Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 22 (6.6.1919)
- Date
- 1919-06-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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VB FrankfurterZsraelittsches Familienblatt : Erscheint wöchentlich am Freitag. Bezugspreis pro Viertel« j : jflfir: 3n Frankfurt a.M. 2Jtt.i.80 frei ins Haus. Bei der Post : : abonniert Mk.4.S0,stei ins HauS 4 pfg. pro Monat mehr. / Bei j : Zusendung durch Streifband surOeuffchland unv üsterreich-llngam ■ | M. 2.25, für alle übrigen Länder Mk. 2.50. Einzelnummer ropfg. : k-.»■■■■.....■.■■■■■■■■...im.. Ihrdaltton und Expeditton: Frankfurt a.M.,Langestraße 7 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Galy Geis j Infertionsprels für ble sechsgespaltene Z)etitzei'Ie?0 Z)fg., für i : die Reklamezeile Ml. 2.—. Bei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz, und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. / : : Annoncen-Annahme bei derExped.und in a.Annoncen-Bureaus. > : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr. 4864. : 17. Jahrgang. Freitag, den 8. Siwan 5679 (6. Juni 1919) Rr. 22. T™"-™***mmmam—*mm—mmmm^ma—^—mm—"m*““—m—m™—**^mm—mma^^^m Der Palästtua-Delegierteutag der Zionist. Bereinigung für Deutschland?) Im Kaisersaal des Rheingold. An langen Tischen die Delegierten der zionistischen Ortsgruppen des Reichs, dicht gedrängt. Dahinter im weiten Saal auf dem Kranz der Galerieen die Masse der Interessierten. Aus der Tribüne die Köpfe des Zionismus, die Führer seiner Politik und Propaganda, selber Marksteine seiner Entwicklung, Hantle, Blumenfeld, Trietsch, Strauß u. a. Es gilt praktischen Fragen, dem Umfang, den Kosten, der Rcchtssorm des Ausbaus Palästinas. Und doch stoßen die Meinungen mit leinev gewissen Wildheit und der vollen Erregung der Persönlichkeit aufeinander, Temperament und Weltanschauung formen die gegensätzlichen Systeme . des Aufbaus. Der stärkste Kampf bildet sich uni die Frage des Umfangs und Tempos der Besiedelung. Kann i)ie- Massensieolung sofort Wirklichkeit werden? Ist es inöglich, schon in den ersten Jahren Hundertlausende jährlich nach Palästina zu werfen? Ist das Judentum reif, wirtschaftlich und politisch tragfähig für diese Aufgabe? Wird das Land k>ie Einwanderermassen aufnehmen, wird es ihnen Arbeitsertrag und Lebensfülle geben? Oder muß es ertrinken in der Ueberflutüng, ersticken in der allzu heftigen Umarmung, wird cs die Massen der Fremdgewordenen von sich abstoßen, sie in Elend und Fruchtlosigkeit sinken lassen und sie ivicder zurückspeien unter die Völker? Wie schnell kann Märchen Wahrheit werden? Zweieinhalb Tage stürmt die Debatte, zweieinhalb Tage müht sich Trietsch, die Versammlung mitfortzureißen. Doch ' seine Resolution fällt. Der Kampf zwischen Maximalistcn ünd Minimalisten, zwischen den Befürwortern der alsbaldigen Massenüberführung und denen der langsamen Durchdringung des Landes entscheidet sich zugunsten der zweiten. Die alte Grundlage des Siedlungsplans soll bleiben. Und doch: Und doch sieht man, wie bei der Mehrheit, wie auch bei ihren Führern manches alte Bedenken zusmnmenbricht, wie die Gedankengänge sich der Erweiterung der beabsichtigten Siedlungsgrundlage züneigen. Eine sehr "starke Minorität nimmt sie ganz an. 'Diese. Minorität, die mit starker Anhängerzahl drängt, ist ein dauernder Ansporn, die Möglichkeiten der Erweiterung aufs Schärfste aüszudehnen.. 