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Neue jüdische Presse · 1919-06-20 · Heft 24 (20.6.1919) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 24 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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» 4tx 24 Neue Jüdische Presse. Serie 3 Lekilävi'malei'vi u.VVvissdinliei'ardejlen - Philipp Trauner Textorstrasse 68. Telephon Römer 5778. Menschheit gefeilscht, gefeilscht, als handelte es sich nicht um das Lebensglück von Millionen lebender Menschen, Menschenbrüder, — sondern als seien all' die Menschen tote Kränrerware. Aber auch die Stimme des öffentlichen Gewissens kennt nur den nacktesten Materialismus, sonst hätte sie die Diplo- .anatie von Versailles zur Modifizierung ihrer Politik gezwungen. Was können wir Juden da erhoffen von einem Appell an die Westmächte, daß sie den furchtbarer! Judentragödien irn Osten urrter der Polen Herrschaft ein Ende machen? Buchstäblich jeder Tag bringt Nachrichten von Vernichtung jüdischer Leben und jüdischen Habs und Guts durch polnische Bestialität. Frankreich, England und Anrerika, das Amerika Wilsons, halten ja schützend ihre Hand über die Polen! Sie sind ech die erst letzt die Hallersche Armee, die unter den Juden Polens schmähliche Heldentaten vollbringt, nach Polen überführen ließen. So müssen wir Juden denn die Hilfe nur bei uns suchen. Doch >vir Westjuden sind heule zersplitterter als je, und der schreckliche Geist der Zeit wirkt heute verheerend auch unter uns. Selbst das jüdische Herz ist in unserer Mitte seltener geworden, und siuden die Hilfsruse aus dein Osten bei uns nicht mehr das Ohr wie früher. Auf den Knieen möchte man jeden jüdischen Bruder und 'jede jüdische Schwester anflehen: „Besinnt euch! Bor euch liegt der Tod durch die Assimilation und das Leben durch den bewußten Zusammenschluß als jüdisches Volk! Nur durch den bewußten Zusammenschluß als jüdisches Volk können die großen sittlichen Menschheitstraditionen, deren Träger das jüdische Volk ist, ivieder Kraft geivinnen! Nur so kann es wieder Wirklichkeit werden, daß vom Zion Gottes Wort ausgeht und der Menschheit zur Rettung »vird!" erstrebt. Die Schaffung der Gcsamtvertretung solle erfolgen durch Umwandlung entweder des Verbandes der deutschen Juden oder des Deutsch-Israelit. Gcmeindc-- bundes oder beider in eine solche Gesamtvertretlmg. Ein besonderer Ausschuß— Rabb. Dr. fBlum enthal, Assessor .H-rrschseld, Justizrat Lilienthal, Geh. Justizrat Löwe, Justizrar Mä ko wer-Berlin. Geh. Justizrat Goldfeld- Breslau — ist mir der Durchs sühruirg der notwendigen Maßnahmen betraut. „Der Israelit" bemerkt hierzu: „Das ist ja eine niedliche Bescheerung! Während man öffentlich über ehrliche Kraftproben, parlaineniarische Wahlen z» einem jüd. Kongreß und ähnliche schöne Dinge verhandelt, verwandeln insgeheim die alten Väter und Patrone der Rosin'schen und Machol'schen Zwangsorganisation ihren eigenen „Verband" „mit größter Beschleunigung" — noch „vor Zustandekommen der deutschen Reichsverfassung" in die als Körperschaft des öffentlichen Rechtes anzuerkeunende jüdische Religionsgesellschast! ... Der Plan ist zu fein ausgedacht, als daß er — einmal an's Licht gebracht — in dieser Form gelingen könnte Seine Lancierung führt mit unweigerlicher Konsequenz zur Schaffung zweier jüdischer Religionsgesellschaften in Preußen. ... Keinesfalls aber wird der neue deutsche Volksstaat sich zu oen> ihm hier angesonnencn ungeheuerlichen Rechtsbruch