken der Gewalt und des Pogroms. Und das Ziel ist das Gleiche, ob lin dem verstockten, .unversöhnlichen Polyn und in den judenseindlichen Rumänien und Finland oder in deir gerechteren Rußland, Ukraine, Tschechosloivakien, Litauen, Jugoslawien, Estland und in anderen Ländern. Die berufenen Vertreter der östlichen Juden in j'Paris, die Delegierten der jüdischen Nationalräte im Osten,' haben im Verein mit amerikanischen jüdischen Beauftragten den Entwurf eines Abkommens in.Hinsicht der Rechte der jüdischen Minderheit in den oben-genannten Ländern ausgearbeitet und '.(vor etwa zwei Monaten) der Friedenskonferenz in Versailles unterbreitet. Wie es scheint, hat inzwischen der Ausschuß, dem die Behandlung dieser Fragen oblag, den Entwurf in seinen wesentlichen Zügen akzeptiert und die Hauptvorschläge in die mit den neugebildeten Staaten achzuschließendcn Friedensverträge übernommen. Im Entwurf wird zunächst verlangt — wir heben nur die wichtigsten Punkte hervor — die Anerkennung des allgemeinen Grundsatzes: Gleiche' Rechte an alle Staatsbürger, sie seien bürgerlicher nnd religiöser oder nationaler und politischer Art (§ 2).- Der Gebrauch der nationalen Sprachen ist im privaten, öffentlichen und offiziellen. Verkehr gestattet (§ 4).. Der Artikel: „Autonomie"-fordert das aus der Anerkennung der nationalen Minderheiten als'autonomer Organisationen folgende Zugeständnis'des'Rechts, Schulen und Institutionen auf verschiedenen- Gebiet zu gründen. Zuziehung von Vertretern^ der jüdischen Minderheit zu den öffentlichen Armtern. den staatl'chen Körperschaften usw. entsprechend |. ihrer zahlenmäßigen Stärke. Das'. Recht auf- Sabbathruhe-und Sonntagsarbeit wird der jüdischen Bevölkerung. «mtzev^>tt'.^W'.'.Uek Beschluß des' Entwurfs bilden zwei- BdipmmglngenL die die -Stellung. deZ7 Völkerbundes alsientsche^mde Isttstänz) an die der- Weg zu Beschwerden offen-steht-präzisieren (§§- 9 u: 10). - \ Dem Völkerbund fällt mithin das Amt zu, über die Llusführnng und die Einhaltung der obigen Abmachungen durch die einzelnen Länder zu wachen. Es leuchtet ein, daß der Schlußbestimmung, die das ganze Werk krönt, entscheidende Bedeutung zukommt. Ohne diese Bürgschaft und Gewähr liefe das ganze Abkommen dauernd, ernste Gefahr, ein papiernes zu bleiben, illoyal nnd nnvollkommcu durchgcführt zu werden. Die hohen Widerstände und starken Henrmungen, denen die Verwirklichung der Autonomiesorderung in einzelnen Ländern, z. B. Polen nnd Rumänien, begegnet, würden wahrhaftig zn unüberwindlicher Stärke anwachsen, wollte man den einzelnen Regierungen, den einzelnen Völkern im Vertrauen auf ihren guten Willen die Ausführung der Bestimmungen in Hinsicht der.nationalen Autonomie der Minderheiten ganz überlassen. Die befreiten Völker im Osten frönen zu einem .Teil rückhaltlos dem Drang nach Macht und Unterdrückung fremdirationalcr Gemeinschaften,' und ihre Sinne sind heute zu sehr von Machtrausch und Machttrunkenheit umfangen, als daß es ihnen niöglich wäre, die politischen Notwendigkeiten der Gegentvart zu erkennen- und selbst auf die Stimme der Vernunft zu hören. Sie stemmen.sich mit aller Kraft und Gewalt gegen die Ueberrragung des Prinzips des Sclbstbestimnlungsrechts auf ihre Länder. Sic übertreiben in der Darstellung der Gefahren der nationalen Ailtonoinie tind suchen durch Schlagwörte, wie „Staat im Staate", „Eingriff in die Souveränität" zu täuschen und zu schrecken, nachdem die Pogrome und Verfolgungen das Gegenteil von der vielleicht erhofften Wirkung erzielt hatten. Es scheint darum nahezu aussichtslos, Polen und Rumänen — als Hauptvertreter der reaktionär regierten neuen Staaten — davon überzeugen zu wollen, daß die obigen maßvollen jüdischen Forderungen durchaus njcht ihrem Staatsinteresse zuwiderlanfen, daß sie ihm vielmehr durchaus förderlich sind, weil sie. ein gemeinsames friedliches Nebcneinanderleben von' jüdischer Minderheit und fremder Mehrheit erstreben durch Schaffung einer festen, wirklich dauerhaften Grundlage für den ganzen Staat, der Grundlage des gerech.