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Neue jüdische Presse · 1919-06-13 · Heft 23 (13.6.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 23 (13.6.1919)
Date
1919-06-13
Page
– (sequence 1)
Language
German
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FrankfurterZsraelitisches Familienblatt Iredaküon und Expeditton: Frankfurt a.M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis iiiiiiiHUnuiHiiHiiiiiHmmtmimuiiiminiiiimimmiiinmiwu; | Srfihelni wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel. : i jofer: 2n Frantfutt a.M. Ml. 4.80 stet ins Haus. Bei der Post : : abonniert Mk.4.80,stei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. / Be," : | Zusendung durch Streifband für Deutschland unv öfierreich-ilngam j ■ Mk.2L5,fir alle übrigen LänderMk.r.so.Einzelnummer LOPfg. : jiUllllllllllllllllllUlllllllllllllillllllllilliUlllllllllllllllHIIIIIIIIUlB jun»iuiiiniiimiwmiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiimmiiiiniiiiiiiiMiiimiwW| i Insertionspreis für die fechsgejpaltene Petitzeile70 pfg., fift : : die Rellamezeile Mk.2.—. 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Mit Recht wurde von dem 'Redner des Misrachi bemängelt, daß auch die Begründung, die den Forderungen gegeben wurde, nue dahin abzicltc, ob durch ihre Erfüllung die Erreichung des sozialistischen Ideals gewährleistet sei. Er forderte mehr innere Verknüpfung mit dem' Geiste des altjüdischen Gesetzes und der oltjüdischen Kultur und suchte darzulegen, in welchen Einzelheiten in der Tat diese Fordeirungen der jüdischen Sozialgesetzgebung folge. In der Form, in der sie nun angenommen sind, kann man sagen, daß dies tatsächlich in weitgehendstem Maße erreicht ist. Die Vorschläge "für die'Agrar-Gesctzgebung suchen dem Geiste der Jowcl-Gesetzgebung gerecht zu werden. Die Arbeiter-Gesetzgebung erscheint verknüpft mit den alten Vorschriften des Bimdcsgesctzcs, daß wir nur Knechte Gottes, nicht aber Knechte seiner Knechte sein sollen. Sie suchen , im Geiste der biblichen Gesetzgebung .zu erreichen, daß auch der Abhängige nach Verlauf bestimmter Fristen die Möglichkeit habe, eigener Herr auf eigenem 'Boden zu sein. Nebrigens betonen die Thesen selbst in ihrer Einleitung, daß sie sich im Geiste der altjüdischen Sozialgesetzgebung halten wollen. Daß noch einmal fcstgestellt wurde, daß der Sabbath und die Jomim tobim die nationalen Ruhetage sein müssen, halten wir für nicht mehr als eine Selbstverständlichkeit. Im selben Geist sind auch die Forderungen gehalten, die zur Kulturfrage eingenommen wurden. Sie fordern, daß beim Aufbau Palästinas alle Einrichtungen getroffen werden, damit die Enkivicklung des jüdischen Gemeinwesens auf der' Grundlage und im Sinne der (altjüdischen Kultur gesichert ist; sie begnügen.sich aber nicht mit dieser Feststellung, sondern geben die Wege an, aus 'denen dies erreicht werden soll. Wir erwähnen hierbei Äs besonders wichtig die Forderung, daß der Ausbau i>es Schulwesens auf dem Prinzip der «Schulgemeinden ruhen soll, wodurch die.absolute Gewähr dafür gegeben Ist, daß die Möglichkeit eines hoch entwickelten Schulwesens auf traditioneller Grundlage stets gesichert ist. Gefordert wird ferner, daß in allen Schulen der Unterricht im jüdischen Schrifttum im weitesten Umfange obligatorischer Unterrichts gegenständ sein muß. Dadurch wird gesichert,, daß kein Kind im zukünftigen jüdischen Gemeinwesen auswachsen kann, ohne gründliche Kenntnisse