hergeben, einen von niemandem legitimierten privaten Verein an die Stelle der historisch beglaubigten jüdischen Religionsgemeinschaft zu setzen und dabei grade diejenigen weiten Kreise der Judenheit auszusperren, die eben aus Treue zur historischen Ucberlieferung jenem Privatverein seit Jahren grundsätzlich die Anerkennung versagen mußten.' Misraehf-Spendeu erbeten anf Postscheck .Konto Emil Bfihler 13,50$ Frankfurt am Main. In Kolbnszow a sind von 116 jüd. Familien und in Magdan von 170 jüd. Familien IM völlig anSgeraubt worden. Ezeuftocha« Die Hallerlcben Soldaten habe» hier Pogrome angezettelt. Fünf Juden sind ermordet worden. Wilna. Die jüngste Sitzung der Jüdische« Gemeinde konnte nicht stattsindeu, da ein Offizier den Gemeindesaal betrat und erklärte, es dürfe nur polnisch gesprochen werden und die Einwände des Vorsitzenden, daß die Juden nur jüdisch verstehen, nichts fruchteten. Warschau Angesichts der unaufhörlichen Pogrome hatten 400 Rabbinen des Ostens den 20. Siwan (18.- Juni) als? a n i s - Z i b b u r (Gemeindefasttag) bestimmt. Pl8«e des Verbandes der deutschen Inden. „Der Israelit" ist in der Lage, ein Schriftstück des Verbandes der deutschen Juden der Oeffentlichkeit zu übergeben, alis dem hervorgcht, daß der Verband, möglichst noch vor Zustandekommen der deutschen Reichsverfassnng, die Schaffung einer mit dem Recht einer öffentlichen Körperschaft ausgestatteten Gcsamtvertretung .der deutschen, allenfalls der einzclstaatlichen Juden, beschränkt aus die sich freiwillig anschließenden Gemeinden, Die polnische Herrschaft. Wie«. Sofort nach der Eroberung Oltgaliziens haben die Pole» die S e l b st.v e r w a l t u n g der Juden» die die ukrainische Regierung einführte, ab geschafft. Die jüdischen Natio na lrä te sind aufgelöst worden. In S t r y i wurden die jüdischen Schüler — etwa 400 — aus dem Gymnasium ausgeschlossen. I» Drohobycz wurde der jüdischen Zeitung das fernere Erscheinen verboten. Die Juden erfahren überall Belästigungen. Biele Fälle vom A b s ch n e i d e n der Bärte seitens der Polen werden berichtet. Krakau. Kaum, daß General Haller mit einem Teil seiner Truppen eingetrosfen ist, hat es nun auch hier einen Pogrom gegeben. Siebzig Juden sind schwer und mindestens hundert leicht verletzt worden. Zahlreiche jüdische Geschäftshäuser wurden geplündert. Lembera. In den letzten Tagen find wiederum jüdische Geschäfte geplündert worden: so wurde das bedeutende Juweliergefchäft Zipper ausgeplündert. Lewing-Diele, Zell 50 ■P Erstklassiges Künstler - Trio. -MU Deutsches Reich. Jüdische GartenftaStgenossenschast Berlin. Die erste Generalversammlung der Genossenschaft cmr 26. Mai ergab die erfreuliche Uebereinstimmung aller 9tn» wesenden, daß unter den Juden das Interesse für eine Gartenstadt, für alle Probleme der Selbstgewinnung der Naturalien überall gestiegen ist und die Bedeutung derhygienische» Wohnung, der gesundheitlichen Gartenarbeit rcmehr denn je gewürdigt wird. Die erste jüdische Genossenschaft in Deutschland, welche in den Wirre» des Krieges und der Revolution geboren ist, hat die schwere Zeit gut überstanden und tritt nunmehr in ihr zweites Jahr ein. üfti der Spitze des Anssichtsrates und Borstandes stehen: M. A. Löb, Prof. Dr. Heinrich Löwe, Frau Clara. Boschwitz, Lewinsky, Wolpe, Schräge»heim» Klein, Kreitner, Leo Förder und Dr. Felix THeilhaber. Eine ansehnliche Zahl von Interessent?