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Neue jüdische Presse · 1919-06-20 · Heft 24 (20.6.1919) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 24 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 auf die jüdischen Kolonien Palästinas erstreckt, bewies mir ein Besuch mehrerer dieser Kolonien. Dort praktizierende Kollegen versicherten mir, daß Krankheiten sexuellen Ursprungs unter ihrem Klientel zu den allergrößten Raritäten gehören. Selbstredend haben alle Meuschensreundr, besonders aber wir Zionisten, den innigen Wunsch,, daß dieser beneioenswerte Vorzug, dessen sich die -palästinensische Jndenheit zu erfreuen hat, dauernd erhalten bleibt. Leider aber ist mit Recht zu befürchten, daß bei der jetzt wohl bald beginnenden starken Einivandernng fremder jüdischer Elemente nach Palästina unser Land das ihui von jeher zukommeude Attribut der Heiligkeit nach dieser Richtimg hin nicht mehr lange behalten wird. Ta ist es sehr dankenswert, daß Herr Tr. A d o.l s Fracnkel in seiner Arbeit: „Die sexuelle Frage im künftigen Palästina" (Nr. 19, 1919 der „Indischen Rundschau") diese Angelegenheit mit der nötigen Offenheit und Sachkenntnis bespricht. Seinen Freimut bekundet er nicht bloß darin, daß er diese heikle Frage Lberhanpr in der Oeffcntlichkeit diskutiert, sondern auch darin, daß er die altjüdische Moral als absolut verpflichtendes Gesetz für alle Inden fordert, die sich in Palästina ansiedeln wollen. Der entsetzliche, privates wie Volksleben vergiftende und einen lebendigen Aufschwung von vornherein verhindernde Sumpft wie cs durch die heutigen sexuellen Verhältnisse in Europa dargestellt wird, darf unter keinen Umständen in die neue palästinensische Siedlung übertragen werden. In unserem nationalen Heim müssen reine, dem jüdischen Geiste und der jüdischen Iheberliesernng entsprechende Verhältnisse geschaffen und dauernd erhalten werden. Zur Erreichung dieses Zieles ist es notwendig — so führt Fra'en kcl weiter ans — daß mit eiserner Konsequenz jede öffentliche und geheime Prostitution ansgeschaltet werde. Me Arbeit nach dieser Richtung hin müsse aber versagen, wenn nicht das sittliche Denken und Empfinden der jüdischen Menschen in der künftigen Siedlung ein durchaus anderes wird als das der meisten Männer und Frauen in Westeuropa. Es muß als ein unverrückbares Grundprinzip auch für oen Mann gelten: Schändlich und im höchsten Grade ehrlos ist cs, sich vor der Ehe und außerhalb der Ehe .„auszuleben" und eine Volksgenossin (oder ein anderes Mädchen) zu verführen. Ein Mann, der so wenig Selbstzucht besitzt, diese sittliche Forderung nicht zu respektieren, müsse im Kreise seiner Kameraden wie in jeder anderen jüdischen Gesellschaft geächtet sein. Diesen Ausführungen Fraenkels kann ich als Jude rmd als »Arzt nach jeder "Richtung hin voll und ganz zustimmeu. Ich hatte s. Zt. beabsichtigt, dies auch in diesen Blättern zum Ausdruck zu bringen, bin aber davon abgekommen, weil ich mir sagte: Diskutabel können doch höchstens nur die praktischen'Methoden sein, die Fracnkel zur Verwirklichung der hier skizzierten Idee vorlegt, diese selbst, der Gedanke nämlich, daß im heiligen Laude Sittenreinhcit und moralische Prinzipien im altjüdischcn Sinuc herrschen müssen, wird doch ausnahmslose Anerkennung finden, wird jedenfalls