unserer jüdischen Kultur zu erwerben. Werden wir. erst einmal wieder eine Generation erzeugen, die wirklich weiß, was jüdische Kultur ist, so werden wir auch die 'Bausteine für die neue jüdische Kultur im Geiste der alten gewinnen. S So. stehen, die wirtschaftlichen und die kulturellen . Folgerungen in ihrem innersten Wesen in starkem Zusammenhang, und es ist zu begrüßen, daß so zum ersten Mal ein Delegiertentag uns wirklich den Weg weist nach dem jüdischen Palästina. Rieferrdemonstration i» New Aork gegen Sie P«grome. Die am 21. Mai in Newyork stattgefundenen Pro- .testveranstaltungen bedeuteten die gewaltigste Demonstration in der Geschichte der amerikanischen Judenheft. Zum Zeichen des Protestes verließen mittags 300,000 jüdische Arbeiter ihre Werkstätten. Läden und Theater blieben nachmittags geschlossen, und Soldaten und Veteranen früherer amerikanischer Kriege durchzogen mit Trauerbändern am Arm die Straßen. Zu dem Massenmeeting im Madison-Square-Garden versuchten 200,000 Menschen Einlaß zu bekommen. 1500 Delegierte jüdischer Organisationen waren anwesend, und es sprachen Nathan Strauß, Abraham E l k n s, der Präsidentschaftskandidat der letzten Wahlen Charles Hughes, Stefan. Wise, Jakob Schiff sowie der Newyorker Bürgermeister Hylan. Wcksons Schwiegersohn Senator Cal der, Gouverneur Smith und viele andere sandten Telegramme, welche den Unwillen über die Pogrome ausdrücken. Es wurde eine Resolution angenommen, welche sofortige Intervention der amerikanischen "Regiernng und Bestrafung der Schuldigen verlangt. Präsident Wilson soll ferner bei der Friedenskonferenz Schritte unternehmen, damit oer jüdischen Bevölkerung Polens, Rumäniens und der anderen osteuropäischen Länder unbedingt wirksame Garantien für volle bürgerliche, religiöse und polittsche Gleichberechtigung sowie die gleichen 'Minoritätenrechte, wie sie die anderen in diesen Ländern wohnenden.nationalen Gruppen besitzen, gewährt werden. Alle großen Newyorker Zeitungen brachten ausführliche Berichte und Leitartikel und unterstützten den Protest mit wärmster Sympathie. Die Eruerrernrrz jüdischer Sexualelhik. Non Dr. Gustav Löffler, Frankfurt a. M. (Schluß.) Da ich als Jude vor Juden für die ewige Gülttgkeit und Verbindlichkeit des bedeutungsschweren Wortes von der „Gottesebenbildlichkeit" des Menschen und darum der Unantastbarkeit der Ehre des Einzelnen zeugen sollte und wollte, mußte ich mitleidlos in jede Fakte der jüdischen Seele unserer Tage hineinleuchten. Nun aber sei das stolze Wort gesagt, das Trost, Hoffen, Fordern umschließt. Ich glaube an die Fähigkeit, an oie Kraft der Judenheft, der jüdischen Jugend zumal, sich selbst zu reinigen, vom Fluche der Schuld zu befreien und dann im Kreise der Menschheit dem Drachen „doppelte Moral" sein "Gorgonenhaupt abzuschlagen. Ich vertraue auf diese Stärke der Selbsthilft!, weil nach einer bekannten naturwissenschaftlichen Regel die am schnellsten strömenden Flüsse das remste Wasftr führen. Wann aber wäre die Strömung des jüdischen Lebens und Regens reißender gewesen demr heute? Welch' ein beglückender, ja geradezu berauschender Gedanke, von dem jungen jüdischen Geschlecht unserer Zeft könnender Antrieb ausgehen, die Quelle zu stopfen, der so viel Schmach, Elend, Jammer entsprudeltel Mag sich dann das äußere Schicksal der Juden in der Welt während der nächsten Jahrhunderte wie immer gestalten, eine Kulturtat ohne gleichen wäre vollbraM, und die Welt müßte erkennen, daß