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Neue jüdische Presse · 1919-06-06 · Heft 22 (6.6.1919) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 22 (6.6.1919)
Date
1919-06-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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_ui. Ufs.J_iOJUte.Lj.'. Stunde euch von nichtjüdischer Seite (in der historischen Paulskirche) eine große Kundgebung mit gleicher Zwecksetzung anberaumt worden war. Ein Zufall nur? Mich dünkt: Die gleiche heilige Not ließ jn unterschiedlichen' Köpfen den gleichen) Rettung verheißenden Gedanken blitzartig aufspringen und zur Tat sich verdichten. Wo aber liegt der ursächliche Zusammenhang zwischen dem Erzittern gewaltiger Weltreiche in ihren Grundvesten, dem Einsetzen einer weit ausholenden wirtschaftlichen Umwälzung und andererseits dem Rufe nach grundlegender Reform der. Geschlechtssitten? Er beruht zweifelsohne" auf der Erkenntnis, daß die Krankheit Europas, die sich in fürchterlichen Symptomen äußert, nur durch Ausscheidung des krank machenden Giftes behoben oder doch wenigstens gemildert werden kann. Kapitalismus und Doppelte Moral", — das ist die fressende Verbindung, die der Körper unserer europäischen Gesellschaft in immer steigenden Mengen in sich ausgenommen hat. Und so kam's, daß wir schmerzlich bewegte Zeugen des ersten Krampfanfalles dieses von blühendem Leben erfüllten Organismus sein mußten. In uns Jud'en zittert in diesen Tagen beunruhigend das Erinnern an den Niederbruch riesiger Kulturstaaten, den wir überdauern durften, wird aber zugleich die Geschichts-Erkenntnis wach und bewußt, daß dem Untergange der Völker und einst auch des eigenen Staates Uneinigkeit infolge zu schreiender wirtschaftlicher Gegensätze und sittlichen Verfalls vorausgingen- Und da sollte sich unser eigenes jüdisches Gewissen nicht winden wie unter Peitschenhieben! Haben wir doch nicht nur als Teile der? großen Kulturstaaten, nein auch in den Zentren jüdischer Maffensiedelungen an den verwildernden und verweichlichenden Auswüchsen menschlicher Zivilisation Teil gehabt. Reumütiges Schuldbekenntnis sichert allein höchste Versöhnung und gebiert im ehernen Willen zur Nmkehr das Rettungsmittel vor dräuender Geflchr. Drum gestehen wir, errötend vor Scham, daß tmsere Söhne nicht ■ besser waren als die Jugend der Umweltj, daß sie mit der gleichen kühnen Stirn) der gleichen Rohheit sich über Ehre und Schamgefühl von Frauen hinwegsetzten, daß unsere jüdischen Eltern in ihrer sprichwörtlichen Liebe zu ihren Kindern nur allzu nachsichtig gegen die mangelnde Sittenstrenge ihrer Sprößlingewaren und daß selbst vor dem Bereiche unserer edlen Frauen die Einflüsse ätzender Dünste nicht Halt machten. Angesichts der in immer weiteren Kreisen der Westnnd Ostjudenheit um sich greifenden Anpassung an die ausartenden Geschlechts-Sitten unserer Zeit, fragten wir uns oft, ob die führenden Geister im heutigen.Israel nicht sahen oder nicht sehen wollten! Selbst heute, wo die Menschheft erkannt hat, daß ihr Fortbestand allein von der Möglichkeit der Umgestaltung des ganzen gesellschaftlichen Gepräges abhängen wird, und wo jüdischerseits immer weitere Kreise eine „Regeneration" von Jüdenheft und Judentum erhoffen und erwarten, — selbst in diesem epochalen Augenblicke werden nur ganz vereinzell in der jüdischen Oeffenllichkeft Stimmen laut, Mahnrufe junger, aber von heiligstem Verantwortungsgefühl getragener Juden, die sofortige Abkehr vom jeitherigen schlüpfrigen Pfade der Sfttenlosigkeit, des Verfalls heischen. Mü schüchternem Mahnen