-tcn Ausgleichs und der aufrichtigen Verständigung. .Von der Entschlossenheit und Festigkeit der Mächte bei den Versailler Verhandlungen hängt es ab, ob .die Minderheitsrechte in den Verträgen mit den einzelnen neuen Staaten im Osten gesichert und verbürgt werden. (Der Vertrag..mit Deutsch-Oesterreich erfüllt die jüdischen Erwartungen und gilt uns als ein ermutigendes Zeichen in dieser Richtung.). Die Haltung der Möchte und .die Einsicht der Völker im Osten sind zwei Faktoren, die die künftige innerpolitischc Gestaltung in den östlichen Ländern bedingen ilnd beherrschen werden. Wie die Mächte, so werden die Völker einmal zu der Erkenntnis Mehrheit des jüdischen Volkes gewesen sind, erfüllen sich mit bitterer Feindschaft. Die Welle des Hasses steigt. Der Blutrausch verfinstert den Blick der Bevölkerung. Und aus dem Unheil» des Bürgerkriegs dröhnt der Hilferuf des jüdischen Volks, der Hilferuf um Leben, Ehre,. Volksart, Heimstätte, Hab und Gut. Die äußere und. innere. Existenz, das nackte Leben und die geistiga Freiheit, werden mit roher Gewalt, mit Mord und Brand, mit Zwangsunterdrückung, mit Schändung und Raub vernichtet. Die Schmach der Zeit läßt ihren Herren nicht erröten. Frecher Stirn leugnen die Machthaber jener Gebiete'das Unrecht, das ihren jüdischen Bürgern zugefügt ist. Die Ucbcltäter entkommen spurlos, die 'Anführer werden nicht zur Verantwortung, gezogen, der Mund, der sich zur Anklage öffnet, wird zu schweigen gezwungen. Und die Führer der Heere, die die Freiheit . dieser Länder erkämpfen sollen, unterdrücken das Recht ihrer jüdischen Mitbürger. Sie fördern die Hetze,-die ihre Soldaten zu Raub und Mord aufstacheln. In Rumänien begann die Bedrückung mit dein Abzug der Armee Mackensen. Das alte System der Rechtlosigkeit der Juden setzte wieder ein. Die Versvrechungen von Bürgerrechten blieben leere Worte. In der - Hauptstadt kam es zn blutigen Unruhen. Die Juden setzten sich zwar organisiert zur Wehr und brachten^ dem angrcifcnden Pöbel blutige Köpfe bei. Es gelang aber doch nicht, die jüdischen Viertel zn schützen. Das5 ' Ghetto wurde in Flammen gesetzt, die jüdischen Ge- . schäfte der Hauptstraße geplündert. Im Lande wurden , weitere Pogrome durch den Druck der öffentlichen Meinung Europas verhindert, trotzdem die alten herrschen- - den Schichten ihre wilden Gelüste offen kunügaben. ,Der Bruder des Ministerpräsidenten Bratianu selbst erklärte: „Ein Pogrom wäre willkommen; leider ist es jetzt nicht möglich" In amtlichen Kundgebungen von Truppenbefehlshäbcrn und Behörden wurde niederträchtiger Weise gehetzt, der Glaubenshaß wie bei den. Kreuzfahrern, des 12. Jahrhunderts aufgestachelt. In der U k cka i n e kam es in Dutzenden von Stäotenzu Verfolgungen. Auf dem Lande bildeten sich bewaffnete Banden, die sich zu Plünderungen und Judenmassakres zusammenrotteten. Sie zogen in die kleine» Städtchen, die durchweg von Juden bewohnt sind, raubten und mordeten. Die Regierung, die Pctliuraregierung. der Sozialisten, stachelte das Volk zum Chauvinismus auf . und predigte den Kampf gegen den inneren Feino. Die Regierungstruppen selbst schlossen sich offen deck- . Plünderern an. Das „Regiment des Todes" zog sengend- . uno plündernd von Stadt zu Stadt, überall die jüdischem S edlung vernichtend. In Borditfchrw und Shi- -- toMir, Proskurow und Homel kam es zunr^. Massenmord von den gegenüber den dewaffnelen Truppen gelangen, daß es schon politische Klugheit und Vernunft Mund der sanatisierten bewaffneten Bevölkerung wehrlosen Si0 QoAaM^vaAiA ttnk OfttKov* diw>o(ti»n iS+SKiOM hlitrSon cTlili'llS** tintf nahelegen, die Lebensrechtc und Lebensnotwendigkeiten des jüdischen Volkes im Osten in allein zu achten. K. S. : Pogrome. Die düsteren Tage des menschenfeindlichen Mittelalters scheinen wiedergekehrt. Im Osten. schwelt das Feuer der Verfolgung: Der freche Mordbrand ver- - zehrt' Glück und Leben unserer . Volksgenossen, lieber große Länderstrecken .ziehen feine Rauchwolken. Die weiten Gebiete Rumäniens, der Ukraine,: Galiziens und Polens, die seit vielen -Jahrhunderten die Heimat der Juden. In einzelnen Städten wurden Tausende von - Juden geradezu abgeschlachtet. Man prügelte die führenden 'Gemeindemitglieder öffentlich mir Knuten und * erschoß sie dann. Man schloß die Juden in ihre Häuser . -ein und verbrannte sie lebendig. Man erhängte sie understach sie mit den Bajonetten. Alle Greuel des Mittel-. alters lebten auf. Man schändete die Leichen, man zerriß sie in Stücke. Zn achtzig und neunzig wurde», die " Leichen in Massengräber geworfen und diese der Erdegleichgemacht, damit kein Andenken übrig bleibe. Die-^ Mädchen wurden versammelt und öffentlich geschändete 'c Alle Versicherungen der- Regierurm blieben fruchtlos, ihre. Anordnungen zweideutig. Das jüdische Volk mußte ent» »