« ' traten im Laufe des Gründungsjahres ein. Einige ernsthafte Projekte, welche der Genossenschaft vorliegen» sind z« lösen, falls die Idee rasch noch weitere Kreise deS jüdischen Publikums zum Anschluß bringt. Mitteilungen über die jüdischen Gartenstadtbewegung erteilt der Borsitzende der Propagandakommission, Zahnarzt Siegfried Ster«r Berlin-Wilmersdorf. Uhlandstr. 127, Ecke Güntzelstraße, Telefon Pfalzb. 6l16. Der Anteil beträgt 240 Mk., fit beliebigen Raten zahlbar an Diskonto-Gesellschaft, Konto Jüdische Gartenstadt, Berlin SW. 48, Friedrichstraße 13. Pole». Der polnische GeueralstabüberJudennndvolschewismnS. In der Broschüre .Der Bolschewismus und die pobnische Frage" (herausgegeben vom polnischen Generalstab unter Nr. Vl/865) wird, wie dein K. f. d. O. berichtet wird, auf die unzulängliche Orientierung der polnische» Gesellschaft über das wahre Wesen des Bolschewismus, und die in' diesen Kreisen dieser Bewegung gegenübe» herrschenden Borurteile und den Mangel an dem Wille« zum Verstehen hingewiesen. Diese Vorurteile und dieser Unwille müßten, meint der Verfasser, bald überwunde« werden. „So lange wir auf dem leider so populär gewordenen Standpunkt verharren, daß der Bolschewismus das Werk einer Gruppe jüdischer Banditen sei, werden wir . seinem Anwachsen völlig hilflos gegenüberstehen. Durch die Gleichstellung von Bolschewisten und Banditen uno die Erhebung falscher Anschuldigungen gegen die Jude« ist nicht viel auszurichten. Der Bolschewismus ist nicht, das gleiche wie Banditismus, obwohl die russische Revolu« : Ohne Bewilligung. Eine Ghettogeschichte von Leopdld Kompert. (Fortsetzung.) Jaikew wollte aber der so kühn ausgesprochene Trost gar nicht einleuchten, er sagte etwas kleinlaut: „Wenn aber doch, Herr Goldberger?" „Narr," entgegnete jener mit einem überlegenen Lächeln, das sich über die Bedenken Jaikews mit einem Sprunge hinwegsetzte, „Narr, wenn man dir etwas möcht' tun wollen, hätt' man dir dann eine Zustellung ins Haus geschickt? Da wär' der Polizist gleich gekommen und hätt' dich eingesührt.*) Meinst du, der Magistrat schreibt erst lang', daß er dich erst in zwei Tagen sehen will, wenn er dich sogleich beim Kragen nehmen möcht'? Auf. keinen Falk brauchst du dich zu fürchten, ich versteh' mich schon darauf." Damit ging er schon auf die Türe zu, denn er hatte 'sich seiner Pflicht als Ratgeber bereits entledigt. Aber die - beiden Eheleute fühlten sich durch die so kluge Auseinandersetzung, des Advokaten zwischen „sogleich packender und sich erst eine Weile geduldender Gerechtigkeit!" nicht im Mindesten getröstet. ' „Wenn aber doch, Rebb Lippmann?" fragte Jaikew, „Sie wissen ja, wir haben ohne Bewilligung uns genommen. Wenn man uns doch etwas tun will?" „In her Zustellung steht's nicht," sagte darauf der unbarmherzige Advokat, der wieder nach kluger Leute Art fest auf dem „Buchstaben" des Gesetzes fußte, und drückte schon auf die Türklinke, um fortzugehen. ,Menn aber doch?" schrie die ängstliche Rssel und lief' ihm nach, die Tränen brachen ihr stürmisch aus den Augen;, „wenn man uns wegen der Bewilligung ftagt, um Gottes willen, Rebb Lippmann, was sollen wir-tun? Was sollen wir reden? Helsen Sie uns, raten Sie uns!" Der tiefe Jammer der Eheleute schien anf das juridische "Herz des Advokaten denn doch einen Eindruck zu „ Provinzialismus; statt,: Ins Gefängnis führen. machen, er kehrte sich langsam um und setzte sich an das obere Ende des Tisches, wo. er eine Weile nachdenkend vor sich niederblickte. Die beiden Eheleute standen in Angst und Erwartung. „Gut," begann er