von .keinem Zionisten bekämpft werden können. Aber das, was ich für unmöglich, mindestens aber für unwahrscheinlich gehalten habe, ist doch geschehen. In Rr. 31 der „Jüdischen Rundschau" unternimmt es Herr Ludwig Strauß, die hier skizzierten Ideen Eraeukcl's zu bekämpfen. Mit unverkennbarer Absichllichkeit bezeichnet der Autor am Eingang seiner Polemik die Ansicht seines Gegners als o r t h o 0 o x. Denn »der orthodox ist, der gilt in den Augen unserer libcralen Brüder (liberal deshalb, weil sic sich ans eigener Machtvollkommenheit befreit haben von den Banden jüdischer Tradition und Lebensanschauung) als stigmatisiert mit Makel der geistigen Unfreiheit, Beschränktheit und Rückständigkeit. In vielen liberalen Krciseir blickt man aus einen Orthodoxen mit jenem Gefühl gemischt von Milleid und Bedauern herab, mit dcni man etwa ein in-seiner geistigen Entwicklung zurückgebliebenes Kind betrachtet. . Es ist hier nicht der Ort, solche Anschauungen als durchaus salsch und unzutreffend zu widerlegen. Aber Iven» der orthodoxe Herr Fracnkel mit aller Energie kür die Forderung strengster vorehelicher sexueller Ent- Neue Jüdische Presse. >. haltsamkeit eimritt, so befindet er sich in sehr guter Gesellschaft aller modernen großen Hygieniker und Forscher aus dem Gebiete der Scxualkrankheitcu. Ich nenne nur die Namen F o r e l, R i b b i n g, H c g a r, Entenb n r g. L o e w e n s e l d, R o h l e 0 c r, E u r s ch in a n n, Mendel und G r u b e r. Für uns orthodoxe Inden bedarf es freilich nicht dieser Bestätigung eines Grundprinzips jüdischer Ethik von Seiten der Naturwissenschaft. Wer für unsere liberalen Brüder» die als modern^ Menschen die Moral nur aus naturwissenschaftliche Basis gründen möchten, ist es doch von Wichtigkeit, zu erfahren, daß die Wissenschaft die voreheliche Enthaltsamkeit nicht bloß billigt und für unschädlich hält, sondern sie auch unbedingt fordert. Damit ist nänilich der unheilvollen Lehre von der doppelten Moral der Boden entzogen, die dcni Manne ein freies sexuelles Auslebcn außerhalb der Ehe ^billigt, was der. Fran nicht gestattet ist. Die Wissenschaft muß die bezeichnetc Forderung — von vielen anderen Gründen abgesehen — schon deshalb stellen, weil der außereheliche Verkehr unbedingt zur Prostitution führen muß. Und was die Prostitution für die Menschheit bedeutet, davon macht sich der Laie immer noch keinen genügenden Begriff. Er weis; nicht — wie wir Aerzte cs täglich in unserer Praxis erfahren — welch unendliches Elend, wieviele schwere Krankheiten niw Siechtum jene unselige Institution in ihrem Gefolge hat. Nun ist Herr Strauß freilich so freundlich, „die Ueberwindung der Prostitution als ethisches Ziel durchaus anznerkennen". Aber es widerstrebt seinen Empfindungen, nach dieser Richtung hin gesetzliche Verbote zu erlassen, weil dies ja nicht ohne Beeinträchtigung privater Freiheit zu ermöglichen wäre.! Man erkennt daran, welche Wichtigkeit die Bekänipsnng der Prostitution, dieses Schandmals der westeuropäischen Menschheit, in seinen Angen hat: es darf dabei beileibe nicht tangiert werden die persönliche Freiheit — wir ncnnciis Zügellosigkeit. Durch tausende und abertausende Gesetze wird unsere Freiheit von Staat und Gesellschaft beschränkt, ohne daß wir dabei die Empfindung haben, in unseren heiligen