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Neue jüdische Presse · 1919-05-23 · Heft 20 (23.5.1919) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 20 (23.5.1919)
Date
1919-05-23
Page
Seite 3 (sequence 4)
Language
German
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H«1e 3 Nr 29 ' r ,cü V(F sw*Sslthsm- JJchä/trgAsse/S-fS. Dort, wo die Pogrombewegung verebbt und für immer erloschen schien, in Westgalizien lebt sie mit alter Macht wieder auf: Unaufhörlich laufen auö größeren und kleineren Städten der Gebiete WestgalizienS Meldungen über grausame Verfolgungen und Ausplünderungen der jüdischen Bevölkerung ein. "In Großpolen selbst ruht der Geist der PogromS nicht; neue Judenhetzen und -Massaker haben sich in den letzten Wochen dort ereignet. Unbeschreiblich und unglaublich in seiner Grauenhaftigkeit ist aber, was sich in Len neu eroberten Gebieten abspielt, wo jüdisches Blut in Strömen fließt und die Pogromwut der polnischen Legionen sich hemmungslos austobt. Wir geben im folgenden soeben zu unseren Händen gelangte Berichte über die Pogrome in Westgalizien und Litauen wieder, die zwar den Stempel der Unvollständigkeit tragen, jedoch schon allein' ein fürchterliches Bild von den schrecklichen Pogromen und Judenverfolgungen der letzten Wochen in Polen enthüllen. Weftgoltzieu. In Lublin fanden am 1. Mai Ausschreitungen gegen die Juden statt, die von Rekruten, sowie von Schülern der Handels« und Realschule verübt wurden. Die Juden leisteten anfangs Widerstand, waren aber nicht imstande, dem Mob standzuhalten. Die Polizei schaute passiv zu, bis endlich die VolkSmiliz einschritt. Die Krakauer Zeitungen veröffentlichen lange Verzeichnisse der verwundeten Juden, unter denen sich' viele Schwerverwundete befinden. Der Schaden ist mehrere Millionen groß.-Schuld an den schrecklichen Ausschreitungen trägt die Hetze der Krakauer Presse. Der Klub der polnischen Sozialdemokratie (P. P. ©.) hat im Warschauer Landtag wegen der Lubliner Vorgänge interveniert, indem er eine Interpellation einbrachte, in der eS u. a. heißt: „Die Polizei trat den Räubereien und Schlägereien nicht entgegen, die Gendarmerie hinwider eiferte zu Mißhandlungen der Juden an. Die Dokksmiliz erhielt den Befehl, die Kasernen nicht zu verlassen." . In Rzeszow fand am 3. und 4. Mai ein großer Judenpogrom statt. Große Menschenmengen sammelten, sich und beklagten sich beim Magistrat und der Bezirkshauptmannschaft über die Lebensmittelverhältnisse. Die Beamten erwiderten, Lebensmittel seien bei den Juden reichlich vorhanden. Darauf plünderten Patrouillen systematisch die jüdischen Geschäfte und Wohnungen. Die Juden, die den Plündernden in die Hände fielen, wurden blutig geschlagen und beraubt. Bisher sind 60 Verwundete, darunter viele Schwerverwundete gezählt. Die Synagogen wurden zum Teil zerstört, die Thorarollen wurden in Fetzen gerissen. Die einschreitende Militärpolizei war zu schwach, als daß sie von der Menge überhaupt beachtet worden wäre. 'Eine Kompagnie des 18. Infanterie- Regiments beteiligte sich an den Plünderungen. Erst nach 24stündiger Dauer hielten eS die Behörden für notwendig, den Ausnahmezustand zu verhängen. „Wiener Morgenztg." meldet: Aus Glogow,Majdan, Trzyczyn,Kolbuhzowa und Czudec sind in Rzeszvw Nachrichten ringelangt über ausgcbrochene antiiüdische Unruhen. Au§ Czudec kam gestern an die hiesige Kultusgemeinde die Bitte, mit Rücksicht auf die bedeutende Zahl der Verwundeten dorthin einen Arzt senden zu wollen. Auch in den Ortschaften Zuczan, Whwka und L e k i kam eS zu schweren Ausschreitungen gegen die Juden. Me jüdische Bevölkerung des ganzen Bezirkes befindet sich auf der Flucht. Me Behörden verhalten sich passiv. Sie JudeuschlSchterei i> tSU««. Me schrecklichen Vorgänge in Wilna sind noch