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Neue jüdische Presse · 1919-06-20 · Heft 24 (20.6.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 24 (20.6.1919)
Date
1919-06-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienblatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a.M., Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Solch Geis 17. Jahrgang. Freitag, den 22. Siwan 5679 (20. Juni 1919) Nr. 24. | Erscheint wöchentlich am Freitag. Äezugspreis pro Viertel- I jakir: 3n Frankfurt a.M. Mk.7l.S0 stei ins Haus. Lei der Post : : abonniert Mk.7l.S0, stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Lei : i Zusendung durch Streifband furOeutschland unvOsterreich-llngam : : Mk.2.2S, für alle übn'gen LänderMk. 2.50. Einzelnummer 2vpfg. : ^LLLLLLLLLllUlFllllLllllIIN"'*'.. unimimmm t« f «mm» 4inmmmummmuninniuinmnm»im«immmnmuuuinni;; Insertionspreis für die sechsgespaliene Petitzeile70 Pfg., für : : die Veklamezeile Mk.2.—. Lei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / plah- und Daium-Vorschrist ohne Verbindlichkett. / : : Annoncen-Annahme bei der ltzped.und in cuAnnoncen-Bureaus.; : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Ilr. 4864. : Betrachtungen zur Hauptversammlung des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. Die Steigerung des Nationalgefühls, die sich während des Weltkrieges als wellenförmige Bewegung über alle Völker und Nationalitäten der Erde fortgepflanzt hak, hat naturgemäß vor den deutschen Inden keinen Halt gemacht. Ein kleiner Teil von ihnen hat unter den seelischen Erlebnissen des Weltkriegs den Weg zur jüdischen Nation zurückgefundcn, aber auch der größere Seil, der dazu aus psychologischen Gründen nicht fähig war, ist genötigt gcivescn, seine Ansichten betreffs der jüdischen Nation einer erneuten Durchsicht zu unterziehen. In verschiedenen Kreisen der deutschen Judenheit lassen sich jetzt gleichzeitig die Anfänge einer Ncuorienlierung erkennen, deren Ergebnis noch nicht abzusehen ist. Als charakteristisch für die in diesen Kreisen miteinander ringenden Strömungen kann der Verlauf der in den letzten Maitagen in Berlin stattgefundenen Hauptversammlung . des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gelten. Die Diskussion über die Stellungnahme zur Frage des Kongresses, die alle übrigen Fragen zurückdrängte, war in Wirklichkeit eine Diskussion darüber, ob mau an der alten Politik des | tz Eentralvereins festhalten oder dem Umschtvung in der ' Lage aller jüdischen Verhältnisse durch eine neue, auf breiterer Grnnolage aufgcbauren Politik Rechnung tragen wolle. . , ’ Rein äußerlich genommen, stellte die diesjährige Hauptversammlung des Eentralvereins nicht den ersten Versuch, einer Stellungnahme zum jüdischen National-. * Problem und damit zum Zionismus dar. Schon der / Ostern 1913 stattgefundene Dclcgiertentag fiel aus der ‘ Reihe der sonstigen Tagungen, die einen durch eine Fanfare gegen den 'Antisemitismus gekrönten Rcchenschaftsbencht darstellten, heraus durch eine nach lebhafter Dis- . kussion angenommene Resolution, deren aggressive, gegen | den jüdischen Nationalismus gerichtete Tendenz die meisten » Zionisten zum Austritt aus dem Zentralverein veranlaßten. Von diesem Dclcgiertentag unterschied sich die" S diesjährige Tagung nach mehrfacher Richtung. Einer Iöer wesentlichsten Unterschiede war das Temperament der Verhandlungen, dessen Grundstimmung 1913 die Verärgerung über gewisse lokale Störungen der Bcreinstätigkeit durch zionistische Gruppen Ivar, während die diesmalige, in Ccntralvereinstagungen sonst unbekannte Erregung darauf hinwies, daß sich alle Mitglieder dessen bewußt waren, daß es sich bei der Stellungnahme zur Kongreßfrage um mehr als eine taktische Frage, daß es sich vielmehr um einen Kampf der Auf- 1 sassungen vom Judentum haiidle. Als symptomatisch kann es ferner erachtet werden, daß die Leitung des . Delegierteniages, wie des gesamten