das Gottesvolk nochjugendfrisch durch die Zeft schreitet und der Führerschaft zu lichten Höhen würdig blieb. Doch, ohne Rücksicht auf Verdienst und Ruhm, fordert unser Judesein von uns gebieterisch ein Neuest Großes. Dazu aber tut Eines not-, eine riesenhaft« Anspannung des W iklens in jedem Eiiyelnen von n«s, anvers zu sein in der Gestaltung unseres SimtenfeBTitä als die um uns und auch als die vier letzten Generationen von Juden vor uns. Dieser Wille allein ist entscheidend für alle weiteren Taten. Er wird eine raschch entschiedene Abkehr von manchen seitherigen Gepflogenheiten, von der Berechttgung bisheriger leichtfertiger Anschauungen in der bürgerlichen Gesellschaft bedingen, wiÄ» eine weitere, wichttge Vorbedingung für die Gesundung schaffen, — Reinheit unserer gesellschaftlichen Atmospäre. Denn nur in reiner Lust gedeiht der Mensch, der das schöne Wort des allzu früh dahirkgerafften deutschen Lyrikers Walter Flex wahr mächm» kann: „Rein bleiben und reif werden, ist schönste utA höchste Lebenskmst." Den Willensschwächen gilt's zu helfen. Sie sollen sich an die Starken ankehnen', die selbst sich zur eiferiwn Phalanx zusammenschließen, den anderen voranlenchten und zeigen müssen, daß die Tugend der „Tapferkeit" (im Hermann Eohenschen Sinne) gegen erdwärtsziehendc Regungen im eigenen Innern froh und frei und glücklich macht, und daß entgegen den völlig unbegründeten Befürchtungen schwächlicher Zweifler die leibliche Gesundheit nicht beeinträchtigt wird, vielmehr vor den Fährnissen verelendender Seuchen bewahrt bleibt. Doch die auch in Zukunft Abwegigen, die Willenlosen, Schlechtwilligen, denen nur ein Leben rücksichtslosen Genießens Reize bietet, — ihnen sei jegliche erzieherische Einflußnahme auf unsere Jugend yersagt und ein Schaffensgebict dort angewiesen, wo ihre Lebensgestaltung niemandes sittliches' Fühlen stören kann. Damit aber nicht genug. Eine rechtliche Maßnahme sei von uns eindringlich empfohlen, die nicht die Lebens- Auffassung. der Genußmenschen richten, wohl aber die' von ihnen angerichketen Schäden aus ein Mindestmaß beschränken will. Dr. Adolf Fracnkel hak unlängst für das jüdische Palästina die Wiedereinführung der Berechttgung zur Mehrehe vorgeschkagen, ausschließlich (wie ich von ihm selbst weiß) um den Zwang zur Ehe in jedem Falle von außerehelichen bczw. vorehelichen geschlechtlichen Beziehungen von Mann und Weib zu ermöglichen, ganz im Geiste des biblichen Gesetzes. Dies wäre ohne Zweifel die folgerichttgste und im Hinblick auf die in chrer Ehre gefährdeten Frauen die fittlichstß Lösung. Allein Empfinden und ruhig wägender Verstand wird viele von uns in der Mehrehe einen kulturellen Rückschritt gegenüber der Einehe erblicken lassen, und alle differenzierten Frauen dürsten aus wohlbegründeten Gefühlen und in berechttgter Wahrung ihrer Individualrechte flammenden Einspruch erheben. Keinerlei Bedenken aber solllen sich gegen dpn Vorschlag erheben, einem aus einer außerehelichen Verbindung entsprossenen Kurde das gleiche Erbrecht wie den' ehelichen Kindern des gleichen Vaters einzuräumen und diesen, seitherigen Stiefkindern von Natur und Gesellschaft das Tragen des väterlichen Familien-Namens zu bewilligen, allenfalls nach Aenderung der diesbezügk. jädischen Rechtsbestimmungeu durch ein Sanhedriu. So bedeutsam auch diese und ähnliche Versuche der Wiedergutmachung von Verstößen gegen die sittliche

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