nicht genügend aufgeklärt. Wir wissen noch nicht, ob die angegebenen Ziffern von S4 Juden richtig sind, oder ob, wie aus anderen Meldungen geschlossen werden mußte, die Zahl der Getöteten außerordentlich viel größer ist. Wie wir jetzt erfahren, wurde der bekannte jüdische Schriftsteller! A. Weiter, der dem Bund angehörte, aber seit langer Zeit politisch untätig war, jedenfalls zum Bolschewismus im absoluten Gegensatz stand, denunziert, auf die Straße geschleppt, an die Wand gestellt und sofort erschossen. Der einzige Vorwurf, der gegen ihn erhoben wurde, ist die Tatsache, daß er während der Bolschewikiherrschaft an der Bildungskommission mitgearbeitet hat. Dazu muß aber betont Werden, daß, im bolschewistischen Rußland Personen aller PaAeirichtungen stets bereit waren, in den Bildungskommissionen mitzuarbeiten. Der Freund des Schriftstellers Weiter, S. Niger und der bewährte Zionistenführer Leib Jaffee wurden von den Polen verhaftet und weggeschleppt, ihr Schicksal ist nodjs'' unbekannt. Die Morde ia Lida. In Warschau sind Nachrichten eingelangt, nach denen während der Einnahme der Stadt Lida von den Polen mehrere -Juden ermordet worden sind. Der „Dzienuik Nvvy", der diese Nachricht veröffentlichte, wurde von der Behörde eingestellt. ,Nun verbreitet aber die polnische Telegraphenagentur eine Meldung aus Wilna vom 27. April, wonach der polnische Kreiskommissär von Lida den in Wilna weilenden Mitgliedern des LandtagSaussihusseS Neue Indische Presse. «tf «ktz» lpqstekle Unfta« bestätigt Hai, Bai infolge fee ÜNtfestützMlg, bi» «in Test b« jüdischen Bedölkarang t,LH> r»nd der Kämpfe mit den Bolschewiken di»s«n angeblich gewährt«, 35 Juden ermordet wurden. Die Bluttat »«« Minsk Das „Jüd. Korrespondenzbüro Zürich" teilt mit: Zu der Frage der in Pinsk vom polnischen Militär erschossenen Juden nimmt in der „Morning Post" vom 3. Mai Israel Cohen, der als Korrespondent der „Times" vor wenigen Monaten in Polen den Spuren der Pogrome nachgegaugen ist, das Wort. — Er wendet sich insbesondere gegen die von dem Polen Jan Holewinski ebenfalls in der „Morning Post" veröffentlichte ’ falsche Darstellung der Tatsachen. Cohen berichtet den Vorgang auf Grund der Darstellung des Warschauer Blattes Dos jidische Volk vom 9. April: „Die Zusammenkunft der Juden am 5. April wurde mit der Erlaubnis der polnischen Behörden abgehalten, um die Verteilung der Vorräte für das Osterfest zu beraten. Ungefähr 80 Personen waren zugegen, einige Frauen und ältere Männer einbeschlossen. Das Volkshaus wurde durch Loldaten umgeben, welche alle Anwesenden verhafteten; ein Jude, Moses Glaubermann, welcher zu entkommen versuchte, wurde auf der Stelle erschossen. Die Soldaten nahmen die Gefangenen ins Militärquartier, wo sie durchsucht, ihrer Wertsachen beraubt und mißhandelt wurden. Die Juden wurden dann auf den Marktplatz gebracht und den Soldaten befohlen, ihre Gewehre zu laden. Dies rief einen solchen Ausbruch von Geschrei und Verzweiflung hervor (einer von ihnen, Hitelmann, wurde wahnsinnig), daß der kommandierende Offizier befahl, die Frauen und die älteren Männer auszuscheiden. Dann zog ein militärischer Motorwagen mit einem starken Scheinwerfer, mit einem Maschinengewehr versehen, auf, und auf ein Kommando wurden die unglücklichen Juden, die man an eine Mauer gestellt hatte, mit dein Maschinengewehr erschossen. Es ist sestgestellt, daß auf diese Weise auf einmal 40 Juden mit kaltem Blut niedergemäht wurden. Die Namen von 37 Personen sind bekannt; sie waren alle Zionisten, mit Ausnahme eines Mitgliedes des „Bund". (Cohen fügt eine namentliche Liste bei.) Die Tatsachen wurden durch Herrn Rickwcrt aus Warschau mitgeteilt, der als Delegierter der polnischen Zionistenorganisation mit Genehmigung der amerikanischen Lebensmittelorganisation