Eentralvereins in /den Händen von Geheimrat Fuchs lag, dessen Name Meine wesentlich anderes Programm bedeutet als das '^seines im ^Jahre 1917 verstorbenen Vorgängers, des H Geheimrat Horowitz, der von der Begründung des Cen- 'tralverciiis bis zu seinem Tode die polnische Richtung des Eentralvereins verkörperte. Herr Geheimrat Fuchs, der sich nicht bloß innerhalb des Eentralvereins, sondern, man ) kann wohl sagen, in fast allen Kreisen der deutschen Judenheit wegen seines versöhnlichen Wjcsens größter Beliebtheit erfreut, hat wiederholt während des, Krieges an verschiedenen Stellen, vornehmlich in den von ihm in ' Gemeinschaft mit Hermann Cohen s. A., Franz Oppenheimer, usw. begründeten Neuen Jüdischen Monatsheften seine Stellungnahme zuin jüdischen Nationalbegrifs wie zu Einzclfragen der jüdischen Politik niedergelegt, und es ist an dieser Stelle über das von ihm mit der zionistischen Leitung vereinbarte Kongreßprogramm i,nr seine Voraussetzungen berichtet worden. (Nr. 20 u. 21 d. Js.). Der Verlauf des Delegiertentages hat gezeigt, daß Geheimrat Fuchs mit dieser Bejahung der Zusammenarbeit mit dem Zionismus in der Frage der Palästinaarbeit, des Eintretens für die Autonomie der Inden in den Ländern, in denen ihre Mehrarbeit es verlangt, betreffs Gleichberechtigung und Gleichsetzung nicht onrchgedrnngen ist, sondern heftigste Opposition gefunden har. Diese Opposition ging von zwei Seiten aus: einmal von einer Gruppe, die eine Zusammenarbeit mit den Zionisten wünschte, aber gegen das Auslönderwahlrecht und das ganze von Herrn Geheimral Fuchs vorgeschlagene außenpolitische Programm erhebliche Bedenken hatte. Dieses verdient hier auszugsweise niitgcteilt zu werden. als Beweis einer Neuorientierung bestimmter Kreise innerhalb des Eentralvereins, wie sie vor dem Krieg von dieser Seite am wenigsten zu erwarten gewesen wäre. Der Hauptpassus, des nach Annahme des Konipromißantrages zurückgezogenen Außenprogrammcs lautete: „Der Centralverein verlangt in allen Ländern die Aufhebung von Beschränkungen und Ausnahmegesetzen, die sich gegen Juden als solche richten. Er kann nicht dulden, daß die Grenzen des Vaterlandes nur gegen Juden gesperrt werden. Der Centralverein fordert die nationale und kulturelle Autonomie für die Juden in den neugebildcten Staaten in dem Umfange, den die Mehrheit der dortigen Juden fordert, unter Wahrung des Rechtes der Minderheiten. Der Centralverein tritt ein für die Festsetzung solcher politischen, aoministrativen und ökonomischen Bedingungen für Palästina, sie eine ungehinderte Einwanderung der Juden aller Länder und ihre gedeihliche und kulturelle und ivirtschastliche Entwicklung gewährleisten." Als Ergänzung dieses außenpolitischen Programms forderte Geheimrat Fuchs die 'Ausstellung eines Programms innerpolitischhüdischer Betätigung und begründete dieses mit der Notwendigkeit, die Jugend für den Centralvercin zu gewinnen. Infolge der langen Ausdehnung der Debatte wurde beschlossen, dem Vorstand die Ausarbeitung eines solchen Programmes aus den dazu vorliegenden Anträgen zu übertragen. Wenn man auch noch nicht weiß, lute dies ansfallen wird, so muß die Tatsache doppelt unterstrichen werden, daß der Centralvercin fortab sich nicht mehr mit der Rolle eines Vereins zur Abwehr des Antisemitismus begnügen, sondern auf das innere Leben der deutschen Juden Einfluß gewinnen will. Man kann auch hier wiederum das befruchtende Vorbild des Zionismus erkennen, der das 'Diasporaproblem schon lange als vollwertig neben dem Palästinaproblem erkannt hat. Es ist anzunehmen, daß die Aufstellung dieses Progranims noch zu heftigen Känipfen imterhalb oes Central- - Vereins selbst führen wird, denn die Richtung, die früher von .H o r o w i tz vertreten war, hat den Kampf noch nicht aufgcgebcn. Tie Unentwegten,' unter der Führung von Rabb. G o l d m a n n, Leipzig, und Rabb. Lange, Essen, lehnten jedes Verhandeln mit den bösen Zionisten oder gar