Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 23 (13.6.1919)
- Date
- 1919-06-13
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ödte 2. Neue JüWhe Kresse. Nr. 23 Ifomehmes Variete-Kaiareil und BaUfyiis. jSchäfergrasse75-7S. Gerechtigkeit sein mögen, und so viel verhütende Lernst man auch der unzweifelhaft daraus erwachsenden Angst vor Bloßstellung zuschieben mag, schöpferischer, positiver, höherwertig, von lebendiger Kraft getragen erscheint mir Hie geistig-gefühlsmäßige Umstellung unserer Jugend, der männlichen wie der weiblichen, zu dem Fragen-Komplexe der Sexualethik, zur Frage der Keuschheit bis zur Ehe im Besonderen. Dürfen wir darum die rechllichen Anregungen getrost dem Ermessen zuständiger Körperschaften überlassen, so gilfs zur Durchdringung unserer jungen Generation mit den neuen ethischen Gedanken den Einzelnen auf Len Plan zu rufen, jeden auszurutteln und zum Mitschaffenden zu gewinne!^ den ein Ahnen in der Bedeutung dieses Problems für Judenheit mrd Menschheit durchweht. Eltern, Erzieher, unsere Rabbmer und Aerzte haben sich in dem nächsten Jahrzehnt mit wahrer Inbrunst dieser heiligsten Aufgabe zu weihen, nicht in Reden und Schriften^ vielmehr' durch liebevolles Eingehen auf die Persönlichkeit des einzelnen jungen Menschen, durch taktvolles Ergründen der besonderen sinnlichen Anlagen der Individuen und durch deren sinnvolles Einlenken in das Herrschaftsbereich des Geistes, der Ethik, des Willens zur Reinheit. Hinweise auf innerlich festigenden Lesestoff (Björnson, 'Grubers „Hygiene des Geschlechtslebens", Wegeners „Wir jungen Mannes, Poppers „Helmuth Harringa", Kornigs Hygiene der Keuschheit"). Hinführung zur wahren Kunst, Anleitung zu Sport und Spiel, zu Wandern und Turnen werden hier getreue Helfer sein. lind viel, gar viel erhoffe ich vom veredelnden Einfluß unserer jungen Mädchen, die bin Ruf der Stmide vernehmen wollen und verstehen. Sie werden und müssen das unvergängliche Goethe-Wort von der läuternden, erhebenden Macht des „Ewig Weiblichen" ,wahr machen. Milde, Güte, feinstes Einfühlungsvermögen, züchtige Scheu und mütterliches Fühlen, — das sind die ewig weiblichen Tugenden, deren Zauber kein Jüngling, kein reifer Mann sich je wird entziehen könnenp und in ihrem Bannkreise, geadelt von der Freundschaft köstlichreiner Mädchenblüten, wird sein Wille, solcher Freundschaft wert zu sein, um sich vom Gemeinen in Tun und Denken fern zu halten, ehern werden. O, daß gerade unsere Frauen sich der Größe ihrer Sendung in dieftr Zeit bewußt wären! Sie würden dann bald ihren Anteil an der allgemeinen schuld gesühnt haben, der im stillschweigenden Dulden öder gar im'eingestandenen Gutheißen männlicher Leichtfertigkeit gegen zahlloft Schwestern bestand. Heiß wird die Arbeit sein, um aus Verweichlichung Kraft, aus Selbstsucht All-Liebe, höchstes Verantwortlichkeits-Gefühl zu schaffen, um in der glühenden Esse der jüdischen Ethik den stählernen Willen zur Reinheit bis zur Ehe zu schmieden. Doch der Erfolg unseres Mühenss, auch wenn er erst Geschlechtern nach uns in Erscheinung treten wird, muß köstlich sein Kommen wird Jffcr jüdische f,,llebermensch", der ideale Mensch im Geiste des Judentums, stark durch Selbstbeherrschung, Herr seiner Sinne, von dessen Stirn die Gerechtigkeit und Menschenliebe Luchten wird wie einst der Abglanz des Göttlichen vom Haupte unseres größten Lehrers Moses. Üaßt uns schaffen, dass unser inniges Wollen in naher Zukunft Wdllichkeit werde!-*) Der Völkerbusim Lichte -es Ju-eutums. Eine Besprechung von Dr. 8. Matz. „Der Völkerbund im Lichte des Judentums" betitelt sich ein als Sonderabdruck des „Jeschurun" erschienenes Schristchen. Der Verfasser, Dr. I. H ei nein an«, ging -bei der Niederschrift seiner Aussätze von *) Nach Niederschrift dieser Zeilen erreichte msth die eben fertig, gestellte Broschüre „Die Sexualethik der jüdischen Wiedergeburt" (Jüdischer Verlag) aus der Feder des vornehmen nationaljüdischen Jugendführers Hans Goslar. Ich freue mich, diese von edlem! Eifer für die gleichen sittlichen Ideale getragene Arbeit als wertvolle Bereicherung der Aufklärungs-Literatur an dieser Stelle noch begrüßen und weitesten Kreisen der deutschen Judscheft «mpfehkn zu können. dem Glauben aus, daß an Stelle der