Menschenrechten beeinträchtigt und verletzt zu sein. Wenn aber das Gesetz den Versuch, macht, die Zügellosigkeit des Liebeslcbcns einzuengen, dann schreit der moderne Jüngling Zeter und Mvjrdio, da ruft er — ein moderner Archimcdes — dem unbequem gewordenen Störenfried entrüstet zu: voll tnbars eiroatos messt Herr Strauß findet es „erstaunlich, daß Herr Dr. Fracnkel sittliche Unterschiede zwischen sexuellen Beziehungen, sobald sic nur außerhalb der Ehe liegen, nicht mehr kennt." Ich finde das garnicht erstaunlich, sondern sogar sehr richtig. Jedenfalls sind diese Unterschiede höchstens gradueller, nicht essentieller Art. Wer mit unbefangenen Augen — wie wir Aerzte zu beurteilen gewohnt sind — die entsprechenden Verhältnisse betrachtet, der gibt sich hier keinen täuschenden Illusionen hin. Jede Prostituierte hat ihre verderbliche Laufbahn mit einer Lebensaffäre begonnen, die sic und mit ihr mancher naive Jüngling mit dem farbigen Schimnier blühender Romantik umkleiden niöchtc. Der unbefangene Beobachier aber weiß, daß eine' große Wahrheit in den Worten liegt, die der sterbende Valentin seiner Schwester Gretchen znrust: „Und wenn dich erst der Eine hat, so hat dich bald die ganze Stadt." Das jinag — in der Situation begründet — etwas hyperbolisch ansgedrückt sein; wesentlich ist cs durchaus richtig. Valentin wäre sicher nicht über die Verfehlung seiner Schwestersitilich so sehr entrüstet gewesen, wenn er sich zu der Ansicht unserer modernen Jünglinge hätte cmporschwingen können, wje sie Herr Str'anß auch als seine eigene Ueberzcngnng bekundet, daß nämlich „eine erotische Beziehung ... die sich nur in einer zeitweisen oder nur momentanen Vereinigung genügt,. . ebenso wahr beseelt und rein sein kann wie alle übrigen." Solche Anschauungen sind unjüdisch durch und durch. Und deshalb muß ihnen nicht bloß der gcsctzstrene Jude, sondern auch jeder echte Zionist mit aller Entschiedenheit und Enrrg'e entgegemreren. Strauß ist entrüstet über die Forderung, die Fracnkel für unsere künftige Siedlung in Palästina ansstellt, daß jeder junge Mann, der die erforderliche Selbstzucht in Bezug aus voreheliche Enthaltsamkeit nicht üben wlll, unter seinen Kameraden und in jeder anderen jüdischen Gesellschaft geächtet sein --------- Arbadia’s Knnstlerspiele und Arlcadla-Diele — Kaisers trasse 69. Telefon: Hansa 5516. ■ Die arrten Kdnstlarspiele an Platze. Rr. 24 ff fiaflee Buhland : Kaiserstxasse 56 Kaiserstraeae 56 TSglich erstklassige HF* Unterhaltungsmusik 7 müsse. . Diese Forderung — meint S t'r a n ß — sei schon deshalb ungerecht, weil cs auch denjenigen träfe, „dessen Gewissen einem anderen Sittengesetz als dem rraditionellen folgt." — Aber sieht denn Herr Strauß nicht ein, das; diese 'Excnlpation jeder Rechtsbrecher für sich in Anspruch nehmen könnte? Auch sein Gewissen folgt einem anderen Sittengcsetz als demjenigen, das dcni Strasgesetzbnche zu Grunde liegt. Ucbrigens stellen jene Forderung F r a c n k e l' s auch viele moderne nichtjüoische Vereine junger Leute für ihre Vereinigung aus. Alle echten Zionisten, wahrscheinlich auch mit Einschluß des .Herrn Ludwig Strauß, begeistern sich für das Hebräische und halten den Gebrauch dieser Sprache als oonäitio sine gna non für unsere künftige Siedlung in Palästina. Ich selbst betrachte die