aber ist's nicht getan. Bitten und Beschwören wird keinen Wandel schassen. Nur festes, erbarmungsloses Zufassen, mftten hinein in die Fäulnis und Zersetzung am Körper der Jichenheft, kann noch Heftung bringen. Dem Bekenntnis der Schuld muß die restlose Erkenntnis von ihrem ungeheuren Ausmaß folgen, wenn anders Selbstreinigung des Geschwürs möglich sein soll. Drum dringt jedem Juden, mag er sich religiös oder national eins mft der jüdischen Gesamtheft fühlen/die peinliche Frage durch sein körperliches Ohr tief in die Seele tntfc brennt auf seinem Gewissen: Hattet Ihr denn ganz vergessen, daß es unjüdisch, 'ja d«n Geiste des Judentums hohnsprechend war, wenn Ihr dem schwachen Leib, den Sinnen, die Herrschaft über den göttlichen Geist ließet, wenn Ihr im Frone Eurer Lustgefühle anderen Mädchen das antatet, was Ihr als eigenen Schimpf, persönliche Schande empfunden hütet, wenn es der leiblichen Schwester oder Tochter widerfahren wäre?! Da rühmt Ihr Euch Eures Judevm» MMW* seins und seid alles andere eher als Juden) da Ihr dort fehllet, wo unsere Weltanschauung erhebend und erlösend auf die ganze Menschheit wirken will, auf dem Gebiete der höchsten Sittlichkeit.. Mag's oft gesagt sein, in der Stunde, da es um letzte Entscheidungen geht, sei noch cinnial festgcstellt, daß nach den sonnenklaren Worten im 2: Buche der Bücher (Kap. 22, Vers 15) es für den Juden Nur ckinen R e ch't s t i t el auf Gemeinschaft mit der Frau gibt, — den der Ehe. Alle späteren Erörterungen der jüdischen Weisen in Talmud und Gemarah über das Geschlechtsleben des Einzelnen (z. B. in Riddoh und Jebomaus). gingen von dieser unerschütterlichen Tatsache aus. Als um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung an Stelle 'der rcligionsgesetzlich erlaubten Mehrehe von Rabbiner Gerschom die Einehe für die Judenheit als gesetzliche Einrichtung festgelegt wurde, ward der wftlkürlichcn Betätigung des Geschlechtstriebs außerhalb der Ehe ^keinerlei Zugeständnis gemacht, sittlich im Geiste des Judentums und damit jüdisch im weitesten Sinne des Wortes blieb der Geschlechtstrieb nur als Fortpflanzungstrieb, und so blieb seine, durch das Judentum geweihte Betätigung nur in jüdischer Ehe denkbar. Unsere, in neuzeitlichen, philosophischen Lehrmeinungen geschulten Nationalisten mögen mit der sittlich sein sollenden Mär von der Erhabenheit der „freien Liebe" ihrem Tun eine sittliche Verbrämung umzuhängen suchen, mögen den Widerstreit der Lebenspraxis gegenüber dem „Ideal" der Theorie als Entschuldigung oder Rechtfertigung ins Feld führen; — nichts kann die Tatsache verrücken, daß es unjüdisch ist, nicht nur dem Buchstaben, nein dem Geiste des Judentums nach) wenn heute in weitesten Kreisen der Judenheft die Anschauung von der Berechtigung der „o o p p e l t e n M o r a l" obwaltet, wenn man meint, unsere männliche Jugend untersteht anderen Sfttengesetzen als die Weiblichkeit, sie habe ein Recht darauf, sich vor der Ehe „auszuleben". Dies Wort von der unjüdischen Haltung gilt gleichermaßen gegenüber dem Nattonaljuden wie für.den lediglich die Religion als das allen Juden gemeinsame Be- > kennenden. Ist die Bindung der Rcligionsjuden, auch der „liberal" Empfindenden und. ihrer zumal, durch das religiöse, biblische Sittengcsetz eine glatte Selbstverständlichkeit oder sollte es doch wenigstens seift, so bedarf es für den Nationaljuden auch keiner weft ausgreifender Begründung, um ihn zu überzeugen, wie weftab von der nattonal-jüdischen Idee er sich bewegt, indem er der Sinnlichkeft an Stelle der Sittlichkeit die Herrschaft