einen gemeinsamen Kongreß mit ihnen glattweg ab. Die Tatsache, daß cs gerade Rabbiner waren, die mit der größten Schärfe und Energie jede Zusammenarbeit mit -dem Zionismus aus alldeutsch chauvinistischer Orientierung, die ihnen vor einem Jahr sicherlich ein Anrecht auf das Eiserne Kreuz am weiß-schwarzen Band verliehen hätte, zn bekämpfen wagten, bezeichnet zur Genüge die Perversität jüdischer Verhältnisse Deutsch-, lands, zumal wenn man bedenkt, daß diese Herren Rabbiner durch ihre Unterschrift der Richtlinien die religiöse Bindung des Judentums als ebenso wertlos wie die nationale erachten. Die Anträge dieser Herren, die dem Geist entsprachen, der den Centralverein von seiner Gründung bis zu diesem Dclcgiertentag beherrscht hatte, fielen ebenso unter den Tisch wie ein Antrag von Prof. Lewin — wohl des einzigen Zionisten, der. bisher im Centralvercin mitarbeitend ausgeharrt hatte —, „daß der Centralvercin jeden Versuch, aus dem Bekenntnis der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk eine Beeinträchtigung der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung deutscher Juden' herzuleiten, aufs Energischste bekämpfe:" Wie es bei derartigen Kämpfen und Entwicklungen wohl immer der Fall ist, drang ein Kompromißantrag in der Kongreßfrage durch, demzufolge der Centralverein für 5rie Abhaltung eines jüdischen Kongresses zu einem späteren Zeitpunkt aber unter Ausschluß der Ausländer eintritt. Nach unseren Ausführungen in Nr. 20 und 21 dieses Blattes erscheint unter solchen Umständen das Zustandekommen eines jüdischen Kongresses, wie er von zionistischer Seite inauguriert war, als Teil eines jüdischen Weltkongresses als ausgeschlossen, und es käme lediglich ein Arbeitskongreß deutscher Juden mit dem in diesen Artikeln skizzierten Programm in Frage. Es ist das ein außerordentlich bedauerliches Facit oes Delegiertentages des Centralvereins. Aber die Neuorientierung des Eentralvereins und der durch ihn vertretenen jüdischen Gruppen steht erst in ihrem Beginn, und trotz der Niederlage der Gruppe Fuchs, die sich verhältnis- 'mäßig am stärksten der national-jüdischen Forderung genähert hat, ist nicht daran zu zweifeln, daß sich die jüdisch-nationale Tendenz im Gesamtkreis der deutschen Judenheit genau so durchsetzen wird im Laufe der nächsten Jahre oder Jahrzehnte, wie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die kosmopoliüsche die national-jüdische verdrängt hatte. Ben Joseph. Diesexueüe Frageim künftigen Palästina. Bon Dr. Emanuel Fink-Hamburg. Als ich im Jahre 1910 Palästina besuchte und dabei das Glück hatte, mehrere Wochen hindurch in eineur .Hospital zn Jerusalem poliklinisch in meinem Sonderfach als Arzt für Halskrankheiten tätig zu sein, dcr fiel mir besonders die Tatsache auf, daß unter den vielen Hunderten von Krankheitsfällen, die ich dort zn behandeln hatte, syphilitische Erkrankungen fast zarnicht vorkamen. Ich erinnere mich nur zweier derartiger Fälle, die ich dort gesehen habe, und diese betrafen junge Leute, die vor kurzem aus Kairo angekommen waren. Es waren also eingeschleppte Fälle. Die Jerusalemer Juden aber, die ich gesehen, waren absolut frei von Syphilis. Diese Beobachtung setzte mich umso mehr in Erstaunen, als ich aus jahrzehntelanger, in Hamburg ausgeübter Praxis wußte, daß zu der Gesamtzahl der von mir behandelten Halskrankheiten die Syphilis immer einen hohen Prozentsatz'-liefert. Ich sprach mit mehreren Jerusalemer Aerztcn über meine dort gemachte Beobachtung und alle versicherten mir übereinstimmend, daß syphilitische.wie auch andere Erkrankungen sexuellen Ursprungs in Jerusalem höchst selten Vorkommen. Unvergessen bleibt mir das stolze Wort eines dortigen Kollegen: „Nach dieser Richtung hin ist Jeruscholajim auch heute' noch eine heilige Stadt". Daß dieser Vorzug sich nicht nur: auf Die Hauptstadt Palästinas beschränkt, sich vielmehr auch

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