Kenntnis des Hebräischen als einen sehr wertvollen Teil meines geistigen Besitzstandes, aber ich kann mir ein glänzend blühendes jüdisches Leben, auch ein staatliches, in Palästina auch ohne Hebräisch als Umgangssprache sehr wohl vorstellcn. In der Tat ist cs eine historische Tatsache, daß unsere Vorfahren lange Zeit, da fie ■ noch als selbständige Nation im eigenen Lande, in Palästina, lebten, sich nicht mehr des Hebräischen, sondern eines fremden Idioms - als Umgangssprache bedienten/ Dagegen ist cS vollkommen ausgeschlossen, daß die Juden sich dauernd erhalte» ohne jüdische Sittlichkeit und Lebensanschanung. .Zuerst vermindern sie sich an der Zahl, und die andern versinken unrettbar in die Flut der Assimilation. Hier und da kräuseln noch einige Wellen ans,, aber auch sie verebben allmählich, und bald ist von den' Versunkenen keine Spur mehr vorhanden. Diese Erscheinung ist keine ausgeklügelte Möglichkeit, sie ist vielmehr durch viele historische Tatsachen bewahrheitet. Man lese — um nur ein Beispiel -zu nennen — das lehrreiche Werk von Fcbix A. Theil- Haber mit dem ominösen Titel „Der Untergang der deutschen Juden". Die wirksamsten Momente, die eine Verminderung der Inden in Deutschland herbcisühren, lassen sich «ns die Laxheit der sexuellen Moral zurücksühren, wie sie leider unter den deutschen Inden namentlich der Großstädte vorherrschend ist. Daher die zahlreichen Geschlechtskrankheiten mit ihren verderblichen Folgen: Sterilität, Schlagansällen, Paralyse (Gehirnerweichung), Rnckenmarksschwindsncht re. - Die Entfremdung von jüdischer ' Lebensanschauung und Lebensführung hat zur Zerstörung des arterhaltenden Familienlebens geführt, hat die Verachtung der .Mutterschaft gelehrt, hat die Mischehen in so erschreckender Anzahl gehäuft, die das Verschwinden aus der jüdischen Gemeinschaft zur Folge haben, cs höchstens um eine einzige Generation ausschieben. Sie hat ferner die Trunksucht gefördert und die Sclbstmordzisser in bedrohlicher Weise gesteigert. Alle diese Tatsachen rnsen namentlich uns deutschen Juden droheni» zu: Dis eite moniti! Beherzigen wir doch diese Warnung! ~ Es ist eine trügerische, von vornherein nnrealisierbare Hossiinug. unser neues Heim in Palästina wirllich a u s ü l ü h e n zu sehen, wenn wir die Degenerationserscheinungen, an denen die westeuropäische Jndenheit krankt, in sic hinemtragen. Wir wollen als „freies Volk ans freiem Boden" leben, aber wir wollen die Freiheit nicht im Sinne der Zügellosigkeit auffassen. Jüdische Sittlichkeit innß dort unser Leben regeln. Wir wollen uns immer vor Augen halten die Worte der Heiligen Schrift: . -- -sN!2-i8 nK rni Zur Lage. Ticfstt, hoffnungsleere Niedergeschlagenheit und sittlicher Ekel müssen in unseren Tagerr den ergreifen, der sich noch sein Menschentum bewahrt hat, der sich noch idealer Lebenswerte bewußt ist. , Bor dem Kriege glaubte man an ein allmähliches Durchsetzen wahrer Kultur, und als dann der furchtbarste der Kriege Europas Gefilde überzog, da hoffte man aus seine Wirkung als reinigendes Gewitter. Doch der Krieg ist vorüber, — und wir hossett nicht mehr. In den dunkelsten Tagen des Krieges.war cs Licht gegenüber der jüngsten Gegenwart. In Ber-- sailles wird seit' Monaten über die Geschicke der

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