Macht nunmehr die des Rechts triumphiere« werde. Ihr Ergebnis ist der Abschluß des Völlerbundes. Den Lebeuswürdigen, so fragt er im Hinblick auf Deutschland, soll?' der Tod erbeuten? Doch die Untersuchung, selbst bleibt davon unberührt. Sie untersucht die Entscheidung und die Entwicklung dieses. Gedankens im Bölkerleben und die Grundlage seiner Berechtigung. Hat das klassische Griechentum diesen Gedanken gekannt? Die griechische Philosophie kennt nicht den Menschen; Mensch ist ihr nur der Philosoph, das denkende Individuum. Ebenso ist ihr Menschheit nur die griechische. Alle anderen sind Barbaren. Aber die nachklassssche Kultur, die Stoa schuf den Begriff des „Kosmopoliten" und — sprach damit theoretisch dem Staat als solchem seine Existenzberechtigung ab. Sie kennt nur den überstaatlichen Menschen. Das römische Weltreich war die scheinbare praküsche Bestätigung dieses für die damalige Zett großen Gedankens. Schuf Rom nicht das Weltreich, um — wie seine Idealisten, ein Virgil, ein Horaz, dachten, die Kriege verstummen zu machen, durch die pax romana die Weit zu erlösen? Es war der Friede der eisernen Faust! — Den Gedanken an einen Bruderbund der Völker konnte weder der griechische Philosoph noch der brutale römische Staatsmann der Welt geben. Aber er war da, war vor Jahrhunderten nach damaliger Zeit der Welt bereits gekündet durch den Mund der Propheten: Jesaja II 2—4, Micha IV 1—3, Hosoa II 20, Sach. VI 6 ff. Die auf der Warte der Menschheit standen, Gottes Boten, Israels Propheten, sie hatten, umtobt von kriegerischen Böllern.^ »ob specie aeteraitatis verkündet, was der 46. Psalm in die Worte «faßt: „Er" zerbricht den Bogen, macht die Sperre stumpf, ja Er verbrennt die Kriegeswagen! demtz weil sie Gott schauen, schauen sie den Sieg des Rechts! „Das ist ja gerade das Große, Herrliche, dessen Erwartung die Propheten förmlich berauscht: daß nicht wie in den Zwangsstaaten Bünden oder Bündeln ihrer Zeit die Gewalt, sondern das Recht die Beziehungen der Menschen urü» der Menschengruppen regeln soll." Ist dieser Rechtsglaube aber nicht rein theoretischer Natur, kann er für den Pazifismus der Jetztzeit von irgend welcher praktischer Bedeutung sein? Darauf antworten wir mit dem Verfasser: von eminent vraktischer Bedeutung, nicht für die Realisierung oes Frjedensgedankens an sich, aber insofern, als er die Grundlage für den sittlichen Willen bildet, der sich der Berwirllichung dieser Idee hingibt. Es ist hier eine Weltanschauung begründet — der die militaristische Weltanschauung schnurstracks entgegensteht. Erschlafft die Menschheit, wie unsere Lehrer, die Schüler Treitschkes es uns gelehrt, wenn sie nicht von Zeit zu Zeit in den „Jungbrunnen^ eines Krieges getaucht wird, ist wirllich nur im Felde der Mann etwas wert; .gibt es nur einen Heroismus im Kriege, oder gibt ps auch einen Heroismus, ist vielleicht der wahre Heroismus nur im Frieden.zu bewähren und somit der etvige Friede zu verwirllichen? In hervorragend llarer und anschaulicher Darstellung hat es der Verfasser verstanden, uns die eminent praktische Bedeutung des prophetischen Frieoenideals durch Beantwortung dieser Fragen vor Augen zu führen. . Fällt dem Christentum, so fragt der Verfasser nun weiter, nicht das Verdienst zu, wescnllich zur Verbrettung, zur Propagandierung der Idee eines Völkerbundes beigetragcn zu haben? Die Antwort ergibt sich aus einer kurzen Betrachtung der Urlehre des Christentums, die als durchaus suprasocial gerichtet beurteilt werden muß. Sieht doch das 91. T. vom Rechtskampf, um den es sich wesentlich bei Verwirklichung dieses Ideals handelt, — völlig ab. Es will eine Ueberwindung des natürlichen Seins, wett mit der Natur das Böse cnng vereinigt ist; — sein Reich ist nicht von dieser Welt. Aus der Theorie des allein selig niachcnden Glaubens ergaben sich trotz aller Weltabgekehrtheit der Urlehre zwei Völkerbundideale, die dem jüdischen schnurstracks entgegengesetzt sind. Man dachte im Mittehalter an eine Bereinigung der Völker unser dem kirchlichen Oberhaupte in Person des Papstes, anderersetts die Vereinigung unter dem Szepter des christtichen Kaisers. Sie tragen beide PHOTOGRAPHIE BLÜH Vogelmidstraue 12. — Tal. : RSnep 4970. V ergrössemii grell in altbewährter Güte. Kaffee