'J ' Dies ist das wesentlichste Ergebnis der Tagung. Die Gründe, die für die sofortige Massensiedlung geltend gemacht werden, sind Int wesentlichen folgende: Die Massen des. Ostens drängen. Sie wollen aus ihren alten Wohnstätten weg, sie lehnen es ab, noch jahrelang zu warten, bis her Aufruf der Organisation sie trifft. Gehen sie ohne Aufruf nach Palästina, so entstehen mangels Borhereitung die schwersten Mißständje. Verwurzeln sie. in anderen neuen Ländern, so ist neue Verpflanzung erschwert, vielleicht unmöglich geworden. — Die Zusage der Mächte, verlangt baldige Einlösung. Die Kraft des Ördnens, die jetzt die . Welt neu. aufbaut,. wird im Getriebe der Alltagspolitik versanden. Nur wenn die Massen alsbald das Land übernehmen, trägt sieder Geist der neuen Bölkerordnung. Ob er ihnen künftig seine Kraft.leihen kann, steht dahin. — Die Araber sind jetzt gutwillig und abgeleukt. Sie empfinden noch das Schicksal und daS .Recht der kleinen Nationen, unter deren Zeiten sie' selbst zur Gründung ihres *) Ausführlicher Bericht siehe Seite 2. . Staates ausgezogen sind. Sie sind von der Einrichtung ihres eigenen Gemeinwesens in Anspruch genommen, ihr Nationalismus entbehrt noch der gesellschaftlichen und politischen Verankerung. Sie werden zur Zeit die jüdische Siedlung nicht bekämpfen. — Die Einwanderung ist inöglich. Man muß die Einwanderer auf Pflpnzungs-' und Gartenstellen kleinen Umfangs ansiedeln. Intensive Wirtschaft hohen Ertrags ermöglicht ihre Existenz. Die seitherigen Berechnungen über Wirtschaftsform und Ertrag, Geldaufwand und Bodenbedars waren unrichtig. Man muß, man darf mit wesentlich günstigeren Zahlen rechnen. Ein Hektar Gartenland trägt eine Ensiedlerfamilie. Das Abwarten gefährdet den Erfolg. Die Preise des Landes werden beim Gelingen der ersten Siedlungsmaßnahmen, mit dem Aufblühen der Kolonien ins Nngemessenc steigen. — In den Vorbereitungsarbeiten her Besiedlung können alsbald Hunderttausende tätig sein. Sic richte» Land und Straßen, Wohnstätten und Pflanzungen für die Besiedlung her und gehen aus ihrer Kolonisationstätigkeit sofort in die Kolonistentätigkeit auf fertiger Heimstätte über, sich für die weiteren Erschließungsarbeiten laufend aus dem Strom der neuen Einwanderer ergänzend. Dagegen vertreten die Vertreter der Mehrheit folgenden- Standpunkt: Das Ziel sei zwar für alle gleich. Die möglichste Beschleunigung und Erweiterung der Siedlung sei jedem Zionisten'Herzenssache. Darüber seien jedoch , die Einwendungen gegen eine Ueberstürzung der Besiedlung nicht zu vergessen. Der Weg zum Ziel sei nicht ein schnelles Hineinwerfen ungeeigneter und unvorgebildeter Massen in das Land, sondern die langsame Verbindung, Seßhastmachung, Verwurzelung kleinerer, geeigneter Volksschichten, einer Auslese aus den Auswanderungslustigen. Nur diese seien als Pioniere brauchbar. Ein Fehlschlag, ein Rücklauf der Bewegung, der sie vielleicht für immer zerschlagen werde, müsse unbedingt vermieden werben. — Das Land lasse Masiensiedlung nicht zu. Die Vorbereitungen erforderten Jahre. Man könne die Einwanderer nur in 'Gegenden ansiedeln, die gesundheitlich entsprechend voitzereitet, saniert seien, wolle man außerordentliche Verluste an Volkskraft, Leben und Gesundheit vermeiden. In den Vorbereitungsarbetten könnten nach der Natur des Landes nur eine beschränkte Anzahl Arbeiter beschäftigt werden. Nur eine gleichmäßige Zahl könne in die Landwirtschaft der bearbeiteten Gebiete übergehen. — Die schnelle Verdrängung der Araber schaffe starke Reibungsflächen. Bei langsamer Besiedelung werde der Erwerb des Landes, das Einschieben der jüdischen Kolonien in die «lte Orzamsation, auch das Auswandern mancher arabischen.Bevölkerungsteile in neue Wirtschaftsgelegenheiten sichwesentlich erleichtern. — Auch die alsbaldige Bereitstellung der erforderlichen Geldmittel sei für eine Massensiedlung nicht durchführbar. Jeder Siedler brauche viel mehr Land und koste deshalb weit höhere Summen, als von den Vertretern der Massensiedlung auf kleinen Gartenbauflächen angenommen