dann, „positus, ich nehm' den Fall an, man wird euch zwei nach der Bewilligung fragen, was sollt ihr da anfangen? Dich, Jaikew, wird man ftagen: Jst's wahr, Jakob Lederer, daß Ihr die hier stehende besagte Jungfer Resel Turnauer zu Euerm ehelichen Weib genommen habt? Was wirst du darauf antworten?" „Ja!" sagte Jaikew. „Nein, nein," schrie der Advokat und schlug heftig auf den Tisch, „nein, tausendmal nein, wie du nur einmal ja sagst, bist du kriminalisch. — Dann wird man dich ins Verhör nehmen, Resel, und da wird's wieder heißen: Jst's wahr, Resel Turnauer, daß Euch hier stehender, besagtes Jakob Lederer zum ehelichen Weib genommen hat? Was wirst du darauf antworten?" „Nein", entgegnete die weinende Resel, die hier dem Advokaten zulieb' eine offenbare Unwahrheit sagte. „Gut," meinte Rebb Lippmann. „alle beide müßt ihr nein sagen, das schreibt euch gut auf und irrt euch nicht. Dann wird man euch aber fragen: Also, Jakob Lederer, da Ihr die besagte Resel Turnauer nicht wollt zum Weib genommen haben, was ist sie Euch dann? Denn du darfst nicht meinen, daß die ans dem Magistrat keinen Kopf aus sich haben! Was willst du da draus antworten?" „Sie ist mein Weib, mein ehrlich genommen Weib!" rief, sich vergessend, Jaikew. Er hätte selbst vor dem Gericht keinen andern Ausruf getan. Resel brach in Jammern aus. „Red du nur zu," sagte der'Advokat ruhiger, als man erwarten sollte, vielleicht weil Jaikew geschrie» hatte, „laß dich nur nicht »lernen'!" Dann aber erhob er seine Stimme mächtiger und voller, nun schrie er ebenfalls: „Will dir denn das nicht in deinen vernagelten Kopf eingehen, daß du nicht ja sagen darfst? Willst du denn gleich verloren sein? Wenn man dich ftagt:- Ist also besagte Resel Turnauer nicht Euer Weib, was ist sie Euch dann? so mußt btt darauf antworten: Sie ist meine Haushäfterin oder Wirtschasterin, — und du, Resel, mußt sagen: Der Jakob Lederer hält mich aus. So kommt ihr beide aus der ' Klemme." „Seine Haushälterin," jammerte Resel, „ich soll nur deine Haushälterin vorstellen, Jaikew? Hast du das dein Leben gehört?" „Helft euch anders," sagte der Advokat und stand auf, „ich Hab' geraten, was in meinem Vermöge» steht. -Ich' sag's noch einmal, Resel muß deine Haushälterin sein, unb sie mutz sich von dir aushalten lassen. Anderes weiß, ich nicht." „Gott. Gott," rief Jaikew, „was hat denn nur der- Kaiser davon, daß er mich mit Weib und Kind nicht i» Ruh' läßt? Was Hab' ich ihm denn Leids getan? Er kennt mich nicht, und ich kenn' ihn nicht!" „Ist das eine Red'!" schrie der Advokat zornig, weil sich seine ganze juridische Natur gegen diesen einfältige« Ausspruch sträubte. „Willst du denn haben, der Kaiser in Wien soll von Jaikew Lederer wissen, daß der ohne Bewilligung sich ein Weib genommen hat? Der Kaiser hat seine Magistrate, und die haben wieder Borschriften, der Kaiser selbst kann nicht über sie hinausgehen. Nu, das wär' noch gut. wenn der Kaiser von Jaikew Lederers Herzeleid was wüßt'! Er hat andre Sorgen im Kopf!- Er denkt jetzt vielleicht an Krieg mit dem Engländer oder mit dem Russen." Nach dieser kurzen, aber genügenden Belehrung über „absolute und beschränkte Monarchie" verließ der Advokat das Haus; aber er hinterließ dort keine Beruhigung, keine» Trost. Was nützte jede noch so kluge Verhaltungsmaßregel, wie sie sich vor dem Gerichte benehmen sollten» bei Leuten, die nun einmal ohne Bewilligung geheiratet hatten? (Fortsetzung stKgt.)

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