Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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«eile 4 Ärxelfd} tois erneut aus die unrichtigen Grundlagen der seitherigen Beurteilung der Massensiedlung hin, die rnan nur wegen der falschen Berechnungen Oettingers aE undurchführbar angesehen habe. Di^".fpLty: stattfindende Abstimmung über die Debatte .ergab folgendes: Es wurde beschlossen, ein Palästina am t und einen Paläst.fnaausschuß einzurichten, das Amt zur Durch-- sÜhrung.der'Palästinaarbeit der Zionistischen Bereinigung,' >Len LlliAchuß zur chrcnmntlichcn Beratung des Zentralkomitees.- - Dann wurden zwei Anträge über den Umfang der Ein- Wanderung eingebracht, der erste von Trietsch mit dem Hinweis darauf, daß man damit rechnen müsse, daß die Einwanderung den vorgesehenen Umfang weit übersteigen werde, der zweite von Auerbach, daß die rasche siedelung nur nach Maßgabe der Fassungsmöglichkeit deS Landes burchgeführt werden könne. Der Delegiertentag schloß sich dein Antrag Auerbachs an. (Schluß folgt.) Ze«1ral»shlsghrtSstelle -er deutschen Anden. Die Anregung der Zentralwohlfahrtsstellc in Berlin, Gteglitzerftr. S, hat zur Schaffung eines Heimes für schwer erziehbare Knaben in Halbe bei Königswusterhausen geführt. Es ist von einer jüdischen Siedlungsgenossenschast gegründet und nimmt Knaben im Alter von 10 bis 16 Jahren auf. Die Erziehung ist streng jüdisch; das Heim ist bereits seit dem 1. Mai im Be- Betrieb. Eine ähnliche Gründung ist ebenfalls aus Anregung des' Jüdischen Frauenbundes in Süddeutschland geplant. Auch in diesem Jahre ist es — int Verein mit der Großloge für Deutschland, dem Jüd. Frauenbund, dem Deutsch-Israelit. Gemeindebund uitd dem Verein für Ferienkolonien jüd. Kinder — versucht worden, Stadtkinder auf dem Lande unterzubringen. Es wurde insbesondere darauf hingearbeitet, in der Nähe von größeren Städten Landerholungsheime zu schaffen, in welchen die Kinder aus dem betreffenden Bezirk für die Ferien untergebracht werben, nachdem sich die Unterbringung in Familienpflege auf dem'Lande nicht als zweckmäßig und durchführbar erwiesen hat. Aus der Tätigkeit der innerhalb der Zentralwohlfahrtsstelle bestehenden Waisenkommission sei erwähnt, daß ein Verband der jüdischen Waisenhäuser und Erziehungsanstalten gegründet worden ist. Dieser Verband soll Waisenhäuser und Erziehungsanstalten, . den Forderungen der Zeit entsprechend, von jüdischem Geist erfüllt, ausgestalten. Eine weitere wichtige Aufgabe des Verbandes ist die Schaffung von Ausbildungsstätten jüdischer Beamtinnen für wirtschaftliche und erzieherische Betätigung. Auf die Arbeiten der Vormundschaftskommis fron sei hingewiesen, die zur Zeit das Material über die in den einzelnen Gemeinden vorhandenen unehelichen, vistwaisten und sonst hilfsbedürftigen Kinder beschafft. Um fistzustellen, was für die Wiederaufrichtung der Existenz der znrückgekehrten Kriegsteilnehmer getan werden wnnte. wurden sämtliche größeren Gemeinden, Stiftungen und Vereine anqefragt, ob Mittel für diesen Zweck aus den vorhanbemn Fonds über den örtlichen Wirkungskreis hinaus vorhanden feien. Es hat sich ergeben, daß dies nicht der Fall ist. In diesem Zusammenhang mag erwähnt sein, daß auf dem Gut in Halbe, wo sich das Heim für schwer erziehbare Knaben befindet. 