werde. — Geld, Land, und Menschen machten Beschränkung der Kolonisation erforderlich. — Die Großmächte seien auch mit der langsamen Durchdringung des Landes einverstanden, die Massen des Ostens müßten und würden sich zurückhallen lassen. Der Delegiertentag entschied sich. für den. zweiten Standpunkt. Zwar zeigten sich die Bedenken gegen den Maximalismus in sehr wichtigen Punkten finanzieller .Art als unrichtig, zwar ergab , sich,, daß der einzelne Medlxr offenbar auf kleinerem Bodenanteil und mit geringeren Mitteln untergebracht werden könne, als rühcr dem Siedlungsplan zugrunde gelegt war, trotzoem ■ürdjtete der Delegiertentag, die alsbaldige Masfensiedlung sei ein.unsichereres Wagnis, als man rs der künftigen Gemeinschaft gegenüber verantworten könne. Entsprach sonach das Ergebnis dem früheren Zustand, so hat die Tagung trotz dieser formellen Ablehnung doch zu einer - Stärkung des Mässensiedlungsgedankens geführt. Der Optimismus, daß der Verlauf der Ansiedluug doch ' schneller und leichter vor sich gehen werde, als sich nach den Berechnungen annehmen lasse, hat trotz alledem durch den Gedankeninhalt der Tagimg eine wesentliche Förderung erfahren. Der zweite Höhepunkt der Tagung war die Debatte über die Sozialisierungsfrage. Insbesondere das Referat von Strauß war nach Form und Inhalt geschlossen eindrucksvoll und anziehend. Es blieb in den Forderungen maßvoll. Den stärksten Eindruck auf die Anwesenden machte der Geist des Vortrags, der von hohem Idealismus getragen war und versuchte, eine neue verinnerlichte: Lebensauffassung, den Geist der neben, der wahren Gemeinschaft seinen Hörei n nahezu bringen: Für das neue Land erhoffte er die Befreiung von . der sozialen und menschlichen Zerrissenheit, unserer Külturzustände, die Entwicklung jedes Siedlers zur schollcnfcsten, selbstbewußten, freien Persönlichkeit. Bon besonderer Bedeutung war jedoch seine Auffassung dieser-ganzen von ihm geglaubten Entwicklung, die er imnker wieder mit der Eigenart deck jüdischen Menschen verknüpft. Aus dem Zusammenklang von Volk und Land, der Durchdringung der Gemeinschaft und des Einzelnen mit den Lebensformen oes sich erneuernden Judentums erhofft er das wahre, das der Menschheit gegenüber bestehende Recht auf das Laick». Die Anträge der sozialistischen Arbeitsgemeinschaft bezweckten dem Kerne nach zweierlei: Sie suchten den Aufbau der landwirtschaftlichen Siedlung' dahin sicherzustellen, daß die Erhaltung eineS kräftigen Bauern- und Pflanzerstandes gewährleistet ' lverde. Der unverdiente Mehrwert des Bodens soll der Gesamtheit zu gute kommen, Spekulationsgewinn sollen ausgeschlossen sein. Jedem Arbeiter soll das Recht auf selbständige Wirtschaft zustehen, Latifundien darf es nicht geben. Diese Anträge wurden fast einstimmig angenommen. . Der Zionismus will. ausnahmslos den sozialen Aufbau des Landes Dagegen wurden die eigentlich sozialistischen Anträge abgelehnt. Sie bezweckten die Sicherung weitgehender Sozialisierung, der Sozialisierung des 'Handels, der Industrie und die sofortige Anteilnahme der Arbeiterschaft an der Verwaltung der einzelnen Unternehmungen und dem nationalen Wirtschastsertrag. Die übrigen Referate betrafen Einzelftagen fachlicher Art, didie Kenntnis der Delegierten über die sanitären Verhältnisse des Lügdes, Baufragen, Frauenarbeit usw. in vielen Punkten erweiterten. ■ Mir der Hatikwoh schloß die Tagung. Hie Ernerternvg jüdischer Texualettzik. »du »t. Suva» Löffler» Frankfurt, a. St. Ms vor wenigen Wochen die Frankfurter jüdische Jugend aller Richtungen, Parteien und GeseklschaftSschichten in hellen Scharen zusammenftrömte, ' um dem an sie gerichteten. sexualethischen Forderungen ein willig Ohr:'zu: leihen^ dafügte - es sich,- daß just zqr gleichen