der Verteilung der Nahrungsmittel fiir Ostern beiwohnte und Zeuge der Szene war. Der kommandierende Offizier teilte Herrn Rickwert mit, daß keine Soldaten durch die im Volkshaus versammelten Juden angeschossen oder getötet wurden. Pogromhetze ««» Ausschreitungen tn Warschau. Das Kopenhagener Zion. Büro berichtet: Am Ostersonntag brachte fast die gesamte Warschauer polnische Presse schärfe antisemitische Artikel. In einem Artikel der Zeitung „Gazetta Poranna" wurden die Massen zur Rache gegen die Juden aufgefordert für die Kreuzigung Christi und für den offenbaren Verlust von Danzig, ivelcher eine Folge der jüdischen Agitation sei. Am Ostcrnwntag kamen in den jüdischen Vierteln Freta und Franziscansla in Warschau zahlreiche Ueberfälle gegen Juden vor, an denen sich hauptsächlich polnischen Soldaten aus Posen beteiligten. Viele Hunderte von Juden wurden verwundet und beraubt. Die jüdischen Abgeordneten im Stadtrat haben einen scharfen Protest gegen die Untätigkeit der Behörden cingebracht. Zahlreiche polnische Zeitungen verbreiten Legenden über Reoolverfchüsse aus jüdischen Häusern auf polnisches Militär. In den Berichten über die Känrpfe in Weißrußland wird die ganze Zivilbevölkerung offiziell als feindlich bezeichnet. über hie polnischeu Pogrome. Das Kopenhagener Zion. Büro berichtet: Vor seiner Abreise von Amsterdam veröffentlichte Branting einen Brief in der „Humanitö" in dem er auf die Nachrichten über Pogrome in Polen hinweist, die er von.Miller und Chasanowitsch erhalten hat. Nach einer eingehenden Schilderung der furchtbaren Ereignisse in Polen, besonders in Pinsk, spricht er in diesem Artikel seine Meinung ans, daß es höchste Zeit sei, Garantien für Recht und Freiheit, wie sie von Präsident Wilson proklamiert worden sind, auch für die jüdische Bevölkerung in Polen und anderen Ländern Osteuropas zu erhalten, wo sich mit kleinen Unterbrechungen immer 'wieder Szenen, die an das barbarische Mittelalter erinnern, wiederholen. Der Kriegswaifenfonvs Ser Agndas Jisroel. Der A. J.-Kriegswaisenfonds hat bis jetzt! in Kalisch, Warschau, Bialystock und Kowno sechsKriegswaisen- Asyle errichtet; er hat den Bestand und die Fortdauer anderer boreits bestehender Wai se n h ä us'er durchs seine Subvention gesichert. Er hat ferner die Kriegs-- waisen in anderen polnischen und litauischen Städten (Wilna, Sokolka und Zdunskawola) durch einmalige oder laufende Zuwendungen unterstützt. Tie Fürsorge des Vereins erstreckt sich heute über mehrere hundert Kinder. Die Gesamtanfwcndungen für Unterstützungszwecke in den Jahren 1916, 17 und 18 belaufen sich auf 273 613 JL PHOTOGRAPHIN BLUM Vooelweldstrasse 12. — Tal. i RBmer 4970. V ergrös serangen in altbewährter (Jäte. Kaffee Kafieerggarien am Gperaplats _ -Erstklassiges Famlliea-Kaff«* Täglich vea L Uhr ab. Künstler - Konzert* Im Haag wurde im Laufe der letzten Wochen.«in holländischer Landesverband gegründet, dem sämtliche führenden Rabbinen Hollands beigetreten sind. Die neu geschaffene Organisation hat mit einer Sammlung in ganz Holland begonnen, die bereits gute Erfolge zu verzeichnen hat: jedoch noch wichtiger als diese holländische Sammlung sind die Bemühungen, die von Holland aus in Ancerika für unsere Zwecke unternommen werden. Desgleichen hat in Skandinavien unter Leitung Rabbiners Dr. Winkler, Kopenhagen, eine «ammlung mir gutem Erfolge stattgesirnden. Der Schweizer KriegSwaisenfonds verwendet die von ihm gesammelten Gelder zu der Gründung eines Waisenhauses in Palästina, eine Lchöpfung, die nach Rückkehr friedlicher Verhältnisse in Angriff genommen wenden wird. Wi rachi-banSeskouferevz ia Pole«. Dom 28. Nissan bis 1. Jjar fand in Warschau die zweite Landcslonfcrenz der Misrachi«Vereine Polens statt, welche von ca. 300 Delegierten