60 Morgen Land zur Ansiedlung von 10 bis 15 südifchen Kriegsbeschädigten auf genossenschaftlicher Grundlage bestimmt sind. Neue Jüdische Presse. Die sich häufende» Fälle von Anfragen, wo jüdische Nerven- und Geisteskranke untcrgebracht werden, können, hat die Zentralwohlfahrtsstclle veranlaßt, den Deutsch-Israelit. Gemeindcbund zu ersuchen, die Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz so; auszngestalten, dah, Jugendliche bis zur Grenze der Minderjährigkeit ausgenommen und für den Beruf eines Handwerkers ansgebiloet werden können. Die Schaffung einer Anstalt für erwachsene Nerven- und Gemütskanke ist zwar .geplant, zur Zeit aber mit zu großen Schwierigkeiten verknüpft. Die A» skünfts-undBcratungs stelle wurde in der kurzen Zeit ihres Bestehens in 123 Fällen in Anspruch genommen, die fast alle Gebiete der Wohlfahrtspflege umfaßten. Auch die Zentralisierungsbestiebungen haben in der Zwischenzeit weitere Resultate gezeitigt. So wurde in Württemberg eine Landeszentrale gegründet. Der Zentralwohlfahrtsstellc gehören jetzt 65 Gemeinden an, darunter fast alle Gemeinden von 1000 und mehr Seelen. _ Ueifeerlebniffe in Polen. Ein Reisender schreibt dem Warschauer „Jüd. Volk": AE ich Mittwoch die Bahn benutzte, konnte ich mit eigenen Augen sehen, wie in der Station Zawary (bei Zamsse) eine Bande durchreisender Bewaffneter sich utuf die auf die Ankunft des Zuges harrenden Juden nnt Hurrarufen warf, zu Boden warf, und mit Bajonetten so lange bearbeitete, bis Blut floß. Damit nicht genug, zogen die Bewaffneten von Wagen zu Wagen, aus denen sie die Juden hcrauszerrten. Unbegreiflich war die offene Genugtuung der christlichen Mitreisenden und der höheren Militärpersonen. Ich wandte mich an einen katholischen Geistlichen aus der Nähe von Wladimir-Wohlinsk, der sich auf der Station befand, und ersuchte ihn, einzugrcifen, — dieser Hüter der Nächstenliebe wandte sich jedoch lächelnd äb. Am Büfett standen höhere Chargen und wälzten sich förmlich vor Lachen, indem sie auf die Unbeholfenheit der Juden hinzeigten. Die gleichen Szenen wiederholten sich auf jeder Station bis Hrubeschaw, wie in Zamsse, Mjanczin, Worbkowicz usw. In Hrubeschaw traf ich auf der Straße viele umherirreude Juden, Opser der Mißhandlungen auf den Bahnstationen. In einem Hotel fand ich drei Schwerverwundete: den 48jährigen' Schachna Sitz aus Warschau (Nalewki 14), dessen ganzer Körper mit Wunden bedeckt war und dessen mit einem Messer ganz zerschnittenes Gesicht durch einen Arzt förmlich zusainmengenäht werden mußte, den 24jährigen Chajim Simcha Breger aus Wl.- Wohlinsk, dem man den Schädel eingeschlagen und eine. Uhr und 600 Kronen geraubt hatte; der voluische Gendarnr, der ihn nach Samose brachte, nah»: ihm unterwegs den Rest seiner Barschaft ab: ferner bei: 50jährigen Michel Neuermann aus Hrubeschaw, den man mit eingcschlagenem Schädel aus dem Bahnwagen warf. Nur durch ein Wunder entging er dem Tode, und als er im Bahnhof um Wasser bat, um das Blut abzuwaschen, wurde ihm dies verweigert. Wie mir. berichtet wurde, befinden sich -in Zamose allein 26 Schwerverwundete. In Hrubeschaw selbst kam es am 1. und 2. Mai zu einem Pogrom. Mit Mühe gelang es dem Kommandanten, die Ruhe wieberherzustelleii. In kleinen Orten hingegen, wo höhere Behörden nicht vorhanden sind, sind die Juden Lesdin^lNele, Zeil 50 MT Eratkluslgas KOnsOep - Trio. -WM Nr. 22. dem Terror eines jeden ankommenden polnischen Soldaten auSgeliefert. In benachbarten Horodlo werden beim .Gang in die Synagoge zum Freitagabendgottesdienst zahlreiche Juden zur Zwangsarbeit weggeschleppt. Erst nachdem dre Gemeinde ein Lösegeld.von 300 Kronen zahlte, wurden sie befreit. DaS Blutbad tum Porizk. v Das politische Militär hat unmittelbar nach seinein Einmarsch in das Städtchen Porizk die jüdischen Wohnungen ausgesucht und alle Einwohner zur- Mühle außerhalb der Stadt geführt, um sie dort zu erschießen. Erschossen wurden: Jsser Honig (50 Jahre), Herz Honig (26 Jahre), Schmer! Boxenbaum (60 Jahre), dessen» Sohn (22 Jahre). Uscher. Korinski (22 Jahre), vier Brüder Maliar im Alter von M bis 40 Jahren und ihre Schwester (15 I.), Aron Wasserträger (40 Jahre), Schlome Wolowing (60 Jahre), Bath-Schewa (40 Jahre), Chane Libe (40 Jahre), Baruch Chasan (18 Jahre), Strickdrcher (40 Jahre). . . ■ , Zusammen wurden 16 Juden getötet. Außerdem liege» noch zwei schwcrverwundct im