über sein Ich cinräumt. Ein Wort des feinsinnigen Achad Haam, des geistigen Nährvaters des „Kulturzionismus", mag ihm zeigen, daß „nicht dies der Weg ist", der des Juden würdig ist: „Das Menschheitsideal der ewigen Gerechtigkeit, die über Völher und Staatengebieten wird, war und ist für immer ein wesentlicher Teft des nationalen Ideals des jüdischen Volkes." Wie aber kann der Jude von anderen Gerechtigkeit heischen, wie sich die Führerschaft zum Jdealzustande der „ewigen Gerechtigkeft" zusprechen, wenn er selbst auf Schritt und Tritt gegen Recht und Sitllichkeft verstößt, indem er.anderen die Menschenwürde raubt oder doch mindert! Haftet, doch selbst an der Dirne nicht allzu selten ein Rest von Menschenwürde, glüht doch auch in ihrer Brust, wenn auch unter Schutt und Asche der götlliche Funken der Seele, und jeder droht ihn ganz zu lösche», der diese Armseligsten noch tiefer in den Lasterpfuhl hineinstößt. (Schluß folgt.) Paliifttua-Delegierteutag. Der Palästtna - Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland wurde von Professor Marburg als Vorsitzender des AkttonS-Komitees eröffnet. Prof. Marburg erörterte, daß das Schicksal Palästinas beginne, sich in klareren Linien abzuzeichnen. Wenn auch die Zionisten nicht die allein ausschlaggebende Macht des neuen Staates feilt würden, so werde ihnen doch genügend Einfluß zustehen, alles zur Einwanderung dev jüdischen Massen Erforderliche zu tun. Man müsse sich aber davor hüten, übertriebene Forderungen aufzustellen> insbesondere die sozialen Forderungen zu überspannen. Einq unbedingt sozialistische Auffassung könne bei den gegebenen Verhältnissen nur dazu führen, die Verwirklichung zu vereiteln. PHOTOMAPIIie BLUM Vogelareldstraase 12. — Tal.: RBmer 4970. Vergröss er unsren in altbewährter Gflte.- SrJ&arfee RnMand KaiawotraoM 56 - Xauerotxaaae 56 TSflleh arstkluzice SV* Untarhftltugimiulk *S9 Nach der Bürohildung und Begrüßungsänsprachcu! folgte die Mitteilung Gold st ein's über die En t - Wicklung des N a t i o n a l f o n ds, der im Jahre 191!» bereits etwa doppelt soviel Einnahmen aufweist als int ganzen Jahre 1918. Trotzdem machen die Anforderungen der jetzt praktisch werdenden Kolonisationsausgaben eine außerordentliche Vermehrung der Mittel erforderlich. Hier kann nur die Selbstbesteucrung jedes Juden helfen.' Klee gedachte der unglücklichen Opfer Polens, der Pogrome, der Schmach unserer Zeit. Das erste Referat, das wegen Verhinderung Lichtheims von Hantle gehalten wurde, betraf: Die politische Form »es Gemeinwesens in Palästina. Das gegenwärtige Problem der jüdschen Gemeinschaft besteht darin, die idealen Empfindungen, die den Zionismus so viele Jahre lang getragen' haben, in Elemente politischen Seins zu verwandeln. Die politische Anerkennung der Ziele des Zionismus bedeutet erst den Anfang ihrer Durchführung. Die ideelle Heimatlosigkeit ist beseitigt. Die praktische' Heimatlosigkeit muß beseitigt werden. Zur Ansiedelung der Juden in Palästina ist weitgehende Einflußnahme auf die Verwaltung des Landes erforderlich. Aller dazu notwendige Einfluß ist uns zugesichert. Das Wesentlichste ist die Begünsttgung der Einwanderung der Juden, die Beseitigung der Erschwernisse, die die alte Verwaltung so reichlich den Juden in den Weg zu legen verstand. Die Verwaltung muß die Juden üls erwünschte Einwanderer ansehen. Mandatar des Völkerbundes, dem der Rechtstitel auf bas Land zustehen soll, wird.England sein. Es wird die Juden an allen für die Einrichtung der nationalen Heimstätte erforderlichen Maßnahmen entscheidend