Kaisergarten amOpernplatx Erstklassiges Eamillen-Kaffee Tfiglich ▼<>■ 4 Uhr ab; Künstler - Konzert. ein ausgesprochen kosmopolitisches Gepräge und widersprechen insofern dem Völkerbundsideal der Propheten, als hier an die „Selbständigkett friedlich nebeneinander bestehender Staaten" gedacht ist. Das kirchlich unabhängig gewordene 17. und 18. Jahrhundert konnte, wett es aus politischen resp. materiellen Nützlichkeitsgründen der Idee förderlich sein wollte, ihr nicht zum Durchbruch verhelfen. „Der Pazifismus ist eine ethische Idee; die WM kommt seiner Berwirllichung in dem Maße näher, in welchem sie dem Rechtswillen auf Kosten der Selbstsucht zum Durchbruch verhllst." Das ist die Ansicht der Propheten, ihr nähert sich der das ^umanttätsideal feiernde Rationalismus, dessen klassischer Vertreter Kant ist. Seine Gegnerschaft gegen Len Militarismus, seine Forderung des Rechts der Selbstbestimmung der einzelnen Nationen beruht auf dergleichen. Grundlage, auf der sein ganzes System aufgebaut ist, auf dem Glauben an die kategorisch befehlende Vernunft, ihrer Allmacht über den Menschen. Dieser Idee kommt daher auch der Vorwurf, der Men das Gesamtsystem erhoben wird, zu: Sie bleibt als Kraft an die Relativität des Menschen gebunden und erreicht nie den Grad der Absolutheit, wie die Propheten ihn fordern, wenn sie als Maßstab des Rechts die Größe der Persönlichen Verantworllichkett vor einem seienden Gott hinstellen. Den Propheten ist das rellgiöse und damit das Rechtsdenken nicht erst ein Ausfluß der „praktischen Vernunft", ihr Sein ist ihnen kein Sein, wenn ös nicht tettnimmt an der. Verwirklichung des Emen, das uns zur „innern" Einheit zwingt. War es nicht auch die Vernunft, die den babylonischen Einhcitsturm erbauen wollte! Unterstützen wir daher als Jude«, so 'folgert praktisch der Verfasser aus seinen theoretischen Auseinandersetzungen, 'jeden Schritt im Bölkerleben, der, wenn auch von außen her, zur Förderung des Rechtslebens führt, seien wir aber vor allem der Verwirklichung der Idee des Völkerbundes dadurch von Nutzen, daß wir uns selbst treu bleiben, uns erhalten als lebendigen Beweis dafür, daß Wirllichkett werden kann das Wort: Nicht durch Hceresmacht und nicht durch Muskelkraft, sondern durch meinen Geist — zum Siege spricht der Herr! Möge das Schristchen, das zu einem genügen Preise (1.20 Mk.) in jeder Buchhaiidlung zu haben ist, im Besitze jedes gcblldeten Juden anzutreffen sein; er wird dem Verfasser mehr noch als für den reichen lichtvollen Inhalt für die Anregungen zum Weiterdenken dankbar sein, die aus der Lektüre des Schriftchens sich ergeben. Man empfängt unwillkürlich den Eindruck: Hier ist der Anfang gemacht zu einer ganz neuen eigenartigen Betrachtung des Judentums. Hier ist einer seiner führenden Gedanken in das weltgeschichtliche Denken eingestellt; es wird das Kulturcharakteristillnn hervorgehoben, ohne daß irgendwie polemisch das wirklich Wertvolle dessen, was die Bölkerkultur zum gleichen Gedanken beigetragen hat, äbgestritten wird. Es wird im Gegenteil geradezu betont, wie die Realisierung des 'Völkerbundsgedankcns ganz und gar von dem technischen Können und -speziell dem den Völkern der Jetztzeit angehörigen Denken und Kulturempfinden ausgelöst werden muß. Sollte es nicht solcher völkcrschicksalsbestimmender Ideen noch viele geben? Ich denke beispielsweise an die Frage des Verhältnisses zwischen „Natur und Mensch", der Auffassung vom „Ich" u. a. Wie wirbelt's augenblicklich im Bölkerleben. Sollen wir mit Buddha es hlttten und den Ncobuddhismus befürworten, sollen die Millionen weiter an der Jdendität von „Natur" und „Sünde" festhalten, sollen wir das retoarnous a la nature, das corriger la sociötö et non pas la nature de l'homme befürworten? Was sagt unser Judentum? Hier bedürfte es des Wissens von Männern, die tief in das allgemeine Kulturdenken untergetaucht sind-, wie mrser Verfasser, um uns zeigen zu können;, daß wir nicht umsonst , die Jahrtausende geharrt und gelitten haben für feine Religion — nein;, das Wort ist zu eng — für eine Kulturauffassung, die auch heute noch imstande ist, die Wahrheit zu offenbaren, die in Wirklichkeit die letzten Ziele angibt zu der nun die Menschheit jedes Volk in seiner Art,, hinstreben muß. 4 ';• '*