Spital in Wladimir-Wolinski. Das Morden würde erst dank der Intervention des OrtSgeistlichen und anderer polnischer Bürger eingestellt. Deutsches «eich. 8e»tral»erei« deutscher Staatsbürger jüdische« Glaubens Der Zentralverein beschloß in seiner in Berlin abgehaltenen Generalversammlung: ■ - „Die Generalversammlung des Zentralverbandes begrüßt 1. die Schaffung jüdischer Kongresse in ' Deutschland, auf denen die die deutschen Juden bewegenden Fragen" von den gewählten Vertretern aller deutschen Juden behandelt würden. Die Generalversammlung erwartet vom Vorstand, daß der erste Kongreß erst zu einer Zeit einberufen wird, wo seine Abhaltung aus allgemeinen Erwägungen angebracht erscheint. Die näheren Bestimmungen bleiben dem Vorstand Vorbehalten. 2. Der Zentralverband billigt die von seinem Vorsitzenden im Auswärtigen Amt geführten Verhandlungen über die Stellung der Reichsregierung zur Behandlung der Judenfrage auf dem Friedenskongreß." Deutsch-vefterreich. Die Wahlreform »er Wiener KultuSeemeinde. Die assimilatorische, plutokratische Mehrheit deS Vorstandes der Wiener Kultusgemeinde hat, sich allen Warnungen der Zeit verschließend, der ihm abgetrotzten Wahl-i reform eilte Form gegeben, die seine Vorherrschaft auch' weiterhin verbürgen soll. So wird den vielen Tausenden ostjüdischer Steuerzahler auch fernerhin das Wahlrecht versagt. Auch der Forderung der Gemeindebeamten nach dem passiven Wahlrecht ist nicht entsprochen worden. » Die Sitzung schloß unter stürniischer Erregung der Zuhörerschaft: Es ertönten Rufe, wie „Hinaus mit den Hofräten", „Bei den Wahlen sehen wir uns wieder". A»rze hslittfche Uschrichte«. London. Herbert Samuel ist als Spezialkommissar für Angelegenheiten, die den Wiederaufbau Belgiens betreffen, der Gesandtschaft in Brüssel attachiert worden. Man sieht in Samuel den zukünftigen Generalgouverneur für Palästina. Stuttgart. Die LondeSvetsammlung hat den Ber« fassungsentwurf in dritter Lesung angenommen. Danach ist hervor. Es lränkte die Arme, daß sie so heimlich und hinter aller Welt ihre Hochzeit haben mußte, als Hätte sie, Gott behüt! früher etwas „angestellt". „Sei still, Resel," flüsterte ihr der Iveit lustigere Jaikew zu, „ich hav' dich auch ohne Bewilligung gern." Abu andern Tage war aber Jaikew Lederer ganz selig — zu. seinem Glücke fehlte nicht einmal — die „Bewilligung . „Verstummt war," sagten wir, das Jontefliedel auf feinen Lippen, dafür zuckte darauf «in bitterer Schmerz, der sich sogar bis in die Augen zu erstrecken schien — verschwunden war das lächelnde Cholemocdgesicht. Wißt ihr nun, 'warum Jaikew Lederer den Mädchen nick» Jungen, die zur „Bne Zionprüsung" gingen, so lange nachblickte? warum er sein Kind so stürmisch bei der Hand nahm und es mitführte? woher seine plötzlich« Wandlung? > . Der Mensch! betrübt sich oft maßlos über ganz unbedeutende Dinge, die ihm bei kälterem Blut «ft ebenso lächerlich erscheinen. So hätte Jaikew Lederer sich eigentlich aus dem Schimpf des Rothaarigen nichts machen sollen, denn sein Kind war doch „ehrlicher" Leute. Kind) wenn auch ohne — Bewilligung! Vielleicht war es eine dunlle Ahnung, die ihn plötzlich wie ein Räuber überfiel, daß der eben gehörte Schimpf nur die Unterlage eines weit größeren Unheils sei. Mittags, als Jaikew Lederer mit Weib und Kind bei Tisch, saß, klopfte es an die Türe, und auf das „Herein" trat der „Magistratspolizei", einen Zettel in der Hand, in die stille Behausung. Wer kennt nicht aus eigener Erfahrungden Schrecken, der von der exekutiven Gewalt ausgeht? Jaikew Lederer ttnd sein Weib waren blaß wie der Tod geworden. Die eingetreiene „Polizei" war übrigens eine alte Bekanntschüft von Jaikew; sie hatte ihm immer die „Zustellungen" und „Abfertigungen" vom Magistrate zugebracht und dafür, so traurig gewöhnlich der Inhalt war, etwas in die Hand, bekommen. Die