beteiligen. Insbesondere wird ihnen selbständige Regelung ihrer nationalen und kulturellen Angelegenheiten zugebilligt werde». Dazu, werden gehören neben den Einrichtungen der Einwanderung auch die soziale Gestaltung ihrer Lebensverhältnisse, der Ausschluß der Bodenspekulation, die Maßnahmen zur Eingliederung von Land, Geld^und Menschen in die jüdische Siedelung. Der Charakter des Gemeinwesens soll seine Eigentümlichkeit, seinen Geist. auch in allen einzelnen Einrichtungen widerspiegeln. ~ ’ Die Grenzen des Landes werden die des historischen Palästinas sein. ' Die Durchführung der unmittelbar, sofort für. den Aufbau notwendigen Maßnahmen erfordert große Geldmittel. Notwendig sind für das erste Jahr, 1919, nach den vorbereitenden Arbeiten der Organisation 400000 Pfd. Es besteht keine andere Möglichkeit, sie aufzubringen, als durch Selbstbesteuerung der Zionisten. Damit wird die Selbstbesteuerung zum Kernpunkt aller Aufgaben der Zukunft. Sie ist die unbedingte Voraussetzung jedes praktischen Erfolgs. Die nächsten Aufgaben werden sein: Die Regelung der Auswanderung durch Feststellung der Berufe, die gebraucht werden, Listenführung, Aufruf der Willigen usw. Der Delegiertentag hat die Organe dafür zu schaffen. Zur gleichen Zeit muß die Regelung des inneren Aufbaus, auf den den jüdischen Organisationen ein so maßgebender Einfluß zugebilligt werden wird, in die Wege geleitet werden. An das Referat schloß sich eine Debatte, in der u. a. Elias Auerbach und Lazarus Barth sprachen. Auerbach wies auf die Not der Juden des Ostens hin und schlug vor, daß ei» internattonales Kontrollorgan geschaffen werden solle, um die dorttge Lage wahrheitsgemäß festzustellen. Der Zionismus, der die nattonalen Bestrebungen der Juden verkörpere, müsse auch hier die Jnittative in die Hand nehmen. - Barth wies darauf hin, daß für den Zionismus die Palästinaarbeit der Kernpunkt seiner Aufgaben sei. Die übrigen jüdischen Organisationen, betrachteten sie nur als Nebengebiet ihrer Tättgkeit. Jedoch könne auf die Mitarbeit keiner jüdischen Vereinigung, die dazu bereit sei, verzichtet werden. Die Mitarbeit wirke so stark, daß sie schon jetzt den Geist der anderen Organisationen beeinflußt und sie dem'nationalen Ideal näher gebracht habe, Das zweite Referat der Tagesordnung > . Anfiedlun,§«iglichkett«» erstattete T r i e t s ch. Die wesentlichsten Punkte seiner Ausführungen gingen dahin, daß die ftüheren Berechnungen und Unterlagen, die eine Beschränkung der Einwanderung auf etwa 20 000 Personen für das Jahr vls notwendig ergeben hätten, als vollständig, irrig erwiesen wären. Das Land ermögliche die Einwandertmg in einem vielfach größeren Umfang. Auch die Grundlage der künfttgen Beschäftigung der Juden dürfe nicht in-dem seither herrschenden Sinn'der Ackerbau bilden. Nur die Pflanzerarbeit auf kleinerem Gartengebiet ermögliche Massenansiedelung und Massenauskommen. ' Finanzielle und politische Grundlagen für die Masseneinwanderung seien gegeben. 7 Vorbereitungsarbeiten und Jndustrieaufbau verlangten Masseneinwanerdung., ' Im einzelnen führte Trietsch folgendes aus:__ : Die seitherigen Berechnungen beruhten auf den/Aufstellungen Oettingers und Ruppins. Diese haben ' ver- . sagt. Oettingers Unterlagen waren wirtschaftlich . :und geldlich Fehlschlüsse. Die daraus hergeleiteten Beschränkungen und Einwanderung sind zusammengebrochen.' ' - Bon den sechs Orgänisattonsformen der jüdischenMesiedlung, die Oettinger aufstellt, sind die bemerkenswertes sten Form 1 und Form 6. ...

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