aus 220 Städten Polens besucht war. Anwesend waren ebenfalls einige Delegierte auS Galizien und Litauen. Unter de» Delegierten befanden sich 20 der ersten Rabbonim Polens: u. a. nennen wir Rabbiner und Rebbe Landau aus Sawietcie, ein Enkel des große» in allen Weltteilen bekannten chassidischen Rebbe Awrohom Landau aus Czechanow, ferner Rabbiner Trunk aus Kutno, ein Enkel des Goan Rebbe Jeschnoh auS Kutno, der Rabbiner Graubarth aus Staßow, Rabbiner Kowalski aus Wlozlawek, Rabbiner Z l o t n i k aus Gombin, Rabbiner H u r w i tz aus Krakau, Rabbiner Segalowicz aus Mlawa, Rabbiner Braunrot^aus Czechanow, Rabbiner A m i e l aus Grajewo. Einige Tausend Zuschauer wohnten der Konferenz bei. Die Versammlung wurde von Rabbiner Kowalski mit einer hebräischen Rede eröffnet. Das Präsidium, welches nur aus Rabbinen bestand, wählte zu seinem Vorsitzenden Stadtrat Farbstein aus Warschau. Referate hielten u. a. Farbstein über „Die politische Lage-des Zionismus in der Welt", Rabbiner Zlotnik über „Die Ausgaben des Misrachi im Galuth und in Erez Jisroel", Dr. PoSnanski ans Warschau als Gast über ,Lindererziehung" und Rabbiner Nissenbaum aus Warschau über „Die Arbeits-Verhältnisse in Erez Jisroel" und über „Die Gleichberechtigung der Frauen in unserer Bewegung". In letzter Frage kam es zu einer Abstimmung, weiche mit einer Mehrheit ergab, daß man im Prinzip den Frauen das aktive und passive Wahlrecht bei allen jüdischen Institutionen, sowie auch bei den städtisck-cn Wahlen zugestehen wolle mit dem Vorbehalt, daß die Rabbinerkommission darüber entscheiden soll, ob dies nicht gegen das ReligionSgesetz verstößt. Unter der Fülle der Resolutionen hebe» wir hervor: Gründung von Rabbiner- und Lehrerseminaren. Gründung von allgemeinen profanen Schulen — beginnend bei der Volksschule bis zum Gymnasium, Gründung von Kolonien in Erez Jisroel. Ferner wurde beschlossen, einen Fonds mit Namen „Kuppas Rebbe Akiba" zu gründen, welcher zu Gunsten von Erziehungs-Institutionen bestimmt ist. — Ein Referat über die Stellung des Misrachi zu der Agudoh Haorthodoxim hielt noch Rabbiner Amiel" aus Grajewo. Die Konferenz war von erhebendstem Geiste getragen. Für die Entwicklung des Misrachi dürfte sie reiche Früchte tragen. Jahreskoufereuz Ser englische« Zionisten. Das Kopenhagener Zionistische Büro berichtet: ^Dm 11.—13. Mai findet in London die Jahreskonferenz der englischen Zionisten-Föderation statt. Folgendes Programm ist vorläufig für diese Tagung aufgestellt worden: 1. Tag: Eröffnungsrede des Vorsitzenden: Diskussion über den Jahresbericht, Palestine Restoration Fund, Kouüituierung der Zionistischen Organisation in England. 2. Tag: Fortsctzüng der Tislussion über den Jahresberwf-it und über die Konstituierung her Zionistischen Organisation in England. (Morgens intern^Konferenz der einzelnen Organisationen.) 3. Tag: Gemeinsame Beratung mit der Zionistischen Organisation. Es tverden Referate über die hebräische Sprache, Palästina, den Jüdischen Nalionalfonds und die zionistische Jugendbewegung gehalten. Deutsches Reich. »elegirrtentag Ve« Verbandes »er jüdisch«» Juge»ö- »ereiae Peutfchland». Die ordentliche Delegiertentagung des' Verbandes der jüdischen Jugcndvereine Deutschlands, die ursprünglich für Pfingsten ds. Js. vorgesehen war, ist mit Rücksicht auf die za erwartenden Einschränkungen des Eisenbahnverkehrs um eine Woche verlegt worden und sinder nunmehr endgültig am 15. und 16. Juni 1919 statt. Die Tagung wird in Berlin abgehalten werden. Die Delegiertentagung wird mit einer Gedenkfeier für die im Kriege gefallenen Berbandsmitglieder eingeleitet. Die weitere Tagesordnung ist wie folgt, festgesetzt: Sonntag, den 15. Juni 1919: l. Bericht d«s Verbandsvorsitzenden.

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