Polizei grüßte bei ihren» Eintreten auch, ganz familiär und entledigte sich ihres Auftrages nicht in jener bärbeißigen Weise, die schon mit der Kralle nach einem greift, wenn man noch zehn Schritte von ihr steht. „Jaikew Lederer," sagte sie, indem sic ihm eine „Zustellung" überreichte, „Ihr müßt Euch Dienstag früh, Schlag neun Uhr aufs Rathaus stellen. Ihr seid dom Herrn' Bürgermeister vorgeladen." „Wer? Ich!?" fragte Jaikew mit jener lächelnden Unschuld, wie sie die Angst erpreßt, „was will der Bürgermeister von mir?" Die Polizei entschuldigte sich, daß sie diese Frage nicht beantworten könne, und setzte sich währenddem ganz breit an den Tisch hin, als ^wollte sie sagen: wenn ich will, so habt ihr das alles nicht! Resel verstand diese stumme Sprache der ausübenden Gewalt, sie schnitt sogleich ein großes Stück „Jontef"kuchen ab und stellte es ihr, wie einen schuldigen Tribut, hin. Mehr und weniger schmeicheln wir ja alle der „Gewalt", Resel wollte sie mit einem Stücke Kuchen kirren! Im Angesichte der essenden Polizei hatte Jaikew eine ruühsame Fassung erheuchelt; kaum war sie aber fort, so stieß «r Gabel und Messer von sich! und bedeckte sich mit beiden Händen das Antlitz. I . „Weh," rief Resel, „was hast du angestcllt, Jaikew? Du hast doch keinen Diebstahl gekauft?" Zu jeder andern Zeit würde eine solche Frage, selbst von seinem Weibe, unser» Jaikew höchlichst aufgebracht haben, jetzt war sein Denken und Fühlen im Schmerz untergegangen. „Hast du," schrie er, „vergessen, daß wir uns ohne Bewilligung genommen haben? Ich wett' meinen Kopf, es ist wegen dem. Durch was hav' ich mich denn so versündigt?" , Es ist ein eigentümlicher Zug im Charakter guter Menschen, daß sie alles Unglück aus' ihrer Schuld abletten wollen. Und doch liegt unser Unglück nicht immer in unS; denn was hatte sich z. B- Jaikew Lederer - „versündigt, daß ein neuer König über Aegyptend. i. ei» neuer Bürgermeister gekommen war? (Forts, folgt.) Bemerk»«^« z» de« Zehn Gebote«. (Aus S. R. Hirsch's Kommentar.) Zum 5. Gebote. „Der Auszug aus Egypten" und „die Gesetzgebung am Berge Sinai", diese beiden Grundtatsachen des jüdischen Volkes, welche unsere Gotteshuldigung als des Lenkers und Leiters unserer Geschicke und tmseres Lebens konstituieren, sind geschichtliche Wahrheiten. Erkenntnis und Anerkennung geschichtlich er Wahrheiten beruhten aber lediglich aus Tradition, und Tradition beruht lediglich auf treuer Uebertragung durch Eltern auf Kinder und auf williger Entgegennahme der Kinder aus den Händen der Eltern . . . Die Ehrung der Eltern ist dH Grundbedingung der Ewigkeit der jüd. Ratio n." 3«« «.—10. Geßate. „Ist Gott der einzige Lenker der Geschicke . . ., so ist auch jeder Mensch neben dich von Seinem Wille»: dahingestellt, ist durch Ihn Mensch und berechtigt gleich dir, sein Recht ish'von Gott geheiligt, seine Güter alle» sein Leben, seine Ehe, seine Freiheit, sein Glück, seine Ehre, sein Eigentum, sind von Gott ihm angeheiligt . . du darfst sie nicht/schmälern." „Du sollst nicht morden usw." vermag auch ein sterblicher Gesetzgeber zu befehlen. Doch „du sollst nicht gelüsten" vermag nur Gott zu verbieten . . . Menschen können nur Verbrechen verbieten und begangene Verbrechen notdürftig.vor ihr Tribunal ziehen. Allein der Herd, die eigentliche Brut- und Geburtsstätte des Verbrechens entzieht sich ihrer Kenntnis . . Darum bleibt aller Staatenbau der Menschen Stückwerk und vergebenes, gebrechliches Bemühen, solange er nur von der Menschenmajestät'getragen undvollendet werden soll, solange sie „mit Gott" Wohl den ersten Grundstein legen, aber ohne Gott das . Gebäude aufführen zu können vermeinen ... Nur-erst, wenn Gott »Lönig über die ganze Erde" und damit.Sein Wille Gesetz der Menschen geworden, werben sich - die Kerker schließen und wird das Elend von-der Erbe weichen."